Es lebe die Aufklärung!

Es ist Samstag und es regnet in Strömen. Langsam hält der Herbst Einzug im Bergischen Land und ich freue mich darüber. Auch wenn ich heute einkaufen gehen muss. Nur ein paar Kleinigkeiten, doch dafür den Berg hinunter und das im Regen. Schön! Und das ist nicht ironisch gemeint. Etwas anstrengend ist dabei der Kontakt mit Menschen. Am Wochenende rede ich so gut wie gar nicht und bin auch nicht darauf eingestellt, mich in einem sozialen Umfeld zu bewegen. Aber was soll‘s, einkaufen ist okay, da sagt man nur „Hallo“, „Bitte“, „Danke“ und „Tschüss“. Ich gehe also los, verzichte sogar auf Musik in den Ohren, weil das Geräusch des Regens auf meinem Schirm und in der Umgebung einfach zu schön klingt.

Im Supermarkt husche ich schnell durch die Gänge. Brot, Käse, Brokkoli und Kosmetiktücher, mehr brauche ich nicht. Also ab zur Kasse. Vor mir legen eine Frau und ihre Tochter, die vielleicht 5 Jahre alt ist, ihre Waren auf das Band. Das Mädchen singt sehr laut und sehr schief vor sich hin. Ich bin schon kurz davor, die Augen zu verdrehen, da sagt ihre Mutter: „Ich komme gleich wieder.“ Sie lässt ihr Kind mit den Einkäufen zurück und hechtet in den nächsten Gang. Ich schaue das Mädchen an, sie schaut zurück und seufzt: „Na, das war ja ganz toll von ihr.“

In diesem Moment erinnere ich mich daran, wie schrecklich ich es als Kind fand, wenn meine Mutter noch schnell etwas holen wollte und ich allein mit den noch unbezahlten Sachen zurück blieb. Ich hatte immer Angst, dass mich die Kassiererin oder die Leute in der Schlange beschimpfen würden, wenn sie nicht rechtzeitig zurück käme, bevor wir an der Reihe wären. Ich hatte ja kein Geld und wie sollte ich das alles bezahlen? Ich überlege, ob das Mädchen sich wohl genau so fühlt und entgegne: „Sie kommt bestimmt zurück, bevor du dran bist. Du wirst das nicht allein bezahlen müssen.“ Mit großen Augen erwidert sie: „Ich habe ja auch gar kein Geld hier. Nur zuhause.“ Jetzt finde ich sie doch wirklich niedlich. Sie turnt am Kassenband herum und hält Ausschau nach ihrer Mutter. „Und nach Hause kann ich jetzt nicht. Ich kann ja gar nicht Auto fahren.“ Ich muss ein wenig lachen. „Du kannst ja auch zu Fuß gehen.“ Sie ist entsetzt. „Aber es regnet doch!“

In diesem Augenblick kommt ihre Mutter zurück. Das Mädchen strahlt und dreht sich zu ihr um. „Mama, ich habe mich getraut, mit der Frau zu sprechen!“ Ein Blick der Mutter, die taxiert mich möglichst unauffällig. „Das ist super, mein Schatz.“ Ein Kuss auf das Haupt ihrer Tochter, woraufhin die Kleine meint: „Und sie ist total nett und hat gar nichts Böses gesagt.“ Während ich noch denke, wie süß das ist, geht die Mutter in die Hocke und nimmt das Mädchen bei der Hand. „Du kannst mit Fremden sprechen, aber egal, wie nett sie sind, du gehst niemals mit ihnen mit, ja? Nie, nie, niemals. Auch wenn sie dir tolle Spielzeuge oder Süßigkeiten anbieten. Das machst du nicht. Versprochen?“ Ihr Kind verspricht es ihr.

Ich bin etwas irritiert. Habe ich jetzt tatsächlich dieses Aufklärungsgespräch ausgelöst? Wirke ich wie jemand, der sich ein Kind unter den Arm klemmt und damit verschwindet? Oder war die Gelegenheit gerade günstig, es dem Nachwuchs mal zu sagen? Ich versuche, Augenkontakt mit der Mutter aufzubauen, aber sie ignoriert mich. Das Mädchen hingegen starrt mich an und scheint sich nicht sicher zu sein, was sie nun von mir denken soll. Ich lächle ihr zu. „Deine Mutter hat recht, weißt du?“ Die beiden packen zusammen und verlassen den Laden.

