Nehmen Sie einfach ab.

Wenn man mich anschaut, dann sieht man es ziemlich deutlich: Ich bin zu dick. Das finde ich jetzt nicht besonders prickelnd und an manchen Tagen hadere ich wirklich sehr damit, aber es ist eben so. Von Zeit zu Zeit würde ich mir mein Fett gern mit einer Kettensäge entfernen. Wrumm, wrumm! Und abschneiden! Shaping mittels Kettensägen-Diät. Ein Knaller. Wenn es doch nur funktionieren würde…

Als Teenager war ich wirklich schlank, auch wenn ich mich nicht so gesehen habe. Aber Teenager halt, die finden sich ja immer zu dick, zu hässlich, zu dumm und was weiß ich nicht alles. Als ich dann gerade anfing, mich in meiner Haut wohler zu fühlen, musste ich Medikamente nehmen, dann startete das Frustfressen und ich ging immer weiter auf. Wie der berühmt-berüchtigte Hefekuchen. Heute nenne ich mich Blob. Und ich glaube, mein Hintern entwickelt ein eigenes Gravitationsfeld. Auch wenn ich bereits wieder 10 kg weniger auf die Waage bringe als noch vor zwei Jahren.

Mal abgesehen davon, dass mich das auf der ästhetischen Ebene stört, komme ich so langsam in ein Alter, in dem sich erhöhtes Gewicht auch gesundheitlich bemerkbar macht. Mit disziplinierter Gewichtsabnahme könnte ich meine Zipperlein sicher deutlich mindern oder sogar ganz loswerden. Aber Disziplin, was ist das? Ich bin einfach so unheimlich faul, nicht nur in puncto Bewegung, sondern auch was das Kochen angeht oder überhaupt das Essen. Ich mag mir darüber keine Gedanken machen. Ich beschäftige mich nicht gern mit Essen, mit Kochen oder mit dem Einkauf von Lebensmitteln. Das ist ein notwendiges Übel, aber nichts, was mir Spaß macht oder mich auf irgendeiner Meta-Ebene befriedigt. Ich weiß, dass das schlecht ist. Ich weiß, dass ich mich besser um mich kümmern müsste, wenn ich noch ein paar glückliche Jahre auf dieser Erde verleben möchte. Aber es ist verdammt schwer.

Gestern unterhielt ich mich mit einer ebenfalls molligen Freundin darüber, dass sie mal zum Arzt gehen müsse, sie aber auch genau wisse, dass der eh nur sagt, sie solle halt abnehmen. Und das ist so eine Aussage, die leider wahr ist und die mich total wütend macht. Ich habe das Gefühl, dass man als dicker Mensch besonders von Ärzten oft nicht für voll genommen wird. Die Beschwerden werden meist direkt auf das Gewicht geschoben, oft wird man noch nicht mal richtig untersucht. Ich will gar nicht abstreiten, dass es natürlich gesünder wäre, abzunehmen und seinen Körper damit zu entlasten. Und natürlich sind viele Krankheiten dem Übergewicht zuzuschreiben. Aber einfach pauschal zu sagen „Nehmen Sie einfach ab und dann geht es Ihnen besser.“ ist einfach total dämlich. Weil es unwahr ist. Wenn ich mit starken Kopfschmerzen zum Arzt komme, weil mir eine Dachpfanne auf den Kopf gefallen ist, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. Wenn ich total verrotzt und mit hohem Fieber vor dem Doktor sitze, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. In solchen Fällen bekomme ich meine Diagnose, ich bekomme Medikamente, mir wird geholfen. Aber sobald eher unspezifische Sachen im Spiel sind wie Schmerzen, welche die Bewegung einschränken, oder Probleme beim Atmen, Herzrasen oder auch Stimmungsschwankungen, wird sofort die Dicken-Keule rausgeholt. Muss das sein? Was ist denn, wenn eine chronische Erkrankung vorliegt oder vielleicht ein akutes Problem, das behandelt werden muss? Ohne genaue Diagnose weggeschickt zu werden mit so einem blöden Spruch, das finde ich fahrlässig.

