Selbst nach einem Jahrzehnt…

… hängen manche Dinge immer noch so in Herz und Hirn fest, dass sie sich auf die Gegenwart auswirken. Ich hatte bisher nie etwas mit Flashbacks zu tun oder mit plötzlichen Gefühlsausbrüchen, die allein auf Erinnerungen fußen. Gestern Nacht musste ich das aber zum ersten Mal erleben und es war nicht schön.

Dieses Wochenende war das erste, das ich komplett mit meiner neuen Bekanntschaft verbracht habe. Ich denke, es ist auch ganz gut gelaufen, denn wir verstehen uns gut, interessieren uns für ähnliche Dinge, haben einen kompatiblen Humor und finden uns sympathisch. Ich bin verhalten optimistisch und mir auch bewusst darüber, dass ich mir bei dieser Sache selbst mehr als alles andere im Weg stehe. Ständig zweifle ich an irgendwas (sprich: mir), mache mir Sorgen um irgendwas (sprich: mich) oder denke, etwas (sprich: ich) stimmt nicht. Dieses blöde Selbstbewusstsein lässt mich hängen und ich bin enttäuscht von mir selbst, weil ich dadurch das Gefühl habe, nicht zu genügen.

Gestern Nacht wurde es dann wirklich schlimm. Ich lag im Bett, der Mann schlafend neben mir, und plötzlich schoss mir durch den Kopf, wie sich die Beziehung zu P. damals verhalten hat. Wie klein ich mich da habe machen lassen, wie sehr ich nach seiner Zuneigung gehungert habe, wo ich doch eigentlich nur ein Notnagel für ihn war. Ich hatte auf einmal alles wieder in den Ohren und vor Augen. Seine Forderung, mich anders anzuziehen, weil er meinen Stil nicht mochte. Die Weigerung, mir seine Freunde vorzustellen, und die Ausreden diesbezüglich. Die Aussage, ich dürfe auf keinen Fall mehr zunehmen, da er sich sonst von mir trennen würde, und das Gespräch mit meiner Freundin, die damals noch eine reine Internetbekanntschaft war. Sie solle sich nicht erschrecken, wenn sie mich zum ersten Mal sieht, weil ich wirklich dick und unattraktiv sei. Die Weigerung, mir über die gesamte Zeit unserer Beziehung körperlich näher zu kommen. Das Ende unserer gemeinsamen Zeit, als er sich einfach gar nicht mehr meldete. Als ich mit mir selbst Schluss machen musste, weil er es nicht konnte. Die Verzweiflung, die ich fühlte, als sich herausstellte, dass er hinter meinem Rücken mit einer Bekannten von mir angebandelt hatte. Der Hass, den ich entwickelte, weil beide mich auslachten und verspotteten, mir sagten, ich sei eine Psychopathin, und dann versuchten, die gemeinsamen Freunde gegen mich aufzuhetzen. Und die absolute Zerstörung, die das in mir hinterlassen hat.

Ich habe wirklich lange keine Tränen mehr vergossen wegen dieser Sache. All das habe ich tief unter einer Schicht aus Sarkasmus verborgen und versuche, es möglichst selten auszugraben. Gestern aber kam all das mit einer Heftigkeit zurück, dass es mich erschrocken hat. Ich bin aufgestanden und ins Bad gegangen, wo ich gute zehn Minuten einfach nur geweint habe. Die Erinnerung hat mein Herz zerdrückt und die Angst, einem Menschen noch einmal zu vertrauen und dafür so kaputt gemacht zu werden, aus meinen Adern gepresst. Es war schwer, mich wieder zu beruhigen und selbst jetzt noch fühle ich mich meinen Gedanken schutzlos ausgeliefert.

Natürlich muss es nicht wieder so sein. Ich darf es nicht einem schlechten Menschen erlauben, selbst nach einem Jahrzehnt noch so über mein Inneres zu herrschen. Aber das ist leider leichter gesagt als getan. Kommunikation wäre der Schlüssel zu einem leichteren Herz, doch ich fürchte mich davor, das Thema anzusprechen. Für Außenstehende wirkt es sicher albern und hat etwas von fishing for compliments. Ich muss also noch überlegen, wie ich damit umgehe. Hoffentlich komme ich zu einer Lösung, bevor ich einen guten Mann von mir stoße, der mir im Grunde nichts getan hat und der nichts für die Taten eines Arschlochs kann.

