Frauen, die Tanks spielen.

Ich liebe zocken. Videospiele, Computerspiele, Handyspiele… Mir völlig egal. Wenn das Spiel gut ist, bin ich dabei. Einige Menschen schauen mich deshalb schon mal schief an, aber was soll’s, ist eben mein Hobby. Es halten sich ja anscheinend immer noch die alten Vorurteile, Gamer seien unsozial, dreckig, fett (Okay, hahaha.) und faul. Ach, dumm und gewaltbereit, das habe ich noch vergessen. Ja, ich fasse kaum, wie gewaltbereit ich bin. Rette auf dem Balkon Marienkäfer und Bienen vor den Attacken meiner Kater, kann keine Mücken erschlagen und weigere mich auch standhaft, Probleme mit Gewalt zu lösen. Aber Amoklauf und so. Machen ja alle, die am Computer spielen. Wissen wir.

/ironieaus

Am liebsten mag ich Rollenspiele.

Hintergrundinformation für Unbeleckte: Rollenspiele sind Spiele, in denen man mit seinem Hauptcharakter die Prinzessin aus den Fängen des Drachen rettet. Quasi. Meist sind sie in fantastischen Welten angesiedelt, man steuert einen Charakter, der eine Heldengruppe um sich schart und sich aufmacht, die Welt vom Bösen zu befreien. Hinter all dem steckt eine oft komplizierte Geschichte, die sich durch die recht ansehnliche Spieldauer von vielen, vielen Stunden zieht. (Zwischen 20 und 50 Stunden ist eher die Norm als die Ausnahme.)

Meine Favoriten sind die japanischen Rollenspiele. Ich liebe einfach diesen speziellen Stil und das Charakterdesign. Die bekanntesten Reihen sind wohl „Final Fantasy“ und „Tales of…“, das gerade in den letzten Jahren hierzulande extrem beliebt wurde.

Square Enix, die Macher von „Final Fantasy“ haben bereits mit dem elften Teil erstmals ein MMORPG der Reihe herausgebracht. Das lief wohl nicht ganz so mies, denn Teil vierzehn wurde wieder als MMORPG aufgezogen.

Mehr Hintergrundinformationen: MMORPG ist eine Abkürzung für massively multiplayer online role-playing game. Also im Grunde ein Spiel, in dem jede Menge Leute online miteinander agieren können. Es gibt in der Regel eine Hintergrundgeschichte, Charaktere, die vom Computer gesteuert werden und viele Helden, die sich gemeinsam durch Monster schnetzeln.

„Final Fantasy XIV“ ist in Eorzea angesiedelt, einem ziemlich gebeutelten Kontinent, der am Rande eines Krieges steht. Mal wieder. Beim letzten Mal wurden ganze Landstriche teilweise so sehr verwüstet, dass kaum noch Leben möglich war. Damit das nicht wieder passiert, kommt der Charakter des Spielers zum Zug. Man beginnt ganz klein mit Botenaufträgen und findet sich dann später Auge in Auge mit den größten Bedrohungen des Reiches wieder. Ziemlich steile Karriere. Wenn man auf so was steht.

Angefangen habe ich das Spiel zusammen mit zwei Freundinnen und natürlich haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wer welche Rolle einnehmen soll. Man kann zwischen verschiedenen Rassen und Klassen wählen, so dass man nachher entweder als Heiler die Gruppe am Leben hält, als Tank vorn am Gegner steht und den Schaden einsteckt oder als Schadensausteiler den Feinden ordentlich auf die Mütze gibt. Da wir es recht ausgewogen haben wollten und keiner so richtig willig war, sich auf die Omme hauen zu lassen, bin ich Tank geworden. Bis heute ist das meine Hauptklasse und ich lasse mich regelmäßig zusammenschlagen.

Macht mir das Spaß? Ja! Ich bin zwar immer ein wenig unsicher, wenn ich mit einer fremden Gruppe gehe oder wenn ich die Mechanik der Kämpfe nicht kenne, aber dennoch liebe ich das Tanken. Nur eines liebe ich nicht. So gar nicht.

