Mit Google Earth in die Vergangenheit.

Das Gehirn ist ziemlich erstaunlich. Es hält sich ja hartnäckig der Mythos, wir würden nur 10% unserer Hirnkapazität nutzen, und die Welt wäre eine andere, wenn wir einen größeren Teil aktivieren könnten. Das stimmt so natürlich nicht, aber ich bin nicht klug genug, um darüber zu referieren. Ich finde es nur immer wieder faszinierend, welche „Daten“ – Erinnerungen, Gefühle, Gerüche, Melodien, etc. – man noch nach Jahren abrufen kann. Irgendwie wird alles gespeichert, was man erlebt, denkt und fühlt. Auch wenn wir glauben, wir hätten vieles vergessen oder verdrängt. Es ist alles da. In uns. Ich habe das neulich erst wieder gemerkt und war etwas überrumpelt von dem, was mein Köpfchen mit mir anstellen kann.

Ab und zu logge ich mich bei Google Earth ein und schaue mir die Welt an. Das klingt sicher etwas komisch, aber ich bin noch nicht so weit rumgekommen und finde es ganz schön, mir Orte, die mich interessieren, aus der Luft anzusehen. (Dazu zählen vor allem auch archäologisch interessante Flecken, doch darum geht es jetzt nicht.) Manchmal komme ich auf die Idee, die Plätze meiner Vergangenheit zu betrachten. Wo ich gelebt habe, wo mich etwas besonders beeindruckt hat. Und dann sehe ich das alles mit dem Abstand von zwei oder sogar beinahe drei Jahrzehnten und entdecke Erinnerungen in meinem Kopf, die dort ewig nicht mehr aufgetaucht sind.

Rotenburg/Wümme. Dort habe ich etwa viereinhalb Jahre meines Lebens verbracht. Das ist nun ziemlich genau zwanzig Jahre her und beim Betrachten der Satellitenbilder kam tatsächlich einiges wieder hoch. Unsere Straße… Die Hochhäuser, die eigentlich immer ein wenig deplatziert wirkten, stehen noch immer da. Es scheint sich an diesem Areal nicht viel verändert zu haben. Aber vorn an der Kreuzung, da ist jede Menge passiert. Der Baumarkt ist weg. Seit wann? Und wieso gibt es meine ehemalige Schule nicht mehr? Da gab es doch diesen kleinen Teich, auf dem wir im Winter Schlittschuh gefahren sind. Da! Aber wo kommt das Neubaugebiet her? Und gab es da nicht ein rundes Haus irgendwo an den Gleisen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass… Da ist es! Viel kleiner als ich es in Erinnerung hatte.

Wie Blasen aus einem trüben Sumpf stiegen immer mehr Erinnerungen an die Oberfläche. Und mit ihnen kamen nicht nur Bilder, sondern auch Gefühle. Ich saß an meinem PC, etwa 400 km von diesem Ort entfernt, und fühlte mich plötzlich wieder genau so unsicher und verloren wie vor zwanzig Jahren. Ich konnte regelrecht nach meiner Kindheit greifen und ich war mir gar nicht so sicher, ob ich das wollte. Ich habe das Programm geschlossen und die Erinnerungen wieder zurück in die Dunkelheit geschickt, wo sie bisher auch gut aufgehoben waren.

Das Gehirn merkt sich alles. Aus der Summe des Erlebten bildet sich der Mensch, der wir sind. Jeden Tag kommen neue Informationen hinzu, jeden Tag verändern wir uns – auch wenn wir es nicht immer merken. Unser Leben, unsere Persönlichkeit befindet sich in einem steten Fluss. Und das ist auch gut so. Ist es wirklich erstrebenswert, sich an alles zu erinnern? Sollte es ein Ziel sein, sein Gehirn zu Höchstleistungen anzuspornen? Ich weiß es nicht. Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist es wohl besser, Dinge zu vergessen oder sie zumindest nicht immer präsent zu haben. Ich weiß, wer ich bin. Dafür brauche ich keinen genauen Blick in die Vergangenheit. Einen flüchtigen Moment der melancholischen Betrachtung, vielleicht. Ab und zu. Doch zu mehr bin ich nicht bereit. Zu sehr in der Vergangenheit leben hindert uns an der Eroberung unserer Zukunft. Das war jahrelang mein Problem. Heute nicht mehr. Find ich gut.

