Ihr werdet immer fehlen.

Soziale Bindungen sind wohl eines der Dinge, mit denen wir uns am intensivsten in unserem Leben beschäftigen müssen. Familie, Freunde, Partner, Arbeitskollegen… Sie alle begleiten uns und haben einen immensen Einfluss auf uns. Wir vertrauen ihnen und fürchten sie. Wir lieben und hassen sie. Wir profitieren von ihnen oder lernen wichtige Lektionen für unser Leben. Aber auf jeden Fall sind wir auf sie angewiesen. Ohne andere Menschen wären wir nicht lebendig, wären wir nicht zu einer Person mit eigenen Gedanken, Träumen und Hoffnungen geworden. Unsere Familie begleitet uns im Idealfall das ganze Leben über und auch viele unserer Freunde sind lange an unserer Seite. Allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass wir uns diese, im Gegensatz zu unserer Familie, selbst aussuchen können. Und wir entwickeln uns mit unseren Freunden zusammen. Entweder in die gleiche Richtung oder eben auch auseinander.

Freundschaft ist generell ein eher schwieriges Thema für mich. Ich kenne viele Menschen, die noch Freundschaften aus ihren Kindertagen pflegen. Man ist zusammen aufgewachsen, kennt fast alle Geheimnisse voneinander und kann diese Verbindung ziemlich zuverlässig bewerten. Mir fällt das schwer. Freunde aus Kindertagen habe ich nicht mehr und ich könnte auf die Schnelle nicht einmal fünf Namen von ehemaligen Mitschülern nennen. Ob es daran liegt, dass wir öfter mal umgezogen sind und ich auch auf einigen Schulen war, oder ob ich einfach nur ein schlechtes Gedächtnis habe… Wer weiß? Generell habe ich mich immer etwas schwer getan mit Freunden. Klar gab es immer welche um mich herum, ich war nie völlig allein. Aber bis zu meinem 19. Lebensjahr hatte ich immer das Gefühl, ich würde nicht richtig dazu gehören oder müsse mich verstellen, damit andere mich mögen. Das war extrem anstrengend und sicherlich auch ein Grund dafür, warum ich die Bindungen nie über lange Zeit aufrecht erhalten konnte oder wollte.

Das änderte sich mit meinem Einstieg in die Anime-Szene. Im Internet, noch in den alten Chatrooms, die heute kaum ein Mensch mehr benutzt, lernte ich Menschen kennen, die ähnlich tickten wie ich. Das war für mich wie eine Offenbarung, denn ich hatte nicht geahnt, dass ich einfach nur ich selbst sein kann und trotzdem gemocht werde. Mehr und mehr Leute bewegten sich in meinem Dunstkreis und es entstanden einige großartige Freundschaften. Dafür bin ich unheimlich dankbar, denn auch wenn ich wirklich schwere Zeiten hatte und es nicht immer leicht war mit mir, blieben mir diese Menschen und gaben mir die Kraft und den Mut, mich weiter nach vorn zu kämpfen. Ich habe ihnen so viel zu verdanken und sie wissen das wahrscheinlich gar nicht.

Doch wie das so ist im Leben: Man muss sich immer mal wieder von Ideen verabschieden und gewisse Vorstellungen revidieren. Ich war der festen Überzeugung, dass einige der engsten und besten Freunde, die ich hatte, niemals gehen würden. Dass wir immer in eine gemeinsame Richtung unterwegs sein würden. Dem ist nicht so. Und ganz ehrlich? Das quält mich seit gut vier Jahren jeden Tag. Bis ich mir selbst eingestehen konnte, dass sich Dinge im Leben eben verändern und das etwas ganz Normales ist, hat es lange gedauert. Bis ich überhaupt einigermaßen damit zurecht kam, noch länger. Es fühlt sich an als hätte man einen wichtigen Teil von sich selbst verloren, aber gleichzeitig ist da auch das Wissen, dass es kein Zurück gibt. Es wird nie wieder so sein, wie es war. Und vielleicht hat das auch einen Sinn. Ich versuche mir nicht zu viele Gedanken darum zu machen, denn es bringt mich nicht weiter. Was vorbei ist, ist vorbei.