Werbeanzeigen

Warum ein schlechtes Date besser ist als ein gutes.

Niemand will ein schlechtes Date haben. Man wünscht sich, dass alles harmonisch läuft, dass man einen total interessanten Menschen kennenlernt, mit dem man im besten Fall nicht nur einen Abend verbringt, sondern den Rest seines Lebens. Am Anfang schleicht man ein wenig umeinander herum, versucht mehr über den anderen zu erfahren und trifft sich noch einmal, um zu sehen, ob auch die zweite Begegnung so gut verläuft wie die erste. Falls ja, dann kommt man sich langsam näher und näher, es gibt noch mehr Verabredungen und irgendwie baut sich dann langsam so etwas wie eine Beziehung auf. Und während dieser ganzen Zeit wird eine Art Spiel gespielt. Bloß nicht preisgeben, was man selber denkt, hofft und erwartet. Den anderen aus der Reserve locken, bevor man sich selbst öffnet. Ein Schritt nach vorn, ein Schritt zurück. Ich kann wirklich nicht gut damit umgehen. Unklare Situationen machen mich irre, ich muss wissen, wo ich stehe, wo der andere steht und wie es weitergeht. Am besten folgt man einer Art Fahrplan. Und zwar nicht dem einer Bimmelbahn, die drei Stunden braucht, um von einem Ort zum anderen zu kommen, sondern dem eines Regionalexpress, der nicht an jeder Milchkanne Halt macht.

Bei einem schlechten Date muss ich mir keine Gedanken machen um alles, was danach kommt. Ich kann es abhaken, vielleicht sogar darüber lachen. In mir regen sich keine Selbstzweifel, das ganze Kopfkarussel fängt nicht an, sich zu drehen. Es hat halt einfach nicht gepasst, passiert, kein Problem.

Bei einem guten Date stellen sich mir tausend Fragen, auf die ich keine Antwort erhalte und von denen ich selbst genervt bin. Ich will mich gar nicht damit beschäftigen, ob nur ich das Treffen als gut empfand. Ich will nicht darüber nachdenken müssen, ob ich „ausreiche“ und interessant genug bin. Ich will nicht auf Nachrichten warten. Unklare Aussagen, Interpretationen von Textnachrichten, das ständige Überlegen, wie offen man sein darf und immer darauf bedacht sein, den anderen nicht zu verschrecken… Das ist ungeheuer anstrengend.

Ja sicher, ich muss nicht so denken. Aber ich bin ehrlich: Das ist harte Arbeit. Seit Jahren versuche ich, mein Selbstwertgefühl zu stärken, denn ich denke, das ist die Wurzel meiner Probleme. Doch wer das schon einmal versucht hat, der weiß, dass es nicht ganz so einfach ist. Es gibt Hochs und Tiefs und man muss sich jeden Tag sagen, dass es okay ist, so zu sein, wie man ist. Es sei denn, man wäre Massenmörder Ralf. Nicht gut. Nicht okay. Aber so zu sein wie ich: Vermutlich okay. Ich bin mir oft nicht so sicher. Es wäre toll, wenn ich es einfach abstellen könnte, meinen eigenen Wert an der Reaktion anderer zu messen. Das funktioniert nur nicht so leicht, also arbeite ich eben täglich daran. Jeder Mensch braucht ein Hobby!

Man könnte also sagen, schlechte Dates sind für mich leichter zu verarbeiten, weil ich mir im Nachgang keine Gedanken machen muss und das einfach schneller abhaken kann. Emotionen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Ich kann einfach wieder zum Alltag übergehen. Bei den guten (die wirklich weitaus seltener sind und darum auch sehr ungewohntes Terrain für mich – viel ungewohnter, als man glauben könnte) stürze ich mich wie ein Klippenspringer in die Tiefe, lande in Stromschnellen und versuche darin zu überleben, bis das Wasser wieder ruhiger wird. In dieser Phase befinde ich mich übrigens gerade. Die ersten Tage nach einem Treffen sind oft die härtesten, aber ich denke, ich halte mich bisher einigermaßen tapfer und kann jetzt dazu übergehen, mich etwas zu entspannen.