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Herbstweh

Ich liebe diese Jahreszeit mit ihren gold-sonnigen Tagen, an denen die Welt bronze, kupfern und golden schimmert, mit ihren dunklen Stürmen, die tief hängende Wolken vor sich her treiben, und mit ihren nebelverhangenen Tagen, deren trüber Charme nicht selten eine melancholische Stimmung nach sich zieht. Ich liebe schummriges Licht und Kerzen im warmen Wohnzimmer, Wolldecken, heiße Schokolade und Kuschelkatzen auf meinem Bauch. In meinem Bekanntenkreis bin ich so ziemlich die einzige, die es schön findet, morgens im Dunkeln das Haus zu verlassen und abends im Dunkeln wieder zurückzukehren. Herbst ist für mich der Inbegriff von Entspannung und Gemütlichkeit. Auch wenn meist gar nichts gemütlich ist, weil man zu viel Stress hat oder der Freund Kerzen doof und übertrieben findet, hihi.

Dieses Jahr habe ich meine liebste Jahreszeit gar nicht so richtig mitbekommen. Aufgrund meiner seit zweieinhalb Monaten quasi nicht vorhandenen Arbeitssituation verlasse ich das Haus nicht allzu viel, beschäftige mich mit Jobsuche und Bewerbungen, ein wenig Haushalt, kreativem Schreiben und Videospielen. (Ja, ich neige dazu, mich einzuigeln, wenn es gerade nicht so super läuft. Lustigerweise fühle ich mich nicht ganz so sehr wie ein Versager, wenn ich wenig Kontakt mit Menschen habe.)

Heute Morgen sah ich aus dem Fenster und plötzlich wurde mir klar: Bald ist der Herbst vorbei. Dann zieht der Winter ein. Während für die meisten Menschen der Winter irgendwann Mitte Dezember beginnt, hält er bei mir bereits mit dem 1. Advent Einzug. Und der ist ja schon bald! Wo sind die letzten zwei, drei Monate nur geblieben? Mir kommt es so vor, als würde alles viel zu schnell und doch quälend langsam voranschreiten.

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Blizzard, das ist leider nicht geil.

Und da ist es: Das neue Addon für den bereits seit 10 Jahren bestehenden MMORPG-Giganten „World of Warcraft“. Mit „Warlords of Draenor“ sollte alles besser, größer, hübscher und überhaupt geiler werden!

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Nachdem ich im letzten Jahr eine Pause mit WoW eingelegt hatte und beinahe 12 Monate gar nicht mehr gespielt habe, wollte ich das neue Addon aber unbedingt haben. Zum einen, weil ich einfach neugierig war, was Blizzard sich nach (dem eher unsäglichen) „Mists of Pandaria“ hat einfallen lassen, zum anderen, weil ich ein großer Fan der Draenei bin und sich die Geschichte um Draenor und den Krieg zwischen den Draenei und den Orcs dreht. Aber natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt, und in den letzten Jahren hat sich eine Spielepolitik eingebürgert, die eigentlich kaum noch vertretbar ist, und jetzt auch endgültig Blizzard erreicht hat.

Aber von vorn.

