Twitter-Energie

So sehr ich den sozialen Medien auch verbunden bin und so gerne ich mich in ihnen bewege: Manchmal bin ich es leid. Manchmal bin ich es so leid, dass ich innerhalb von 10 Sekunden zum Misanthropen mutiere und mich einfach nur von allen Menschen entfernen und abkapseln möchte. Ich weiß, dass soziales Miteinander zu den schwierigsten Dingen im Leben gehört, dass es mitunter eine Gratwanderung sein kann und immer wieder auch Empathie und Diplomatie erfordert. Niemand kann dieses Minenfeld unbeschadet überqueren. Es wird immer mal wieder eine Bombe explodieren, die dich oder andere verletzt. Aber das gehört dazu und mit diesem Risiko leben wir alle. Und jede Äußerung, jedes Verhalten eines Menschen im persönlichen Umfeld platziert einen neuen Sprengkörper auf dem Schlachtfeld. Für irgendjemanden wird das zu einem Problem werden, aber eben nicht für alle. Und nur wenn jeder von uns aufhört, mit anderen zu interagieren, können wir bombenfrei durchs Leben kommen. Dass das nicht möglich ist, sollte jedem klar sein. Wir alle sind auf Kommunikation und Miteinander angewiesen. Dazu gehört auch, seine Ansichten und Meinungen zu teilen und die von anderen Menschen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Wir müssen nicht alle einer Meinung sein, aber wir sollten konstruktiv mit anderen Einstellungen umgehen können oder wenigstens versuchen, dies zu lernen. Aufforderungen, die dazu anhalten, sich zu nichts zu äußern und seine Ansicht nicht kundzutun, sind hier nicht förderlich.

Vorgestern habe ich mal wieder gemerkt, wie schnell man zum Buhmann mutieren kann und wie sehr sich andere Menschen an ein paar Worten aufhängen können. Auslöser dafür war meine Äußerung zum Brand von Notre Dame in Paris. Ich habe meine Ansicht zu dieser Sache getweetet. Und ich kann nicht behaupten, dass die nun besonders kontrovers oder anstößig gewesen wäre. Mein Text las sich folgendermaßen:

Fühle mich wie ein schlechter Mensch, weil alle wegen Notre Dame weinen und geschockt sind und ich es halt schade finde, mir aber denke: „Es ist eben doch nur ein Gebäude.“

Schaue ich mir diese Äußerung an, kann ich folgende klare Aussage darin erkennen: „Es ist schade, dass das passiert.“ Wenn man noch zwei Sekunden länger darüber nachdenkt, kommt man vielleicht auch auf „Es ist ein Gebäude und es brennt, aber es ist eben nur Material und (zum Glück) kein Mensch.“ Vielleicht übersehe ich noch etwas Fundamentales, aber… Nein, ich denke, eigentlich nicht.

Was mir dann auf Twitter entgegen schlug, war… Sagen wir mal, es war interessant. Die öffentlich sichtbaren Antworten waren ja noch zivilisiert und reichten von „Ich akzeptiere deinen Standpunkt, aber ich bin halt wirklich fertig deswegen.“ über „Aber das ist eben nicht nur ein Gebäude, es ist so viel mehr.“ bis zu „Du bist ignorant!“. Über letzteres konnte ich wirklich nur den Kopf schütteln. Da teile ich auch gerne mal den Inhalt dieses Tweets und sage vorher dazu, dass ich diese Person nicht kenne und auch wirklich noch niemals in irgendeiner Form Kontakt herrschte.

Ignorant. Dann stört es dich nicht, wenn Menschen sterben? Korallenriffe absterben? Tiere getötet werden? Same energy, my dear. Davon gibt es auch viel. Solche Aussagen sollte man nicht auf Twitter teilen. Wundert mich nicht, wenn Nachrichten den falschen Ton treffen. Es sind eben auch nur Menschen.

Think about it!

Okay. Warte. Was? Ich würde ja gerne wissen, wo ich eine Verbindung zwischen einem Kirchenbrand, dem Klimawandel und Tierquälerei gezogen habe, aber ich kann beim besten Willen nichts finden. Keinen Hinweis darauf. Und wieso vergleicht man diese Dinge überhaupt? Das Beste an der Sache ist, dass mich dieser Typ nicht kennt, dass er keine Ahnung hat, was für ein Mensch ich bin, und dass er da einen Charakter beschreibt, der kaum weiter von mir entfernt sein könnte. Ich musste erstmal lachen, weil sich das so unglaublich surreal und falsch anfühlte.