Sicher ist mir klar, dass nicht alle Ärzte so sind. Aber ich musste das selber so oft erleben und dabei bin ich „nur“ dick und bewege mich nicht in einem sehr extremen Bereich der Adipositas. Ich will wirklich nicht wissen, wie es anderen damit geht, die noch mehr Kilos drauf haben als ich. Mein Bandscheibenvorfall wurde etwa ein Jahr lang nicht erkannt und nicht behandelt, weil sich niemand bemüßigt gefühlt hat, mal eine vernünftige Untersuchung zu machen. Es hieß immer nur: „Sie sind halt dick, da bekommt man eben Rückenschmerzen.“ Als ich dann schließlich doch ins MRT durfte, sagte meine Orthopädin: „Oh ja… Die Verletzung ist nicht neu, die ist da schon eine ganze Weile.“ Ach was?? Bei meiner ehemaligen Hausärztin habe ich drei Jahre lang drum gebeten, eine Untersuchung meiner Schilddrüse machen zu lassen, weil ich das Gefühl hatte, etwas stimmt nicht. Ihr Kommentar unter anderem: „Sie können Ihre Gewichtszunahme nicht auf die Schilddrüse schieben, daran sind Sie schon selbst schuld.“ Herzlichen Dank für diese qualifizierte Aussage. Da wäre ich allein gar nicht drauf gekommen. Dass meine neue Hausärztin dann allerdings einen einwandfreien Fall von Hashimoto bei mir diagnostizierte, ist bestimmt nur ein dummer Zufall.

Wie gesagt ist das Gewicht sicher mit Schuld an vielen Erkrankungen. Aber ehrlich, es hilft einfach gar nicht, die Dicken von vornherein als „selbst schuld“ abzustempeln und sie nicht ernst zu nehmen. Das ist für uns total entwürdigend und spricht auch nicht gerade für die Professionalität vieler Ärzte. Ich glaube, wenn ich so einen Spruch noch einmal in meinem Leben hören muss, werde ich einfach mal unverschämt dem Menschen gegenüber, der mir so was ins Gesicht sagt. Mal sehen, wie gut dem das dann gefällt.

 

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Nicht jede Krankheit kann man sehen.

Ich habe wirklich lange überlegt, ob ich in diesem Blog, der ja kreuz und quer durch meine Gedanken und Interessen geht, ein für mich sehr wichtiges und immer präsentes Thema zur Sprache bringen soll oder nicht: psychische Krankheiten. Generell bin ich sehr an Psychologie und menschlichem Verhalten interessiert. Daher würde es sich anbieten, auch mal darüber zu schreiben. Doch da es eben auch so ist, dass ich selbst betroffen war – oder es immer noch bin, aber inzwischen eher latent -, berührt mich dieses Thema auf einer so tiefen Ebene, dass ich es nicht einfach sachlich mit ein oder zwei Sätzen abtun kann.

Obwohl ich in der letzten Zeit wenig Muße zum Schreiben habe, lese ich doch immer noch fleißig in meiner Blogroll. Ich verfolge die unterschiedlichsten Themen und es stecken sehr verschiedene Menschen dahinter, doch mir ist aufgefallen, dass sich über kurz oder lang viele mit psychischen Erkrankungen auseinander setzen oder das Thema zumindest anreißen. Wieso das so ist? Ich kann es mir nur so erklären, dass einerseits die Sensibilität dafür steigt, andererseits aber auch der Druck in der Gesellschaft und sich darum viele Menschen irgendwann persönlich mit der Problematik konfrontiert sehen. Gesteigerte Erwartungshaltung, Versagensangst, Erfolgsdruck und auch die neuen Medien belasten den menschlichen Geist oft über die Maßen und sind sicher ein großer Faktor für die zunehmenden psychischen Probleme in unserem Land. Es ist beängstigend, wie uns inzwischen schon von Kindesbeinen an eingetrichtert wird, dass wir funktionieren und etwas leisten müssen, dass unser Selbstwertgefühl an unser Aussehen und unsere Finanzen geknüpft ist und wir am besten auch mit 55 Jahren noch genau so aussehen und so aktiv sind wie mit 20. Wir sind eine Nation von Nummern, von austauschbaren Arbeitern, die denen, die durch ihren Erfolg aus der Masse heraus stechen, vollkommen egal geworden sind. Wir entfremden uns, wir leben einsam zwischen unseren Nachbarn, Menschlichkeit rückt immer mehr in den Hintergrund und wir haben keine Zeit mehr, den Kopf auszuschalten und los zu lassen.

