Urlaub – eine Hassliebe

Kennt ihr das Gefühl, so richtig urlaubsreif zu sein? Diesen Moment, in dem man auf der Arbeit sitzt und sich ganz weit weg wünscht, weil man einfach nicht mehr kann? Die latente Aggressivität, die sich auf Kunden und Kollegen zu entladen droht? Die Verzweiflung, weil jede Aufgabe zu viel scheint? Dann wisst ihr, wie es mir in den letzten Wochen ging. Ich war fertig mit den Nerven, ich wollte und konnte nicht mehr. Meinen Urlaub habe ich herbei gesehnt, habe mich so richtig darauf gefreut. Hurra, endlich wieder mal frei haben ohne Verpflichtungen und großartige Pläne!

Und bereits am ersten Tag dachte ich, ich müsse eingehen vor Langeweile. Dabei ist es nicht so, dass ich nicht genug zu tun hätte oder mich nicht beschäftigen könnte. Da sind die letzten Kleinigkeiten, die noch in meiner Wohnung gemacht werden müssen. Mein Vorsatz, mindestens einmal im Urlaub Rad zu fahren. Diverse Blogartikel, für die ich bereits Ideen habe, die aber noch geschrieben werden wollen. Treffen mit Freunden. Zur Massage gehen. Mein neues Kostüm nähen, das bis Anfang Juni fertig sein muss. Bücher lesen. Am PC oder der Konsole zocken. Aber zu was habe ich mich aufraffen können? Auf dem Balkon liegen und in den Himmel starren. Auf dem Sofa liegen und an die Decke starren. Schlafen. Sehr viel und sehr ungesund essen. Zwei Bücher lesen. Mehr schlafen.

Das ist nun kein besonders guter Schnitt und inzwischen bin ich in der zweiten Urlaubswoche angekommen. Wenigstens war das Wochenende wirklich schön, denn eine meiner besten Freundinnen war zu Besuch und wir hatten eine echt tolle Zeit. Doch bereits gestern Abend habe ich angefangen mich zu fragen, wie bescheuert ich eigentlich bin. Wenn ich etwas anscheinend wirklich gut kann, dann ist das Zeit verplempern. Ich weiß, wie wichtig es ist, auch mal „sinnlose“ Dinge zu tun, die einem Spaß machen und hinter denen kein tieferer Sinn steckt. Aber nicht mal die zu machen, sondern einfach nur darauf zu warten, dass der Tag vorbei geht und dabei auf irgendetwas zu hoffen, das mein Leben spannend machen könnte, ist eher dämlich. Von nichts kommt nichts. Das ist nun mal so.

Es ist schon seltsam, wie ambivalent ich Urlaub generell gegenüberstehe. Ich finde es natürlich gut, dass ich frei habe. Keine Verpflichtungen, kein Stress, alles locker. Andererseits hasse ich diesen Zustand auch, weil mir jegliche Struktur fehlt und ich nicht genug Disziplin besitze, mich selbst zu irgendwelchen Aktivitäten aufzuraffen. Ich verwandle mich in einen Blob, der halt einfach nur… rumblobbt.

Das Schlimmste an der Zeit, die ich nicht auf der Arbeit verbringe, sind allerdings meine Gedanken an die Arbeit und die Kollegen. Seit einigen Jahren habe ich immer Angst, dass während meiner Abwesenheit auffällt, wie unfähig ich eigentlich bin, wie langsam ich arbeite und dass ich eigentlich untragbar bin. Ich fürchte mich davor, dass man mich zu hassen beginnt. Und dann steht mir die ultimative Ablehnung bevor. Das habe ich einmal erlebt und es war der Horror. Nie wieder will ich ins Büro kommen, von allen geschnitten werden und am Ende des Tages ohne Job dastehen. Mir ist klar, dass ich völlig grundlos überreagiere, doch komplett abstellen kann ich das nicht.

Was würde helfen? Nun, das ist ganz leicht. Etwas tun. Ablenkung. Die Dinge in Angriff nehmen, die ich mir vorgenommen habe.  Oder auch etwas anderes, ganz egal. Nur Hauptsache raus aus der Lethargie. Und morgen fange ich auch ganz bestimmt damit an.