Es ist einfach total anmaßend, sich anhand von ein paar Wörtern, anhand von einer einzigen Meinungsäußerung ein komplettes Bild eines Menschen zu basteln und das als Wahrheit zu verkaufen. Ich meine, gerade die Sache mit den Tieren… Ja, vielleicht sind mir Menschen zu einem großen Teil egal. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber gerade Tiere. Ich rette jeden kleinen Regenwurm, ich bin im Tierschutz aktiv und komme oft an den Rand meiner nervlichen Belastbarkeit, wenn es um gequälte oder getötete Tiere geht. Aber wie wir gerade gelernt haben, stimmt das anscheinend gar nicht, denn ich bin wohl ein ganz anderer Mensch als ich bisher dachte! Oh man… Wer meint, mir mit solchen Behauptungen eine Form von Ignoranz vorwerfen zu können, der sollte sich mal ganz dringend über seine eigene Energie Gedanken machen.

Noch viel erschreckender ging es aber in meinem privaten Nachrichtenfach zu. Ich bekam drei Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne und von denen ich auch einfach mal behaupte, sie nicht kennenlernen zu wollen. Und alle drei waren… eher unfreundlich. Da ich die Nachrichten sofort gelöscht und die Verfasser blockiert habe, kann ich den genauen Wortlaut nicht wiedergeben, also sind sie hier frei aus meiner Erinnerung:

Was bist du für eine dumme Kuh? Bist du zu blöd, um zu verstehen, was da gerade passiert?

Am besten sollte man dich anzünden, damit du mal siehst wie das so ist.

Wenn ich so dumme Sachen lese, könnte ich kotzen.

Hach ja. Danke, Twitter! Da möchte ich ein wenig applaudieren. Wegen so einer Lappalie, wegen so einem unwichtigen Kleinscheiß kommen die Leute aus ihren Höhlen gekrabbelt und machen Radau? Eigentlich spricht so ein Verhalten für sich selbst, eigentlich sollte es mir herzlich egal sein und ich sollte drüber lachen. Aber an dem Abend haben mir diese Reaktionen wirklich weh getan. Ich konnte kaum einschlafen, ich habe geweint und fühlte mich komplett missverstanden. Am nächsten Morgen hatte ich schon einen anderen Blick darauf, so dass ich fast Mitleid mit diesen armen Würstchen empfunden habe. Fast. Ein paar fiese Nadelstiche spüre ich immer noch.

Mal ehrlich: Muss so ein Verhalten untereinander sein? Ist es so schwer, andere Meinungen zu akzeptieren, gerade wenn sie nicht radikal sind? Bei extremen Aussagen verstehe ich gewisse Reaktionen ja noch, aber in diesem Fall…? Es hat mich wirklich erschreckt, wie schnell einen die Leute angehen und wie unverschämt dabei vorgegangen wird. Natürlich werde ich mich jetzt nicht heulend von Twitter abmelden, denn für mich überwiegt weiterhin das Gute, und ich möchte mich in Zukunft auch nicht an andere anpassen, denen meine Meinung nicht gefallen könnte. Aber ein komisches Gefühl wird mich wohl eine Zeitlang begleiten.

 

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Wann ist ein Heim ein Heim?

Neulich habe ich einen Teil meiner Unterlagen sortiert und dabei ist mir mein Mietvertrag in die Hände gefallen. Schön! Ich wusste gar nicht, wo der geblieben war. Meine Ordnung, was Dokumente angeht, ist seit Jahren „Schublade auf, Papiere rein, Schublade zu.“ und das war’s. Bei jedem Umzug gibt es so ein oder zwei Kartons, in denen wirklich nur Dokumente gelagert und durch die Gegend getragen werden. Ich hasse es, aber ich bin auch grundlegend faul, was Papierkram angeht. Jedenfalls versuche ich das anzugehen und dabei stieß ich eben auf meinen Mietvertrag. Ich saß in meinem Wohnzimmer, die Sonne schien durch die Fenster, neben mir schnarchten die Kater im Tiefschlaf auf dem Kratzbaum. Alles war ruhig und friedlich und doch… Während ich mich umsah, dachte ich darüber nach, was in den letzten zwei Jahren so alles in diesen Räumen geschehen war und welche persönliche Entwicklung ich durchgemacht habe. Und ich fragte mich, ob ich diese Wohnung, in der ich mich selbst am Anfang so schwer akzeptieren konnte, inzwischen eigentlich liebe oder nicht.