Bereits zur Einführung des Addons gab es massive Probleme. Und mit massiv meine ich: Das Addon war teilweise unspielbar. Schon bei den vorigen Addons gab es immer mal wieder Schwierigkeiten mit der Serverauslastung. Es waren einfach nicht genug Kapazitäten vorhanden, um den Spielern einen reibungslosen Ablauf zu bieten. Die Folgen waren Verbindungsabbrüche, teils nicht funktionierende Quests und Zonen, die zeitweise kaum zu betreten waren. Das war bereits ärgerlich, aber kann ja mal passieren. Mit „Warlords of Draenor“ wurde diese Problematik aber nun auf die Spitze getrieben. Niemand weiß so genau, was sich Blizzard gedacht hat (oder ob da überhaupt gedacht wurde) als sie das Addon live schalteten. Eine der wichtigsten Neuerungen ist die Garnison, die man als Stützpunkt auf Draenor errichten muss. Über die Garnison laufen sowohl alle für die Story relevanten Questreihen als auch Features wie Handwerksbetriebe zum Leveln der Berufe. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Anhänger auf Missionen zu schicken und dadurch spezielle Items, Gold oder Erfahrungspunkte zu gewinnen. Man ist also auf eine funktionierende Garnison angewiesen. Irgendwie nur dumm, dass in den ersten Tagen kaum ein Spieler in der Lage war, seine Garnison auch wirklich problemfrei zu betreten. Entweder man kam erst gar nicht rein („Instanz nicht gefunden“) oder man stand tatsächlich drin und weit und breit war kein NPC zu sehen, mit dem man agieren konnte. Der Grund dafür waren die überlasteten Server. Die Garnison ist ein instanziertes Gebiet und jeder Spieler, der nach Draenor geht, muss sie bauen. Wenn ich also ein Addon herausbringe und die Vorverkaufszahlen kenne, dann noch abschätze, wie viele Spiele wohl abseits vom Vorverkauf noch über die Theke gehen und nicht dafür sorge, dass all diese Menschen möglichst problemfrei spielen können, dann habe ich doch irgendwas falsch gemacht, oder?

Wie schon erwähnt: Das kann mal passieren. Aber beim inzwischen 5. Addon sollte man doch bereits etwas schlauer sein.

Die Garnison war aber nur eine Sache. Da gab es ja noch das Problem, dass die Realmserver überlastet waren, weil sich so viele Spieler eingeloggt haben. Die Folge: Verbindungsabbrüche und PotenzLatenzprobleme. Und als ob das nicht bereits nervig genug gewesen wäre: Auch die Instanzserver spielten nicht mehr mit. Weder in der neuen, noch in der alten Welt. Haustierkämpfe auf Draenor? Unmöglich. „Die Kampfarena konnte nicht erstellt werden.“ Viele Quests waren so verbuggt, dass sie kaum durchzuführen waren. Der Unmut der Spieler wuchs und wuchs. Und Blizzard? Die beschränkten die Zugänge zu den Realmservern und saßen die Sache aus. Nicht zum ersten Mal. Bei „Diablo 3“ gab es ganz ähnlich geartete Probleme und anscheinend ist man nicht gewillt, seinen Kunden (denn nichts anderes sind die Spieler schließlich) größtmögliche Qualität für ihr Geld zu bieten. Angesichts sinkender Spielerzahlen und einem gewaltigen Shitstorm bei jeder Aktion dieser Art sollte man sich vielleicht doch anders verhalten.

Als Reaktion auf massenweise Beschwerden in den WoW-Foren und bei der Verbraucherzentrale kamen natürlich Kommentare von offizieller Seite. Die lauteten in etwa: „Wir haben Probleme. Bitte folgt uns auf Twitter.“ Wirkliche Infos wurden aber auch dort nicht weitergegeben. Als sich die Lage auf den Servern dann einigermaßen normalisierte, wurde von Blizzard ein Serverneustart durchgeführt, der die Probleme beheben sollte. Nun, behoben hat er sie nicht, aber diejenigen, die sich bereits verbessert hatten, wieder verschlimmert. Wer sich in der Garnison ausgeloggt hatte, war nun nicht mehr in der Lage, sich wieder einzuloggen. Kam man doch ins Spiel, war die Garnison in vielen Fällen wieder nicht betretbar.