Fakt ist aber, dass mir diese Menschen immer fehlen werden. Bei so vielen Dingen, die ich tue, muss ich an sie denken. Ich träume von ihnen. Manchmal erinnere ich mich an bestimmte Situationen und muss immer noch lachen. Und ich bin zutiefst dankbar, dass sie all die Jahre an meiner Seite waren. Vielleicht machen sie mir Vorwürfe, denn ich bin nicht frei von Fehlern und habe auch zu dieser Entwicklung beigetragen. Vielleicht nehmen sie es gelassen hin. Und ganz vielleicht denken sie auch manchmal mit Wehmut zurück. Ich denke, ich möchte das gar nicht wissen. Nicht, weil es mir egal wäre. Nein, weil ich im Zweifelsfall sehr darunter leiden würde und ich bin egoistisch genug, das nicht zu wollen. Was auch immer jetzt ist: Ich wünsche ihnen, dass sie glücklich werden und dass sie klüger mit ihrer Freundschaft umgehen als ich.

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brainfucked

Das Organ, das bei mir am meisten zu tun hat, ist das Gehirn. Vermutlich ist das bei jedem Menschen so, keine Ahnung, ich bin kein Biologe. Ich merke, wie die Schaltzentrale in meinem Schädel pulsiert und Gedanken spinnt, sie ausspuckt und wieder ansaugt. Ich fühle die Spannung in meinen Nervenbahnen und das Zittern der Membrane. Nicht körperlich, natürlich, aber auf eine verquere Art und Weise ist da dennoch dieses Gefühl. Wie kann ich das beschreiben? Ja, ganz selten geht es auch mir so, dass die Worte fehlen.

Mein Hirn pumpt also täglich zwischen meinen Ohren herum und lässt die Synapsen glühen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings stellt mich das im Moment vor ein echtes Problem: Ich knalle durch.

Dadurch, dass mein Leben sich buchstäblich von einer Minute auf die andere komplett geändert hat, bin ich nun dauerhaft damit beschäftigt, Pläne zu schmieden, Lösungen zu suchen, zu rechnen und zu organisieren. Gleichzeitig versuche ich auf der Arbeit wie gewohnt zu funktionieren. Das funktioniert tagsüber auch ganz gut. Aber sobald ich abends zuhause bin, sehe ich die ganzen Scherben um mich herum und durch meinen Kopf spuken tausend Gedanken, die sich ineinander verknoten und zu einem riesigen Stück – entschuldigung – Scheisse werden. Was habe ich getan, dass es so weit kommen konnte? Oder was habe ich nicht getan? Ist das alles meine Schuld? Habe ich das verdient? Und wie wird es jetzt weitergehen?

Natürlich wird es weitergehen. Das tut es immer. Und ich kümmere mich darum, dass es das tut. Es ist nur so verdammt schwer. Die Albträume jede Nacht, die Sorge um die Zukunft, die endlose To-Do-Liste, die ich habe, und auch die Scham und das Gefühl, komplett versagt zu haben, setzen mir wirklich zu. Und mein Gehirn läuft und läuft und heizt sich auf und generiert tausend Szenarien, die ich alle bis ins kleinste Detail zerdenken muss.

Es macht mich total irre. Eigentlich bin ich ein Mensch, der gut alleine leben kann. Aber nach sechs Jahren Partnerschaft und fünf Jahren des Zusammenlebens habe ich nun unglaubliche Angst davor, wieder allein dazustehen. Neulich habe ich zu meinen Kolleginnen gesagt, dass ich mich davor fürchte, zu sterben und irgendwann nach einer Woche halb vergammelt und stinkend in meiner Wohnung gefunden zu werden. Angefressen von den Katern, die sonst verhungert wären! Man lacht drüber, aber tatsächlich meine ich das ernst. Ich sage es ja: Ich knalle durch.

