Die Angst geht um.

Ich sitze im Zug auf dem Weg nach Berlin und ärgere mich. Ich ärgere mich über die Frau mir gegenüber, die an jedem Bahnhof ihr Handy zückt und mit ihrem Vater telefoniert. Eigentlich wäre mir das egal. Aber vor gut zwei Stunden sind im Olympia-Einkaufszentrum in München Schüsse gefallen, die Lage ist (zu diesem Zeitpunkt) unklar und es gibt Warnungen der Münchener Polizei, sich nicht auf der Straße aufzuhalten, da der oder die Täter flüchtig sind. Und alles, was diese besagte Dame wissen will, ist, ob es schon Fotos eines Täters gibt und ob es sich um einen Araber handelt. Das macht mich wirklich wütend. Natürlich denkt man als erstes an einen Terrorakt, aber ist die Frage nach der Nationalität erstmal das dringlichste Anliegen? Meine Prioritäten liegen da ganz klar anders. Und ich halte es auch nicht für besonders geschickt und einfühlsam, in einem voll besetzten Zug, in dem Menschen aus aller Herren Länder reisen, lauthals solche Fragen durchs Abteil zu rufen. Schräg hinter ihr sitzt ein Herr mit offenkundig arabischen Wurzeln und wirft immer wieder scheue Blicke zu ihr. Ich versuche mich ihm emotional zu nähern, indem ich demonstrativ mit den Augen rolle sobald sie wieder loslegt. 

Das Schlimme an der Sache ist: Die Angst kommt auch bei mir an. Ich fürchte mich nicht vor Ausländern, nicht vor bestimmten Nationalitäten, nicht vor dem Durchschnittsmensch. Es ist eher eine diffuse Angst vor Situationen, die ich nicht einschätzen kann, und davor, psychisch in einer Angstspirale gefangen zu werden. 

Vor drei Wochen habe ich das bereits gemerkt. Da war ich in München. Ich war im OEZ, denn Freunde von mir wohnen dort um die Ecke. Wir haben im Einkaufszentrum zu Abend gegessen und ich erinnere mich, dass ich inmitten all dieser Menschen dachte: „Was geschieht, wenn hier jetzt jemand schießt?“ Drei Wochen später wird das genau dort Realität und das beklemmende Gefühl, das ich während meines Aufenthaltes in München hatte, hat mich wieder im Griff. Wird es in Zukunft immer so sein? Werde ich mich nun immer fürchten? Schon mein Arbeitsweg macht mir manchmal Sorgen. Heute wurden auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof zwei Menschen verletzt durch einen bisher unbekannten Giftstoff, der an einem Rucksack einer Reisenden befestigt wurde. 

Was ist nur los mit dieser Welt? Es erscheint mir wie blanke Ironie, dass ich jahrelang gekämpft habe, um mich aus den Klauen meiner Angsterkrankung zu befreien und wieder ein selbstbestimmtes und angstfreies Leben zu führen, nur um mich jetzt in einer Welt voller Irrer wiederzufinden und Angst vor dem Leben zu haben, das ich doch wollte. Wäre es nicht gerade sogar besser, wenn meine Agoraphobie sich wieder verstärken würde? Dann würde ich die Menschen automatisch meiden. Allerdings kann das auch nicht die Lösung sein. 

Aber gibt es denn eine Lösung? Können wir irgendetwas tun, um diesen Wahnsinn zu stoppen? Es gibt so vieles, was schief läuft und so wenig, was dagegen halten kann. Die Menschen stürzen sich naturgemäß ohnehin eher auf das Negative und so scheint es auch zu überwiegen. 

Die Frau vor mir telefoniert schon wieder. „Die Menschen tun mir so leid. Das ist schrecklich. Gibt es inzwischen schon Bilder oder Videos? War es ein Araber? Das muss man doch wissen!“ Mir wird schlecht.

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Links – Mitte – Rechts – Oben – Unten?

Heute Morgen auf Twitter stieß ich in meiner Timeline auf diesen Artikel der Wochenzeitung. Kurze Zusammenfassung: Vor einiger Zeit hat Andreas Glarner von der Schweizer Partei SVP einen Post auf Facebook verfasst, der nicht nur gegen Frauen (der linken Parteien) geschossen hat sondern der außerdem noch eine Flut von abwertenden, beleidigenden, sexistischen und rassistischen Kommentaren nach sich gezogen hat. Einer dieser Kommentatoren hat sich mit den Journalisten der Wochenzeitung zu einem Interview verabredet und dort seine rechts gerichtete Denkweise erklärt.

