Zwei Welten.

Ich liebe meinen Job. Das habe ich sicherlich schon mal erwähnt. Auch wenn er oft stressig ist, man ständig von Menschen umgeben ist und es dabei einfach völlig egal ist, ob es einem gerade gut geht oder nicht, ob man schlechte Laune hat oder todtraurig ist… Man muss lächeln und das Gefühl vermitteln, am richtigen Ort angekommen zu sein. Das ist mitunter nicht ganz einfach, aber die meiste Zeit über gibt es kein Problem. Denn auch wenn ich morgens mal wirklich genervt bin von der Aussicht auf einen langen Arbeitstag und mich die Menschen im Zug und vor allem am Düsseldorfer Hauptbahnhof bereits übelst nerven: Sobald ich in der Schule angekommen bin, die Kollegen und die Schüler sehe, die ersten Scherze austausche oder umarmt werde, geht es mir besser. Ich habe so ein unglaubliches Glück, in meinem Job aufzugehen und eine Art Familie in meinen Kollegen gefunden zu haben. Ich weiß nicht, bei wem ich mich dafür bedanken müsste, aber ich würde es gern mal tun.

Da ich mich privat ja ziemlich schwer damit tue, neue Menschen kennenzulernen, ist es für mich eine tägliche Herausforderung, mit Menschen aller Couleur zusammenzukommen und mit ihnen zu interagieren. Man könnte es als eine immerwährende Expositionsübung betrachten, die ich da durchlaufe. Aber das ist gut, das brauche ich. Ich darf mich nicht verstecken, darf nicht beginnen, mich vor anderen zu fürchten. Täglicher Kontakt mit Menschen ist anstrengend, aber auch so bereichernd und schön, dass ich darüber oft vergesse, wie unsicher ich anderen gegenüber sein kann.

Doch von Zeit zu Zeit erinnere ich mich.

Grundsätzlich komme ich eigentlich mit all unseren Schülern aus. Mit dem ein oder anderen besser, mit anderen habe ich kaum Kontakt, doch in den drei Jahren meiner Tätigkeit gab es nur eine Handvoll Leute, die ich direkt an die Wand hätte klatschen mögen. Die ignoriere ich dann so weit es geht. Manchmal treffe ich aber auch Leute, von denen ich mich sehr angezogen fühle. Es geht mir gut in ihrer Gegenwart, ich mag ihren Witz und Charme, ihre Art zu reden oder zu denken. Und ich wünsche mir dann, sie würden mich bemerken und vielleicht Zeit mit mir verbringen wollen, doch wir sprechen immer nur kurz in den Pausen oder nach dem Ende eines Kurses und dann verschwinden sie wieder. Bis zum nächsten Tag.

Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass dieses Geständnis ziemlich erbärmlich klingt. So als wäre ich ein kleiner Welpe, der um Aufmerksamkeit ringt. Ja, verdammt, ich gebe es zu: Ich winsle innerlich auch mal vor mich hin und will einfach nur geliebt werden und dazu gehören. Das ist nicht besonders professionell, klar, aber so bin ich nun mal. Nach außen sieht man mir das wohl nicht an, zumindest nicht wenn ich den Aussagen derer glauben kann, die mich täglich erleben. Und das beruhigt mich etwas, denn wie peinlich ist es bitte, die um Zuneigung bettelnde Frau am Empfang zu sein? Ich würde mal sagen: Trolololol!!!11elf!!!

Aber es versetzt mir jedes Mal einen Stich, wenn ich gerne fragen würde, ob man Lust hätte, gemeinsam etwas zu unternehmen, es aber dann doch nicht tue, weil es nicht angemessen ist. Und weil ich weiß, dass ich in einer anderen Welt lebe als die, die ich so bewundere. Die Klassen sind eingeschworene Gemeinschaften, dort entstehen Freundschaften, ich bin aber nur die Frau hinter dem Tresen, die ein paar aufmunternde Worte parat hat oder die Hilfe im Dschungel der Bürokratie anbietet. Und immerhin habe ich ja auch schon gelernt, dass ein Interesse nicht meiner Person gilt, sondern nur dem, was ich bieten kann. Diejenigen, die Kontakt wollten, erhofften sich davon meist nur Vorteile oder haben mich immer um Gefallen gebeten. Hatten sie, was sie wollten, ist der Kontakt schnell beendet gewesen. Ich gebe mir dafür die Schuld. Ich hätte es besser wissen müssen. Aber man lernt schließlich sein ganzes Leben lang dazu.