Auf dem Weg nach Hause bin ich etwas nachdenklich. Auch mir hat man als Kind diese Ansprache gehalten. Ich weiß das, auch wenn ich mich nicht bildhaft daran erinnern kann. Aber gab es dafür einen Auslöser? Eine bestimmte Situation? Und ist man heutzutage überempfindlicher und ängstlicher in Bezug auf seine Kinder? Ich kann das nicht beurteilen, ich bin keine Mutter und werde es in diesem Leben wohl auch nicht mehr. Aber interessant ist diese Frage dennoch, spiegelt sie doch die Entwicklung unserer Gesellschaft wider.

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Nehmen Sie einfach ab.

Wenn man mich anschaut, dann sieht man es ziemlich deutlich: Ich bin zu dick. Das finde ich jetzt nicht besonders prickelnd und an manchen Tagen hadere ich wirklich sehr damit, aber es ist eben so. Von Zeit zu Zeit würde ich mir mein Fett gern mit einer Kettensäge entfernen. Wrumm, wrumm! Und abschneiden! Shaping mittels Kettensägen-Diät. Ein Knaller. Wenn es doch nur funktionieren würde…

Als Teenager war ich wirklich schlank, auch wenn ich mich nicht so gesehen habe. Aber Teenager halt, die finden sich ja immer zu dick, zu hässlich, zu dumm und was weiß ich nicht alles. Als ich dann gerade anfing, mich in meiner Haut wohler zu fühlen, musste ich Medikamente nehmen, dann startete das Frustfressen und ich ging immer weiter auf. Wie der berühmt-berüchtigte Hefekuchen. Heute nenne ich mich Blob. Und ich glaube, mein Hintern entwickelt ein eigenes Gravitationsfeld. Auch wenn ich bereits wieder 10 kg weniger auf die Waage bringe als noch vor zwei Jahren.

Mal abgesehen davon, dass mich das auf der ästhetischen Ebene stört, komme ich so langsam in ein Alter, in dem sich erhöhtes Gewicht auch gesundheitlich bemerkbar macht. Mit disziplinierter Gewichtsabnahme könnte ich meine Zipperlein sicher deutlich mindern oder sogar ganz loswerden. Aber Disziplin, was ist das? Ich bin einfach so unheimlich faul, nicht nur in puncto Bewegung, sondern auch was das Kochen angeht oder überhaupt das Essen. Ich mag mir darüber keine Gedanken machen. Ich beschäftige mich nicht gern mit Essen, mit Kochen oder mit dem Einkauf von Lebensmitteln. Das ist ein notwendiges Übel, aber nichts, was mir Spaß macht oder mich auf irgendeiner Meta-Ebene befriedigt. Ich weiß, dass das schlecht ist. Ich weiß, dass ich mich besser um mich kümmern müsste, wenn ich noch ein paar glückliche Jahre auf dieser Erde verleben möchte. Aber es ist verdammt schwer.

Gestern unterhielt ich mich mit einer ebenfalls molligen Freundin darüber, dass sie mal zum Arzt gehen müsse, sie aber auch genau wisse, dass der eh nur sagt, sie solle halt abnehmen. Und das ist so eine Aussage, die leider wahr ist und die mich total wütend macht. Ich habe das Gefühl, dass man als dicker Mensch besonders von Ärzten oft nicht für voll genommen wird. Die Beschwerden werden meist direkt auf das Gewicht geschoben, oft wird man noch nicht mal richtig untersucht. Ich will gar nicht abstreiten, dass es natürlich gesünder wäre, abzunehmen und seinen Körper damit zu entlasten. Und natürlich sind viele Krankheiten dem Übergewicht zuzuschreiben. Aber einfach pauschal zu sagen „Nehmen Sie einfach ab und dann geht es Ihnen besser.“ ist einfach total dämlich. Weil es unwahr ist. Wenn ich mit starken Kopfschmerzen zum Arzt komme, weil mir eine Dachpfanne auf den Kopf gefallen ist, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. Wenn ich total verrotzt und mit hohem Fieber vor dem Doktor sitze, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. In solchen Fällen bekomme ich meine Diagnose, ich bekomme Medikamente, mir wird geholfen. Aber sobald eher unspezifische Sachen im Spiel sind wie Schmerzen, welche die Bewegung einschränken, oder Probleme beim Atmen, Herzrasen oder auch Stimmungsschwankungen, wird sofort die Dicken-Keule rausgeholt. Muss das sein? Was ist denn, wenn eine chronische Erkrankung vorliegt oder vielleicht ein akutes Problem, das behandelt werden muss? Ohne genaue Diagnose weggeschickt zu werden mit so einem blöden Spruch, das finde ich fahrlässig.