Ist es also ein Wunder, dass wir irgendwann unter dem Trommelfeuer unserer Umwelt zusammenbrechen?

Schleichend aber stetig hat sich die Depression zu einer Volkskrankheit entwickelt. Auch wenn viele lieber den Begriff „Burn-out“ benutzen, weil der positiv besetzt ist und impliziert, dass man einfach so viel geackert hat, dass jetzt mal Schluss ist: Eine Depression bleibt eine Depression. Egal, wie man sie bezeichnet. Und sie kann unterschiedlichste Auslöser haben. Weithin scheint sich der Irrglaube zu halten, dass eine Depression bedeutet „einen an der Klatsche zu haben“, „nicht mehr ganz dicht zu sein“ oder – ganz simpel gesagt – eben einfach verrückt zu sein. Dass es aber eben um Überlastung geht, um Traumata oder auch um eine Stoffwechselstörung, die gewisse chemische Prozesse im Gehirn verändert oder stört, ist vielen Nicht-Betroffenen nicht klar. Oder sie wollen es gar nicht wissen. Sich mit dieser Thematik zu beschäftigen bedeutet nämlich oft, sich aus seiner sicheren Umwelt hinaus zu wagen und die Welt anders zu begreifen. Mit anderen Augen zu sehen. Und dabei kann man mitunter auch Dinge entdecken, die einem nicht gefallen.

Ich gehe mit dem, was mir passiert ist und wie ich die letzten Jahre erlebt habe, sehr offen um. Wozu soll ich ein Geheimnis daraus machen? Alle Höhen und Tiefen, die ich erfahren habe, haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Sie haben mich an den Ort gebracht, an dem ich nun mein Leben führe. Und sie haben einen großen Anteil an meiner jetzigen Sicht auf die Welt und die Menschen. Und weil das so ist und ich denke, dass es anderen Menschen vielleicht auch Mut machen oder ihre Fragen beantworten kann, möchte ich in Zukunft auch darüber reden. Ich denke, wir brauchen mehr Menschen, die einfach mal reden.

Bitte helft mir, meine Familie wiederzufinden-Please help me find my family again! هل تستطيع ان تساعدني بان اجد عائلتي

Nicht nur Menschen flüchten vor dem IS, sondern auch ihre Tiere, die sie manchmal mit sich nehmen. „Dias“ ist auf der Flucht verloren gegangen, als ihre Familie mit dem Schlauchboot auf der Insel Lesbos ankam. Glücklicherweise wurde sie gefunden un d es kümmern sich liebe Menschen um sie, aber es wäre wundervoll, wenn sie ihre Familie wiederfinden könnte, die sie so sehr geliebt hat, dass sie nicht allein in ihrer Heimat zurückgelassen wurde.

 

Quelle: Bitte helft mir, meine Familie wiederzufinden-Please help me find my family again! هل تستطيع ان تساعدني بان اجد عائلتي

Ein wenig Respekt, bitte!

Ich sitze im Büro und bereite mich auf den Arbeitstag vor. Anmeldeliste öffnen, Emails abrufen, Anrufbeantworter abhören, Kaffee bereit stellen. Es ist 9 Uhr, der Unterricht beginnt. Wobei das für einige Schüler eine relative Zeitangabe zu sein scheint. Klar, die meisten sind pünktlich da, aber jeden Tag kommt ein gutes Dutzend zu spät. Wir reden nicht über 10 Minuten, weil die Bahn Verspätung hatte oder man einer alten Dame über die Straße helfen musste. Nein. Wir reden von ein oder zwei Stunden. Manchmal kommt der letzte auch erst 45 Minuten vor Unterrichtsende. Oder gar nicht. Bei manchen Schülern wundert man sich, wieso sie den Kurs überhaupt gebucht und bezahlt haben, wenn man sie innerhalb von zwei Monaten weniger als zehn Mal im Klassenraum begrüßen kann. Aber gut. Die Schule ist privat, die Leute kommen freiwillig hierher und es liegt in ihrer eigenen Verantwortung, wie viel sie lernen. Dass man bei mangelndem Engagement aber auch ganz fix durch die Prüfung fallen kann und die Not dann groß ist, weil ein Studienplatz oder eine Hospitation an der Prüfungsnote hängen, steht dabei auf einem anderen Blatt. Wie bei Kindern, die keine Lust auf Schule haben, redet man sich auch bei uns oft völlig umsonst den Mund fusselig. „Du musst pünktlich sein.“ „Du musst deine Hausaufgaben machen.“„Sei im Unterricht aufmerksam.“ Das alles bringt meist rein gar nichts.