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Alter ist nur eine Zahl. Oder?

Meine Gene sind sehr nett zu mir. Sie lassen mich jünger aussehen als ich eigentlich bin. Und das nicht nur zwei oder drei Jahre. Wahrscheinlich trägt zu diesem Eindruck auch mein Wesen bei. Ich bin gerne albern und ich liebe es, mich mit modernen Medien zu beschäftigen und mich über vieles, was neu ist, zumindest mal zu informieren oder es auch auszuprobieren. Ich bin in sehr vielen Social Media Kanälen unterwegs, ich spreche recht modern und habe einen Freundeskreis, der sehr ähnlich tickt. Und dann sind da noch meine Hobbies… Gamer leben länger!

Generell mache ich mir um mein Alter zwar schon häufiger Gedanken, allerdings eher, weil ich es ziemlich lustig finde, die Menschen um mich herum zu verblüffen. Die Reaktionen der Leute sind immer wieder gut für mein Ego. Und auch wenn ich unter meinen Freunden oft die Älteste bin, wird das nie wirklich thematisiert, weil es einfach komplett egal ist. Bei Freunden sollte es ohnehin immer nur darum gehen, mit wem man sich gut versteht und warum. Furcht vor dem Älter werden kenne ich im Grunde auch nicht. Klar, man stellt sich manchmal vor, wie man wohl als Rentner lebt, was man dann noch kann und was nicht… Doch ist es nicht viel wichtiger, wie man sich innerlich fühlt? Das gilt es dann irgendwann herauszufinden.

Nun ist es mir aber doch zum ersten Mal passiert, dass mir mein Alter im Weg steht. Es ist zum ersten Mal ein Problem für mich und ich weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll. Die Situation, durch die das entstanden ist, ist zunächst egal, wichtig ist für mich der Umstand an sich. Diese Bedenken, mein Alter zu verraten, es auszusprechen und damit die Karten auf den Tisch zu legen, kannte ich vorher nicht. Mir war plötzlich ganz klar, dass es Dinge gibt, die für mich nicht mehr greifbar sind, die für mich einfach nicht mehr in Frage kommen (sollten). Und das nur aufgrund einer Zahl, aufgrund meines Geburtsjahres. Das war ein furchtbares Gefühl und es verwirrt mich immer noch und macht mich traurig. 

Ist es denn wirklich so wichtig, wie lange wir schon auf dieser Erde wandeln? Ist es von Belang, wie viele Jahre uns von anderen Menschen trennen? Zählt in bestimmten Situationen nur, ob man in seinen Zwanzigern, Dreißigern oder Vierzigern ist? Es macht uns nicht besser als Mensch, es verändert nicht, wer wir sind. Ich möchte daran glauben, dass unsere Taten entscheidend sind und unser Herz. Dass es diese Dinge sind, die uns definieren und nicht eine Zahl auf Papier. 

Dennoch kann ich nicht umhin, mich im Moment ständig zu fragen, ob die Dinge gerade anders wären, wenn ich ein paar Jahre jünger wäre. Ob ich anders auf bestimmte Sachen reagieren würde oder nicht. Eins weiß ich allerdings: Auf die Gelassenheit des Alters kann ich wohl noch ein Weilchen warten. Die habe ich definitiv noch nicht erworben.

Ich hab die Haare schön.

Es gibt diese Momente im Leben, in denen man sich fragt: „Wieso habe ich das nicht schon früher gemacht?“ So ein Erlebnis hatte ich vor etwa vier Wochen kurz nach meinem letzten Frisörbesuch. Ich kam aus dem Salon und fühlte mich wie ein anderer Mensch. Ein sehr auffälliger Mensch, aber auch positiv verändert. Um diesen Moment überhaupt erleben zu können, habe ich lange überlegt, gehadert und mit mir selbst gerungen. Ich habe mich beeinflussen lassen und meine Selbstzweifel geschürt, es aber letztendlich doch durchgezogen. Und ich bin so glücklich. Also, was habe ich getan?

