Null-Stimmung

Dieses Jahr kann er sich so richtig freuen, mein Freund. Ich mache ihm das beste Geschenk zur Vorweihnachtszeit und als ich ihm davon berichtete, war er so verdutzt, dass er erstmal gar nichts sagen konnte. Es ist einfach ungewöhnlich für mich. Begeistert war er aber natürlich trotzdem. Ist es wohl immer noch.

Es ist so, dass ich ein erklärter Fan der Weihnachtszeit bin. Besonders der Vorweihnachtszeit. Weihnachtsdeko, Weihnachtsmärkte, Kekse backen, Geschenke suchen… Das alles ist mein Ding. Ich liebe die Dunkelheit, die Kälte, die Lichter in den Fenstern. Mein Freund hingegen… Er findet das alles überflüssig und doof und erträgt meine Dezember-Eskalation im Grunde nur, weil wir halt zusammen leben und er nicht flüchten kann.

Dieses Jahr braucht er sich darum keine Sorgen zu machen. Ich habe keine Lust. Keine Lust auf Weihnachten, auf Vorfreude, auf Gemütlichkeit und eine feierliche Stimmung. Ich möchte mich nicht damit beschäftigen, es im Grunde noch nicht mal an mich ran lassen. Es ist mir zu viel und zu anstrengend und ich habe das Gefühl, es stecken irgendwelche Erwartungen an mich dahinter. Ich kann das gerade nicht ertragen. 

Das generelle Problem dahinter ist leider ziemlich ernst. Seit ein paar Wochen vermisse ich zunehmend den Spaß an Dingen, die mich sonst begeistern. Ich habe wieder Angstzustände beim Zugfahren, Herzstolpern und starkes Zittern vorm Einschlafen. Was das bedeutet, ist mir durchaus klar. Und dass ich versuchen muss, irgendwie die Kurve zu kriegen, ohne wieder gnadenlos auf die Schnauze zu fallen. Es scheint, ich lerne nie dazu. „Es geht schon, es geht schon. Ich schaffe das. Ist ja nur noch bis…“ Eines Tages sollte ich begreifen, dass ich empfindlicher bin als andere. Dass ich schneller ausbrenne. Im Moment bin ich auf jeden Fall ziemlich leer. Und der einzige Treibstoff, den ich drauf kippen kann, ist die tiefe Angst in mir, dass alles um mich herum zerbrechen wird, wenn mein Motor ausfällt.

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Das Ende einer Ära.

Nun ist es also soweit. Das, worauf ich das ganze Jahr hingearbeitet habe, worauf ich mich gefreut und wovor ich mich gleichzeitig gefürchtet habe, ist nun gekommen: Mein Ausstieg bei der Deutschen Cosplaymeisterschaft. Fünf Jahre lang habe ich für den Wettbewerb gearbeitet, habe mich vom Jurymitglied bis in die Hauptorga gearbeitet, die Presse und die sozialen Netzwerke betreut, war zuständig für die Homepage, für Interviews, Ehrengäste, Archiv, Inhalte von Flyern, Urkunden etc. und habe „nebenbei“ noch einige andere Dinge erledigt, außerdem natürlich die Verantwortlichkeiten als Organisatorin. Ich bin quer durch Deutschland zu den Vorentscheiden gefahren, habe gefilmt, ausgeholfen, beruhigt, aufgemuntert, gelacht und vor allem gearbeitet. Sehr viel und sehr hart.

Bereits im letzten Jahr habe ich gemerkt, dass mir dieser Einsatz auf Dauer unheimlich viel Energie abverlangt und einen immensen Zeitaufwand bedeutet, den ich nicht mehr verantworten kann, ohne mich damit über meine Grenzen zu treiben. Meine Hobbys konnte ich so gut wie gar nicht ausüben, weil ich einfach keine Zeit mehr hatte. Ich war oft müde, gereizt und vor allem überlastet. Meine Versuche, die Belastung zu verringern und Verantwortung abzugeben scheiterten zum einen an mangelnden Möglichkeiten, zum anderen – und das war das weitaus größere Problem – an meinem Kontrollzwang. Ich kann nichts, was ich einmal unter meinen Fittichen hatte, einfach so wieder abgeben. Ich muss wissen, was da läuft und dass es läuft. Arbeit zu delegieren ist für mich gleichbedeutend damit, eine Versagerin zu sein. Genau dieses Verhalten hat dazu geführt, dass ich immer gelähmter wurde und keinen Spaß mehr an meiner Position empfand.

Anfang des Jahres habe ich für mich dann die Entscheidung gefällt, all meine Aufgaben abzugeben und bei der DCM auszusteigen. Das ist mir nicht leicht gefallen, denn irgendwie sind all die Bereiche, die ich betreut habe, auch so was wie meine Babys. Doch ich wusste, dass ich es mir selbst schuldig bin, für mich zu sorgen. Das Jahr über wollte ich noch normal arbeiten, da wir unser 10jähriges Jubiläum feierten, danach aber dann komplett aussteigen. Ich wurde gefragt, ob ich nicht einige Aufgaben weiterhin übernehmen könne. Wie etwa Artikel für den Blog schreiben. So gern ich zugesagt hätte: Ich kenne mich. Und hätte ich auch nur eine Winzigkeit an Arbeit weitergeführt, wäre ich bald wieder mit einem Haufen Aufgaben auf dem Rücken herumgerannt. Also blieb ich standhaft und bin auch ein wenig stolz darauf.

Die letzte Saison war wahnsinnig schön, aber auch wahnsinnig anstrengend. Ich bin quer durch Deutschland zu jedem der sechs Vorentscheide gefahren, habe dafür Busse, Züge und Autos benutzt, bin nachts um 3 Uhr aus München nach Hause gekommen und am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder zur Arbeit gefahren, habe für die Rückfahrt von Berlin neun Stunden gebraucht, habe Geld für Sitzplatzreservierungen ausgegeben, das total verschwendet war, weil man den Sitz entfernt hatte und habe in der Hitze von Ludwigshafen einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Natürlich habe ich aber auch jede Menge netter Menschen getroffen, einige neue Orte besucht, viele Erfahrungen gesammelt und mit einem großartigen Team zusammengearbeitet. Ich habe eine Finalshow planen dürfen, die von vorne bis hinten einfach gut funktioniert hat. Und ich bin so lieb verabschiedet worden, dass ich allein beim Gedanken daran wieder heulen könnte.

Und jetzt? Jetzt übergebe ich nach und nach meine Posten, habe immer weniger zu tun und zu sagen und betrachte das einerseits mit Wehmut, andererseits aber auch mit Freude. Es bleibt wieder Zeit für andere Dinge. Für Cosplay, worauf ich nach zwei Jahren Pause auch wieder richtig Lust habe. Fürs Fotografieren, dem ich wieder mehr Zeit widmen möchte. Und generell für alles, was ich als Zeit für mich verbuchen kann.

Danke an die Deutsche Cosplaymeisterschaft und das beste Team, das ich mir hätte wünschen können. Ich werde euch sehr vermissen, auch wenn ich mich gleichzeitig auf die Zeit ohne euch freue.