Meine Uhr zeigt 9 Uhr 10. Eine unserer Lehrerinnen betritt mein Büro und sieht mich halb lachend, halb weinend an. „Bei mir ist noch kein einziger Schüler aufgetaucht. Was mache ich denn jetzt?“ Tja, was macht man denn da? Wir diskutieren die Optionen: Nase bohrend vier Stunden allein im Unterrichtsraum hocken. Beim Erscheinen eines Schülers den Herrgott preisend auf die Knie fallen. Mit verschränkten Armen und eisigem Blick intensiv die Tür anstarren und den ersten Schüler, der den Raum betritt, sofort anfahren, wo er gewesen ist. Einen Überraschungstest mit denen schreiben, die doch noch auftauchen. In diesem Moment kommen die ersten drei Leute an. Die Bahn war zu spät. Okay, dann geht es eben jetzt los.

Da die Sommerhitze auch vor der Schule nicht Halt macht, haben wir überall die Türen offen stehen. Von meinem Schreibtisch aus kann ich in eine der Klassen sehen. Ich höre die Lehrerin eine Aufgabe erklären. Währenddessen starrt der Schüler auf sein Handy. Ungeniert. Völlig selbstverständlich. Interessiert beobachte ich ihn. Augenscheinlich schreibt er mit jemandem. Ab und zu grinst er, dann fliegen seine Finger über das Smartphone. Die Lehrerin redet immer noch. Er hört ihr überhaupt nicht zu. Ich kümmere mich wieder um meine Arbeit, beantworte Emails und überarbeite Anmeldedaten. Dann wieder ein schneller Blick zu meinem Freund, dem Smartphone-Junkie: Er tippt immer noch. Und er ist bei weitem nicht der einzige, der so ein Verhalten im Unterricht zeigt. Manchmal, wenn ich durch die Gänge laufe und einen Blick in die Schulungsräume werfe, sehe ich in einer Gruppe von zehn Schülern mindestens die Hälfte über ihr Smartphone gebeugt dasitzen. Um sich herum haben sie alles ausgeblendet, vorne steht die Lehrkraft und bekommt natürlich mit, was in ihrem Unterricht geschieht. Wenn es unerträglich wird, weist sie darauf hin, dass die Handys nerven und man doch bitte aufmerksam sein soll. Die Antwort darauf ist meist ein breites Grinsen. Die Handys bleiben in der Hand.

Täglich treffe ich Schüler auf dem Flur, die gerade keine Pause haben, aber mit dem Handy am Ohr durch die Schule laufen. Oder irgendwo auf der Treppe sitzen und skypen oder per Whatsapp chatten. Es lässt sich kaum noch zählen, wie oft einfach aufgestanden und aus dem Unterricht gegangen wird, um irgendetwas anderes zu machen.

Ich frage mich, ob so ein Verhalten gar nicht mehr als Respektlosigkeit erkannt wird. Für mich ist es das: Respektlos hoch zehn! Wenn ich daran zurückdenke, wie viel Angst ich in der Schule hatte, zu spät zu kommen, verkrampfen sich immer noch meine Eingeweide. Niemals würde ich bei Weiterbildungen oder Seminaren auf mein Handy starren. Das gehört sich einfach nicht. Wenn sich vor mir jemand zum Kasper macht, sich Mühe gibt, mir Wissen zu vermitteln, dann habe ich das zu würdigen. Wie verletzend das teilweise für die Lehrer ist, wie dumm und hilflos sie sich vor erwachsenen Menschen vorkommen, die ihnen keinerlei Aufmerksamkeit schenken in einem Unterricht, für den sie auch noch selber bezahlen und der für ihr weiteres Leben ausschlaggebend sein kann. Natürlich geht es in der Erwachsenenbildung oft lockerer zu als während der normalen Schullaufbahn. Doch das heißt nicht, dass man all seine Manieren über Bord werfen und sich benehmen darf wie ein Spätpubertierender. Wir haben Schüler, die sind tatsächlich erst 16 oder 17 und haben wesentlich bessere Umgangsformen als ihre älteren Mitschüler.