Für mich ist das Thema „Zuhause“ einerseits sehr emotional, andererseits auch relativ egal. Das ist schwer zu erklären, denn dieses Wissen ist eher ein Empfinden. So ein Gefühl ganz hinten in meinem Herzen, das man nur dumpf erspüren kann. Ich bin in meinem Leben so oft umgezogen, dass ich gar nicht mehr glaube, irgendwo ein Zuhause zu besitzen. Heimat, ja, das ist für mich Norddeutschland, die Gegend zwischen Bremen und Hamburg, die Gefilde meiner Kindheit. Dort, wo mir der Wind um die Nase weht, wo man immer ein wenig Salz in der Luft schmecken kann und wo der Blick in die Ferne schweift. Aber mein Zuhause? Wo ist das? Wirklich dort, wo ich nun lebe?

Ja, natürlich ist es dort, wo ich meinen Wohnsitz angemeldet habe. Auf dem Papier. Rein verstandesmäßig. Ich fühle mich wohl in meinen vier Wänden, zumindest meistens. (Im Moment nicht, weil ich mit meinem Haushalt kaum noch hinterher komme, was eine neue Beziehung bei mir wohl irgendwie immer mit sich bringt. Die Ruhephasen, die ich brauche, schiebe ich auf die Wochentage und an den Wochenenden bin ich entweder in Essen oder mein Freund ist bei mir. Ich weiß noch nicht so ganz, wie ich das lösen soll.) Ja, meine Einrichtung könnte mir selbst mehr entsprechen, ich habe viel zu viel Kram und muss das alles mal ausmisten, es gibt Baustellen in der Wohnung, wo dringend mal etwas ausgebessert werden müsste, aber im Großen und Ganzen ist doch alles in Ordnung. Die Hausgemeinschaft ist nett und ruhig, die Umgebung ist angenehm und die Verkehrsanbindungen sowie die Einkaufsmöglichkeiten im Umkreis sind super. Dennoch denke ich manchmal, dass die Stadt, in der ich lebe, mir seltsam fremd und distanziert erscheint. Selbst wenn ich mich mit ihr befasse, etwas zur Geschichte oder zum Stadtbild lese, mich durch die Straßen bewege, neue Dinge kennenlerne… Mir bleibt das alles immer so fern und fremd. Nicht, weil ich Wuppertal hassen würde. Nein, das ist es gar nicht. Es ist eher so ein Gefühl von „Ich gehöre hier nicht her.“, das ich nicht überwinden kann. Ich lebe in dieser Stadt, ich bewege mich durch sie hindurch, aber dennoch empfinde ich es nicht so, dass ich wirklich in ihr lebe. Wie soll ich das nur erklären?

Irgendwie warte ich immer auf den Moment, in dem ich mich angekommen fühle. Dabei weiß ich nicht mal, wie diese Empfindung sich äußern sollte. Ruhe ich dann von einer Sekunde auf die andere in mir selbst? Oder fühle ich plötzlich die Liebe zum Bergischen Land in mir aufwallen? Werde ich nie wieder aus meiner Wohnung ausziehen wollen? Ich bin gespannt, ob sich in dieser Richtung etwas tun wird oder ob ich mich einfach immer weiter innerlich zuhause, aber niemals richtig daheim fühlen werde.

Triggerpunkte

Es gibt sie selten, diese Momente im Leben, in denen ich merke: „Oh, dadurch wird jetzt gerade etwas in mir ausgelöst. Das wird sich zu einer Panikattacke auswachsen.“ Meistens habe ich dafür kein Bewusstsein, keinen Blick. Ich renne hektisch durchs Leben und schiebe alles, was unangenehm ist, möglichst weit von mir weg. Natürlich erreicht es mich trotzdem, aber ich bilde mir ein, das nicht mitzubekommen. Mein letzter Beitrag hier hat so eine Situation beschrieben und dieser hier wird das noch einmal tun. Bin ich empfänglicher geworden dafür? Nein, ich denke nicht. Aber ich versuche seit einiger Zeit, mehr auf mich und auf das, was ich brauche, zu hören. Vermutlich ist das der Grund dafür, warum ich Auslöser leichter wahrnehmen und im Nachgang besser einordnen kann. Ich finde das gut, denn so zeigen sich gewisse Muster und unverarbeitete Dinge aus der Vergangenheit. Das macht die Arbeit mit mir selbst sehr viel leichter.