Sicher ist mir klar, dass nicht alle Ärzte so sind. Aber ich musste das selber so oft erleben und dabei bin ich „nur“ dick und bewege mich nicht in einem sehr extremen Bereich der Adipositas. Ich will wirklich nicht wissen, wie es anderen damit geht, die noch mehr Kilos drauf haben als ich. Mein Bandscheibenvorfall wurde etwa ein Jahr lang nicht erkannt und nicht behandelt, weil sich niemand bemüßigt gefühlt hat, mal eine vernünftige Untersuchung zu machen. Es hieß immer nur: „Sie sind halt dick, da bekommt man eben Rückenschmerzen.“ Als ich dann schließlich doch ins MRT durfte, sagte meine Orthopädin: „Oh ja… Die Verletzung ist nicht neu, die ist da schon eine ganze Weile.“ Ach was?? Bei meiner ehemaligen Hausärztin habe ich drei Jahre lang drum gebeten, eine Untersuchung meiner Schilddrüse machen zu lassen, weil ich das Gefühl hatte, etwas stimmt nicht. Ihr Kommentar unter anderem: „Sie können Ihre Gewichtszunahme nicht auf die Schilddrüse schieben, daran sind Sie schon selbst schuld.“ Herzlichen Dank für diese qualifizierte Aussage. Da wäre ich allein gar nicht drauf gekommen. Dass meine neue Hausärztin dann allerdings einen einwandfreien Fall von Hashimoto bei mir diagnostizierte, ist bestimmt nur ein dummer Zufall.

Wie gesagt ist das Gewicht sicher mit Schuld an vielen Erkrankungen. Aber ehrlich, es hilft einfach gar nicht, die Dicken von vornherein als „selbst schuld“ abzustempeln und sie nicht ernst zu nehmen. Das ist für uns total entwürdigend und spricht auch nicht gerade für die Professionalität vieler Ärzte. Ich glaube, wenn ich so einen Spruch noch einmal in meinem Leben hören muss, werde ich einfach mal unverschämt dem Menschen gegenüber, der mir so was ins Gesicht sagt. Mal sehen, wie gut dem das dann gefällt.

 

Krankheit

Eine Wohnung aufzuräumen, zum Beispiel nach einer langen Krankheit, kann immens befreiend wirken. Man kann einfach den ganzen Dreck nehmen und ihn beseitigen, einfach entsorgen, als wäre alles, was sich in der Zeit des Totalausfalls angesammelt hat, eine Ansammlung von bitteren Erinnerungen. Ab in die Tonne damit. Mit dem benutzten Geschirr, das man einfach auf dem Couchtisch gestapelt hat, weil man zu schwach war, es in die Geschirrspülmaschine zu räumen. Mit den vollgerotzten Taschentüchern, die sich neben Sofa und Bett zu kleinen Haufen aufgetürmt haben. Mit all den Kleidungsstücken, die achtlos zu Boden geworfen wurden, weil man wegen eines plötzlichen Fieberschubs fast zu verbrennen drohte. Aufräumen, abwaschen, saugen, putzen, damit alles wieder ordentlich und gemütlich wirkt.

Ich habe heute damit angefangen. Drei Tage lang lag ich komplett flach und konnte kaum etwas anderes tun als schlafen. Jetzt ist das Fieber beinahe vergangen und ich kann nicht mehr ausschließlich herumliegen. Also beginne ich mit dem, was meine Wohnung wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzen wird.