Zum Inhalt des Interviews und zu meiner Ansicht diesbezüglich möchte ich gar nicht großartig viel sagen. Es reicht ein einziger Satz: Ich teile die Ansichten dieses Menschen nicht, kann aber in Grundzügen verstehen, was er meint. Das Lesen hat bei mir Unbehagen ausgelöst und das nicht nur wegen seiner für mich widersprüchlichen Argumentation sondern auch aufgrund der Aussage, dass er als Schweizer alle Deutschen hasst.

Ich liebe die Schweiz. Einige meiner besten Freunde wohnen dort und ich finde das Land einfach wunderschön. Das heißt nicht, dass ich unbedingt dort leben möchte, und wenn ich zu Besuch bin, dann versuche ich mich anständig zu benehmen und den Einheimischen respektvoll zu begegnen. Natürlich ist mir bewusst, dass viele Schweizer nicht gerade besonders gut auf die Deutschen zu sprechen sind. Das hat vor allem wirtschaftliche Hintergründe, denke ich. Ich habe nie besonders viel darauf gegeben, immerhin ist jeder Mensch doch individuell nach seinen Taten, Worten und seiner Lebenssituation zu beurteilen. Oder nicht? Heute habe ich gemerkt, dass es sich durchaus schmerzvoll anfühlen kann als Deutsche erstmal pauschal gehasst zu werden. Man hat nichts verbrochen, sieht sich selbst als relativ aufgeschlossenen und angenehmen Menschen und dann so was.

Vielleicht ist das ein Bruchteil des Gefühls, das Menschen empfinden müssen, wenn sie nicht willkommen sind. Wenn sie der „falschen“ Religion angehören. Wenn sie Staatsbürger eines Landes sind, in dem Krieg herrscht, vor dem sie flüchten. Pauschale Ablehnung ist generell Mist. Ähnlich wie die typische Nazi-Keule, die immer wieder gegen uns geschwungen wird. „Du bist Deutsche? Du Nazi!“ – „Hitler ist seit 70 Jahren tot und was die Leute damals getan haben, gilt für mich nicht mehr.“ – „Egal. Nazi!“ Danke für das Gespräch.

Für mich lautet die Frage im Moment: Wo stehe ich denn? In den ganzen politischen Diskussionen, die gerade lauter und lauter werden, vertrete ich bitte schön welchen Standpunkt? Keine Ahnung. Ich weiß, ich bin nicht rechts. Schaue ich mir das Wahlprogramm der AfD an, weiß ich nicht genau, ob ich lachen oder weinen soll. Ich bekomme das Gefühl, die Partei möchte ganz Deutschland am liebsten zurück in die 1930er Jahre schießen. Und „Der III. Weg“ ist noch radikaler. Da rollen sich mir die Fußnägel hoch. So etwas könnte ich nie unterstützen. Bin ich denn aber links? Oder tendiere ich zur Mitte? Und was ist eigentlich mit allem dazwischen? Und wieso lässt man Oben und Unten außer Acht, wenn man doch eigentlich schon mal dabei ist? Muss man sich überhaupt festlegen?

Wie sehr sehne ich mich manchmal nach den Tagen, in denen ich mir über Politik so gar keine Gedanken machen musste. Die Kinderzeit, ohne nennenswerte Verantwortung und ohne Angst vor der Zukunft dieses Landes und der Welt im Allgemeinen, scheint im Rückblick wieder sehr verlockend. Noch einmal dahin flüchten… Wie schön wäre das. Aber es ist nicht möglich und ich darf die Augen nicht vor dem verschließen, was aktuell passiert. Auch wenn mich das im Moment das Fürchten lehrt. Mehr als jeder Horrorfilm es könnte.

 

Was willst du denn auf dem Friedhof?