Immerhin kann ich mich nun wieder um etwas kümmern, mit dem ich mich gut auskenne: Angstzustände und Panikattacken. Das lenkt ja ziemlich gut von allem anderen ab. Zum Beispiel von dem Film, den man mit der liebsten H. im Kino schauen möchte und bei dem man dann den Saal zwischendrin verlassen muss, weil man vor lauter Panik schon beinahe ohnmächtig im Sitz hängt. Eine tolle Erfahrung und für jeden zu empfehlen, der schon immer mal auf andere Gedanken kommen wollte. Tod und Verderben ist da genau das richtige.

Nicht.

Nun ja, was auch immer mein Hirn mir noch antun wird in nächster Zeit, ich werde einfach weitermachen. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig. Und eins verspreche ich: Das hier bleibt einer von ganz wenigen Jammer-Blogeinträgen. Ich muss es nur einmal loswerden, dann ist gut. Und ich will mich ja nicht selber runterziehen. Wäre schön blöd.

 

kopflos

Alles ist falsch. Verschoben. Mein Leben hat seine Spur verlassen und es geht in rasendem Tempo durch scharfe Kurven und über gefährliche Straßenschäden hinweg. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob der Weg mich abwärts oder aufwärts führt. Geschweige denn, dass ich weiß, wie mir geschieht. So ist das wohl, wenn sich von einem Tag auf den anderen alles ändert. Wenn man sich in einem Moment noch wohlig eingebettet in seinem Alltag und seinem Trott wähnt, im anderen aber nur noch zusehen kann, wie alles, was man sich aufgebaut hat und was vor einem liegt, in tausend Scherben zerspringt und zu Boden fällt. Ohrenbetäubendes Klirren und Scheppern inklusive. Es hallt seit Tagen nach.

In der Stille, die auf den Lärm folgt, ziehe ich meine Mauern hoch. Ich möchte nicht schwach sein und ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als wäre alles, was jetzt kommt, zu viel für mich. Natürlich ist es das, natürlich macht es mir Angst und natürlich fühle ich mich überfordert, aber darum muss man es mir noch lange nicht anmerken. In den ersten Tagen war es schwer. Trennungen sind immer schwierig, egal, von wem sie ausgehen. Und es macht niemals Spaß. Besonders nicht, wenn man selber noch liebt und der geliebte Mensch plötzlich wie amputiert erscheint. Weg. Einfach so, von einer Sekunde auf die andere. Zumindest emotional, denn physisch ist er ja noch da.

Es gibt wenig, was man in solchen Fällen tun kann. Das ist so eine Gratwanderung zwischen Akzeptanz und Selbstmitleid, Betäubung und Aktionismus. Und weil man gefragt hat, weiß man, dass es nichts mehr gibt, was man tun könnte. Nur aushalten und Wunden lecken. Für letzteres gibt es leider zu wenig Zeit, denn man muss sich darum kümmern, dass das Leben weitergeht. Dass man nicht abstürzt, sondern sich gerade noch so am Abhang entlang Richtung sicheren Aufstieg hangelt. Es ist verdammt schwierig. Aber es geht. Es geht ja immer irgendwie.

Die Frage nach Schuld hängt im Raum und vergiftet das eigene Denken. Da sind die Erinnerungen an alle Situationen, in denen man besser anders gehandelt hätte. In denen man sich anders hätte entscheiden können. Tausend kleine Steine, die zusammengesetzt ein großes Ganzes ergeben, auf das man fassungslos schaut und kaum glauben kann, wie blind man gewesen sein muss. Und wie beschäftigt mit sich selbst, so dass man den Menschen neben sich kaum noch gesehen hat. Das tut weh und es tut leid, aber es ist unabänderlich. Viel zu spät.

