Ein wenig Respekt, bitte!

Ich sitze im Büro und bereite mich auf den Arbeitstag vor. Anmeldeliste öffnen, Emails abrufen, Anrufbeantworter abhören, Kaffee bereit stellen. Es ist 9 Uhr, der Unterricht beginnt. Wobei das für einige Schüler eine relative Zeitangabe zu sein scheint. Klar, die meisten sind pünktlich da, aber jeden Tag kommt ein gutes Dutzend zu spät. Wir reden nicht über 10 Minuten, weil die Bahn Verspätung hatte oder man einer alten Dame über die Straße helfen musste. Nein. Wir reden von ein oder zwei Stunden. Manchmal kommt der letzte auch erst 45 Minuten vor Unterrichtsende. Oder gar nicht. Bei manchen Schülern wundert man sich, wieso sie den Kurs überhaupt gebucht und bezahlt haben, wenn man sie innerhalb von zwei Monaten weniger als zehn Mal im Klassenraum begrüßen kann. Aber gut. Die Schule ist privat, die Leute kommen freiwillig hierher und es liegt in ihrer eigenen Verantwortung, wie viel sie lernen. Dass man bei mangelndem Engagement aber auch ganz fix durch die Prüfung fallen kann und die Not dann groß ist, weil ein Studienplatz oder eine Hospitation an der Prüfungsnote hängen, steht dabei auf einem anderen Blatt. Wie bei Kindern, die keine Lust auf Schule haben, redet man sich auch bei uns oft völlig umsonst den Mund fusselig. „Du musst pünktlich sein.“ „Du musst deine Hausaufgaben machen.“„Sei im Unterricht aufmerksam.“ Das alles bringt meist rein gar nichts.

Meine Uhr zeigt 9 Uhr 10. Eine unserer Lehrerinnen betritt mein Büro und sieht mich halb lachend, halb weinend an. „Bei mir ist noch kein einziger Schüler aufgetaucht. Was mache ich denn jetzt?“ Tja, was macht man denn da? Wir diskutieren die Optionen: Nase bohrend vier Stunden allein im Unterrichtsraum hocken. Beim Erscheinen eines Schülers den Herrgott preisend auf die Knie fallen. Mit verschränkten Armen und eisigem Blick intensiv die Tür anstarren und den ersten Schüler, der den Raum betritt, sofort anfahren, wo er gewesen ist. Einen Überraschungstest mit denen schreiben, die doch noch auftauchen. In diesem Moment kommen die ersten drei Leute an. Die Bahn war zu spät. Okay, dann geht es eben jetzt los.

Da die Sommerhitze auch vor der Schule nicht Halt macht, haben wir überall die Türen offen stehen. Von meinem Schreibtisch aus kann ich in eine der Klassen sehen. Ich höre die Lehrerin eine Aufgabe erklären. Währenddessen starrt der Schüler auf sein Handy. Ungeniert. Völlig selbstverständlich. Interessiert beobachte ich ihn. Augenscheinlich schreibt er mit jemandem. Ab und zu grinst er, dann fliegen seine Finger über das Smartphone. Die Lehrerin redet immer noch. Er hört ihr überhaupt nicht zu. Ich kümmere mich wieder um meine Arbeit, beantworte Emails und überarbeite Anmeldedaten. Dann wieder ein schneller Blick zu meinem Freund, dem Smartphone-Junkie: Er tippt immer noch. Und er ist bei weitem nicht der einzige, der so ein Verhalten im Unterricht zeigt. Manchmal, wenn ich durch die Gänge laufe und einen Blick in die Schulungsräume werfe, sehe ich in einer Gruppe von zehn Schülern mindestens die Hälfte über ihr Smartphone gebeugt dasitzen. Um sich herum haben sie alles ausgeblendet, vorne steht die Lehrkraft und bekommt natürlich mit, was in ihrem Unterricht geschieht. Wenn es unerträglich wird, weist sie darauf hin, dass die Handys nerven und man doch bitte aufmerksam sein soll. Die Antwort darauf ist meist ein breites Grinsen. Die Handys bleiben in der Hand.

Täglich treffe ich Schüler auf dem Flur, die gerade keine Pause haben, aber mit dem Handy am Ohr durch die Schule laufen. Oder irgendwo auf der Treppe sitzen und skypen oder per Whatsapp chatten. Es lässt sich kaum noch zählen, wie oft einfach aufgestanden und aus dem Unterricht gegangen wird, um irgendetwas anderes zu machen.

Ich frage mich, ob so ein Verhalten gar nicht mehr als Respektlosigkeit erkannt wird. Für mich ist es das: Respektlos hoch zehn! Wenn ich daran zurückdenke, wie viel Angst ich in der Schule hatte, zu spät zu kommen, verkrampfen sich immer noch meine Eingeweide. Niemals würde ich bei Weiterbildungen oder Seminaren auf mein Handy starren. Das gehört sich einfach nicht. Wenn sich vor mir jemand zum Kasper macht, sich Mühe gibt, mir Wissen zu vermitteln, dann habe ich das zu würdigen. Wie verletzend das teilweise für die Lehrer ist, wie dumm und hilflos sie sich vor erwachsenen Menschen vorkommen, die ihnen keinerlei Aufmerksamkeit schenken in einem Unterricht, für den sie auch noch selber bezahlen und der für ihr weiteres Leben ausschlaggebend sein kann. Natürlich geht es in der Erwachsenenbildung oft lockerer zu als während der normalen Schullaufbahn. Doch das heißt nicht, dass man all seine Manieren über Bord werfen und sich benehmen darf wie ein Spätpubertierender. Wir haben Schüler, die sind tatsächlich erst 16 oder 17 und haben wesentlich bessere Umgangsformen als ihre älteren Mitschüler.

Ich wünschte, ich hätte die Macht, diesem Verhalten Einhalt zu gebieten. Egal, ob bei uns oder in anderen Instituten. Denn ich wette, wir sind nicht die einzigen, die darunter leiden.

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3 Gedanken zu “Ein wenig Respekt, bitte!

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