Immer noch scheint der Tank eine typische Klasse für Männer zu sein. Selbst die meisten weiblichen Charaktere im Spiel, die ein Schild in der Hand halten, werden von Männern gespielt. Und das schlägt sich oft im Umgangston nieder. Meist wird man von den Mitspielern in kurzen, sehr bestimmten Worten dazu aufgefordert, Dinge an seiner Art zu spielen zu ändern. Okay, ich muss differenzieren. In den Zeiten, als ich noch „World of Warcraft“ spielte, habe ich auch zeitweise einen Tank gespielt. Und in verschiedenen Kämpfen bin ich so fies angegangen worden, dass ich manchmal kurz vorm Heulen war. Das Niveau dabei war unterste Schublade. Noch nie habe ich eine so unfreundliche und miese Community erlebt wie damals bei WoW. Unter anderem war das ein Grund, aus dem ich aufgehört habe. Es wurde einfach immer schlimmer. Bei FFXIV jetzt ist dieses Problem nicht mehr so groß. Die meisten Leute sind super nett und hilfsbereit, sobald man klar macht, dass man nicht ganz so sicher ist. Das hat mir von Anfang an sehr gut gefallen. Allerdings merkt man schon, dass sich die Leute anders verhalten, sobald sie feststellen, dass ihr Tank kein Mann ist, sondern eine Frau.

Ich bin sicherlich nicht die beste Spielerin, die rumläuft. Ich mache das zum Spaß, derzeit bin ich etwa zwei Mal pro Woche online. Wenn ich Lust habe, auch öfter. Aber in dieser Zeit will ich Dinge tun, die mir gefallen, und mich nicht für Erfolge abhetzen, die ich eh nicht brauche. Allerdings bin ich auch nicht so schlecht, dass ich alle zwei Meter tot umfalle. Aber jedes Mal, wenn jemand mitbekommt, dass ich weiblich bin, geht es los: Gute Tipps und Ratschläge, lieber langsam machen, bloß nicht zu viele Gegner auf einmal angreifen… Warum? Machen mich meine Brüste inkompetent? Ist die Voraussetzung für den richtigen Gebrauch meines Schildes ein ausreichender Testosteronspiegel? Nach jedem erfolgreich umgeprügelten Boss kommt dann ein: „Gut gemacht!“ Ähm… Ja? Danke? Sagt ihr das auch zu euren männlichen Kollegen?

Am Anfang fand ich es noch witzig, wenn mir das passiert ist. Ich dachte: „Ach, wie nett!“ Aber inzwischen nervt es mich. Immer öfter frage ich mich, wieso man so behandelt wird. Oder ist da was dran, dass Frauen nicht so gut spielen? Oder verhätschelt werden müssen im Spiel? Zum Thema „gut spielen“ könnte man ja mal meine Freundin Mel fragen, die hat bisher noch jeden Mann an die Wand gezockt. Ich bin immer heimlich ganz stolz auf sie.

Ich möchte nicht so weit gehen, von Sexismus zu sprechen. Aber dass von mir als Frau nicht genau so viel erwartet wird wie als Mann… Das finde ich schon unfair. Woran liegt das? Ist es das Gesellschaftsbild? Ist bei vielen Jungs und Männern noch nicht angekommen, dass immer mehr Frauen auch zocken?

Hey, Jungs! Bitte macht euch mal klar, dass wir Mädels es genau so drauf haben wie ihr. Oder eben nicht. Wie ihr auch. Das Geschlecht ist nicht dafür verantwortlich, wie gut wir in etwas sind. Unsere Einstellung und unser Talent sind es. Also in Zukunft mal ein bißchen drauf achten, wie ihr mit euren weiblichen Mitspielern umgeht. Ja? Das wäre super!

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Mehr „ich“ für alle?

Ich habe es schon einige Male erwähnt: Mein Inneres und mein Äußeres passen nicht wirklich zusammen. So fühlt es sich seit Jahren, seit Ewigkeiten an. Ich konnte mir nie so richtig erklären, woran das liegt, denn ich fand, ich sei schon sehr mutig und viel selbstbewusster geworden. Im Gegensatz zu früher stimmt das auch, allerdings merke ich, dass es nicht reicht.