Dennoch glaube ich nicht an die Schuld des einen. Eine Beziehung lebt von zwei Menschen, wird von beiden getragen. Oder besser gesagt: Sie wird von zwei Menschen auf mehreren Säulen in Balance gehalten. Wenn diese Säulen ihre Höhe verändern, wenn die Gewichtung in der Beziehung nicht mehr stimmt, dann beginnt man zu verlieren. Es liegt an beiden Partnern, das Fundament im Auge zu behalten.

Wir haben es nicht geschafft. Wie ich damit umgehen soll, erprobe ich gerade. Sicherlich werde ich irgendwann auf meinen Weg zurückkehren und ein gemäßigteres Tempo einhalten. Leider allein. Leider ohne dich.

 

Eine Perle aus vergangenen Zeiten.

Ich habe gestern beim Stöbern in alten Texten und Nachrichten diese Perle von einem Blogeintrag gefunden, den ich vor sechs Jahren verfasst habe. Das Erlebnis hatte ich schon komplett verdrängt und musste beim Lesen nun sehr lachen. Ich hoffe, euch amüsiert es auch. Viel Spaß.

Dezember 2010:

Wieso gerate ich eigentlich immer an Typen, die irgendwie… nicht ganz normal sind? Also entweder bin ich nicht ganz knusper und erwarte von anderen zu viel (oder das Falsche) oder – wovon ich im Moment ganz stark ausgehe – ich bin von Idioten umgeben! Ich meine… Ja, ich habe meine Probleme, was Beziehungen angeht. Ich bin auch nicht wirklich leicht zu nehmen mit meinen ganzen Macken und Ängsten. Aber das sind wenigstens Dinge, über die ich mir bewusst bin und an denen ich arbeite. Um mich herum tauchen aber immer wieder Gestalten auf, die einfach so bizarr sind, dass sie nicht mal mit viel gutem Willen in mein Leben passen könnten. Ich habe schon öfters über seltsame und lustige Bekanntschaften geschrieben. Und jedes Mal wieder macht es mir Spaß, die Welt an dem teilhaben zu lassen, was mich auf die Palme oder zum Lachen bringt. Heute ist es wieder so weit. Lehnen Sie sich zurück, meine Damen und Herren, und genießen Sie die Geschichte des Mannes, der den schwäbischen Frauen schöne Rosetten andichtet…