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Ein ewiges Hin und Her. Ich bewundere die Leute, die bei so was ruhig bleiben können. Mir fällt das schwer. Und dabei bin ich schon wesentlich ausgeglichener als zum Beispiel mein Freund, der hier regelmäßig geschimpft hat wie ein Rohrspatz. Ihn können auch die 5 Tage kostenlose Spielzeit, die Blizzard als Entschädigung hat springen lassen, nicht milde stimmen. Was aber auch daran liegt, dass so Dinge wie die Berufe etwa total vermurkst wurden und die Herstellung von qualitativ hochwertigen Items nicht nur langwierig ist, sondern inzwischen auch einem Glücksspiel gleicht. Aber das ist ein anderes Thema…

Ich erwarte eigentlich, dass ich für Geld, das ich bezahle, eine angemessene Leistung erhalte. Nicht nur bei (Online-)Spielen, sondern generell in der Wirtschaft. Wenn ich mir ein Buch kaufe, dann möchte ich es ja auch sofort lesen können und nicht erst eine Woche lang rumeiern, damit man mir falsch gedruckte Seiten, die kaum lesbar sind, ersetzt. Ich finde nicht, dass das zu viel erwartet ist, auch wenn es einige Leute gibt, die sich mit so Sprüchen wie „Etwas Käse zum Whine?“ oder „Maul! Gewöhn dich dran!“ drüber lustig machen, wenn man unzufrieden ist. Doch als Verbraucher habe ich ein Recht auf einwandfreie Ware. Ich gehe einen Kaufvertrag ein, erfülle meinen Part mit der Zahlung und erwarte, dass der Handelspartner seinen Part auch erfüllt. Bei 40 Euro für das Addon (entsprechend mehr für die Collector’s Edition) und rund 13 Euro Nutzungsgebühr pro Monat kann man da schon ein paar Ansprüche stellen, finde ich. Und vom Kaufvertrag zurücktreten ist inzwischen auch nicht mehr möglich, denn durch das Angebot von Spielen über Downloads mit entsprechenden Codes ist ein Umtausch nicht mehr drin. Da bleibt dann nur noch der Ärger über das Geld, das man zum Fenster raus geworfen hat.

Mein Fazit: So schön das Addon vom Inhalt her auch ist – von der technischen Seite und vom Support bin ich stark enttäuscht. Ich habe nicht den Eindruck, dass hier der Spieler als Kunde und als Teil der Welt noch wichtig ist, sondern dass am Ende wieder nur das Geld zählt, das der Esel „World of Warcraft“ scheißt. Eine Entwicklung, die ich überall sehr traurig finde, denn Kundenbindung ist das auf keinen Fall. Das Aussitzen von Problemen ist keine Lösung, auf die man stolz sein kann oder für die man etwas getan hat. Es wird vermutlich noch lange genug Spieler geben, die sich in den Welten Azeroth und Draenor tummeln. Ob es letztendlich genug sein werden, um weiterhin so viel Geld in die Kasse von Blizzard zu spülen, wird man sehen. Und wie lange ich dabei bleiben werde, wenn ich den Hauptinhalt von „Warlords of Draenor“ durch habe – wer weiß.

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Freitags-Füller

Ein Projekt von Barbara, der Freitags-Füller.

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1.  Der Spaß am Aufräumen lässt mal wieder auf sich warten.

2.  Meine Oma war ein großartiger Mensch.

3.  Meine erste Weihnachtsdeko in diesem Jahr wird wohl in meinem Wohnzimmer noch etwas auf sich warten lassen.

4. Verzicht auf Schokolade ist keine Lösung.

5.  Oh je, mein Freund ist immer noch schwer erkältet.

6.  Ich freue mich schon total aufs Plätzchen backen.

7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf entspanntes Zocken mit Freunden, morgen habe ich einfach gar nichts geplant und Sonntag möchte ich mich mit Cosplayplanungen beschäftigen!

Happy Birthday, Katertiere!

Unglaublich, aber wahr: Heute werden meine beiden Plüschpopos, Katastrophenkater, Kattekats, Speckbäuche, Quälgeister, Terrormiezen, Lieblingskater schon ein Jahr alt! Mir ist, als wären sie erst gestern bei uns eingezogen. Ganz klein noch und flauschig und noch nicht in der Lage, richtig zu miauen.