Wir leben in verschiedenen Welten. Auf der anderen Seite des Tresens befindet sich ein Kosmos, in den ich nicht eindringen kann.

Es ist ein bißchen traurig, dass ich einen Beruf habe, in dem ich Unmengen von überaus interessanten Menschen kennenlerne, aber dennoch die meiste Zeit in meinem Leben allein verbringe. Ironie des Schicksals. Ich darf einfach nicht so viel darüber nachdenken.

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Love me Tinder.

Wir alle haben es wohl schon einmal getan. Sei es, um unseren Marktwert zu prüfen, um sich „die Sache mal anzusehen“ oder um ernsthaft nach neuen Kontakten zu suchen. Die Rede ist von der Partnersuche per Internet. Es gibt so wahnsinnig viele Möglichkeiten, online sein perfect match zu finden: Chats, Webseiten, Agenturen, Apps… Und alles als kostenlose oder kostenpflichtige Variante. Was man wählt, kommt nicht nur darauf an, ob und wenn ja, wie viel man für seine Suche bezahlen möchte, sondern auch auf die angestrebte Zielgruppe. Da gibt es Seiten extra für Menschen, die Partner mit Hüftgold bevorzugen, für Landwirte, für Nerds, für diejenigen, die nur auf Sex aus sind, und… und… und…

Seit Jahren beliebt ist die App „Tinder“, bei der man sich kostenfrei anmelden kann und bei allen angezeigten Vorschlägen zunächst nur das Profilbild des Gegenübers sieht. Findet man denjenigen attraktiv, kann man ihn liken. Anderenfalls wischt man ihn einfach weg. Das hat ein bißchen den Charme einer Fleischtheke, an der man sich die schönste Wurst aussucht, ohne etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Denn Details zur Person, die man auswählt, erhält man nur, wenn es ein Match gibt, also der Gegenseite das Profil des Likers ebenfalls gefällt. Ansonsten war’s das und man sucht einfach weiter bis sich mal was ergibt.

Ich bin nun nicht gerade der unbedingte Fan dieses Prinzips, aber für wen das so funktioniert, der soll einfach Spaß damit haben. Und ab und zu trifft man ja wohl wirklich nette und lustige Leute. Und auch einige, die nicht so lustig sind. Genau um so eine Person geht es hier. Normalerweise schreibe ich nicht über Sachen, die Freunden von mir passieren. Zumindest nicht so. Aber ich schwöre, ich habe mir die Erlaubnis dazu geholt. Und ich muss es einfach teilen, vor allem, weil ich mich so aufrege und klar machen will, dass so ein Verhalten absolut gar nicht geht!

Aber von vorn…

Vor einigen Tagen unterhielt ich mich mit einem Freund, nennen wir ihn Schorsch, über eine Bekanntschaft, die er über Tinder gemacht hat. Er nutzt die App immer mal wieder zwischendurch, aber tatsächlich ist er keiner derjenigen, die nur auf Sexdates aus sind, sondern er wünscht sich eine ernsthafte Beziehung. Nun ja, mit der Dame, die Gegenstand unseres Gesprächs war, hatte sich ein Match ergeben, in den ausgetauschten Nachrichten fand man sich sympathisch und so wurde ein Treffen zum gemeinsamen Frühstück ausgemacht. Schorsch fuhr also zu ihr bzw. in ihre Stadt, nicht zu ihr nach Hause, und lud sie zum Frühstück ein. Alles war wunderbar, man verstand sich gut und am Ende ihres Treffens überreichte die junge Frau, die ich hier Olga nenne, meinem Freund einen Gutschein über ein gemeinsames Burger grillen. Okay, das fand er schon etwas seltsam, aber gefreut hat es ihn natürlich dennoch, denn sie gefiel ihm ganz gut. In den nächsten Tagen schrieben die beiden sich stundenlang und tauschten sich über alles mögliche aus. Gestern bekam ich von Schorsch die Nachricht, dass er wohl Abstand nehmen sollte von Olga. Auf meine Nachfrage berichtete er mir, dass sie im Moment stark erkältet sei und er sie gefragt habe, ob er etwas für sie tun könne. Sie wünschte sich, dass er für sie einkaufen geht und hat ihm auch sofort eine Einkaufsliste geschickt, auf der unter anderem vier Hörbücher standen. Insgesamt kam man da locker auf einen Warenwert von 150 Euro. Weiterhin erzählte er mir, dass Olga arbeitlos wäre und kein Geld hätte wegen jahrelangem Burnout. Im Grunde ist das ja auch nicht schlimm, da bin ich die letzte, die jemanden verurteilt, aber im Zusammenspiel mit dieser Einkaufsgeschichte bekam ich auf einmal ein ganz mieses Gefühl. Zum Glück ist Schorsch ein vernünftiger Mensch und sagte direkt, dass er ihr das bestimmt nicht kauft, denn immerhin wäre er ja auch kein Goldesel, der Geld scheißt. Ich wollte wissen, ob er ihr das auch gesagt hätte und er meinte, ja, aber daraufhin wäre sie wohl ziemlich zickig geworden. Nach dieser Geschichte herrschte erst einmal Funkstille.