Selbstliebe ist ein Thema, das ich gerne ausklammere, weil… Na, sagen wir mal, es ist oft nicht so weit her mit der Liebe. Und mit der Selbstliebe fällt dann auch meist die Selbstverwirklichung unter den Tisch. Ich höre mich ständig Sachen sagen wie: „Ich kann das nicht anziehen, ich bin zu dick dafür.“ – „Lippenstift? Finde ich super, aber ich bin zu hässlich dafür.“ – „Ein Bauer wie ich kann keinen Schmuck tragen.“ – „Wir können nicht in Laden xyz gehen, da passe ich nicht rein, Leute wie ich gehören da nicht hin.“ Immer wieder fällt mir auf, wie schwachsinnig und destruktiv diese Gedanken und Äußerungen sind. Aber ich komme viel zu selten gegen sie an. Ich hadere damit, dass ich nach gesellschaftlichen Standards eigentlich schon zu alt bin für alles, was ich mag. Ich wirke vielleicht infantil und fürchte mich davor, dass andere mich so sehen. Auch wenn ich weiß, dass ich es eben nicht bin und es mir egal sein sollte, was andere denken.

Ist doch auch wirklich dämlich. Ich mag es, wenn kurvige Frauen zu sich stehen, wenn sie sich schön anziehen und selbstbewusst durchs Leben gehen. Kurvig ist sogar meine bevorzugte Körperform. Aber mich selbst so zu sehen fällt mir schwer. Für mich bin ich einfach ein Blob und habe nicht das Recht, etwas aus mir zu machen. Hä? Warum darf ich nicht sein, was ich sein will? Warum darf ich nicht das aus mir machen, was ich mag? Wieso achte ich mehr auf meine Makel als auf das, was es Tolles an mir gibt?

In meinem Leben hatte ich bereits einige Phasen, in denen ich mich schlecht und hässlich und abstoßend fühlte. Gerade bin ich (Wer hätt’s gedacht?) wieder in einer gefangen, doch dieses Mal würde ich gern gestärkt und mit mehr Selbstliebe daraus hervorgehen. Ich möchte lernen, mich um mich zu kümmern. Nicht nur innerlich, was ich im Augenblick auch wirklich versuche, sondern auch äußerlich. Ich kann doch nicht jeden Tag aus dem Haus gehen und denken, dass es schon in Ordnung ist, so wie ich zu sein, denn es muss ja einen Gegenpol zu all den tollen Menschen auf der Welt geben. Damit ziehe ich nicht nur mich runter, sondern auch mein Umfeld.

Außerdem habe ich viel zu lange Rücksicht genommen. Lange Haare, die auf keinen Fall geschnitten werden sollten. Kleidung danach ausgesucht, ob der Partner sie gut findet. Unauffällig und angepasst sein, damit man nicht ausgelacht werden kann. Wie viel man sich selbst damit versagt. Wie sehr man sich selbst zu verleugnen beginnt. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust mehr darauf.

Vor einigen Monaten sagte mir eine Kollegin, mein Foto auf der Homepage unserer Schule würde mir und meinem Wesen absolut nicht entsprechen. Eine andere Kollegin gestand mir vorletzte Woche, dass sie von mir dachte, ich wäre extrem pünktlich, gut organisiert und ginge nicht gern mit anderen Menschen weg. Solche Aussagen lassen mich nachdenken. Und sie zeigen mir, dass ich wirklich nicht ausstrahle, wer und was ich wirklich bin.

Ich weiß nicht, ob ich mich alles, was ich ändern und ausprobieren möchte, wirklich traue. Ich weiß nicht, ob ich alles umsetzen werde. Aber ich möchte es schon ganz gern probieren. Wenn nicht jetzt, wann dann? Das Leben wartet doch auf niemanden und wie ich gerade merke, schlägt es ab und zu eine ganz neue Richtung ein und ist vor allem immer wieder unvorhersehbar. Kann sein, dass ich morgen von einem Lkw erfasst werde. Und dann habe ich einfach sehr viele Chancen verpasst, ich zu sein. Wäre doch schade drum.