In einem meiner letzten Blogeinträge schrieb ich von einem jungen Mann, der mich auf dem Heimweg an der Bushaltestelle angegraben hatte. Und ich berichtete auch, dass ich ihm in einem Anfall geistiger Umnachtung meine Handynummer gegeben habe. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich nicht so genau, warum. Jetzt ist es mir klar geworden: Zu meiner Belustigung! Am gleichen Abend dieser doch fast banal anmutenden Begegnung erhielt ich noch einige sms von besagtem Herrn. Die waren so weit ganz nett und sehr unverfänglich. Was wohl auch erklärt, warum ich seine Freundschaftsanfrage auf facebook angenommen habe. Wie war das? Offen sein für Neues! Der erste Chat zwischen uns war ganz locker. Wir plauschten über dies und das und er fragte mich, ob wir uns mal treffen wollten. Bevor ich eine Antwort geben konnte, ergänzte er seine Frage durch folgenden Satz: „Am besten morgen am 1. Advent. Das ist ein toller Tag, kann man sich als Jahrestag gut merken.“
DING DING DING!!!
Ich bin spontan lachend über meiner Tastatur zusammengebrochen. Wie bitte? Ich hatte mich gerade mal drei Minuten mit dem unterhalten und dann so was! Hatte er bis dato weder Plus- noch Minuspunkte auf meinem gedanklichen Konto, lag er zumindest im Soll plötzlich ganz weit vorn. Mir war sofort klar, dass es sich wieder mal um so ein Jüngelchen handelt, das gerade keine Frau am Start hat und dringend Abhilfe schaffen muss. Egal, wie! Aber ich war neugierig und wollte wissen, was für Schoten dem noch einfallen würden. Also habe ich ihm nur ganz sachlich gesagt, dass ich am Wochenende keine Zeit habe und erst recht nicht am 1. Advent. Was sogar stimmte. Dennoch konnte ich mir die Frage nicht verkneifen, ob er ein zu großes Ego hätte? Seine Antwort kam prompt und… nun ja, sie überraschte mich nicht. „Joa, schon ein ziemlich großes. Aber ich weiß genau, dass wir zusammenpassen. Freue mich schon drauf, mit dir zu küssen und zu kuscheln.“ Äh… hä??? Na gut. Unter Tränen (Ich war wirklich sehr erheitert!) schrieb ich ihm, dass ich das recht anmaßend fände und auch leicht irritierend, da wir uns ja gar nicht kennen. Sein Kommentar: „Ich weiß genau, dass ich dich brauchen werde. Wir werden wunderbar zusammenpassen.“ Ich teilte ihm mit, dass ich ohnehin gute 5 Jahre älter wäre als er, ob ihn das überhaupt nicht interessieren würde? (Ja, ich mag jüngere Männer eh lieber, aber mal ehrlich, dass muss DER doch nicht wissen!) „Oh, ich hätte dich auf 27 geschätzt! Aber ist doch gut, wenn du in deinem Alter noch so vital und fit bist.“ Bitte??? Vital und fit? IN MEINEM ALTER??? „Wenn du älter bist, dann ist das doch auch gut, dann weißt du wenigstens, was du willst. Und was du an einem Mann wie mir hast.“ Ja, einen Verrückten! Danke, aber nein danke! Diese Unterhaltung endete auch recht abrupt, da ich – ganz zufällig – einkaufen gehen musste.

