So hab ich mir das nicht vorgestellt.

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Ding Dong! Hört ihr die Glocken bimmeln? Die Engel auf ihren Harfen klimpern? Die schönste Zeit des Jahres wird eingeläutet! Die Arbeitslosigkeit! Schmeisst ne Party, freut euch ein zweites Popoloch, tanzt das Brot! Zuhause sitzen, Bewerbungen schreiben, mit den Finanzen hadern und genau wissen: Das wird doch wieder nur Zeitarbeit. Wenn überhaupt. Es ist zum Heulen. Seit ich hier wohne läuft es beruflich nicht wirklich rund. Entweder verletze ich mich zu Beginn einer Tätigkeit bereits so schwer, dass ich zwei Wochen lang ausfalle und direkt gekündigt werde, oder mein Chef ist ein Widerling, den ich nicht aushalten kann (und schon gar nicht eine Woche lang zu zweit in einer Messewohnung), oder der Einsatz über die Zeitarbeit geht halt zuende und ich werde deswegen „entsorgt“. So langsam bekomme ich ernsthafte Zweifel an mir selbst. An meinem Können, meiner Kompromissbereitschaft und sogar an meiner Persönlichkeit! Inzwischen habe ich auch schon Angst, überhaupt wieder irgendwo neu anzufangen, weil ich ja schon weiß, wie es nach einiger Zeit enden wird. Und ohne Zeitarbeit hat man ja eh kaum noch eine Chance. Vor allem nicht mit einem Lebenslauf wie meinem, hm? Wo man in Vorstellungsgesprächen schon gefragt wird, wieso so viele Firmen pleite gegangen sind, bei denen ich gearbeitet habe. Ja, Himmel, keine Ahnung! Vielleicht griff da jemand gern in die Portokasse oder jemand ist auf Firmenkosten nach Honolulu geflogen, um in Frührente zu gehen oder vielleicht war die Wirtschaftslage einfach kacke…? In solchen Momenten möchte ich Bewerbungsgespräche gern abbrechen und meinem Gegenüber mit dem nackten Arsch ins Gesicht springen. Würde sicher meine Chancen auf eine Einstellung zerstören, aber wäre eine Genugtuung für mich. Leider befinde ich mich in einer Realität, in der ich so etwas nie tun würde. Allein schon aus dem Grund, dass ich mir gar nicht so schnell die Hose runter ziehen und über den Tisch hüpfen könnte, wie der Sicherheitsdienst (oder wahlweise die Polizei) mich aus der Firma gezerrt hätte. Schon scheiße, wenn man fett ist.

Aber es ist ja nicht nur das Rumhocken in der heimischen Bude und der tägliche Bewerbungswahnsinn. Nein. Es ist auch das unangenehme Gefühl, eine Enttäuschung für meinen Freund und unfähig zu sein, uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Ständig Jobs über Zeitarbeit zu haben ist ohnehin schon eine Belastung für die Finanzen. Und wenn aus dieser miesen Bezahlung auch noch Arbeitslosengeld berechnet wird… Hahaha. Es ist ja nicht so, als würde mein Freund übermäßig viel verdienen und könnte uns mit einem guten Puffer über Wasser halten. Ganz im Gegenteil. Ich sag’s mal so wie es ist: Wir sind arme Würste. Und ich auf jeden Fall das ärmere von uns beiden. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte einfach ein moderates Gehalt beisteuern, wir müssten nicht am Ende des Monats so knapsen und ich bräuchte keine Angst mehr zu haben, dass ich irgendwann nach Hause komme und meine Koffer vor der Tür stehen, weil mein Freund die Schnauze voll hat von mir. Niemand mag Versager. Und man mag sie noch weniger, wenn man mit ihnen zusammen lebt. Punkt.