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Natürlich hat sich das längst geändert. Inzwischen hat Snorre das lautstarke Meckern für sich entdeckt, Tabby will den ganzen Tag nichts anderes tun als Spieläääään (!!!) und ihre Fixierung auf mich kann manchmal sehr anstrengend sein. Aber diese ganzen kleinen Eigenarten und Gewohnheiten sind auch das, was ich so sehr an ihnen liebe.

Wir haben in diesem Jahr viel Zank zwischen den beiden erlebt, uns über sie kaputt gelacht, sie in den Schlaf gekuschelt, sind ein halbes Dutzend Mal mit Snorre zum Tierarzt gerannt, bis seine Allergie erkannt wurde, hatten Stress mit den Nachbarn, konnten oft kaum in Ruhe fernsehen und haben Unsummen für Futter, Katzenstreu und sonstiges Zubehör ausgegeben. Aber das alles war es wert. Ich bin so froh, dass wir die beiden haben – insbesondere auch, weil ich ja so oft allein zuhause bin und die beiden eine tolle Gesellschaft sind.

Ich hoffe, ich darf noch viele so schöne Jahre mit den Jungs erleben und mich auch noch oft über meinen Freund amüsieren, wenn er wieder mal einen der beiden aus Versehen im Abstellraum einsperrt oder nicht mitbekommt, dass Snorre ins Schlafzimmer rennt und er sich in der Dunkelheit dann total erschreckt, weil plötzlich etwas auf dem Bett sitzt. Es war definitiv eine gute Entscheidung, diese Kater zu uns zu holen.

Alles Gute zum Geburtstag, Tabby und Snorre!

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Ach: Ich werde den beiden übrigens eine eigene Kategorie hier einrichten, in der ich von ihren Schandtaten oder lustigen Begebenheiten berichte.

Du bist hässlich, du hast nichts zu sagen!

Es passiert immer wieder: Irgendwo im Internet entbrennt eine Diskussion und es kommt der Punkt, an dem jemand keine Argumente mehr vorbringen kann oder will. Man dreht sich noch ein bißchen im Kreis, niemand will nachgeben und bald fällt ein Satz, den ich schon nicht mehr lesen kann: „Was willst du überhaupt? Guck dich doch mal an!“ Ab diesem Moment ist jegliche Vernunft verloren, denn es geht nur noch darum, sich gegenseitig zu beschimpfen und auf dem Aussehen des anderen rumzuhacken.

Wenn ich so etwas lese, dann werde ich wütend. Ich werde wütend, weil das kein respektvoller Umgang mit anderen Menschen ist. Weil man seine eigenen Unzulänglichkeiten mit denen der anderen überspielen will. Weil es nur noch darum geht, den Gegenüber zu verletzen. Und weil es kindisch und unreif ist und durch die vermeintliche Distanz des Internets angefeuert wird. Ich kenne wenige Menschen, die so mit jemandem reden würden, wenn sie ihm gegenüber stünden. Und diejenigen, die es offen tun, sind – verzeiht das Klischee – 17jährige Rüpel, die der deutschen Sprache kaum mächtig sind und sich mit „Alder“, „Isch schwör“ und „deine Mudda“ durch die Gegend pöbeln. Im Alltag sind die meisten Menschen zugeknöpft und anständig und korrekt. Es macht im Büro einen besseren Eindruck, vor seinen Kollegen als guter Kerl oder liebenswürdiges Mädel dazustehen. Natürlich, denn der Chef könnte etwas mitbekommen. Aber im Internet? Da kann man seinen Frust und seine schlechten Eigenschaften ruhig ausleben, bekommt ja keiner mit! Leider scheint dabei sehr oft vergessen zu werden, dass hinter dem Account desjenigen, der angegangen wird, auch ein Mensch sitzt. Mit Gefühlen und Sorgen und Hoffnungen. Genau wie man selbst.