Und dabei fällt mir auf, dass ich allzu gern übersehe, wie unfertig alles immer noch ist. Dass immer noch Kartons herumstehen, in denen so viel aus meinem alten Leben verpackt liegt. Dass ich mich immer noch nicht dazu durchringen konnte, diese Dinge in die Hand zu nehmen und irgendwo zu verstauen. Ich verweigere mich der Auseinandersetzung mit diesem Thema, ich schleiche drum herum und kneife die Augen halb zu, damit ich mein Umfeld nicht sehe. Dabei spüre ich alles jeden Tag wie eine Last auf meinem Rücken, die mich nach unten drückt. Immer wieder nehme ich mir vor, mich mal drum zu kümmern. Jetzt aber. Jetzt aber wirklich! Und immer wieder verlässt mich die Kraft.

Vielleicht wache ich irgendwann auf und fühle mich wie nach einer langen Krankheit. Vielleicht will ich dann alles ordnen und kann mit den Gefühlen klar kommen, die das in mir auslöst. Und vielleicht verschwindet dann auch dieses beständige Gefühl von Einsamkeit und Versagen und völliger Überforderung. Ich glaub jetzt mal einfach dran.

Urlaub – eine Hassliebe

Kennt ihr das Gefühl, so richtig urlaubsreif zu sein? Diesen Moment, in dem man auf der Arbeit sitzt und sich ganz weit weg wünscht, weil man einfach nicht mehr kann? Die latente Aggressivität, die sich auf Kunden und Kollegen zu entladen droht? Die Verzweiflung, weil jede Aufgabe zu viel scheint? Dann wisst ihr, wie es mir in den letzten Wochen ging. Ich war fertig mit den Nerven, ich wollte und konnte nicht mehr. Meinen Urlaub habe ich herbei gesehnt, habe mich so richtig darauf gefreut. Hurra, endlich wieder mal frei haben ohne Verpflichtungen und großartige Pläne!

Und bereits am ersten Tag dachte ich, ich müsse eingehen vor Langeweile. Dabei ist es nicht so, dass ich nicht genug zu tun hätte oder mich nicht beschäftigen könnte. Da sind die letzten Kleinigkeiten, die noch in meiner Wohnung gemacht werden müssen. Mein Vorsatz, mindestens einmal im Urlaub Rad zu fahren. Diverse Blogartikel, für die ich bereits Ideen habe, die aber noch geschrieben werden wollen. Treffen mit Freunden. Zur Massage gehen. Mein neues Kostüm nähen, das bis Anfang Juni fertig sein muss. Bücher lesen. Am PC oder der Konsole zocken. Aber zu was habe ich mich aufraffen können? Auf dem Balkon liegen und in den Himmel starren. Auf dem Sofa liegen und an die Decke starren. Schlafen. Sehr viel und sehr ungesund essen. Zwei Bücher lesen. Mehr schlafen.

Das ist nun kein besonders guter Schnitt und inzwischen bin ich in der zweiten Urlaubswoche angekommen. Wenigstens war das Wochenende wirklich schön, denn eine meiner besten Freundinnen war zu Besuch und wir hatten eine echt tolle Zeit. Doch bereits gestern Abend habe ich angefangen mich zu fragen, wie bescheuert ich eigentlich bin. Wenn ich etwas anscheinend wirklich gut kann, dann ist das Zeit verplempern. Ich weiß, wie wichtig es ist, auch mal „sinnlose“ Dinge zu tun, die einem Spaß machen und hinter denen kein tieferer Sinn steckt. Aber nicht mal die zu machen, sondern einfach nur darauf zu warten, dass der Tag vorbei geht und dabei auf irgendetwas zu hoffen, das mein Leben spannend machen könnte, ist eher dämlich. Von nichts kommt nichts. Das ist nun mal so.

Es ist schon seltsam, wie ambivalent ich Urlaub generell gegenüberstehe. Ich finde es natürlich gut, dass ich frei habe. Keine Verpflichtungen, kein Stress, alles locker. Andererseits hasse ich diesen Zustand auch, weil mir jegliche Struktur fehlt und ich nicht genug Disziplin besitze, mich selbst zu irgendwelchen Aktivitäten aufzuraffen. Ich verwandle mich in einen Blob, der halt einfach nur… rumblobbt.