Am letzten Wochenende habe ich meiner Agoraphobie den Mittelfinger gezeigt und bin gereist. Jedes Mal ein großer Akt, weil es mir vorher nicht so gut geht und die Katastrophengedanken gern mächtiger werden. Doch da ich das bereits kenne, habe ich hierfür Strategien entwickelt. Einzig und allein das Packen meines Koffers ist immer noch mit großen Problemen behaftet. Ich brauche immer Ewigkeiten dafür, denn sobald der Koffer gepackt im Flur steht, ist es einfach real, dass ich für einige Tage nicht zuhause sein werde. Nun gut, die Hürde hatte ich genommen, mein Nachbar hat auf meine Dickies aufgepasst und ich konnte relativ beruhigt die Tür hinter mir schließen.

Ich habe mich also zusammen mit meinen Besties auf den Weg nach Paris gemacht, wo wir das Final Fantasy XIV Fan Festival besuchen wollten. Und es war super. Wirklich, ich hätte es bereut, wenn ich nicht mitgefahren wäre. Ich habe einige Leute, die ich bisher nur aus dem Spiel kannte und mit denen ich nur online Kontakt hatte, endlich persönlich treffen können. Es gab zwei tolle Konzerte, die ich unheimlich genossen habe. Wir haben den Pariser Straßenverkehr überlebt, was wirklich nicht ganz einfach war. Und ich habe vier Tage Dauerbeschallung, ununterbrochenen menschlichen Kontakt und unbekannte Orte ohne Panik erlebt.

Das einzige Problem, das aufgetaucht ist, zeigte sich am Morgen unserer Abreise in Form von zwei jugendlichen Franzosen, die beim Frühstück neben uns saßen. Wir haben sehr traditionell den Genüssen der regionalen Küche gefröhnt (sprich: Wir haben bei McDonald’s gegessen.), uns abwechselnd auf Deutsch und Englisch unterhalten und hatten Spaß. Die Mädels neben uns hatten aber anscheinend irgendein Problem damit. Am Anfang hat es mich nur genervt, dass sie extrem laut irgendwelche Videos auf ihren Handys geschaut haben. Okay, kann man irgendwie ignorieren. Dann haben sie ausdauernd und falsch zu einem Lied mitgesungen. Auch noch ignorierbar. Allerdings fiel ihnen wohl irgendwann ein, dass wir ganz gute Opfer abgeben könnten, denn sie fingen an, uns nachzumachen, irgendwas auf französisch zu rufen, was wir natürlich nicht verstehen konnten, und schließlich kramten sie die fünf Brocken Englisch und Deutsch hervor, derer sie mächtig waren. Ich weiß, dass sie uns nur provozieren wollten, da ihnen wohl langweilig war. Und außer mir und Heike hat davon anscheinend auch niemand etwas mitbekommen. Letztendlich wurde es ihnen wohl zu dumm, denn sie sind aufgestanden und gegangen.

Das klingt alles sehr harmlos und das war es eigentlich auch. Niemand hat sich geprügelt, niemandem ist weh getan worden. Dennoch war mir am Ende dieser Begegnung extrem schlecht und ich hatte das Gefühl, mich nicht mehr auf meinem Stuhl halten zu können. Warum? Weil mich dieses Verhalten getriggert hat. Generell habe ich ein Problem mit Jugendlichen. Ich kann sie nicht ansehen, ich gehe ihnen aus dem Weg, ich fürchte mich manchmal sogar vor ihnen. Vermutlich werden viele Menschen, die wie ich in der Schule Außenseiter waren oder gemobbt wurden, ähnlich empfinden. Diese Gefühle graben sich einfach ein. Man vergisst das nicht. Und genau so ein Verhalten wie das der zwei mutmaßlichen Schulschwänzerinnen (Was hat man um diese Zeit im McDonald’s zu suchen?) triggert mich. Ich fühle mich hilflos, angegriffen, abgewertet, hässlich und wertlos. Und das wiederum löst in mir die körperlichen Symptome aus, die einer Panikattacke vorangehen. Übelkeit, Schwindel, Kreislaufschwäche, Herzrasen, schwitzige Hände und je nach Intensität gern auch noch ein paar mehr. Hätte ich diese Situation in Deutschland gehabt, hätte ich mich mit den beiden vielleicht sogar angelegt, denn irgendwann gesellt sich Wut zu meinen Empfindungen. Wut darüber, dass ich mich immer noch so fühle wie das 15jährige Mädchen, das sich in den Pausen in der Toilette versteckt, um nicht von den anderen fertig gemacht zu werden. Wut auf die Menschen, die sich anderen gegenüber so respektlos verhalten. Wut auf meine alten Mitschüler, die so schöne Dinge getan haben, wie mich am ersten Tag in der neuen Schule zu fragen, ob ich behindert wäre, denn ich würde so aussehen.

