Das liegt ja an dir.

Ich bin kein großartiger Familienmensch. Ich liebe meine Eltern, ich liebe meinen Bruder, meine Schwägerin und meinen Neffen. Gerade lerne ich zwei meiner Tanten langsam (wieder) kennen. Von vielen anderen habe ich mich schon lange entfernt. Das geschah nicht willentlich. Ich habe das nicht mit Absicht getan, aber ich merkte einfach immer mehr, dass ich nicht dazugehörte. Ich ticke anders oder bilde mir vielleicht nur ein, anders zu ticken. Es ist nicht so, dass ich den Rest meiner Familie nicht mögen würde. Nein, das kann ich nicht behaupten. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und ich hege keinen Groll gegen sie. Sie sind nur einfach… nicht mit mir auf einer Wellenlänge. Meistens weiß ich nicht, worüber ich mich mit ihnen unterhalten soll. Oft habe ich das Gefühl, mich für mein Leben und meinen Charakter rechtfertigen zu müssen. Und ich fürchte, zu einem Teil ist man auch enttäuscht von mir. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich werde aus dieser Rolle wohl niemals heraus finden. Aber das ist okay. Jede Familie braucht ein schwarzes Schaf, oder? Das bin dann wohl ich. Ich bin die Überempfindliche. Die, die alles persönlich nimmt und dramatisiert. Die keine Kränkung und keine Verletzung vergessen kann. Die immer mit sich selbst hadert und sich fehl am Platz fühlt. So sollte es nicht sein, aber das ist nun mal die Realität.

Selbst in dem kleinen Kreis meiner Familie, in dem ich mich relativ akzeptiert fühle, bin ich oft unsicher. Innerlich konkurriere ich sehr mit meinem Bruder, den ich aber dennoch abgöttisch liebe. Nachdem wir uns lange Jahre furchtbare Kämpfe geliefert hatten, haben wir doch irgendwann zueinander gefunden. So unterschiedlich sind wir gar nicht. Bis auf die Tatsache, dass er mir sehr viel mehr bedeutet als ich ihm. Und da ich das weiß, versuche ich mich weitgehend aus seinem Leben raus zu halten. Wenn man die Hintergründe nicht kennt, dann kann man das sicher als Desinteresse werten. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht. Oft frage ich mich, ob mein Bruder nicht eine viel wertvollere Person ist als ich. Das ist ein dummer Gedanke und besonders meine Mutter würde mir den Kopf abreißen, wenn sie davon wüsste. Was sie jetzt vermutlich tut. Hallo, Mamschi. Diese Selbstzweifel bei allem, was ich tue oder auch nicht tue, sind so tief in mir verwurzelt, dass ich mich ohne sie wohl unvollständig fühlen würde. Ich sollte wohl aufhören, gegen sie zu kämpfen. Ist Akzeptanz das Zauberwort?

Im Januar war ich mit meinem Vater und meiner Stiefmutter bei meinem Bruder zu Besuch. Seit langen Jahren das erste Mal. Sonst sehen wir uns eigentlich nur beim gemeinsamen Familienurlaub oder wenn wir zur gleichen Zeit bei meinem Vater zu Besuch sind. Mein Bruder lebt mit seiner Familie in einem Haus auf dem Land und in der Küche gibt es eine Wand, an der gefühlt 200 Fotos von Freunden und Familie hängen. Alle sind sie dort vertreten. Alle. Nur ich nicht. Keine Spur von mir. Das tat mir weh und ich konnte nicht recht damit umgehen. Also habe ich meine Entdeckung am Abend meinem Vater mitgeteilt. „Papschi, in der Küche hängen echt alle Menschen, die dieser Familie wichtig sind. Aber ich bin nicht dabei.“ Seine Antwort war: „Das liegt ja an dir.“ Mir hat das den Boden unter den Füßen weggezogen. Für einen Moment fühlte ich mich wie ein trotziges Kind, das sich zwei Wochen lang weigert, mit den Eltern zu reden. Aber dann fragte ich mich sofort: Stimmt das? Bin ich schuld daran, dass ich im Leben meines Bruders keine Rolle spiele?

