ein anderer Blickwinkel

Lange nichts mehr von mir gehört, nicht wahr? Die letzten Wochen waren sehr anstrengend für mich, aber auch spaßig und aufregend. Der Grund dafür ist mein neuer Job. Seit Anfang März bin ich in einer Sprachschule als Sekretärin angestellt. Es ist eher eine Art „Sekretärin mit Weiterbildung zum Mädchen für alles“, aber das ist für mich vollkommen in Ordnung. Das Hauptanliegen der Schule besteht darin, ausländischen Studenten die deutsche Sprache beizubringen und sie für einen Sprachtest an der Hochschule fit zu machen. Ich kümmere mich dabei um alle eingehenden Emails, die Anmeldungen, Einstufungstests, Bescheinigungen, Rechnungs- und Mahnwesen, Kassenführung und andere organisatorische Dinge. Außerdem bin ich Telefonzentrale und erste Anlaufstelle für Probleme aller Art. Davon abgesehen halt ich den Kaffeeautomaten am Laufen, tausche schmutziges Geschirr gegen sauberes, trete ab und zu den Social WiFi-Router und hole diverse Kohlen aus dem Feuer. Es ist ein wahnsinnig lebendiger Arbeitsplatz, der mir viel abverlangt – vor allem, da er zuvor von mindestens fünf Leuten gleichzeitig bedient wurde und ein entsprechendes Chaos herrscht. Büroorganisation muss hier erstmal stattfinden (können). Doch ich merke, dass ich genau das vermisst habe. Die Interaktion mit Menschen, ein aufgeschlossenes Team, immer wieder neue Herausforderungen… Ich werde gebraucht. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl, das ich lange nicht mehr hatte. Es ist, als wäre ich in den letzten zwei Wochen wieder etwas gewachsen. Nicht messbar, nicht körperlich. Aber innerlich. Ich habe mich wieder aufgerichtet. Mein Ego darf wieder aufatmen. Es muss sich nicht mehr ducken.

Ein sehr schöner Nebeneffekt dieser Arbeit ist, dass ich beginne, Menschen mit anderen Augen zu sehen. Nicht grundsätzlich. Ich bin wirklich oft genervt oder angewidert von vielen meiner Mitmenschen. Aber meine Ansprüche sind auch recht hoch, das muss ich zugeben. Nein, was ich meine, ist das Wanken von bestimmten Vorurteilen. Ich lerne so viele unterschiedliche Leute aus den verschiedensten Ländern kennen und meine Vorstellungen sowie meine Befangenheit werden einfach mal komplett durcheinander gewirbelt und über den Haufen geworfen. Ich habe nie ein Problem mit Ausländern gehabt, dazu interessiert mich zu sehr der Mensch an sich und nicht seine Abstammung oder Herkunft. Doch ich kann nun mal nicht leugnen (und das gilt sicherlich für die meisten von uns), dass sich gewisse Vorbehalte und Eindrücke in meinem Kopf manifestiert haben. Und wenn mir jetzt noch jemand erzählen möchte, dass sich Einwanderer einfach auf die faule Haut legen und es sich gut gehen lassen können in Deutschland, dem kann ich nun einige Fakten nennen, die ihm die Schuhe ausziehen würden. Allein für die Bürokratie, die da erledigt werden muss, bräuchte man eine extra Ausbildung. Unglaublich!

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