Nachdem die beiden gegangen waren, hat es tatsächlich noch einige Zeit gedauert, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Dennoch ließ mich dieses Erlebnis bisher nicht so richtig los. Auch weil ich gemerkt habe, dass die Selbstsicherheit, die ich in den Tagen davor erlebt habe, innerhalb weniger Minuten komplett in sich zusammengebrochen ist und ich mich sofort wieder gefragt habe, was mit mir nicht stimmt. Wieso werde ich so seltsam von der Seite angemacht? Was ist mit mir falsch, dass man mich nicht einfach in Ruhe lassen kann? Diese Fragen tauchen auf und verfolgen mich dann so lange, bis sie sich einen netten Platz in meinem Hinterkopf sichern konnten. Dort wird dann gehockt bis sich die nächste Chance zum Angriff bietet.

Ich bin mir etwas unsicher, wie ich solche Situationen in Zukunft angehen soll. Ich bin jetzt erst einmal froh, dass ich einen Triggerpunkt entlarvt habe, den ich meiner Liste hinzufügen kann. Vermutlich hilft auch hier mehr Selbstbewusstsein. Ich übe noch an dem Fingerschnipsen, das mir dazu verhilft.

Warum ein schlechtes Date besser ist als ein gutes.

Niemand will ein schlechtes Date haben. Man wünscht sich, dass alles harmonisch läuft, dass man einen total interessanten Menschen kennenlernt, mit dem man im besten Fall nicht nur einen Abend verbringt, sondern den Rest seines Lebens. Am Anfang schleicht man ein wenig umeinander herum, versucht mehr über den anderen zu erfahren und trifft sich noch einmal, um zu sehen, ob auch die zweite Begegnung so gut verläuft wie die erste. Falls ja, dann kommt man sich langsam näher und näher, es gibt noch mehr Verabredungen und irgendwie baut sich dann langsam so etwas wie eine Beziehung auf. Und während dieser ganzen Zeit wird eine Art Spiel gespielt. Bloß nicht preisgeben, was man selber denkt, hofft und erwartet. Den anderen aus der Reserve locken, bevor man sich selbst öffnet. Ein Schritt nach vorn, ein Schritt zurück. Ich kann wirklich nicht gut damit umgehen. Unklare Situationen machen mich irre, ich muss wissen, wo ich stehe, wo der andere steht und wie es weitergeht. Am besten folgt man einer Art Fahrplan. Und zwar nicht dem einer Bimmelbahn, die drei Stunden braucht, um von einem Ort zum anderen zu kommen, sondern dem eines Regionalexpress, der nicht an jeder Milchkanne Halt macht.

Bei einem schlechten Date muss ich mir keine Gedanken machen um alles, was danach kommt. Ich kann es abhaken, vielleicht sogar darüber lachen. In mir regen sich keine Selbstzweifel, das ganze Kopfkarussel fängt nicht an, sich zu drehen. Es hat halt einfach nicht gepasst, passiert, kein Problem.

Bei einem guten Date stellen sich mir tausend Fragen, auf die ich keine Antwort erhalte und von denen ich selbst genervt bin. Ich will mich gar nicht damit beschäftigen, ob nur ich das Treffen als gut empfand. Ich will nicht darüber nachdenken müssen, ob ich „ausreiche“ und interessant genug bin. Ich will nicht auf Nachrichten warten. Unklare Aussagen, Interpretationen von Textnachrichten, das ständige Überlegen, wie offen man sein darf und immer darauf bedacht sein, den anderen nicht zu verschrecken… Das ist ungeheuer anstrengend.

Ja sicher, ich muss nicht so denken. Aber ich bin ehrlich: Das ist harte Arbeit. Seit Jahren versuche ich, mein Selbstwertgefühl zu stärken, denn ich denke, das ist die Wurzel meiner Probleme. Doch wer das schon einmal versucht hat, der weiß, dass es nicht ganz so einfach ist. Es gibt Hochs und Tiefs und man muss sich jeden Tag sagen, dass es okay ist, so zu sein, wie man ist. Es sei denn, man wäre Massenmörder Ralf. Nicht gut. Nicht okay. Aber so zu sein wie ich: Vermutlich okay. Ich bin mir oft nicht so sicher. Es wäre toll, wenn ich es einfach abstellen könnte, meinen eigenen Wert an der Reaktion anderer zu messen. Das funktioniert nur nicht so leicht, also arbeite ich eben täglich daran. Jeder Mensch braucht ein Hobby!