In den letzten Monaten habe ich oft darüber nachgedacht, das Thema aber nicht mehr angesprochen. Die Schuld hatte sich an mein Herz geklammert und sich dort bereits häuslich niederzulassen begonnen. Bis mir letzte Woche etwas auffiel.

Bereits vor einigen Monaten hatte ich mit meinem Bruder darüber gesprochen, dass er und seine Familie mich im Sommer besuchen kommen möchten. Ich habe mich riesig gefreut, aber es stand noch kein genaues Datum. Vor ein paar Tagen haben wir dann noch einmal darüber gesprochen und in drei Wochen werden wir zumindest einen Tag zusammen verbringen. In meiner Stadt. Und da fiel es mir auf. Seit ich nicht mehr zuhause wohne – und das ist schon verdammt lange -, hat mein Bruder mich nur einmal besucht. Zu meinem Geburtstag. In meiner allerersten Wohnung. Da muss ich 22 oder 23 Jahre alt geworden sein. Wirklich, es fällt mir keine andere Gelegenheit ein. Meine Wohnungen hat er, wenn überhaupt, nur mal im Zuge eines Umzugs gesehen. Dabei hatte er im Grunde mehr Möglichkeiten als ich. Er hat immer ein Auto besessen, war finanziell immer besser dran als ich und hatte vor allem auch nie eine Erkrankung, die ihm das Reisen in jeglicher Form schwer machte. Anders als ich. Dennoch war er im Grunde nie bei mir. Es hat ihn nicht interessiert. Was okay ist. Das war seine Entscheidung.

Aber was diese Feststellung nun unweigerlich mit sich bringt, ist die Frage: Wieso bin ICH dann schuld daran, dass ich für das Leben meines Bruders nicht wichtig bin? Warum stehe ICH in der Verantwortung? Warum allein? Ich verstehe nicht, warum mir etwas angekreidet wird, was irgendwie bei uns beiden schief zu laufen scheint. Aus welchen Gründen auch immer. Das enttäuscht mich auf so einer tiefen Ebene, dass ich kaum Worte dafür finde. Und gleichzeitig fühlt es sich an, als würden mein Vater und mein Bruder eine Mauer vor mir hochziehen, vor der sie sich gegenseitig davon erzählen, was für ein schlechter Mensch ich bin und wie unzuverlässig und enttäuschend.

Es heißt, man solle sich selbst lieben, dann käme alles andere schon von ganz allein. Aber ist es zu viel verlangt, auch bedingungslos von anderen geliebt zu werden? Muss immer nur ich mir Mühe geben? Kann ich nicht auch einfach als der Mensch akzeptiert und gemocht werden, der ich bin? Vielleicht nicht. Und vielleicht liegt das auch wieder nur an mir.

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5 Gedanken zu „Das liegt ja an dir.

  1. Hmmmm …. habe mir mal darüber Gedanken gemacht im Zusammenhang mit meiner Familie. Vielleicht sollte ich auch einmal die Fotowände meiner Geschwister genauer anschauen. Ich denke das ist häufig so ein Rattenschwanz. Vor allem glaube ich das Männer da auch total anders denken. Du willst nicht aufdringlich sein und deinen Bruder nicht nerven, er denkt ggf. du bist so zufrieden mit der Situation und hast dein eigenes Leben und drängt sich dadurch nicht mehr auf. Ich habe mich auch irgendwann abgefunden das jeder sein eigenes Leben hat und inzwischen ist das ok für mich. wenn ich zeit mit meinen Brüdern zum Beispiel verbringe ist diese immer super. Ich merke jedoch das wir einfach ganz anders ticken. Die Freunde meiner Geschwister sind zum Beispiel gar nicht mein Ding. Würde mir manchmal auch wünschen das man sich öfter sieht. Die Strecke reicht aber schon aus damit dies zum Problem wird. Ich würde deinen Bruder mal ansprechen. Hab ich auch gemacht und die Resonanz war immer positiv weil den anderen das gar nicht so bewusst war.
    Ich finde meine Familie auch sehr anstrengend und ich komme definitiv aus einer anderen Welt. Wobei meine Welt ganz geil ist. Das sehen die anderen nur nicht. 😉
    Denk aber dran > auch Freunde können Familie sein. ❤

    • Ich weiß noch nicht, ob ich das ansprechen soll oder nicht. Ich hatte vor ein paar Jahren schon mal eine Aussprache in der Richtung und das war… sagen wir mal, es war heftig. Ich lasse das noch ein wenig in meinem Kopf kreisen.