Ein paar Tage später traf er mich wieder online an und irgendwie kamen wir auf das Thema „Fotografie“ zu sprechen. Nach etwas Hin und Her über Spiegelreflexkameras („Ich kauf mir auch bald eine, die darf ruhig 1.000 Euro kosten!“ – „Du musst keinen Tausender ausgeben für eine gute Kamera. Und bei den Bildern kommt es eh mehr auf Objektive, Technik und ein gutes Auge an.“ – „Je teurer die Kamera, desto besser die Bilder.“ … is klar…) wollte er wissen, ob ich auch Videos aufnehmen würde. Ja sicher, als meine Videokamera es noch tat und ich noch nicht so viel fotografiert habe, schon. Warum? „Ach, ich hab da mal dran überlegt, bin ja auch oft unterwegs in Deutschland. Das letzte Mal in der Nähe von Stuttgart. Die Leute da sind echt nett.“ – „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich die meisten Menschen südlich meines persönlichen Weißwurstäquators nicht leiden kann. Die meisten sind heimtückisch oder Arschlöcher.“ – „Die Frauen bei Stuttgart haben schöne Arschlöcher!“ Tolle Info. Vielen Dank dafür. „Filmst oder fotografierst du dich denn auch selbst beim Sex?“
BWAAAAHAHAHAHAHAHAHAAAAA!!!
Innerhalb von Sekunden litt ich unter Atemnot und Sehbehinderung. Ich musste so schlimm lachen, dass mir sofort die Tränen kamen. War ja kaum zu fassen, was dieser Kerl da von sich gab! Glaubte der ernsthaft, er könne damit auch nur einen Blumentopf gewinnen? Den haue ich ihm höchstens um die Ohren, mehr nicht! „Nein…“ Mehr konnte ich gar nicht schreiben, weil ich so von Lachkrämpfen geschüttelt wurde. „Das ist doch gar nichts Schlimmes und total modern!“ Modern also, aha? Also ist das quasi, als wenn ich mir neue Schuhe kaufen gehe? Neuer Partner = neue Mode? Also, ich bin durchaus aufgeschlossen für die Vorlieben anderer und jeder kann tun und lassen, was er will. Mache ich ja auch. Aber für mich gehört ein gewisses Vertrauen dazu, über intime Details zu sprechen. Und jemand Wildfremdes, der meine Grenzen da überschreitet, wird von mir nur die kalte Schulter gezeigt bekommen. „Ich war noch nie ein Mensch, der mit der Mode gegangen ist.“ – „Aber du bist doch jetzt auch in einem Alter, in dem du deine Sexualpartner nicht mehr an einer Hand abzählen kannst!“ Was auch immer das damit zu tun haben mag… Ich kann es. „Doch. Ich springe nicht mit jedem x-beliebigen Typen ins Bett.“ – „Typisch Frau.“ – „Tu nicht so scheinheilig. Ihr Männer dürft alles vögeln, was euch über den Weg läuft, aber sobald eine Frau das tut, ist sie doch eh eine Schlampe und ihr wollt nur über sie drüber rutschen, mehr nicht.“ Mich macht so ein großkotziges Gehabe wirklich wütend! „Aber wenn du alles fotografisch festhältst, dann kannst du dich auch später noch dran erfreuen, wenn du alt bist. Und du kannst protokollieren, mit wem du so alles geschlafen hast.“ …
Das verschlug jetzt selbst mir die Sprache. Ist er wirklich von dem Unsinn überzeugt, den er da schreibt? Ich kann es kaum glauben! Aber eigentlich auch egal, ob ich es glauben kann oder nicht. Ich weiss zumindest, dass ich mich mit so einem Menschen weder treffen noch näher befassen will. Das ist mir alles zu oberflächlich und zu tumb. Diese Leute, die glauben, sie sind die Erfüllung eines jeden feuchten Traums, gehen mir genau so auf den Senkel wie diejenigen, die alles und jeden sexualisieren müssen. Ich sehe das als einen gewissen intellektuellen Anspruch, den ich an meine Mitmenschen stelle. Nicht alles und jedes gehört nur auf Sex reduziert und ich möchte bitte auch nicht, dass man mich nur danach beurteilt, was ich im Schlafzimmer treibe oder wie schnell ich generell flachzulegen bin. Das ist unterste Schublade und benötigt gerade mal die Hirnaktivität einer Amöbe.
Ich hatte also schon beschlossen, ihn bei der nächsten dusseligen Aussage aus meiner Freundesliste und aus meinem Handyspeicher zu verbannen. Es dauerte auch nicht lange, bis sich die Gelegenheit ergab. Denn heute war es so weit! Ich surfte gelangweilt auf Facebook herum und wurde auch prompt angeschrieben. Ob ich denn nicht Lust hätte, am Samstagabend etwas mit ihm zu unternehmen? Ha! Da kommt doch bestimmt wieder was! „Was denn?“ – „Mitternachtssauna von 22 bis 24 Uhr.“ Der glaubt jetzt nicht ernsthaft, dass ich mit ihm zusammen in die Sauna gehe? „Nee.“ – „Wieso nicht? Das ist entspannend und tut gut!“ – „Ich weiss, aber ich mach so was nur mit Leuten, die ich gut kenne. Ich zieh mich nicht vor jedem aus.“ – „Typisch.“ Typisch??? Was ist denn da jetzt bitte typisch? Nur weil ich ihm nicht beim nächsten Treffen meine nackten Hupen unter die Stielaugen halten will? Soll er doch in Susis Showbar gehen, nur muss er dort für nackte Haut blechen. Vermutlich dachte er sich das auch. „Na komm, das wird bestimmt toll.“ Zeit für klare Verhältnisse! „Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir auf einer Wellenlänge liegen.“ – „Aber du weißt es nicht.“ Tolle Feststellung. Ach, er schreibt noch was? „Du weißt überhaupt nur sehr wenig.“ Hui, da ist jemand aber angezickt. Ist das große Ego doch nicht so groß? Glaubt er jetzt, mich damit treffen zu können? „Damit kann ich leben.“ – „Mach doch.“ – „Mach ich auch.“ Willkommen im Kindergarten! „Dann lösche ich dich halt wieder von meiner Bekanntenliste.“ Das ging ja einfacher als gedacht! Super! Ich hab ihm noch einen Smiley hingeklatscht, ich war ja nicht sauer oder so, einfach nur genervt und halt nicht im Geringsten interessiert. Und was kam von ihm? „Komm mal klar. Tzzz….“
LÖSCHEN!
Ich soll klar kommen? Jepp, ist schon recht. Ich mag nicht besonders aufregend sein und mein Leben ist auch nicht so spannend wie das der Menschen in den Vorabendserien. Aber das muss auch alles gar nicht sein. Es ist okay so wie ich bin und wenn das jemand nicht akzeptieren kann und dann auch noch so dümmlich reagiert.