Man könnte also sagen, schlechte Dates sind für mich leichter zu verarbeiten, weil ich mir im Nachgang keine Gedanken machen muss und das einfach schneller abhaken kann. Emotionen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Ich kann einfach wieder zum Alltag übergehen. Bei den guten (die wirklich weitaus seltener sind und darum auch sehr ungewohntes Terrain für mich – viel ungewohnter, als man glauben könnte) stürze ich mich wie ein Klippenspringer in die Tiefe, lande in Stromschnellen und versuche darin zu überleben, bis das Wasser wieder ruhiger wird. In dieser Phase befinde ich mich übrigens gerade. Die ersten Tage nach einem Treffen sind oft die härtesten, aber ich denke, ich halte mich bisher einigermaßen tapfer und kann jetzt dazu übergehen, mich etwas zu entspannen.

Wie gesagt: Jeder Mensch braucht ein Hobby.

 

 

Jahreswechsel-TV

Zu jeder Jahreszeit gibt es ganz bestimmte Werbekampagnen im Fernsehen, die auf saisonale Zielgruppen gemünzt sind. Im Frühjahr läuft verstärkt Werbung für Heuschnupfenpräparate, im Sommer für Sonnencreme und Mückenspray, im Herbst knöpft man sich die Erkältungsopfer vor und schleudert ihnen aus der Glotze Vorschläge für Medikamente um die Ohren. Ihr wisst, wie es läuft. Eigentlich bin ich nicht so der Fernsehgucker und wenn doch, dann läuft irgendwelcher Kram nebenbei (wenn ich aufräume etwa) oder ich bin auf Netflix unterwegs. Im Winter ändert sich das aber für einige Wochen. Nämlich genau für die Zeit um Weihnachten und um Silvester herum. Ich habe keine Ahnung, warum genau das so ist. Die kitschigen Filme und die Serien mit Weihnachts- oder Silvesterfolgen könnte ich mir auch auf Netflix anschauen. Aber nein, ich tue mir das Fernsehprogramm an. Und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber im Grunde und vollkommen nüchtern betrachtet ist der Fernseher über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel eines der nervigsten Dinge im Alltag.

Das Schlimmste ist für mich wirklich die Werbung. Oh mein Gott, diese Werbung! Selbst wenn man keine Ahnung hätte, wann Weihnachten stattfindet, könnte man es an der Werbung erkennen. Drei bis vier Wochen vor dem Fest schaffen es beinahe ausschließlich Parfum, Schmuck und Schokolade während der Werbepause auf den Bildschirm. Ich kann kaum beschreiben, wie sehr mir das auf den Keks geht. Als würde sich die ganze Welt plötzlich nur noch darum drehen, möglichst viel zu konsumieren, vor allem Geschenke, denn ohne Geschenke geht ja gar nichts, weil Weihnachten schließlich nur für die Geschenke erfunden wurde, oder nicht? Kurz vor Heilig Abend überbieten sich dann die verschiedenen Lebensmittelketten mit super Angebotspreisen und tollen festlichen Aktionen und es beschleicht einen langsam das Gefühl, es wäre nicht okay, über Weihnachten weniger zu essen als eine 40köpfige Großfamilie in Russland. Selbst wenn man alleine ist. Egal! Vollstopfen lautet die Devise!

Ist Weihnachten vorbei, geht es weiter mit den obligatorischen Silvesterwerbespots. Böller, Knaller und Raketen zum Vorzugspreis. Und natürlich Alkohol. Wenn das neue Jahr doch so toll werden soll, warum ist dann jeder scharf darauf, es komplett besoffen und vernebelt zu beginnen? Vermutlich, damit man die Werbung der ersten zwei Januarwochen nicht mitbekommt. Denn da geht es vorrangig ums Abnehmen. Fitnessstudios, Schlankheitskuren, Diätgurus und sonstiges aus der Richtung tummeln sich auf den TV-Bildschirmen der Nation und bieten ihre Wundermittel, -heilung, -waffen an.