Ich habe mich unglaublich über diese Dreistigkeit aufgeregt! Die Frage, ob man für jemanden einkaufen geht, finde ich an sich gar nicht schlimm. Doch wenn ich denjenigen bisher erst einmal gesehen habe, er auch noch in einer 30 km weit entfernten Stadt wohnt und ich eine solche Einkaufsliste schreibe, dann ist das schon ziemlich unverschämt. Mir drängt sich die Frage auf, für wie einfältig oder verzweifelt ich mein Gegenüber halte, wenn ich echt der Meinung bin, dass er das macht. Wenn derjenige in der gleichen Stadt wohnt und ich vielleicht um Tee oder Suppe bitte… Okay. Aber den Rahmen direkt so dermaßen zu sprengen! Unfassbar.

Doch die Geschichte geht noch weiter. Heute Abend hat sich Olga wieder bei Schorsch gemeldet. Sie sagte, es täte ihr leid, es hätte nur am Fieber gelegen, dass sie so eine Forderung gestellt hat und zickig geworden ist. Beim Lesen dieser Nachricht trank ich gerade einen Cappuccino und der kam mir beinahe wieder zur Nase heraus. Das ist ja wohl die dümmste Ausrede, die ich je gehört habe. Ich kenne Leute, die bei Fieber fantasieren, die sich kaum noch artikulieren können, die totalen Unsinn reden. Aber eine Einkaufsliste verfassen? Und dann meinte sie noch, sie wäre in den letzten zwei Tagen im Krankenhaus gewesen. Da frage ich mich allerdings, ob man neuerdings auch als Patient in den Krankenhausküchen kochen darf, denn Schorsch meinte, gestern Abend hätte Olga ein Foto ihrer frischen und selbst gemachten Hühnersuppe bei instagram gepostet. Das war der Moment, in dem ich so laut loslachen musste, dass sich meine Kater total erschrocken haben. Schorschs Kommentar war: „Die hab ich gefressen.“ Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht die Suppe meinte.

Wieso kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier jemand ganz gewaltig ausgenutzt werden sollte? Und warum kommt es mir so vor, als wenn Olga nicht gerade die ehrlichste Haut auf dem Erdenrund ist? Vielleicht reagiere ich ja über, doch die gesamte Geschichte kommt mir einfach seltsam vor. Und sollte sie das nicht sein: Ist es inzwischen normal, sich gegenüber anderen Menschen so zu benehmen und solche Ansprüche zu stellen? Kann ja sein, dass ich da irgendwas nicht mitbekommen habe, denn immerhin war ich ja nun einige Jahre in einer festen Beziehung und konnte die aktuellen Entwicklungen auf Markt der einsamen Herzen nicht verfolgen. Eventuell klärt man mich in diesem Fall hier mal auf. Meiner Meinung nach ist das aber eher der Typ Frau, der das Vorurteil, Frauen hätten es immer nur auf das Geld der Männer abgesehen, ordentlich füttert. Nein, liebe Männer, das ist nicht die Norm. Zumindest hoffe ich, dass ich nicht die einzige Frau bin, die solch ein Verhalten nicht gut heißt. Es würde mich ganz ehrlich mal interessieren, wie ihr das so seht.

Ich möchte eine Sachertorte sein.

