Der seltsame Moment…

Es gibt so Sachen, die belasten mich oft mehr, als mir lieb ist. Weil sie mich immer verfolgen. Das ist nicht nur lästig, sondern auch sehr anstrengend. Zeitweise kann ich damit ganz gut umgehen. Und in anderen Momenten droht mich manches fast zu Boden zu drücken. Heute Morgen zum Beispiel. Da traf mich nur ein Blick und ich wusste direkt, was die Stunde geschlagen hat. Und gleichzeitig kam so viel wieder hoch, auch wenn ich dieses Mal auf der anderen Seite stand. Aber von vorn.

Ich arbeite seit zwei Wochen über Zeitarbeit in einer Firma in Solingen. Es ist ganz okay dort, wenn auch ziemlich chaotisch und etwas heruntergekommen. Eingestellt wurde ich als eventuelle Nachfolgerin einer Kollegin, die seit längerem krankgeschrieben ist.  Das war aber eine Info, die nur meine Zeitarbeitsfirma und ich erhalten haben. Sonst niemand. Klar, die Kollegen sind ja nicht blöd und denken sich da sicherlich auch ihren Teil. Aber ich habe mich nie dazu geäußert. Gerade auch, weil ich mir alles andere als sicher bin, ob ich in einem so unterbesetzten Team, in dem die Halbtagskraft täglich mindestens 3 Überstunden kloppen muss, damit die Arbeit nicht vollends liegen bleibt, übernommen werden will. Ich weiß, ich weiß, ich darf keine hohen Ansprüche stellen. Doch wenn mir schon vorher klar ist, dass es nur um Stress geht und um Ausbeutung, möchte ich nicht lachend ins Messer laufen. Kein Bedarf. Und die kranke Kollegin ist wegen Überforderung und Depressionen ausgefallen. Da klingelt schon jedes Glöckchen bei mir. Gerade weil ich da so vorbelastet bin, bin ich sehr vorsichtig.

Jedenfalls war die Situation heute Morgen wie folgt: Frau G. sollte wieder da sein. Ich bin also extra nicht ganz so früh gekommen, weil ich ihr erst mal Zeit geben wollte, sich wieder etwas zu orientieren. Als ich ankam, habe ich sie angelächelt und ihr die Hand gegeben, mich vorgestellt… Und sie hat mich total entsetzt angesehen und mir nicht mal geantwortet. Und das hat auch gereicht. Ihr Blick war so voll von allem, was ich auch schon durchgemacht habe, dass ich es fast körperlich spüren konnte. Schlagartig war alles wieder da. Die schlaflosen Nächte, die Anspannung, die Angst, das Herzrasen, die wilden und wirren Gedanken, die man nicht mehr los wird. Ich kam mir vor, als würden mich die letzten 12 Jahre innerhalb einer Sekunde überrollen. Das war eine fiese Erfahrung. Die nächsten zehn Minuten neben ihr kamen mir vor wie Stunden. Es war, als würde ich neben einem anderen Ich von mir sitzen, dass im Jahr 2006 so überfordert war mit sich und seiner Arbeit, dass es einen Nervenzusammenbruch erlitt und danach arbeitsunfähig wurde. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, wie andere mich sehen mochten. Und nun sitze ich selbst auf der anderen Seite. Nur mit dem gravierenden Unterschied, dass ich genau weiß, was in meinem Gegenüber vorgeht.

Der entsetzte Blick resultierte übrigens daraus, dass ihr niemand erzählt hat, dass es mich gibt. Strengstes Verbot vom Chef. Da frage ich mich doch, was so was soll. Natürlich denkt man in ihrer Situation sofort daran, dass man ersetzt werden soll. Und natürlich ist das nicht gerade förderlich für die Psyche. Ich war zutiefst erschrocken über diese Haltung und wusste gar nicht genau, wie ich damit umgehen sollte. Frau G. ist bereits nach einer halben Stunde in der Firma wieder gegangen. Es war zu früh, zu frisch und sie konnte wohl mit der Situation nicht umgehen. Ich kann das verdammt gut nachvollziehen. Das ändert aber nichts daran, dass ich mich wie der Buh-Mann in diesem Büro fühle. Mein Verstand sagt mir, dass es nicht so ist, denn ich bin definitiv nicht daran interessiert, irgendwem die Arbeit oder den Platz streitig zu machen. Doch mein Gefühl ist intensiver als mein rationales Denken. Auch angefeuert durch die Wut, die in mir hoch kommt, wenn ich aus dem Nachbarbüro Sprüche höre wie: „Wieso ist sie denn wieder gegangen? Ihr kamen die Tränen? Die kommen mir auch jeden Morgen wenn ich hierher muss, aber ich bin trotzdem da.“

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