Erst Mitte Januar wird der ganze Zirkus etwas weniger und man kann mal wieder gedanklich zur Ruhe kommen, ohne ständig mit der Nase auf alles gestoßen zu werden, was mit Neujahrsvorsätzen zusammenhängt. Zum Glück befinde ich mich zu diesem Zeitpunkt dann bereits wieder im Netflix- oder Dokumentationsland. Keine Werbung, keine nervigen Konsumanweisung, keine Nackenschmerzen vom ewigen Kopfschütteln. Und die Hoffnung bleibt, nächstes Jahr nicht wieder in meine Jahreswechsel-Fernsehgewohnheiten zu verfallen.

Mitteilungszweifel

Es ist ein wenig lächerlich, dass ich mich davor scheue, meinem Blog neue Einträge hinzuzufügen. Ich habe in den letzten Wochen oft angefangen zu schreiben und dann wieder aufgehört, die Worte als Entwurf gespeichert und das Ganze schließlich nicht mehr angerührt. Warum? Weil es mir im Moment nicht gut geht und ich in solchen Situationen immer an das denken muss, was mir vor Jahren einmal dazu gesagt wurde. „Du jammerst nur rum, deine Beiträge sind immer negativ. Das nervt.“ Damals hatte ich mir vorgenommen, mehr darauf zu achten, vorwiegend positive und lustige Dinge zu schreiben. Auf Twitter habe ich mir einen extra Account angelegt für alles, worüber ich mich gerade aufrege oder was irgendwie negativ im persönlichen Kontext ist. Das Konto ist auch geschützt und ich kontrolliere ziemlich genau, wer darauf zugreifen darf. Ich möchte meine Umwelt nicht mit unnötigem Mist belasten, doch ab und zu möchte ich mich einfach auch mal auskotzen können. Ohne dass mir das vorgehalten wird.

Aber hier, wo ich ausführlicher schreibe – auch wenn es mein Bereich ist, in dem ich bestimme und den jeder sofort wieder verlassen kann, wenn er möchte – hier befallen mich oft Zweifel, ob ich sagen darf, was mir auf der Seele brennt. Ob ich zeigen kann, wie es mir geht. Und das dass eigentlich purer Blödsinn ist und wieder nur meinem Wunsch nach Annahme entspricht und der Angst vor Ablehnung, ist mir vollkommen klar. Aber ich möchte einfach nicht hören, dass ich anderen auf den Geist gehe und dass sie es leid sind, meinen ganzen Müll abzubekommen. Und noch mehr als das möchte ich es nicht nur nicht hören, sondern ich will mich auch nicht so verhalten. Ich möchte nicht diejenige sein, mit der man sich nicht mehr unterhalten will, weil ja doch immer nur das gleiche Blabla dabei rum kommt. Ich möchte nicht diejenige sein, mit der sich niemand mehr treffen möchte, selbst wenn ich im Moment nicht weiß, ob ich Gesellschaft überhaupt aushalte.

Es geht um Akzeptanz. Selbstakzeptanz und Fremdakzeptanz und immer noch ist mir das fremde Akzeptieren, das der anderen, so viel wichtiger als das eigene. Als wäre ich nicht wertvoll genug, als würde es sich nicht lohnen, den Kopf hoch zu halten und zu sagen: „So bin ich, so geht es mir, leb damit.“

Was mache ich jetzt mit dem verworrenen Gedankenknoten in meinem Kopf? Gehe ich der Situation aus dem Weg, indem ich die Beiträge geschützt hochlade, so dass niemand sie lesen und sich belästigt fühlen muss? Das bewahrt auch wieder ein Bild von mir, das ich im Grunde gar nicht mehr malen möchte. Oder behalte ich das Geschriebene als Entwurf, veröffentliche es überhaupt nicht und kaue für mich allein darauf herum? Tippe ich mir einfach gar nichts von der Seele und warte auf bessere Zeiten, um wieder etwas belangloser und heiterer schreiben zu können?

Mir juckt es in den Fingern, nach Meinungen zu fragen. Aber im Grunde möchte ich auch gar keine hören, weil das meine Sache ist und mein Kampf und letztendlich möchte ich ja nicht mehr abhängig sein von den Äußerungen anderer.

Der gute Mensch in mir.