Nach jeder gescheiterten Beziehung kommt irgendwann der Moment, in dem einem klar wird, dass man so langsam wieder bereit für etwas Neues wäre. Oder sich dem Gedanken daran zumindest nicht mehr komplett verschließt. Nachdem ich im vergangenen Jahr wirklich überhaupt keine Lust darauf hatte, wieder jemanden in mein Leben zu lassen und extrem viel mit mir selbst zu tun hatte, fällt mir nun seit einigen Wochen auf, dass ich nicht mehr abgeneigt wäre.  Es ist niemand in Sicht, der wirklich als Partner in Frage käme, aber man beginnt sich schon ein wenig umzuschauen. Wobei das mit dem Umschauen vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist, da zwischen Arbeit und Wohnzimmer nicht ganz so viel Zeit und Raum ist, um jemanden kennen zu lernen.

Ich habe schon immer ein paar Probleme damit gehabt, mich aktiv ins soziale Leben zu stürzen. Vor allem, wenn dieses aus Party machen, alleine in Bars gehen, sich in einem Verein oder einem wie auch immer gearteten Kurs anmelden besteht. Auch wenn mir viele Menschen, die mich eher oberflächlich kennen, eine offene und gesellige Art attestieren: So einfach ist es nicht. Ja, ich bin offen und ich habe auch kein Problem damit, von mir selbst zu erzählen. Eigentlich mache ich das sogar sehr gern. Vielleicht etwas zu gern. Aber von mir aus auf fremde Menschen zugehen oder allein zu einer Gruppe dazustoßen ist für mich so unfassbar schwierig, dass ich darauf oft mit Angst reagiere. Auf der Arbeit, wo ich den ganzen Tag mit Menschen arbeiten muss, ist das für mich kein Problem, denn ich kenne meine Rolle, mir sind meine Aufgaben klar und ich bewege mich auf sicherem Terrain. Diese Sicherheit habe ich im Privatleben allerdings nicht. Und mit diesen Voraussetzungen fällt es mir unheimlich schwer, neuen Menschen zu begegnen.

In Anbetracht dieser Tatsache sinniere ich darüber, wie wahrscheinlich es wohl sein mag, einem interessanten Mann auf dem Heimweg von der Arbeit zu begegnen. Im Zug, mit Kopfhörern im Ohr und lauter Musik, um den Stress des Tages abklingen zu lassen. Oder im Supermarkt an der Käsetheke, wo ich mich selten entscheiden kann, welchen Camembert ich gerne ausprobieren möchte. Oder vielleicht online in einem Dungeon bei Final Fantasy XIV, während mich der finale Boss gerade so dermaßen vermöbelt, dass ich kaum schnell genug in die Tasten hauen kann, um meine Cooldowns zu zünden. Statistisch gesehen findet man eine neue Liebe am ehesten in seinem Freundes- und Bekanntenkreis oder auf der Arbeit. Ersteres halte ich für ziemlich unwahrscheinlich, weil der nicht nur recht überschaubar ist, sondern auch überproportional viele verheiratete Paare beinhaltet. Sprich: So ziemlich alle außer mir. Und die Arbeit fällt ja wohl auch flach, denn erstens fängt man mit Kunden nichts an und zweitens ist der Altersdurchschnitt bei uns ja doch recht niedrig.

Und was habe ich überhaupt für Ansprüche? Naja, sie sind ein wenig seltsam, würde ich sagen. Passt ganz gut, da auch ich nicht so ganz normal bin. Doch wer möchte sich das antun? Und zu allem Überfluss kommt noch die Unsicherheit wegen meines Äußeren dazu. Kann man mich überhaupt attraktiv finden, wenn ich es nicht mal tue? Das ist schon ein entscheidender Punkt, auch wenn man mir das regelmäßig ausreden will. Auf jeden Fall ist mir eines klar: Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, für irgendwen ein aufgewärmtes Brötchen vom Vortag zu sein, das ganz okay schmeckt und das man isst, weil es halt noch da war. Ich möchte eine Sachertorte sein. Oder wahlweise eine andere Köstlichkeit, die man mit Genuss isst und auf die man sich schon lange freut.

Wovor ich wirklich Angst habe, ist das Aussenden von verzweifelten Signalen. Jeder von uns kennt doch diese Menschen, die so verzweifelt suchen und sich so arg an jede neue Möglichkeit klammern, dass sie schon abstoßend wirken. Ich persönlich hasse das und ich möchte mich nicht in diese Richtung entwickeln. Hoffentlich teilt man es mir mit, sollte es wirklich dazu kommen. Ich bitte darum. Ernsthaft.

