Ich hab geträumt.

Meine Nächte gleichen meist wilden Abenteuern. Es gibt vermutlich nichts, was ich im Schlaf noch nicht gemacht habe: Über nächtliche Städte fliegen, 20 Meter hoch springen, aus einem Flugzeug fallen, durch Labyrinthe wandeln, vor Tornados davonlaufen, DJ Bobo beim Fassadenklettern auf Mallorca zuschauen… Ja, in meinem Kopf ist eigentlich immer was los. Kaum eine Nacht, in der ich nicht träume. Und ich tue das sehr intensiv.

Vor Jahren hatte ich anscheinend mal einen Albtraum, der mich dazu veranlasst hat, mir im Halbschlaf so dermaßen stark ins Handgelenk zu beissen, dass ich dort einen fetten Bluterguss in Form meiner Zahnabdrücke bekommen habe. Ich werde niemals A.s Gesicht vergessen, als sie die Wunde entdeckt hat.

Als Kind habe ich eine Lösung für das Problem des Weltraumschrotts erträumt. Da Delphine ja unglaublich clevere Tiere sind und auch noch über lange Zeit die Luft anhalten können, wurde kurzerhand ein Delphin als Trägerrakete für einen Satelliten in den Weltraum geschossen. Oben angekommen, hat das Tier die Sicherungen an seinem Körper gelöst und den Satelliten auf die Umlaufbahn gebracht. Dann trat es einfach wieder in die Erdatmosphäre ein und glitt nach kilometerlangem freien Fall fröhlich zurück ins Meer. Eine ziemlich kreative Idee, wie ich finde.

Letzte Woche wollte mein Vater mir eine Abkürzung zu seinem Haus zeigen. Die führte durch ein Schlachthaus, in dem den Tieren beim Fressen der Kopf abgeschlagen wurde. Gleich gegenüber wurden Delphine und Wale bei lebendigem Leib ausgenommen und überall war Blut und Fleischklumpen lagen herum. Mein Vater stapfte ungerührt durch knöchelhoch liegende Leichenteile, während ich völlig verzweifelt war und kaum atmen konnte. 

An mir hätte vermutlich jeder Traumdeuter seine helle Freude. Auch wenn ich in den meisten meiner nächtlichen Abenteuer selbst einen Sinn erkenne und weiß, was ich damit verarbeite, so finde ich es immer wieder interessant zu hören, was andere dazu meinen. Ich sollte wohl mal meine Nachbarn fragen, was mir wohl der Traum am Freitag sagen sollte, in dem Herr H. mit einer Flex unsere Fenster herausgesägt hat und Frau H. über eine Leiter durch das Fenster in unsere Wohnung kam, um die Fenster zu putzen und unsere Ordnung zu prüfen. Ob denen auch klar ist, was mir mein Hirn damit sagen will?

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Work-Life Balance oder Worklife-Balance?

In den letzten Monaten ist etwas Seltsames passiert. Mein Leben hat Fahrt aufgenommen und an Tempo zugelegt, während es gleichzeitig in eine Art Stasis gefallen ist. Klingt komisch? Stellt euch vor, ihr habt eine ganz gute Balance im Leben gefunden und plötzlich bringt euch etwas vom Weg ab oder sorgt dafür, dass ihr eine Richtung einschlagen müsst, die so nicht vorgesehen war. Dadurch geratet ihr ins Schlingern. Erst unmerklich, dann aber immer stärker und stärker und irgendwann müsst ihr alle Kraft aufwenden, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Dafür vernachlässigt ihr alles andere, für das ihr gern noch Zeit oder Energie aufwenden würdet. Und so fällt ein Teil von euch in Winterschlaf, während ein anderer sich abstrampelt, um auf Kurs zu bleiben. Das ist ein ziemlich fieses Gefühl, weil die innerliche Zerrissenheit wächst und wächst, bis man schließlich wie ein gespanntes Gummiband kurz vor der Zerstörung steht. 

Ich habe das Band stetig weiter auf Spannung gebracht, ohne es wirklich zu merken. Ich habe gearbeitet und dabei Überstunden geschoben, die mir eigentlich nicht viel ausmachten, weil ich den Job gern mache. Mittagspause? Nie gemacht, höchstens mal, wenn meine Chefin mich dazu verdonnerte. Immer erreichbar, immer auf Abruf – auch mental. Die Arbeit wurde zu meiner höchsten Priorität, was auch einem gewissen Grad an Perfektionismus geschuldet ist, denn es musste nicht nur irgendwie laufen, sondern es musste perfekt laufen! So lief das über Monate, denn ich wollte mich beweisen. Ich wollte für andere wertvoll sein. Dass ich mir selbst und meinem Wohlergehen dabei kaum Bedeutung zugestanden habe, ist mir erst in den letzten Wochen aufgegangen. Mit manchmal sechs bis acht Überstunden an einem Tag (Nämlich freitags, wenn ich eigentlich nur bis mittags arbeiten sollte…) habe ich mir selbst die Möglichkeit genommen, mich zu erholen. Ich habe im Gegenteil versucht, mich noch mehr abzustrampeln. Schließlich muss ja alles schaffbar sein. Sicher, mir war bewusst, dass ich für zwei arbeite, aber ändern ließ es sich ja eh nicht. Oder? 

