Außenwirkung

Was mich seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten fasziniert, ist meine Außenwirkung. Das Bild, das andere von mir haben, stimmt oft so gar nicht mit meinem Inneren überein, auch nicht, wenn ich mir keine Mühe gebe, mich zu verstellen. Heißt das also, dass ich ein falsches Selbstbild habe? Oder sieht meine Umwelt mich einfach… anders?

In den letzten Wochen hatte ich wieder einige Begegnungen mit meinem „anderen Ich“. Ja, für mich ist die Person, die ich nach außen trage, eine andere als die, die mein Kern ist. Nicht gewollt. Ich habe vor Jahren aufgehört, mich zu verstellen. Ich denke, es liegt daran, dass die Menschen einem eben doch nur vor den Kopf gucken können. Sie empfinden nicht die Gefühle des anderen. Sie kennen nicht seine Gedanken und sie verfügen nicht über seine Erinnerungen. Das komplizierte Mosaik des Innenlebens anderer existiert für sie nicht. Aber genau das ist es, was uns „ganz“ macht. Diese Puzzlestücke kennen nur wir und vermutlich sind wir genau darum nach außen oft so anders.

Jedes Mal wenn man mir sagt, dass ich so tough wäre und mir nichts und niemand was anhaben könne, falle ich aus allen Wolken. Sagt man mir, dass man meine Ruhe und Gelassenheit bewundert, schreit wahrscheinlich gerade eine Stimme in meinem Inneren abwechselnd nach Baldrian und einer Waffe. Bewundert man mich für mein Selbstbewusstsein, denke ich daran, dass ich es kaum ertragen kann, unterwegs mein Spiegelbild in einem Schaufenster zu entdecken. Die Kluft zwischen dem, was für einen Eindruck man von mir hat und dem, was in mir drin passiert, ist oft so lächerlich groß, dass ich mich schon fast verschaukelt fühle von entsprechenden Kommentaren. Aber ich verstehe das. Denn man malt sich ein Bild seines Gegenübers aus den Farben, die man am liebsten mag. Entsprechend strahlt es dann auch.

Ich bin kein schlechter Mensch. Ich möchte andere nicht täuschen. Doch es passiert immer wieder. Ungewollt. Und es tut mir jedes Mal schrecklich leid. Nur kann es eben sein, dass ich nicht der Mensch bin, für den man mich hält. Vielleicht erwischt man gerade eine Rolle, in die ich manchmal eben doch noch schlüpfe. Fühle ich mich etwa extrem unsicher, hole ich die Frau hervor, die zu jedem sagt „Kann doch nichts passieren, wir wuppen das schon!“ oder einen blöden Spruch nach dem anderen raus haut. Eine Kollegin von mir, die zur Freundin wurde, war immer begeistert, wie furchtlos ich zum Chef gegangen bin und dort auf den Tisch gehauen habe. Insgeheim hatte ich die Hosen voll, aber für diese Gelegenheiten zog ich die Widerstandskämpferin aus der Mottenkiste. Werde ich auf der Straße angepöbelt, blitzt das Großmaul hervor, das auch vor Prügeln keine Angst hat und keine Schwäche zeigt, obwohl im Hirn schon lautstark nach Flucht geschrien wird. Es gibt viele solcher Beispiele.

Warum das so ist? Vielleicht schauspielere ich gern. Vielleicht will ich mir keine Schwäche erlauben. Vielleicht versuche ich aber auch nur, in dieser verrückten Welt irgendwo einen Platz zu finden, den mir niemand streitig machen will. Manchmal frage ich mich, ob man so mit sich im Reinen sein kann. Doch mich stören im Grunde nur wenige Dinge. Und so lange die Menschen nur überrascht sind, wenn sie mehr über mein „wahres Ich“ erfahren, und nicht völlig schockiert das Weite suchen, ist wohl auch alles im Rahmen.

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