Als ich ein Kind war, habe ich mich vor Friedhöfen gefürchtet. Es begann in der Zeit, in der ich Gruselgeschichten und Horrorfilme entdeckte und noch nicht wusste, ob ich sie spannend oder furchtbar finden sollte. Ganz grauenhaft waren für mich alle Arten von Zombies – ob die nun in Phantasiewelten oder Einkaufszentren ihr Unwesen trieben war dabei unerheblich. Die Vorstellung von halb verwesten und stinkenden Leibern, die einem auf der Straße begegnen konnten, war mir zutiefst zuwider. Ich habe also immer einen großen Bogen um Grabstätten gemacht. Sogar tagsüber. 

Mit dem Erreichen des Teenageralters wurde mir meine Angst egal. Obwohl das eigentlich so nicht ganz richtig ist. Die Angst war noch da, aber es gab größere und drängendere Probleme, so dass ich lange Zeit nicht mehr über mein Unbehagen nachdachte und es schließlich schlichtweg vergaß. Ja, so etwas kommt vor. 

Ich erinnere mich an einen perfekten Herbsttag, an dem die Sonne das Laub in Gold und Bronze leuchten ließ und der so kalt war, dass man die Hände schon tief in den Taschen seines Mantels vergraben wollte. Zu dieser Zeit lebte ich bei meinem Vater und ich fuhr jeden Tag gut dreißig Kilometer mit dem Bus zur Arbeit. Etwas hatte mich aufgeregt und ich war unruhig und wußte nicht, wie ich mich entspannen sollte. Als ich in der Nähe meines Zuhauses aus dem Bus stieg, fiel mein Blick auf den kleinen Friedhof, der gegenüber der Bushaltestelle lag. Ich weiß nicht mehr, warum ich mich dazu entschieden habe, ihn zu betreten, aber ich tat es. Letztendlich ging ich eine ganze Weile dort zwischen den Gräbern umher, blieb hier und dort stehen um ein Datum oder einen Namen zu betrachten, bestaunte besonders kunstvolle Grabsteine und ließ die stille Atmosphäre auf mich wirken. Ich war verwundert, wie ruhig und gelassen ich mich nach einer Weile fühlte und wie wenig unangenehm mir dieser Ausflug war.

Seit diesem Tag besuche ich Friedhöfe. Manche Menschen mögen das seltsam und makaber finden, für mich ist es Erholung und innere Einkehr. Wenn ich auf einen Friedhof gehe, dann fällt ganz viel Ballast von mir ab. Für kurze Zeit denke ich nicht mehr über meinen Stress, mein Bankkonto, meine Gesundheit, meine Freunde, meine Zukunft und Vergangenheit und alles dazwischen nach. Ich kann einfach mal loslassen. Warum mir das gerade zwischen Gräbern besonders gut gelingt? Grabstätten haben einen besonderen Zauber. Es ist keine Androhung des nahenden Endes, kein kalter Griff der eigenen Sterblichkeit, der einen berührt. Nein, es ist eher eine Art Besinnung auf das Wesentliche. Loslassen.

Wir lassen viel zu selten los. Ich lasse viel zu selten los. Nun habe ich eine Methode gefunden, die funktioniert. Tue ich Menschen damit weh? Ich denke nicht. Ich ergötze mich nicht an den Trauerstätten. Ich schände nichts, ich möchte nicht respektlos sein. Und überhaupt: Geht es denn nur um die Toten? Ist diese friedliche Oase nicht auch vor allem ein Ort des Lebens? Sich seiner Sterblichkeit bewusst zu sein heißt doch auch, sich seiner Lebendigkeit bewusst zu sein. Sich an die Liebe zu den Menschen erinnern, die man verloren hat, und ihr Andenken zu bewahren, ist für mich auch ein Lob an das Leben. „Danke, dass es dich in meinem Leben gab.“  Und auch die Natur ist – besonders auf Parkfriedhöfen wie dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg oder dem Westfriedhof in München – etwas ganz Besonderes und sehr erlebbar vorhanden. Von Efeu zurück eroberte Grabstätten, der intensive Duft der unzähligen auf den Gräbern gepflanzten Blumen, das Summen der Insekten in den Hecken am Wegesrand, das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und ja, auch das Singen der Vögeln und das Rascheln der Eichhörnchen im Unterholz sind alles Dinge, die einem dort begegnen können.

Ist es also so verwunderlich, dass es mich immer wieder an diese Orte zieht? Für mich sind das wunderbare Erlebnisse. Zum Glück inzwischen ohne die verstörenden Gedanken an Zomies.