Das Schlimmste an der Zeit, die ich nicht auf der Arbeit verbringe, sind allerdings meine Gedanken an die Arbeit und die Kollegen. Seit einigen Jahren habe ich immer Angst, dass während meiner Abwesenheit auffällt, wie unfähig ich eigentlich bin, wie langsam ich arbeite und dass ich eigentlich untragbar bin. Ich fürchte mich davor, dass man mich zu hassen beginnt. Und dann steht mir die ultimative Ablehnung bevor. Das habe ich einmal erlebt und es war der Horror. Nie wieder will ich ins Büro kommen, von allen geschnitten werden und am Ende des Tages ohne Job dastehen. Mir ist klar, dass ich völlig grundlos überreagiere, doch komplett abstellen kann ich das nicht.

Was würde helfen? Nun, das ist ganz leicht. Etwas tun. Ablenkung. Die Dinge in Angriff nehmen, die ich mir vorgenommen habe.  Oder auch etwas anderes, ganz egal. Nur Hauptsache raus aus der Lethargie. Und morgen fange ich auch ganz bestimmt damit an.

Alter ist nur eine Zahl. Oder?

Meine Gene sind sehr nett zu mir. Sie lassen mich jünger aussehen als ich eigentlich bin. Und das nicht nur zwei oder drei Jahre. Wahrscheinlich trägt zu diesem Eindruck auch mein Wesen bei. Ich bin gerne albern und ich liebe es, mich mit modernen Medien zu beschäftigen und mich über vieles, was neu ist, zumindest mal zu informieren oder es auch auszuprobieren. Ich bin in sehr vielen Social Media Kanälen unterwegs, ich spreche recht modern und habe einen Freundeskreis, der sehr ähnlich tickt. Und dann sind da noch meine Hobbies… Gamer leben länger!

Generell mache ich mir um mein Alter zwar schon häufiger Gedanken, allerdings eher, weil ich es ziemlich lustig finde, die Menschen um mich herum zu verblüffen. Die Reaktionen der Leute sind immer wieder gut für mein Ego. Und auch wenn ich unter meinen Freunden oft die Älteste bin, wird das nie wirklich thematisiert, weil es einfach komplett egal ist. Bei Freunden sollte es ohnehin immer nur darum gehen, mit wem man sich gut versteht und warum. Furcht vor dem Älter werden kenne ich im Grunde auch nicht. Klar, man stellt sich manchmal vor, wie man wohl als Rentner lebt, was man dann noch kann und was nicht… Doch ist es nicht viel wichtiger, wie man sich innerlich fühlt? Das gilt es dann irgendwann herauszufinden.

Nun ist es mir aber doch zum ersten Mal passiert, dass mir mein Alter im Weg steht. Es ist zum ersten Mal ein Problem für mich und ich weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll. Die Situation, durch die das entstanden ist, ist zunächst egal, wichtig ist für mich der Umstand an sich. Diese Bedenken, mein Alter zu verraten, es auszusprechen und damit die Karten auf den Tisch zu legen, kannte ich vorher nicht. Mir war plötzlich ganz klar, dass es Dinge gibt, die für mich nicht mehr greifbar sind, die für mich einfach nicht mehr in Frage kommen (sollten). Und das nur aufgrund einer Zahl, aufgrund meines Geburtsjahres. Das war ein furchtbares Gefühl und es verwirrt mich immer noch und macht mich traurig. 

Ist es denn wirklich so wichtig, wie lange wir schon auf dieser Erde wandeln? Ist es von Belang, wie viele Jahre uns von anderen Menschen trennen? Zählt in bestimmten Situationen nur, ob man in seinen Zwanzigern, Dreißigern oder Vierzigern ist? Es macht uns nicht besser als Mensch, es verändert nicht, wer wir sind. Ich möchte daran glauben, dass unsere Taten entscheidend sind und unser Herz. Dass es diese Dinge sind, die uns definieren und nicht eine Zahl auf Papier. 

Dennoch kann ich nicht umhin, mich im Moment ständig zu fragen, ob die Dinge gerade anders wären, wenn ich ein paar Jahre jünger wäre. Ob ich anders auf bestimmte Sachen reagieren würde oder nicht. Eins weiß ich allerdings: Auf die Gelassenheit des Alters kann ich wohl noch ein Weilchen warten. Die habe ich definitiv noch nicht erworben.

Ich hab die Haare schön.