Ich wünschte, ich hätte die Macht, diesem Verhalten Einhalt zu gebieten. Egal, ob bei uns oder in anderen Instituten. Denn ich wette, wir sind nicht die einzigen, die darunter leiden.

Pendlers Albtraum oder: Bahnstrecke of DOOM!

Ich bin kein großer Fan von Zügen, S-Bahnen oder ähnlichen Gefährten. Jahrelang litt ich unter einer Phobie vor dem Bahn fahren und es gab Zeiten, in denen konnte ich partout nicht in einen Zug steigen. Egal, was ich versucht habe, es endete damit, dass ich heulend auf dem Bahnsteig stand oder mich wie in einer schlechten Filmszene von meiner Freundin auf einem verregneten Parkplatz trösten lassen musste. Der Grund dafür war meine Agoraphobie, die mich auf sicherem Weg in eine Panikattacke stürzte, sobald ich keine Fluchtmöglichkeit aus einem Raum oder einer Situation sah. Und aus einem fahrenden Zug kann man schlecht entkommen, nicht wahr?Einige Jahre und viele Konfrontationstherapien später kann ich nun wieder in den von mir verhassten Bahnen Platz nehmen. Nicht jedes Mal habe ich ein gutes Gefühl dabei, doch die Panik ist verschwunden und ich bin mehr als dankbar dafür. Doch vom entspannten Bahn fahren bin ich immer noch meilenweit entfernt. Und das hat einen Grund, der nichts mit meiner Psyche zu tun hat.Seit Anfang März bin ich ein klassischer Pendler. Also so, wie man sich den immer vorstellt. In einer Stadt rein in den Zug, in der anderen Stadt raus aus dem Zug. Da ich am Rand des Bergischen Lands lebe und Düsseldorf recht nah ist, brauche ich morgens ca. 45 Minuten zur Arbeit. Dabei nutze ich einen Bus und zwei Bahnen. Den Bus bis zum Bahnhof Solingen-Mitte und von dort den Abellio nach Solingen-Ohligs, wo ich schließlich in die S-Bahn nach Düsseldorf einsteige. So weit, so gut. Die Anschlusszeiten sind in Ordnung. In Düsseldorf selbst habe ich noch ein Zeitfenster von etwa 25 Minuten, bevor meine offizielle Arbeitszeit anfängt. Ich versuche allerdings immer 15 Minuten eher da zu sein, da besonders morgens der Andrang im Sekretariat groß ist.

Das Problem an der Sache: Die Bahnverbindungen der Strecken Wuppertal – Solingen und Solingen – Düsseldorf scheinen verflucht zu sein. Ständig sind Züge zu spät oder defekt oder sie kommen erst gar nicht. Im Schnitt jeden zweiten Tag. Da kann ich auch so früh losfahren wie ich möchte: Keine Chance. In der zweiten Märzwoche gab es einen Oberleitungsschaden in Düsseldorf. Irgendein Hirni ist über die Gleise gelaufen, ein Zugführer musste die Notbremsung einleiten und dabei hat es die Oberleitung zerrissen. Resultat: Vier Stunden Totalausfall auf allen Strecken. Ich habe etwa drei Stunden gebraucht, um nach Hause zu kommen. Natürlich waren die U-Bahn und der Bus völlig überfüllt und die Verbindungen per App herauszufinden war so gut wie unmöglich. Mir hat wirklich nur der Zufall geholfen. Es folgten diverse morgendliche Verspätungen aus Richtung Wuppertal, die alle mit den obligatorischen „Verzögerungen im Betriebsablauf“ begründet wurden. Was soll das eigentlich sein? Ich meine, was genau? Denn das kann von „Entschuldigung, da stand eine Kuh auf den Gleisen.“ über „Der Zug wollte nicht anspringen.“ bis „Der Zugführer musste noch mal ordentlich kacken gehen.“ wirklich alles sein. Neulich war es wieder so schlimm, dass die Leute bei Einfahrt des Zuges etwa 30 Minuten nach fahrplanmäßiger Ankunft am Bahnhof Mitte zu applaudieren begannen. Mitte März ist eine Bahn hinter Solingen-Ohligs liegen geblieben, weshalb die Strecke für eine gute Stunde gesperrt wurde. Und letzte Woche ist am Montag Morgen eine S-Bahn wegen technischem Defekt ausgefallen, blockierte die Gleise und legte daher den gesamten Berufsverkehr auf den Schienen lahm. Erst nach ewigem Hin und Her wurden einige Bahnen über Wuppertal umgeleitet. Am Tag danach herrschte Sturm in unserer Region, weshalb bereits morgens der Bahnverkehr ausfiel. Und nur, weil ich es früh genug durch meinen Freund erfahren habe, konnte ich mich noch von meinem Schwiegervater in spe nach Düsseldorf mitnehmen lassen.