Doch, es lässt sich ändern. Aber das wird niemand anders für mich tun. Da muss ich selbst meinen Hintern hoch kriegen. Klar, das ist nicht unbedingt einfach, aber ich möchte auch nicht die Situation von vor 9 Jahren wiederholen, als ich so überlastet war, dass ich komplett handlungsunfähig wurde. Also muss ich die Notbremse ziehen, Grenzen setzen und vor allem einsehen, dass ich nicht nur geschätzt werde, wenn ich mir den Hintern so dermaßen aufreiße, dass ich in dem Loch selbst versinken kann. 

In den vergangenen zwei Wochen hatte ich Urlaub. Zeit, um wieder etwas mehr auf mich zu hören und zur Ruhe zu kommen. Während dieser Zeit habe ich gemerkt, was ich alles vermisst habe in den letzten Monaten. Freunde treffen, Cosplay, bloggen, kreatives Schreiben, Videospiele oder auch einfach nur mal abends mit meinem Freund einen Film schauen… Das fand im Grunde gar nicht mehr statt. Und das kann’s ja nicht sein! 

Ich weiß, dass es nicht einfach wird. Ich muss lernen, mich (auch gegen mich selbst) mehr durchzusetzen. Nicht immer andere an erste Stelle rücken. Egoismus ist nämlich nicht immer schlecht, sondern kann auch eine Form von Selbstachtung und vor allem Selbstschutz sein! 

Zeig mal mehr Anteilnahme!

Wie ätzend ich es finde, wenn die Leute jammern, dass man sich nicht über das, was in Paris geschehen ist, so mokieren soll, weil es anderswo auch schlimm ist. Ist man geschockt über Paris, ist man doof, weil woanders auch Krieg und Hunger herrschen. Ist man gegen den Krieg in Syrien, hat man nicht genug Mitleid mit den Dritte Welt-Ländern, in denen Hungersnöte herrschen. Regt man sich über Kinderschänder auf, vergisst man die Tierquäler.

Ich persönlich kann und will mich nicht jeden Tag mit allem Bösen, das auf der Welt herrscht, befassen. Dann müsste ich meinen Job aufgeben, weil ich keine Zeit mehr zum Arbeiten hätte. Ich würde nur noch depressiv rumlaufen,weil ich dem Leid anderer Menschen so viel Raum in meinem Leben gäbe. Ich hätte ständig Angst vor Terror, würde mich in Katastrophengedanken über Kriege und Krankheiten verlieren. Ist es selbstsüchtig, wenn ich sage, dass ich das nicht will? Ja. Und das ist gut so. Denn diese Selbstsucht bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren und in einer immer verrückter werdenden Welt handlungsunfähig zu werden.

Soll ich einfach mal sagen, wie es bei mir aussieht? Ich empfinde Krieg und Terror als extrem beängstigend. Ich fürchte mich vor der Grausamkeit der Menschen, vor blindem Fanatismus, vor den Waffen, die genutzt werden und noch mehr vor denen, die (noch) nicht genutzt werden. Ich meide die Nachrichten, weil ich in den Bildern, die in mein warmes und sicheres Wohnzimmer übertragen werden, das Leid und die Verzweiflung derer sehe, die sicherlich am wenigsten mit Kriegstreibern und Ausbeutern zu tun haben wollten, jetzt aber ihre Opfer sind. Ich schäme mich ständig dafür, in einem relativ sicheren Land zu leben, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Luxusgüter besitze, teure Hobbies habe und solche Dinge tun kann wie z. B. Videospiele spielen.

Vor einigen Wochen habe ich aus Versehen eine Schnecke zertreten. Ich habe geweint, weil ich ein Leben beendet habe. Ohne es zu wollen. Und ich konnte nichts dagegen tun. Noch heute denke ich oft an dieses kleine Wesen. Wenn ich über die Straße gehe, muss ich die Gedanken an Käfer, Ameisen und Co. ausblenden, weil ich mich sonst kaum noch in der Welt bewegen könnte.

Wenn ich mich all diesen Gedanken, all diesen Gefühlen täglich aussetzen würde, dann wäre ich ein Wrack. Ich könnte damit nicht umgehen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit dem befasse, was in der Welt vor sich geht. Allein durch meinen Beruf bekomme ich sehr viel aus den Heimatländern unserer Schüler mit, weil sie mit mir darüber reden. Aber ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, mich selbst gefühlsmäßig allem Leid der Welt auszuliefern, denn es ändert ja auch nichts für die Menschen, die akut betroffen sind. Ich kann nicht hingehen und ein Flüchtlingscamp bauen. Ich kann nicht nach Syrien fliegen und den Krieg durch gute Gedanken stoppen. Egal, ob ich gerade um die Opfer in Paris trauere oder nicht: Das bedeutet nicht, dass mir alles andere egal ist. Wenn ich für Frieden bete, gilt das nicht nur für unser Nachbarland. Es gilt für Naomi aus Uganda, die auf der Straße lebt. Es gilt für Mohamed aus Syrien, der vor dem Krieg flieht. Es gilt für Vladimir aus Russland, der wegen seiner Homosexualität verfolgt wird. Für alle Menschen und Tiere, die auf diesem schönen Planeten leben.

Nein, ich möchte kein schlechtes Gewissen haben, weil mich der Terror in Paris gerade akut beschäftigt. Und sicherlich möchte auch jemand aus Beirut kein schlechtes Gewissen haben, weil ihm die Raketenangriffe in seiner Stadt näher gehen als Selbstmordanschläge in Paris. Es kommt auf den Blickwinkel an und auf das, was man für sich und sein Leben entscheidet. Ich entscheide mich für eine gewisse Form von Distanz und möchte, dass man das respektiert.