Ich habe mir die Haare rosa färben lassen.

Das war schon seit Jahren ein Traum von mir und immer dachte ich: „Nein, das kannst du nicht machen, auf der Arbeit gibt das riesige Probleme. Du bist auch schon viel zu alt dafür, das sieht doch eher danach aus, als würdest du auf Krampf jung bleiben wollen. Und was machst du, wenn es blöd aussieht? Alle werden dich anstarren, oh mein Gott!“ Aber dennoch wollte mich der Gedanke nie ganz verlassen. Ende letzten Jahres kam ich schließlich an einen Punkt, an dem ich mir dachte: „Pfeif drauf, wenn du es nicht irgendwann mal machst, dann ist es vielleicht wirklich zu spät!“ Damals war ich noch mit meinem Ex-Freund zusammen, der überhaupt nicht begeistert war von der Idee. Ich fragte ihn, ob er sich schämen würde, wenn ich meinen Plan in die Tat umsetze und leider bejahte er dies. Wir kamen schließlich auf einen Kompromiss: Sollte ich es schaffen, 10 Kilo abzunehmen, wäre er damit einverstanden, dass sich mein Kopf rosa verfärbt. Vermutlich dachte er, dass ich es eh nie schaffen würde, aber ich war fest davon überzeugt. Nun, die Dinge entwickelten sich im Januar dieses Jahres komplett anders, er trennte sich von mir und ich war am Boden zerstört. Aber man soll ja auch in dunklen Zeiten die positiven Dinge im Leben sehen. Also beschloss ich, mich ein wenig mehr um mich selbst zu kümmern und mir etwas Gutes zu tun. Zum Glück habe ich zwei ganz wundervolle Chefinnen, für die das Thema gar kein Problem war und die mir ausdrücklich erlaubten, mich dieser doch ziemlich rigorosen Typveränderung zu unterziehen. Immerhin arbeite ich mit einem internationalen Publikum zusammen, da sollte man das doch vorher abklären.

Mein gewohntes Ich vor der Verwandlung.

Zwei Monate lang durchforstete ich das Internet nach Berichten übers Haare färben. Nicht, dass ich in dieser Hinsicht vollkommen unbeleckt gewesen wäre, aber es ist halt noch mal etwas anderes, sein Haar einfach mit einer Farbe zuzukleistern oder es komplett zu bleichen und dann eine schreiend bunte Farbe hinein zu geben. Ich wollte nicht, dass mir bei der Aktion büschelweise Haare flöten gehen und ich wollte auch kein totes Stroh auf dem Kopf haben.

Im März fand ich dann über den Blog „Shias Welt“ zum Salon „j.7 Hairstyling“ in Düsseldorf und wurde dort vorstellig. Krystin, die dort arbeitet und ein Profi für ausgefallene Farben ist, beriet mich schon einmal im Vorfeld über das, was vermutlich machbar wäre und wir vereinbarten einen Termin für den Samstag vor Ostern. Ich war irre aufgeregt! Obwohl sie mir sagte, dass wir uns vermutlich über erdbeerblond an meine Wunschfarbe herantasten müssten, war ich erstmal nur froh, dass sie mich auf meinem Weg begleiten wollte und mir nicht gleich das Blaue vom Himmel herunter versprach. Ich hatte sofort den Eindruck, dass sie das bestmögliche Ergebnis erzielen wollte, ohne meine Haarpracht zu vernichten.

Am Tag des Termins war ich wirklich sehr nervös. Während der ersten Stunde im Salon, während der meine Haare gewaschen und schon einmal mit einem Peeling sanft entfärbt wurden, war mir zeitweise so schlecht, dass ich dachte, ich kippe vom Stuhl. Zum Glück legte sich das bald, was auch an der wirklich netten Atmosphäre und der super Betreuung von Krystin und Kevin lag. Fünfeinhalb Stunden lang wurde gebleicht, gewaschen, gefärbt, gepflegt, geschnitten und geföhnt. Wir waren noch nicht einmal ganz mit dem Bleichen durch, da eröffnete mir Krystin, dass wir bereits ordentlich mit Farbe arbeiten könnten, da meine Haare alles sehr gut annähmen. Oh, diese Freude!