Es ist ein Krampf. Sobald ich morgens aufstehe, habe ich schon wieder Angst vor Verspätungen und Ausfällen. Seien wir ehrlich: Es macht keinen guten Eindruck, ständig zu spät zur Arbeit zu kommen. Auch wenn es sich meist nur um 10 Minuten handelt. Meine Chefinnen sind da recht verständnisvoll, aber das macht die Sache nicht besser. Ich muss einfach zuverlässig sein und mit der Deutschen Bahn sowie Abellio habe ich keine guten Partner dafür an meiner Seite.

Dem Fußboden so nah!

Der junge Radiologie-Assistent sieht mich interessiert an und beugt sich vertraulich vor. „Haben Sie ein Problem mit Nadeln?“ Nein, habe ich nicht. Ich bin Cosplayerin, ich nähe und daher sind mir Nadeln vertraut. Auch das Stechen damit. Ich ramme mir die spitzen Dinger ständig irgendwo hinein. Auch beim Blutabnehmen: Kein Ding. Ich darf nicht hinschauen, weil ich es eklig finde, Blut aus mir heraus sickern zu sehen. Aber würde ich das als Problem bezeichnen? Nein. Als schüttle ich den Kopf und lächle selbstbewusst. „Nein, die machen mir keine Angst.“ Er nickt kurz und packt routiniert ein Spritzbesteck aus. „Gut, dann legen wir den Zugang schon vorher.“

Seit gut einer Stunde bin ich in den Räumlichkeiten der örtlichen Nuklearmedizin, habe diverse Formulare ausgefüllt und mit meinem Freund, der mich netterweise begleitet, Small Talk im Wartezimmer betrieben. Es soll ein Schädel-MRT bei mir durchgeführt werden. Nicht mein erstes, aber sicher keine Routine für mich. Die Gedanken an die enge Röhre habe ich bisher recht erfolgreich verdrängt. Mehr Angst macht mir das Spritzen des Kontrastmittels.

Ich bin kein Freund von Medikamenten. Klar, ich muss regelmäßig welche nehmen und das mache ich auch brav, weil ich weiß, dass ich sie brauche. Wenn man mir jedoch etwas Neues andrehen will, macht mich das immer nervös. Früher war es ganz schlimm. Da fing ich an zu weinen, sobald ich auch nur eine Tablette nehmen sollte. Die Angst vor den Nebenwirkungen ließ mein Gehirn auf Standby gehen und ich empfand nur noch Panik. Inzwischen hat sich das sehr gebessert, doch ein gewisses Unbehagen ist geblieben.

Mein Gegenüber ist sehr nett, unterhält sich angeregt mit mir und klebt währenddessen die Braunüle in meiner Armbeuge fest. Es ist seltsam. Ich habe keine Schmerzen, aber ich spüre die Nadel. Sie wackelt in meiner Vene hin und her. Und wie groß ist das Ding eigentlich? Ich könnte schwören, gleich schiebt sich etwas neben meinem Ellenbogen aus meinem Arm heraus. Mh. Nun wird mir doch ein wenig komisch. Die Nadel wackelt weiter. Mein Magen zieht sich zusammen und mir wird schlecht.