Ich wollte hier unbedingt etwas zu diesem Thema schreiben. Meine Meinung kund tun. Einfach mal rauslassen, was mich an dieser Sache so stört. Und darum habe ich ein paar Diskussionen auf facebook durchstöbert sowie einige Blogs gelesen, in denen Diskussionen angestoßen wurden. Und ich brauchte nicht mal lange nach Beispielen für das, was ich meine, suchen. Ein paar gefällig?

du bist doch nur genervt weil niemand mit dir flirtet also tu mal nicht so

Hahahhahahaha bin mir sicher das du solche Probleme auf der Straße hast alle Männer ziehen dich mit ihren Blicken aus

Mach dein hässliches Maul zu!

hätte man dich mal lieber abgetrieben mit deiner hackfresse

Ich frage mich: Wie kommt man überhaupt auf die Idee, die Befähigung eines Menschen, seine Meinung kund zu tun und sich zu ihm wichtigen Themen zu äußern, mit seinem Aussehen in Verbindung zu setzen? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Darf man nur noch seinen Mund aufmachen, wenn man gut aussieht? Befähigt das zu intellektuellen Höhenflügen oder verschafft einem das plötzlich mehr Glaubwürdigkeit? Steht man gar am Rande der Gesellschaft, wenn man Peters oder Paulas Schönheitsideal nicht entspricht? Und weshalb wird einem unterstellt, neidisch auf das Aussehen oder die damit in Zusammenhang stehenden Erlebnisse anderer Menschen zu sein? Man sollte es kaum glauben, doch es gibt noch Menschen, die sich mit anderen Dingen beschäftigen als solchen Oberflächlichkeiten.

Ich durfte mir diesbezüglich mal anhören, ich würde mich (mit einem anderen Blog) ja nur für Cosplayer einsetzen, die etwas mehr auf den Rippen haben als es dem gängigen Schönheitsideal entspricht, weil ich neidisch auf die schlanken und hübschen Mädels wäre und es selber niemals zu irgendwas bringen würde im Bereich Cosplay. Das hat mich damals wirklich tief getroffen, denn erstens ist das einfach nicht wahr und zweitens fand ich es schockierend, was für ein Bild man anscheinend von mir hat und wie schamlos mir damit ins Gesicht geknallt wurde, dass ich mies aussehe. Weshalb sollte ich sonst neidisch auf andere sein? Es stimmt, ich hätte nichts dagegen, schlanker und hübscher zu sein. Aber ich bin nun mal wie ich bin. Für mich ist es nicht erstrebenswert, dürre Beinchen und ein Sixpack zu haben oder extrem wenig Bauch und Po. Ich finde Frauen mit weiblichen Kurven und Männer mit Fleisch auf den Knochen schön. Doch mir würde es niemals einfallen, deshalb auf dünne Menschen loszugehen und ihnen vorzuhalten, sie wären hässlich.

Wie so oft macht die Vielfalt erst die perfekte Mischung aus. Ich kann auch Leute akzeptieren, die anderer Meinung sind als ich. Das erfordert ein gewisses Maß an Toleranz und Reife. Und selbst wenn ich es nicht kann: Nichts gibt mir das Recht, jemanden persönlich so anzugreifen und auf einer Ebene zu beleidigen, die so völlig neben jedem guten Geschmack liegt. Ganz davon abgesehen, dass man sich hier auch einer Straftat schuldig macht – etwas, dessen sich die meisten Stänkerer vermutlich nicht mal bewusst sind. Wer’s nicht glaubt:

§ 185 StGB
Beleidigung

Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Und man ist nicht so anonym wie man denkt. Es gibt richtig miese Beispiele für Beleidigungen im Netz. Auch aus meinem eigenen Bekanntenkreis. Und ich wünsche mir manchmal, jemand würde einfach zur Polizei gehen und diejenigen anzeigen, die so etwas verzapfen. Ob sie den Beamten dann auch sagen, dass sie zu hässlich sind, um ihre Arbeit machen zu können? Irgendwas sagt mir, dass dem nicht so wäre…