Es gibt diese Momente im Leben, in denen man sich fragt: „Wieso habe ich das nicht schon früher gemacht?“ So ein Erlebnis hatte ich vor etwa vier Wochen kurz nach meinem letzten Frisörbesuch. Ich kam aus dem Salon und fühlte mich wie ein anderer Mensch. Ein sehr auffälliger Mensch, aber auch positiv verändert. Um diesen Moment überhaupt erleben zu können, habe ich lange überlegt, gehadert und mit mir selbst gerungen. Ich habe mich beeinflussen lassen und meine Selbstzweifel geschürt, es aber letztendlich doch durchgezogen. Und ich bin so glücklich. Also, was habe ich getan?

Ich habe mir die Haare rosa färben lassen.

Das war schon seit Jahren ein Traum von mir und immer dachte ich: „Nein, das kannst du nicht machen, auf der Arbeit gibt das riesige Probleme. Du bist auch schon viel zu alt dafür, das sieht doch eher danach aus, als würdest du auf Krampf jung bleiben wollen. Und was machst du, wenn es blöd aussieht? Alle werden dich anstarren, oh mein Gott!“ Aber dennoch wollte mich der Gedanke nie ganz verlassen. Ende letzten Jahres kam ich schließlich an einen Punkt, an dem ich mir dachte: „Pfeif drauf, wenn du es nicht irgendwann mal machst, dann ist es vielleicht wirklich zu spät!“ Damals war ich noch mit meinem Ex-Freund zusammen, der überhaupt nicht begeistert war von der Idee. Ich fragte ihn, ob er sich schämen würde, wenn ich meinen Plan in die Tat umsetze und leider bejahte er dies. Wir kamen schließlich auf einen Kompromiss: Sollte ich es schaffen, 10 Kilo abzunehmen, wäre er damit einverstanden, dass sich mein Kopf rosa verfärbt. Vermutlich dachte er, dass ich es eh nie schaffen würde, aber ich war fest davon überzeugt. Nun, die Dinge entwickelten sich im Januar dieses Jahres komplett anders, er trennte sich von mir und ich war am Boden zerstört. Aber man soll ja auch in dunklen Zeiten die positiven Dinge im Leben sehen. Also beschloss ich, mich ein wenig mehr um mich selbst zu kümmern und mir etwas Gutes zu tun. Zum Glück habe ich zwei ganz wundervolle Chefinnen, für die das Thema gar kein Problem war und die mir ausdrücklich erlaubten, mich dieser doch ziemlich rigorosen Typveränderung zu unterziehen. Immerhin arbeite ich mit einem internationalen Publikum zusammen, da sollte man das doch vorher abklären.

Mein gewohntes Ich vor der Verwandlung.

Zwei Monate lang durchforstete ich das Internet nach Berichten übers Haare färben. Nicht, dass ich in dieser Hinsicht vollkommen unbeleckt gewesen wäre, aber es ist halt noch mal etwas anderes, sein Haar einfach mit einer Farbe zuzukleistern oder es komplett zu bleichen und dann eine schreiend bunte Farbe hinein zu geben. Ich wollte nicht, dass mir bei der Aktion büschelweise Haare flöten gehen und ich wollte auch kein totes Stroh auf dem Kopf haben.

Im März fand ich dann über den Blog „Shias Welt“ zum Salon „j.7 Hairstyling“ in Düsseldorf und wurde dort vorstellig. Krystin, die dort arbeitet und ein Profi für ausgefallene Farben ist, beriet mich schon einmal im Vorfeld über das, was vermutlich machbar wäre und wir vereinbarten einen Termin für den Samstag vor Ostern. Ich war irre aufgeregt! Obwohl sie mir sagte, dass wir uns vermutlich über erdbeerblond an meine Wunschfarbe herantasten müssten, war ich erstmal nur froh, dass sie mich auf meinem Weg begleiten wollte und mir nicht gleich das Blaue vom Himmel herunter versprach. Ich hatte sofort den Eindruck, dass sie das bestmögliche Ergebnis erzielen wollte, ohne meine Haarpracht zu vernichten.

Am Tag des Termins war ich wirklich sehr nervös. Während der ersten Stunde im Salon, während der meine Haare gewaschen und schon einmal mit einem Peeling sanft entfärbt wurden, war mir zeitweise so schlecht, dass ich dachte, ich kippe vom Stuhl. Zum Glück legte sich das bald, was auch an der wirklich netten Atmosphäre und der super Betreuung von Krystin und Kevin lag. Fünfeinhalb Stunden lang wurde gebleicht, gewaschen, gefärbt, gepflegt, geschnitten und geföhnt. Wir waren noch nicht einmal ganz mit dem Bleichen durch, da eröffnete mir Krystin, dass wir bereits ordentlich mit Farbe arbeiten könnten, da meine Haare alles sehr gut annähmen. Oh, diese Freude!