Lustiger Aluhut.

Mit Verhüterli.

Typ „Pissoir auf der Hamburger Reeperbahn“.

Das Färben beginnt.

Noch etwas zu hell…

… also fix noch mal nachdunkeln.

 

Am Ende sah ich dann komplett anders aus als erwartet, aber das Ergebnis gefiel mir unglaublich gut und ich war extrem glücklich.

Seit diesem Tag färbe ich etwa jede Woche meine Haare nach, denn bunt wäscht sich unheimlich schnell heraus. Ist aber eher lustig als nervig, denn so habe ich tatsächlich beinahe jeden Tag eine andere Haarfarbe. Und etwas, das ich gar nicht erwartet habe, ist eingetreten: Ich fühle mich sehr viel mehr wie ich selbst. Eigentlich dachte ich, dass ich mit den Blicken der anderen Menschen zu kämpfen haben würde, doch ich fühle mich eher selbstbewusster und wohler in meiner Haut als zuvor. Jahrelang habe ich immer gedacht, die graue Maus würde am besten zu mir passen. Bloß nicht auffallen. Lag ich da falsch? Ich bekomme nun unheimlich viele Komplimente und ich kann mich sogar ehrlich darüber freuen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nicht das Gefühl, dass mich jeder anlügt, wenn er mir sagt, dass ich gut aussehe. Weil ich mich selbst auch so fühle. Klar, nicht an jedem Tag. Das wäre vermutlich auch zu viel verlangt. Aber es geht mir blendend mit meinem neuen Aussehen und das strahle ich anscheinend auch aus. So kann es gern weitergehen!

happy me

total gelähmt

Ich bin paralysiert. Die Welt ist eingefroren, aber mir ist heiß und ich spüre, dass nicht mehr Hirn sondern Watte meinen Kopf ausfüllt. Jegliches Denken fällt schwer, jeder Handgriff ist eine Überwindung. Ich wünsche mir, dass es aufhört, dass ich mich nicht mehr so fühlen muss, doch dafür müsste ich vorankommen, müsste ich diese ganze Arbeit schaffen und ich weiß nicht einmal mehr, wo ich anfangen soll. Alles ist wichtig, alles muss gemacht werden. Am besten gestern. Natürlich.

Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Nicht nur im Büro, da ohnehin. Schon seit Monaten. Nein, jetzt habe ich mir alles, was ich von zuhause aus machen kann, mitgenommen und versuche, hier das Chaos zu beseitigen. So weit es geht. Ich mache das einfach, ich entscheide das eigenmächtig. Eine andere Wahl habe ich kaum. Außer vielleicht die, mit einem Nervenzusammenbruch auf der Arbeit zu sitzen. Dann wäre ich völlig außer Gefecht gesetzt.

Seltsam eigentlich, dass Körper und Geist bei mir so dicht machen, wenn ich überfordert bin. Statt mit viel Kraft und Elan an die Sache zu gehen, sitze ich weinend und verzweifelt über den Papieren, über den E-Mails und bin beinahe handlungsunfähig. Und weil das so ist, entwickelt sich auch noch ein schlechtes Gewissen. Ich leiste nicht genug. Ich schaffe mein Pensum nicht. Niemand kann sich auf mich verlassen. Bla bla in meinem Hirn.

Ich bin gut in meinem Job. Ich liebe ihn. Aber es ist einfach zu viel. Schon vor Monaten habe ich mich gefragt, wie lange ich das noch aushalten und wie viel ich noch geben kann. Inzwischen laufe ich auf Reserve. Noch eineinhalb Wochen bis zum Urlaub. Ich schaffe das schon irgendwie bis dahin. Aber dann muss ich meine großartige Kollegin allein lassen. Und vielleicht wird es zu viel und dann läuft sie auf dem Zahnfleisch. Wir alle haben schließlich noch ein Leben neben der Arbeit. Und sie mehr als ich, mit Familie und allem.

Egal. Erstmal durchatmen. Und dann weitermachen.