Irgendwie war mein Gefühl vor einem Jahr noch anders. Als ich hierher kam, da dachte ich, ich könnte beruflich vielleicht sogar was ändern. In eine Richtung gehen, die mir in Hamburg nicht offen stand. Ich hatte so ein unterschwelliges Gefühl von positiver Veränderung. Keine Ahnung, ob ich mich da irgendwie verrannt habe. Ob ich mich habe täuschen lassen von dem „Ich habe alles hinter mir gelassen und fange neu an.“-Phänomen, das Umzügen oft anhaftet. (Obwohl ich das nicht bewusst so empfand, aber ich kenne das noch von früher. Bin ja oft genug umgezogen…) Jedenfalls ist nichts „besser“ geworden. Nur… komplizierter. Weil ich nicht mehr allein für mich verantwortlich bin. Wenn mir Scheiße passiert, dann passiert sie eben nicht nur mir, sondern sie betrifft nun auch meinen Freund. Ich kann nicht mehr einfach sagen: „Ja, Pech, irgendwie komme ich klar.“ Nein, ich bin nun dafür verantwortlich, dass wir beide irgendwie klar kommen. Und unsere Tiere. Das stresst mich ziemlich, denn diese Verantwortung ist für mich okay so lange alles läuft. Doch wenn es so lustig schlingernd nach unten geht, dann schreit mir mein Hirn zu, dass ich einfach eine Versagerin bin und dem Leben nicht gewachsen und ich denke, ich muss mich beweisen… Irgendwie. Damit ich es wert bin, weiter normal behandelt zu werden. Klingt schräg? Willkommen im meinem Kopf!

Was mir dann natürlich arg hilft, ist Akzeptanz. Und Zuneigung. So zum Beispiel wenn ich ganz liebe Freunde frage, ob sie mich nicht mal besuchen kommen möchten…? Ich sage euch, es verdirbt einem schon den Tag, wenn man als Antwort erhält, man wäre ja schließlich freiwillig an den Arsch der Welt gezogen, da würde man mir nicht hinterher laufen. Na, das erklärt auch, warum andere Leute auf meine Nachfragen und Einladungen gar nicht erst reagieren. Weil man mir nicht hinterher laufen will. Okay, wäre das auch geklärt. „Hier, ein Messer, ganz neu und aus rostfreiem Edelstahl! Gleitet durch Fleisch wie durch Butter. Probier’s doch gleich mal an meinem Herzen aus!“

Ich weiß gar nicht, was mein Umzug mit meinen Freundschaften zu tun hat. Ich habe es neulich zu meinem Freund gesagt und ich sage es gern wieder: Das war eine der besten Entscheidungen, die ich in den letzten Jahren getroffen habe. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, dann wäre ich gern im Norden geblieben. Aber ich bin nun mal hier, weil ich einen Mann gefunden habe, mit dem ich gern mein Leben teilen möchte. Und zwar nicht nur für ein paar Monate, sondern gern erheblich länger. Weil ich ihn liebe. Da muss man auch mal Entscheidungen treffen, die nicht so leicht sind, aber mit denen man dann leben muss. Nicht nur man selbst, sondern auch die Menschen, die einem nahe stehen. Ich mache so was nicht, um jemanden zu verletzen. Wie krank wäre das? Ich hab zwar ein paar psychische Probleme, aber so wild ist es nun auch wieder nicht. Durch die neue Situation und die neue Umgebung war ich plötzlich wieder mehr auf mich allein gestellt. Ich hatte keine „Anker“ mehr, an denen ich mich festhalten konnte. Dadurch habe ich gelernt, mir selbst wieder mehr zu vertrauen. Was ich inzwischen wieder mache – Bahn fahren, weite Strecken allein mit dem Auto fahren, angstfrei in Urlaub fahren -, das war seit Jahren nicht mehr so locker möglich. Und ich bin verdammt dankbar dafür. Also ja: Ich fühle mich hier wohl. Ich habe es nicht nötig, mich wie ein bockiges Kind gegen alles zu stellen, was mich umgibt, auch wenn Solingen eher… nun ja, mittelmäßig geil ist. So als Stadt gesehen. Aber scheiss drauf. Ist halt der Arsch der Welt. Schade, dass das mehr zu zählen scheint als der Mensch, der da wohnt.

So. Und nachdem ich mich jetzt mal so richtig ausgekackt habe, geht’s mir etwas besser. Ich denke, dass jetzt sicherlich einige Leute leicht angepieselt sind oder genervt von meinem Genöle. Aber hey, seht’s mal so: Ich höre mir euer Gemaule auch an. Und das ist manchmal gar nicht so wenig. 🙂

In diesem Sinne…

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