„Sie können jetzt schon mal in die Kabine gehen.“ Der Assistent sieht mich erwartungsvoll an. Ich starre zurück. In meinem Bauch steigt gerade eine Party, zu der ich sicherlich kein Einverständnis gegeben habe. „Ich glaube“, bringe ich mühsam hervor, „ich vertrage das doch nicht.“ Mein Blick irrt in dem kleinen Zimmer umher. Gibt es hier eigentlich keine Liege, verdammt? Wieso sitze ich auf so einem blöden Stuhl? Ich kann mich kaum noch aufrecht halten, die Übelkeit verstärkt sich und in meinen Ohren dröhnt das Blut. „Soll ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“ Er ist die Ruhe selbst. Bewundernswert, denn ich bin das nun nicht mehr. Insgeheim denke ich, dass er nicht lange quatschen, sondern irgendwas tun soll! „Kann ich mich vielleicht hinlegen?“

Etwas scheint in meinem Gesicht zu passieren, denn plötzlich reißt der Kerl die Tür auf und ruft nach einer Liege. Von irgendwo kommt noch ein Mann gelaufen. Ich registriere, dass er ein blaues Shirt trägt. Er sagt mir, ich solle noch nicht aufstehen. Ist der verrückt? Ich muss aufstehen, denn ich sehe im Flur die Liege, die gerade gebracht wurde, und das ist mein Ziel. Da will ich hin. Jetzt! Vier Arme ziehen mich nach oben. Auf jeder Seite zwei. Laufe ich noch selber? Ich fühle nichts mehr und das Dröhnen in meinen Ohren ist einer dumpfen Stille gewichen. Ich bin in Watte gepackt. Seltsam schwerelos in meinem kraftlosen Körper. Abgeschottet von allem, was um mich herum geschieht. Meine Beine geben nach. „Verdammt“, denke ich noch, „jetzt stehe ich vor dieser blöden Liege und ende trotzdem auf dem Fußboden!“ Doch die Arme halten mich fest und das nächste, was ich mitbekomme, ist ein Gesicht über mir. „Geht es Ihnen gut?“

Ich liege. Endlich. Unter meine Füße werden zwei Kissen geschoben. Ich kann die Beine kaum heben, weil sie sich anfühlen wie zwei abgehangene Schinken und nicht wie meine Gliedmaßen. Von rechts beugt sich ein Arzt über mich. „Haben Sie das öfter?“ Er wirkt arrogant und gehetzt und ich finde ihn sofort unsympathisch. „Heute noch nicht“, nuschle ich trotzig. Blöder Kerl. Er kneift die Augen zusammen. „Sie sind ganz schön blass. Und sie schwitzen sehr stark.“ Spricht’s und verschwindet. Tja, dann mal danke für die tolle Info. Hilft mir ungemein weiter. Meine Liege wird in eine Ecke des MRT-Schaltraums geschoben. Keine 30 Sekunden später steht mein Freund vor mir. „Was machst du denn für Sachen?“ Wie lieb, man hat ihn zu mir rein geholt! Ich fühle mich gleich etwas besser und entspanne mich, während wir über belangloses Zeug reden.

Nach vielleicht zwanzig Minuten geht es mir wieder gut. Ich kann aufstehen und komme sofort an die Reihe. Das Team ist sehr bemüht, mir die Angst zu nehmen, doch nervös bin ich jetzt gar nicht mehr. Kann es denn noch schlimmer werden? An eine Panikattacke in der Röhre glaube ich nicht. Mein Kopf wird fixiert, man drückt mir einen Notfallknopf in die Hand und ich schließe die Augen. Der Scan dauert lange, doch ich lenke mich ab, indem ich aus den irrsinnigen lauten Geräuschen um mich herum eine Melodie zu formen versuche. Die Augen lasse ich die ganze Zeit über geschlossen. Man muss sich ja nicht unnötig triggern, wenn man unter Platzangst leidet.

Am Ende ist alles gut: In meinem Kopf sieht alles gut aus, in meiner Armbeuge scheint kein Bluterguss zu entstehen und das Team wünscht mir grinsend ein schönes Wochenende. Und erst beim Verlassen des Gebäudes fällt mir auf, dass ich gerade eines meiner persönlichen Horrorszenarien durchlebt habe und es gar nicht mal so schlimm war.

Sport ist Mord

Ich bin ein Sportmuffel. Einer der ganz schlimmen, für die es schon körperliche Ertüchtigung ist, wenn sie sich auf dem Sofa von einer Seite auf die andere wälzen müssen. Während sich schwitzende Jogger schnaufend und japsend an ihrem Runner’s High erfreuen, lege ich gern die Füße hoch. Derweil Bodybuilder ihre Muskeln mästen und keuchend Kilos stemmen, gönne ich mir gern ein Nickerchen. Nur selten ereilt mich der Tatendrang und noch seltener gebe ich ihm mit sportlicher Betätigung nach. Nein, lieber nutze ich den Elan dann zum Aufräumen oder Putzen.