Ihr werdet immer fehlen.

Soziale Bindungen sind wohl eines der Dinge, mit denen wir uns am intensivsten in unserem Leben beschäftigen müssen. Familie, Freunde, Partner, Arbeitskollegen… Sie alle begleiten uns und haben einen immensen Einfluss auf uns. Wir vertrauen ihnen und fürchten sie. Wir lieben und hassen sie. Wir profitieren von ihnen oder lernen wichtige Lektionen für unser Leben. Aber auf jeden Fall sind wir auf sie angewiesen. Ohne andere Menschen wären wir nicht lebendig, wären wir nicht zu einer Person mit eigenen Gedanken, Träumen und Hoffnungen geworden. Unsere Familie begleitet uns im Idealfall das ganze Leben über und auch viele unserer Freunde sind lange an unserer Seite. Allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass wir uns diese, im Gegensatz zu unserer Familie, selbst aussuchen können. Und wir entwickeln uns mit unseren Freunden zusammen. Entweder in die gleiche Richtung oder eben auch auseinander.

Freundschaft ist generell ein eher schwieriges Thema für mich. Ich kenne viele Menschen, die noch Freundschaften aus ihren Kindertagen pflegen. Man ist zusammen aufgewachsen, kennt fast alle Geheimnisse voneinander und kann diese Verbindung ziemlich zuverlässig bewerten. Mir fällt das schwer. Freunde aus Kindertagen habe ich nicht mehr und ich könnte auf die Schnelle nicht einmal fünf Namen von ehemaligen Mitschülern nennen. Ob es daran liegt, dass wir öfter mal umgezogen sind und ich auch auf einigen Schulen war, oder ob ich einfach nur ein schlechtes Gedächtnis habe… Wer weiß? Generell habe ich mich immer etwas schwer getan mit Freunden. Klar gab es immer welche um mich herum, ich war nie völlig allein. Aber bis zu meinem 19. Lebensjahr hatte ich immer das Gefühl, ich würde nicht richtig dazu gehören oder müsse mich verstellen, damit andere mich mögen. Das war extrem anstrengend und sicherlich auch ein Grund dafür, warum ich die Bindungen nie über lange Zeit aufrecht erhalten konnte oder wollte.

Das änderte sich mit meinem Einstieg in die Anime-Szene. Im Internet, noch in den alten Chatrooms, die heute kaum ein Mensch mehr benutzt, lernte ich Menschen kennen, die ähnlich tickten wie ich. Das war für mich wie eine Offenbarung, denn ich hatte nicht geahnt, dass ich einfach nur ich selbst sein kann und trotzdem gemocht werde. Mehr und mehr Leute bewegten sich in meinem Dunstkreis und es entstanden einige großartige Freundschaften. Dafür bin ich unheimlich dankbar, denn auch wenn ich wirklich schwere Zeiten hatte und es nicht immer leicht war mit mir, blieben mir diese Menschen und gaben mir die Kraft und den Mut, mich weiter nach vorn zu kämpfen. Ich habe ihnen so viel zu verdanken und sie wissen das wahrscheinlich gar nicht.

Doch wie das so ist im Leben: Man muss sich immer mal wieder von Ideen verabschieden und gewisse Vorstellungen revidieren. Ich war der festen Überzeugung, dass einige der engsten und besten Freunde, die ich hatte, niemals gehen würden. Dass wir immer in eine gemeinsame Richtung unterwegs sein würden. Dem ist nicht so. Und ganz ehrlich? Das quält mich seit gut vier Jahren jeden Tag. Bis ich mir selbst eingestehen konnte, dass sich Dinge im Leben eben verändern und das etwas ganz Normales ist, hat es lange gedauert. Bis ich überhaupt einigermaßen damit zurecht kam, noch länger. Es fühlt sich an als hätte man einen wichtigen Teil von sich selbst verloren, aber gleichzeitig ist da auch das Wissen, dass es kein Zurück gibt. Es wird nie wieder so sein, wie es war. Und vielleicht hat das auch einen Sinn. Ich versuche mir nicht zu viele Gedanken darum zu machen, denn es bringt mich nicht weiter. Was vorbei ist, ist vorbei.