      Aber du hast natürlich recht: Freunde sind Familie. ❤

  2. Nein, dieses Finale, es läge an dem anderen selbst, ist extrem kurz gegriffen. Aber greift umso länger und tiefer ins Leben desjenigen ein, der sich daraufhin in der Regel schuldig fühlen wird.

    Manchmal braucht es Jahrzehnte, bis das große Bild sichtbar wird (wenn überhaupt). In meiner Situation waren es an die 40 Erwachsenenjahre, um verstehen zu können: es lag nicht und nie an mir. Es waren Verstellungen im Schicksal des anderen: in meinem Fall im Schicksal meiner Mutter.
    Sie konnte mich als Kind nicht sehen im Sinne von nicht wahrnehmen. Natürlich bezog ich das auf mich. Wurde ich nicht zu ihrem Spiegel, war ich diejenige, die etwas falsch gemacht hatte.
    Jahrzehnte später, nach ihrem Schlaganfall, nach dem sich so vieles änderte und sie mich trotz Einschränkungen zu sehen begann, fand ich die Verstellung. Sie konnte nicht allein nur mich nicht sehen, sondern auch eben andere nicht. Stück für Stück lösten sich die Schleier dieser Erfahrungsbilder und -Situationen; – auch durch meine Gespräche und Fragen mit ihren sozialen Kontakten, die sie längst zuvor mit Schuldzuweisungen verlassen hatte. Ich begann Türen wieder zu öffnen, die sie zugeworfen hatte. Natürlich waren immer die anderen diejenigen, die etwas Wesentliches verfehlt hatten.

    Warum konnte sie es nicht? Sie hatte ihren 18-jährigen, im Mai 1945 in Polen erschossenen Bruder vor ihren Augen. Sie sah alles nur, ohne es selbst bewusst zu haben, durch die Brille, was damals geschehen war. Ihr toter Bruder stand ab da an falscher Position: vor ihr und vor allem. Dieses Ereignis verstellte ihren Blick. Mehr hierzu bedarf es an dieser Stelle nicht.

    Wichtig hier ist nur zu wissen, dass wir als nachfolgende Generation und Generationen (über mehrere Generationen hinaus) austragen, was ohne unsere Schuld vor uns geschah. Wir sind nicht schuldig, aber wir tragen durchaus die Schuld von anderen mit aus und tragen somit das und deren Leid mit, in uns und durch uns hindurch. Es muss unserer Familie nicht einmal klar sein. Ja, im wenigstens ist es dort klar. Dafür ist der Blick viel zu kurz. Es ist schon aufwändig, das große Bild in sich aufrufen zu können. Und jedem sei es auch belassen, es zu wollen oder nicht. Aber es kann uns helfen, den Schmerz in unserer Biografie-Verstellung nicht als Manko für uns selbst zu fühlen, lediglich als (auf)Gabe.

    Der Schlaganfall meiner Mutter war in so vielen Punkten in dem, was er ab da verbarg und in dem, was er ab da möglich machte, gnadenvoll. Ich schreibe dies in Dankbarkeit, dies erleben zu dürfen und gebe gerne meine sehr intime Erfahrung weiter, denn:

    Es lag nicht an mir! und es liegt auch nicht an dir!
    Vielleicht obliegt dir etwas, was bei euch noch ein tiefes Geheimnis ist ❤

    • Danke für deine Worte! Ich denke, ich werde auch erst nach und nach herausfinden, was die Menschen um mich herum antreibt. Auch wenn es die sind, mit denen ich im Grunde schon seit meiner Geburt zusammen bin. Man schaut eben immer nur vor den Kopf, nicht hinein. Auf jeden Fall werde ich versuchen, mehr bei mir zu bleiben und mich selbst nicht kleiner zu machen als ich bin.

      • auf gar keinen Fall sollte es „Druck“ geben, weder von anderen noch von einem selbst. Lösungen brauchen ihre Zeit. „Lösungen“ – ein sehr schönes Wort. Ich wünsche dir viel Erfolg in aller Zeit, die es für dein Wesentliches
        braucht.

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