Ich stehe am Düsseldorfer Hauptbahnhof und komme mir vor wie ein Idiot. Ich spüre die Blicke der Menschen um mich herum, wie sie auf mir ruhen und ich höre förmlich die Gedanken, die durch ihre Köpfe rauschen. Es klingt wie das leise Gemurmel eines Baches, aber so viel unmelodischer und bösartiger. Wieso macht sie das? – Ist die denn total naiv? – Wie kann sie mit so jemandem reden? – Die lässt sich doch total ausnehmen. – Sie hätte ihn doch einfach ignorieren können. Nur ganz wenige Stimmen äußern sich erfreut, wundern sich darüber, dass sie selbst nicht auf die Idee gekommen sind. Schön, dass es noch Menschen gibt, die sich nicht wegdrehen. – Sicher freut er sich über das Essen. – Warum habe ich ihn eigentlich nicht beachtet? Und eine einzige Stimme sagt laut über das Rauschen und Knistern hinweg: „Danke.“

Immer wenn ich mir auf dem Weg zur Arbeit etwas beim Bäcker hole, stecke ich das Wechselgeld in meine Hosentasche. Es ist nur Kleingeld, aber ich habe es gern direkt zur Hand, wenn mich jemand um ein paar Cent bittet. Und ich werde oft gebeten. Vermutlich sieht man es den Menschen irgendwann an, ob man sie fragen kann oder nicht. Ob sie sich verschlossen geben oder hilfsbereit. Ich muss zugeben, es kommt bei mir stark darauf an, wie man auf mich zugeht. Ob man überhaupt auf mich zugeht. Und vor allem schaue ich den Menschen in die Augen. Ich bilde mir ein, Spuren eines Lebens auf der Straße in den Augen sehen zu können. Manchmal lehne ich ab. Dann verneine ich. Das passiert entweder dann, wenn ich am Ende des Monats selber kaum noch genug Geld habe, um noch einmal einkaufen zu gehen, oder dann, wenn man unfreundlich zu mir ist oder stark nach organisiertem Betteln aussieht. Ich bin natürlich kein Profi. Ich kann nicht unbedingt erkennen, wer mich anlügt und wer nicht. Dennoch sortiere ich. Vielleicht ist das falsch. Keine Ahnung.

Heute hat man mich nach etwas zu essen gefragt. Ein Obdachloser in einem Rollstuhl hat mich angesprochen als ich auf dem Heimweg ein Brötchen kaufen wollte. Er wolle kein Geld, aber er hätte so Hunger, ob ich ihm helfen könne? Ich war schon spät dran und dachte eigentlich daran, die Schlange vor der Kasse zu verlassen, da ich meinen Zug nicht verpassen wollte. Aber dann wiederum wollte ich auch nicht einfach weggehen und ihn dort stehen lassen. Er hat um Hilfe gebeten. Das kostet so viel Überwindung und ich weiß das. Also habe ich mein Brötchen gekauft und ihm ebenfalls eines. Mein Zug war abgefahren, ich habe ihm das Essen gereicht und ihm einen guten Appetit gewünscht, habe ihn angelächelt und bin gegangen. Die Blicke der Menschen um mich herum haben mich förmlich durchbohrt. Auf meinen nächsten Zug musste ich 30 Minuten lang warten. Während dieser Zeit wurde ich noch von zwei Obdachlosen am Bahnsteig angesprochen. Jedes Mal habe ich ihnen etwas gegeben und jedes Mal haben die Umstehenden mich angestarrt wie eine Aussätzige.

Was ich mich frage: Wann ist es verwerflich geworden, jemandem etwas Gutes zu tun? Immer wenn ich das tue, fühle ich mich zurückversetzt in meine Schulzeit. Dann bin ich wieder die Außenseiterin, die Spinnerin, die Gemobbte. Ich schrumpfe innerlich zusammen und möchte verschwinden, aber gleichzeitig rebelliert mein Inneres und schreit mich an. Du hast nichts Falsches getan! 

Ist es denn der richtige Weg, Elend auszublenden und Hilfe zu verweigern? Wie kam es dazu, jeden Menschen unter Generalverdacht zu stellen, zu verurteilen, abzustrafen mit Ignoranz? Hat nicht jeder von uns zumindest ein bißchen Respekt verdient? Und selbst wenn ich nichts tun will, kann ich doch wenigstens ein „Nein, tut mir leid.“ von mir geben. Nicht einfach wegsehen. Als wäre der andere gar nicht existent. Das ist die schlimmste Form von Strafe, Rache, Abschätzigkeit und Missgunst. Wenn du für die Welt nicht existierst, dann bist du nicht mal so viel wert wie der Dreck unter den Schuhen der anderen. Niemand sollte sich jemals so fühlen müssen.

Ich werde mich weiterhin anstarren lassen. Werde weiterhin Kleingeld in meiner Hosentasche mit mir tragen. Vielleicht ist das dumm, vielleicht naiv. Aber vielleicht macht es den Tag eines Menschen einfach ein bißchen besser.