Fakt ist aber, dass mir diese Menschen immer fehlen werden. Bei so vielen Dingen, die ich tue, muss ich an sie denken. Ich träume von ihnen. Manchmal erinnere ich mich an bestimmte Situationen und muss immer noch lachen. Und ich bin zutiefst dankbar, dass sie all die Jahre an meiner Seite waren. Vielleicht machen sie mir Vorwürfe, denn ich bin nicht frei von Fehlern und habe auch zu dieser Entwicklung beigetragen. Vielleicht nehmen sie es gelassen hin. Und ganz vielleicht denken sie auch manchmal mit Wehmut zurück. Ich denke, ich möchte das gar nicht wissen. Nicht, weil es mir egal wäre. Nein, weil ich im Zweifelsfall sehr darunter leiden würde und ich bin egoistisch genug, das nicht zu wollen. Was auch immer jetzt ist: Ich wünsche ihnen, dass sie glücklich werden und dass sie klüger mit ihrer Freundschaft umgehen als ich.

brainfucked

Das Organ, das bei mir am meisten zu tun hat, ist das Gehirn. Vermutlich ist das bei jedem Menschen so, keine Ahnung, ich bin kein Biologe. Ich merke, wie die Schaltzentrale in meinem Schädel pulsiert und Gedanken spinnt, sie ausspuckt und wieder ansaugt. Ich fühle die Spannung in meinen Nervenbahnen und das Zittern der Membrane. Nicht körperlich, natürlich, aber auf eine verquere Art und Weise ist da dennoch dieses Gefühl. Wie kann ich das beschreiben? Ja, ganz selten geht es auch mir so, dass die Worte fehlen.

Mein Hirn pumpt also täglich zwischen meinen Ohren herum und lässt die Synapsen glühen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings stellt mich das im Moment vor ein echtes Problem: Ich knalle durch.

Dadurch, dass mein Leben sich buchstäblich von einer Minute auf die andere komplett geändert hat, bin ich nun dauerhaft damit beschäftigt, Pläne zu schmieden, Lösungen zu suchen, zu rechnen und zu organisieren. Gleichzeitig versuche ich auf der Arbeit wie gewohnt zu funktionieren. Das funktioniert tagsüber auch ganz gut. Aber sobald ich abends zuhause bin, sehe ich die ganzen Scherben um mich herum und durch meinen Kopf spuken tausend Gedanken, die sich ineinander verknoten und zu einem riesigen Stück – entschuldigung – Scheisse werden. Was habe ich getan, dass es so weit kommen konnte? Oder was habe ich nicht getan? Ist das alles meine Schuld? Habe ich das verdient? Und wie wird es jetzt weitergehen?

Natürlich wird es weitergehen. Das tut es immer. Und ich kümmere mich darum, dass es das tut. Es ist nur so verdammt schwer. Die Albträume jede Nacht, die Sorge um die Zukunft, die endlose To-Do-Liste, die ich habe, und auch die Scham und das Gefühl, komplett versagt zu haben, setzen mir wirklich zu. Und mein Gehirn läuft und läuft und heizt sich auf und generiert tausend Szenarien, die ich alle bis ins kleinste Detail zerdenken muss.

Es macht mich total irre. Eigentlich bin ich ein Mensch, der gut alleine leben kann. Aber nach sechs Jahren Partnerschaft und fünf Jahren des Zusammenlebens habe ich nun unglaubliche Angst davor, wieder allein dazustehen. Neulich habe ich zu meinen Kolleginnen gesagt, dass ich mich davor fürchte, zu sterben und irgendwann nach einer Woche halb vergammelt und stinkend in meiner Wohnung gefunden zu werden. Angefressen von den Katern, die sonst verhungert wären! Man lacht drüber, aber tatsächlich meine ich das ernst. Ich sage es ja: Ich knalle durch.

Immerhin kann ich mich nun wieder um etwas kümmern, mit dem ich mich gut auskenne: Angstzustände und Panikattacken. Das lenkt ja ziemlich gut von allem anderen ab. Zum Beispiel von dem Film, den man mit der liebsten H. im Kino schauen möchte und bei dem man dann den Saal zwischendrin verlassen muss, weil man vor lauter Panik schon beinahe ohnmächtig im Sitz hängt. Eine tolle Erfahrung und für jeden zu empfehlen, der schon immer mal auf andere Gedanken kommen wollte. Tod und Verderben ist da genau das richtige.

Nicht.