Lustiger Aluhut.

Mit Verhüterli.

Typ „Pissoir auf der Hamburger Reeperbahn“.

Das Färben beginnt.

Noch etwas zu hell…

… also fix noch mal nachdunkeln.

 

Am Ende sah ich dann komplett anders aus als erwartet, aber das Ergebnis gefiel mir unglaublich gut und ich war extrem glücklich.

Seit diesem Tag färbe ich etwa jede Woche meine Haare nach, denn bunt wäscht sich unheimlich schnell heraus. Ist aber eher lustig als nervig, denn so habe ich tatsächlich beinahe jeden Tag eine andere Haarfarbe. Und etwas, das ich gar nicht erwartet habe, ist eingetreten: Ich fühle mich sehr viel mehr wie ich selbst. Eigentlich dachte ich, dass ich mit den Blicken der anderen Menschen zu kämpfen haben würde, doch ich fühle mich eher selbstbewusster und wohler in meiner Haut als zuvor. Jahrelang habe ich immer gedacht, die graue Maus würde am besten zu mir passen. Bloß nicht auffallen. Lag ich da falsch? Ich bekomme nun unheimlich viele Komplimente und ich kann mich sogar ehrlich darüber freuen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nicht das Gefühl, dass mich jeder anlügt, wenn er mir sagt, dass ich gut aussehe. Weil ich mich selbst auch so fühle. Klar, nicht an jedem Tag. Das wäre vermutlich auch zu viel verlangt. Aber es geht mir blendend mit meinem neuen Aussehen und das strahle ich anscheinend auch aus. So kann es gern weitergehen!

happy me

total gelähmt

Ich bin paralysiert. Die Welt ist eingefroren, aber mir ist heiß und ich spüre, dass nicht mehr Hirn sondern Watte meinen Kopf ausfüllt. Jegliches Denken fällt schwer, jeder Handgriff ist eine Überwindung. Ich wünsche mir, dass es aufhört, dass ich mich nicht mehr so fühlen muss, doch dafür müsste ich vorankommen, müsste ich diese ganze Arbeit schaffen und ich weiß nicht einmal mehr, wo ich anfangen soll. Alles ist wichtig, alles muss gemacht werden. Am besten gestern. Natürlich.

Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Nicht nur im Büro, da ohnehin. Schon seit Monaten. Nein, jetzt habe ich mir alles, was ich von zuhause aus machen kann, mitgenommen und versuche, hier das Chaos zu beseitigen. So weit es geht. Ich mache das einfach, ich entscheide das eigenmächtig. Eine andere Wahl habe ich kaum. Außer vielleicht die, mit einem Nervenzusammenbruch auf der Arbeit zu sitzen. Dann wäre ich völlig außer Gefecht gesetzt.

Seltsam eigentlich, dass Körper und Geist bei mir so dicht machen, wenn ich überfordert bin. Statt mit viel Kraft und Elan an die Sache zu gehen, sitze ich weinend und verzweifelt über den Papieren, über den E-Mails und bin beinahe handlungsunfähig. Und weil das so ist, entwickelt sich auch noch ein schlechtes Gewissen. Ich leiste nicht genug. Ich schaffe mein Pensum nicht. Niemand kann sich auf mich verlassen. Bla bla in meinem Hirn.

Ich bin gut in meinem Job. Ich liebe ihn. Aber es ist einfach zu viel. Schon vor Monaten habe ich mich gefragt, wie lange ich das noch aushalten und wie viel ich noch geben kann. Inzwischen laufe ich auf Reserve. Noch eineinhalb Wochen bis zum Urlaub. Ich schaffe das schon irgendwie bis dahin. Aber dann muss ich meine großartige Kollegin allein lassen. Und vielleicht wird es zu viel und dann läuft sie auf dem Zahnfleisch. Wir alle haben schließlich noch ein Leben neben der Arbeit. Und sie mehr als ich, mit Familie und allem.

Egal. Erstmal durchatmen. Und dann weitermachen.