Wie gesagt: Jeder Mensch braucht ein Hobby.

 

 

Jahreswechsel-TV

Zu jeder Jahreszeit gibt es ganz bestimmte Werbekampagnen im Fernsehen, die auf saisonale Zielgruppen gemünzt sind. Im Frühjahr läuft verstärkt Werbung für Heuschnupfenpräparate, im Sommer für Sonnencreme und Mückenspray, im Herbst knöpft man sich die Erkältungsopfer vor und schleudert ihnen aus der Glotze Vorschläge für Medikamente um die Ohren. Ihr wisst, wie es läuft. Eigentlich bin ich nicht so der Fernsehgucker und wenn doch, dann läuft irgendwelcher Kram nebenbei (wenn ich aufräume etwa) oder ich bin auf Netflix unterwegs. Im Winter ändert sich das aber für einige Wochen. Nämlich genau für die Zeit um Weihnachten und um Silvester herum. Ich habe keine Ahnung, warum genau das so ist. Die kitschigen Filme und die Serien mit Weihnachts- oder Silvesterfolgen könnte ich mir auch auf Netflix anschauen. Aber nein, ich tue mir das Fernsehprogramm an. Und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber im Grunde und vollkommen nüchtern betrachtet ist der Fernseher über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel eines der nervigsten Dinge im Alltag.

Das Schlimmste ist für mich wirklich die Werbung. Oh mein Gott, diese Werbung! Selbst wenn man keine Ahnung hätte, wann Weihnachten stattfindet, könnte man es an der Werbung erkennen. Drei bis vier Wochen vor dem Fest schaffen es beinahe ausschließlich Parfum, Schmuck und Schokolade während der Werbepause auf den Bildschirm. Ich kann kaum beschreiben, wie sehr mir das auf den Keks geht. Als würde sich die ganze Welt plötzlich nur noch darum drehen, möglichst viel zu konsumieren, vor allem Geschenke, denn ohne Geschenke geht ja gar nichts, weil Weihnachten schließlich nur für die Geschenke erfunden wurde, oder nicht? Kurz vor Heilig Abend überbieten sich dann die verschiedenen Lebensmittelketten mit super Angebotspreisen und tollen festlichen Aktionen und es beschleicht einen langsam das Gefühl, es wäre nicht okay, über Weihnachten weniger zu essen als eine 40köpfige Großfamilie in Russland. Selbst wenn man alleine ist. Egal! Vollstopfen lautet die Devise!

Ist Weihnachten vorbei, geht es weiter mit den obligatorischen Silvesterwerbespots. Böller, Knaller und Raketen zum Vorzugspreis. Und natürlich Alkohol. Wenn das neue Jahr doch so toll werden soll, warum ist dann jeder scharf darauf, es komplett besoffen und vernebelt zu beginnen? Vermutlich, damit man die Werbung der ersten zwei Januarwochen nicht mitbekommt. Denn da geht es vorrangig ums Abnehmen. Fitnessstudios, Schlankheitskuren, Diätgurus und sonstiges aus der Richtung tummeln sich auf den TV-Bildschirmen der Nation und bieten ihre Wundermittel, -heilung, -waffen an.

Erst Mitte Januar wird der ganze Zirkus etwas weniger und man kann mal wieder gedanklich zur Ruhe kommen, ohne ständig mit der Nase auf alles gestoßen zu werden, was mit Neujahrsvorsätzen zusammenhängt. Zum Glück befinde ich mich zu diesem Zeitpunkt dann bereits wieder im Netflix- oder Dokumentationsland. Keine Werbung, keine nervigen Konsumanweisung, keine Nackenschmerzen vom ewigen Kopfschütteln. Und die Hoffnung bleibt, nächstes Jahr nicht wieder in meine Jahreswechsel-Fernsehgewohnheiten zu verfallen.