aufgewühlt

Gestern in Wuppertal, essen gehen mit Freund und Freundin und zwei Bekannten der Freundin, die ich noch nicht kannte. Trotz latenter Kopfschmerzen bin ich entspannt. Im Restaurant ist die Musik zu laut, ist es viel zu voll, aber kein Problem. Ich will einen Abend mit netten Menschen genießen und was macht da schon Helene Fischer, die aus den Boxen „Atemlos“ in die Lokalität grölt.
Wir sind etwas zu früh da, setzen uns an den Tisch, warten auf die Bekannten der Freundin und als sie dann kommen, die schlimmste Begrüßung seit langem, weil es unerwartet in mir explodiert. 

„Die beiden kennen T. auch! Wisst ihr, das ist die Steffi aus Hamburg, um die es damals mit T. und P. ging.“

Ein Atemzug. Vielleicht nur ein halber. Und in dieser Zeit, die es dauert, Luft in meine Lungen zu pumpen, werden Erinnerungen geweckt und Gefühle kommen an die Oberfläche. Gefühle, die ich schon längst hinter mir gelassen glaubte. Da ist keine Liebe mehr, keine Sehnsucht, kein Bedauern wie noch vor Jahren. Nicht einmal Hass, den ich so lange Zeit empfunden habe. Aber die Erinnerung an den Schmerz erreicht mein Herz und ich bin mir fast sicher, dass es kurz aus dem Takt gerät. Dass die Ungeheuerlichkeit, die Herzlosigkeit, die Kälte und Gleichgültigkeit von damals mich immer noch so aus dem Gleichgewicht bringen, war mir nicht bewusst. Habe ich es verdrängt? Ist es immer noch nicht abgeschlossen für mich? 

Ich sitze da und sehe diese mir fremden Menschen an und denke: „Sie wissen Dinge über mich und meine Vergangenheit und sie kennen die andere Seite und jetzt vergleichen sie mich.“ Ich kann förmlich spüren, wie sie sich an die Einzelheiten zu erinnern versuchen. Wie sie mich mit einem neuen Blick mustern. Darin liegt eine Bewertung. Und ich bin nicht bereit, an diesem Abend bewertet zu werden. Ich möchte nicht so schnell in eine Schublade gesteckt werden. Doch ich fürchte, es ist schon passiert. 

Ich lache die Situation weg. Ich versuche, locker zu wirken. Das alles berührt mich gar nicht mehr. Kann doch jedem mal passieren, ist überhaupt kein Drama. War das nicht alles sogar ziemlich lustig?

Nein, war es nicht. Denn es hat schon seinen Grund, warum ich nachts um drei Uhr einen Blogeintrag schreibe statt zu schlafen. Und es hat seinen Grund, warum ich immer noch wissen möchte, ob ich die einzige bin, die an damals denkt, weil ich mir wünsche, dass ihrer beider Gewissen sich irgendwann wenigstens ein bisschen geregt hat.