Überhaupt bin ich beim Thema Sportarten sehr wählerisch. Es gibt nicht vieles, das mich interessiert. Und noch weniger, das ich selbst ausführen würde. Rhythmische Sportgymnastik und Eiskunstlaufen finde ich toll. Musik, eine schöne Choreografie und so viel Anmut… Natürlich nichts für Quallen wie mich. Gibt es vom Horrorfilm „Der Blob“ einen zweiten Teil? Falls nicht, so könnte man mich einfach beim Versuch des grazilen Hopsens filmen und das Werk „Der Blob II – Speck in der Sporthalle“ nennen. Schwimmen finde ich auch noch ganz nett, darin bin ich sogar gut. Einziges Manko: Im Badeanzug vor anderen Leuten rumrennen. Nicht so mein Ding. Reiten? Zu teuer und vor allem blöd mit meinem Heuschnupfen und eine Qual für das arme Pferd, das mich abbekäme. Vor Jahren war ich in einer Tanzgruppe, das hat viel Spaß gemacht, aber als Leiterin war ich arg gestresst und sportlich war das auch nicht so unbedingt.

Man merkt schon, es ist nicht so leicht mit mir. Ich bin einfach lieber geistig aktiv als körperlich. Dabei kann ich es wirklich brauchen! Mal abgesehen von meinem Übergewicht, das ich reduzieren sollte so lange es noch einigermaßen geht, müsste ich wegen eines Bandscheibenvorfalls eigentlich dringend Rücken- und Bauchmuskulatur aufbauen. Wenn man dafür nur nicht so viel tun müsste…

Aber die Hoffnung stirbt immer zuletzt! Und manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder. In meinem Fall: Ich habe mich letzte Woche im Fitnessstudio angemeldet. Das war kein guter Vorsatz zum Jahreswechsel, auch wenn es vom Timing her passen würde. Nein. Kurz vor Silvester hatte ich immer öfter den Drang, einfach mal raus zu gehen und mich zu bewegen. Ich war richtig unruhig und konnte meinen Hintern gar nicht mehr so faul in der passgenauen Kuhle des Sofas parken wie sonst. Das war schon seltsam und irritierend. Ich dachte, dieses Gefühl würde abflauen. Aber nein, es blieb. Und so entstand der Gedanke, mich doch mal wieder in einem Studio blicken zu lassen, um unter fachkundiger Anleitung ein wenig für meinen Körper zu tun. Mein Freund war ziemlich begeistert von dieser Idee und bot direkt an, mir das zu bezahlen, da ich es mir wegen meiner Arbeitslosigkeit gerade nicht leisten kann. Und dass eine Freundin von mir ins gleiche Studio geht und mich somit motiviert, ist natürlich sehr praktisch.

Zu Anfang war ich sehr skeptisch. Fitnesstempel sind nicht gerade meine Wohlfühl-Umgebung. Über die Jahre war ich schon in einigen angemeldet – in Bremen und in Hamburg. Und überall das gleiche: Junge Mädels mit knackiger Figur, die sich fürs Training aufdonnern und sich ihren Ego-Boost beim Lästern über diejenigen abholen, die Bewegung sichtlich nötiger haben als sie selbst. Oder selbstverliebte Muskelmänner, die mit lautem Stöhnen und lustigen Posen so viele Gewichte stemmen wie gerade noch geht. Das war einfach nicht meins. Ich kam mir immer vor wie ein gestrandeter Wal, der von allen begafft wird. Und die Betreuung war oft auch eher… spärlich. Mein jetziges Studio hat mich zum Glück davon überzeugt, dass es auch anders geht. Sehr nette Trainer, eine lockere Atmosphäre und Kunden, die wirklich wegen des Trainings kommen.

Und ja, ich bin fleißig. Klar, es bewegt sich noch nicht irre viel, aber ich bin noch immer motiviert. Auch wenn mir nach den Übungen manchmal Muskeln weh tun, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Und auch wenn mein Puls auf dem Fahrrad bei 170 liegt und ich denke, ich kratze gleich ab oder falle ohnmächtig zu Boden. Vielleicht wird das noch besser. Aufgeben mag ich nicht. Kann sein, dass die Chance besteht, den Landwal noch mal ins Wasser zu schieben. 🙂