Twitter-Energie

So sehr ich den sozialen Medien auch verbunden bin und so gerne ich mich in ihnen bewege: Manchmal bin ich es leid. Manchmal bin ich es so leid, dass ich innerhalb von 10 Sekunden zum Misanthropen mutiere und mich einfach nur von allen Menschen entfernen und abkapseln möchte. Ich weiß, dass soziales Miteinander zu den schwierigsten Dingen im Leben gehört, dass es mitunter eine Gratwanderung sein kann und immer wieder auch Empathie und Diplomatie erfordert. Niemand kann dieses Minenfeld unbeschadet überqueren. Es wird immer mal wieder eine Bombe explodieren, die dich oder andere verletzt. Aber das gehört dazu und mit diesem Risiko leben wir alle. Und jede Äußerung, jedes Verhalten eines Menschen im persönlichen Umfeld platziert einen neuen Sprengkörper auf dem Schlachtfeld. Für irgendjemanden wird das zu einem Problem werden, aber eben nicht für alle. Und nur wenn jeder von uns aufhört, mit anderen zu interagieren, können wir bombenfrei durchs Leben kommen. Dass das nicht möglich ist, sollte jedem klar sein. Wir alle sind auf Kommunikation und Miteinander angewiesen. Dazu gehört auch, seine Ansichten und Meinungen zu teilen und die von anderen Menschen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Wir müssen nicht alle einer Meinung sein, aber wir sollten konstruktiv mit anderen Einstellungen umgehen können oder wenigstens versuchen, dies zu lernen. Aufforderungen, die dazu anhalten, sich zu nichts zu äußern und seine Ansicht nicht kundzutun, sind hier nicht förderlich.

Vorgestern habe ich mal wieder gemerkt, wie schnell man zum Buhmann mutieren kann und wie sehr sich andere Menschen an ein paar Worten aufhängen können. Auslöser dafür war meine Äußerung zum Brand von Notre Dame in Paris. Ich habe meine Ansicht zu dieser Sache getweetet. Und ich kann nicht behaupten, dass die nun besonders kontrovers oder anstößig gewesen wäre. Mein Text las sich folgendermaßen:

Fühle mich wie ein schlechter Mensch, weil alle wegen Notre Dame weinen und geschockt sind und ich es halt schade finde, mir aber denke: „Es ist eben doch nur ein Gebäude.“

Schaue ich mir diese Äußerung an, kann ich folgende klare Aussage darin erkennen: „Es ist schade, dass das passiert.“ Wenn man noch zwei Sekunden länger darüber nachdenkt, kommt man vielleicht auch auf „Es ist ein Gebäude und es brennt, aber es ist eben nur Material und (zum Glück) kein Mensch.“ Vielleicht übersehe ich noch etwas Fundamentales, aber… Nein, ich denke, eigentlich nicht.

Was mir dann auf Twitter entgegen schlug, war… Sagen wir mal, es war interessant. Die öffentlich sichtbaren Antworten waren ja noch zivilisiert und reichten von „Ich akzeptiere deinen Standpunkt, aber ich bin halt wirklich fertig deswegen.“ über „Aber das ist eben nicht nur ein Gebäude, es ist so viel mehr.“ bis zu „Du bist ignorant!“. Über letzteres konnte ich wirklich nur den Kopf schütteln. Da teile ich auch gerne mal den Inhalt dieses Tweets und sage vorher dazu, dass ich diese Person nicht kenne und auch wirklich noch niemals in irgendeiner Form Kontakt herrschte.

Ignorant. Dann stört es dich nicht, wenn Menschen sterben? Korallenriffe absterben? Tiere getötet werden? Same energy, my dear. Davon gibt es auch viel. Solche Aussagen sollte man nicht auf Twitter teilen. Wundert mich nicht, wenn Nachrichten den falschen Ton treffen. Es sind eben auch nur Menschen.

Think about it!

Okay. Warte. Was? Ich würde ja gerne wissen, wo ich eine Verbindung zwischen einem Kirchenbrand, dem Klimawandel und Tierquälerei gezogen habe, aber ich kann beim besten Willen nichts finden. Keinen Hinweis darauf. Und wieso vergleicht man diese Dinge überhaupt? Das Beste an der Sache ist, dass mich dieser Typ nicht kennt, dass er keine Ahnung hat, was für ein Mensch ich bin, und dass er da einen Charakter beschreibt, der kaum weiter von mir entfernt sein könnte. Ich musste erstmal lachen, weil sich das so unglaublich surreal und falsch anfühlte.

Es ist einfach total anmaßend, sich anhand von ein paar Wörtern, anhand von einer einzigen Meinungsäußerung ein komplettes Bild eines Menschen zu basteln und das als Wahrheit zu verkaufen. Ich meine, gerade die Sache mit den Tieren… Ja, vielleicht sind mir Menschen zu einem großen Teil egal. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber gerade Tiere. Ich rette jeden kleinen Regenwurm, ich bin im Tierschutz aktiv und komme oft an den Rand meiner nervlichen Belastbarkeit, wenn es um gequälte oder getötete Tiere geht. Aber wie wir gerade gelernt haben, stimmt das anscheinend gar nicht, denn ich bin wohl ein ganz anderer Mensch als ich bisher dachte! Oh man… Wer meint, mir mit solchen Behauptungen eine Form von Ignoranz vorwerfen zu können, der sollte sich mal ganz dringend über seine eigene Energie Gedanken machen.

Noch viel erschreckender ging es aber in meinem privaten Nachrichtenfach zu. Ich bekam drei Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne und von denen ich auch einfach mal behaupte, sie nicht kennenlernen zu wollen. Und alle drei waren… eher unfreundlich. Da ich die Nachrichten sofort gelöscht und die Verfasser blockiert habe, kann ich den genauen Wortlaut nicht wiedergeben, also sind sie hier frei aus meiner Erinnerung:

Was bist du für eine dumme Kuh? Bist du zu blöd, um zu verstehen, was da gerade passiert?

Am besten sollte man dich anzünden, damit du mal siehst wie das so ist.

Wenn ich so dumme Sachen lese, könnte ich kotzen.

Hach ja. Danke, Twitter! Da möchte ich ein wenig applaudieren. Wegen so einer Lappalie, wegen so einem unwichtigen Kleinscheiß kommen die Leute aus ihren Höhlen gekrabbelt und machen Radau? Eigentlich spricht so ein Verhalten für sich selbst, eigentlich sollte es mir herzlich egal sein und ich sollte drüber lachen. Aber an dem Abend haben mir diese Reaktionen wirklich weh getan. Ich konnte kaum einschlafen, ich habe geweint und fühlte mich komplett missverstanden. Am nächsten Morgen hatte ich schon einen anderen Blick darauf, so dass ich fast Mitleid mit diesen armen Würstchen empfunden habe. Fast. Ein paar fiese Nadelstiche spüre ich immer noch.

Mal ehrlich: Muss so ein Verhalten untereinander sein? Ist es so schwer, andere Meinungen zu akzeptieren, gerade wenn sie nicht radikal sind? Bei extremen Aussagen verstehe ich gewisse Reaktionen ja noch, aber in diesem Fall…? Es hat mich wirklich erschreckt, wie schnell einen die Leute angehen und wie unverschämt dabei vorgegangen wird. Natürlich werde ich mich jetzt nicht heulend von Twitter abmelden, denn für mich überwiegt weiterhin das Gute, und ich möchte mich in Zukunft auch nicht an andere anpassen, denen meine Meinung nicht gefallen könnte. Aber ein komisches Gefühl wird mich wohl eine Zeitlang begleiten.

 

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