Nun ja, was auch immer mein Hirn mir noch antun wird in nächster Zeit, ich werde einfach weitermachen. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig. Und eins verspreche ich: Das hier bleibt einer von ganz wenigen Jammer-Blogeinträgen. Ich muss es nur einmal loswerden, dann ist gut. Und ich will mich ja nicht selber runterziehen. Wäre schön blöd.

 

kopflos

Alles ist falsch. Verschoben. Mein Leben hat seine Spur verlassen und es geht in rasendem Tempo durch scharfe Kurven und über gefährliche Straßenschäden hinweg. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob der Weg mich abwärts oder aufwärts führt. Geschweige denn, dass ich weiß, wie mir geschieht. So ist das wohl, wenn sich von einem Tag auf den anderen alles ändert. Wenn man sich in einem Moment noch wohlig eingebettet in seinem Alltag und seinem Trott wähnt, im anderen aber nur noch zusehen kann, wie alles, was man sich aufgebaut hat und was vor einem liegt, in tausend Scherben zerspringt und zu Boden fällt. Ohrenbetäubendes Klirren und Scheppern inklusive. Es hallt seit Tagen nach.

In der Stille, die auf den Lärm folgt, ziehe ich meine Mauern hoch. Ich möchte nicht schwach sein und ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als wäre alles, was jetzt kommt, zu viel für mich. Natürlich ist es das, natürlich macht es mir Angst und natürlich fühle ich mich überfordert, aber darum muss man es mir noch lange nicht anmerken. In den ersten Tagen war es schwer. Trennungen sind immer schwierig, egal, von wem sie ausgehen. Und es macht niemals Spaß. Besonders nicht, wenn man selber noch liebt und der geliebte Mensch plötzlich wie amputiert erscheint. Weg. Einfach so, von einer Sekunde auf die andere. Zumindest emotional, denn physisch ist er ja noch da.

Es gibt wenig, was man in solchen Fällen tun kann. Das ist so eine Gratwanderung zwischen Akzeptanz und Selbstmitleid, Betäubung und Aktionismus. Und weil man gefragt hat, weiß man, dass es nichts mehr gibt, was man tun könnte. Nur aushalten und Wunden lecken. Für letzteres gibt es leider zu wenig Zeit, denn man muss sich darum kümmern, dass das Leben weitergeht. Dass man nicht abstürzt, sondern sich gerade noch so am Abhang entlang Richtung sicheren Aufstieg hangelt. Es ist verdammt schwierig. Aber es geht. Es geht ja immer irgendwie.

Die Frage nach Schuld hängt im Raum und vergiftet das eigene Denken. Da sind die Erinnerungen an alle Situationen, in denen man besser anders gehandelt hätte. In denen man sich anders hätte entscheiden können. Tausend kleine Steine, die zusammengesetzt ein großes Ganzes ergeben, auf das man fassungslos schaut und kaum glauben kann, wie blind man gewesen sein muss. Und wie beschäftigt mit sich selbst, so dass man den Menschen neben sich kaum noch gesehen hat. Das tut weh und es tut leid, aber es ist unabänderlich. Viel zu spät.

Dennoch glaube ich nicht an die Schuld des einen. Eine Beziehung lebt von zwei Menschen, wird von beiden getragen. Oder besser gesagt: Sie wird von zwei Menschen auf mehreren Säulen in Balance gehalten. Wenn diese Säulen ihre Höhe verändern, wenn die Gewichtung in der Beziehung nicht mehr stimmt, dann beginnt man zu verlieren. Es liegt an beiden Partnern, das Fundament im Auge zu behalten.

Wir haben es nicht geschafft. Wie ich damit umgehen soll, erprobe ich gerade. Sicherlich werde ich irgendwann auf meinen Weg zurückkehren und ein gemäßigteres Tempo einhalten. Leider allein. Leider ohne dich.

 

Eine Perle aus vergangenen Zeiten.

Ich habe gestern beim Stöbern in alten Texten und Nachrichten diese Perle von einem Blogeintrag gefunden, den ich vor sechs Jahren verfasst habe. Das Erlebnis hatte ich schon komplett verdrängt und musste beim Lesen nun sehr lachen. Ich hoffe, euch amüsiert es auch. Viel Spaß.

Dezember 2010:

Wieso gerate ich eigentlich immer an Typen, die irgendwie… nicht ganz normal sind? Also entweder bin ich nicht ganz knusper und erwarte von anderen zu viel (oder das Falsche) oder – wovon ich im Moment ganz stark ausgehe – ich bin von Idioten umgeben! Ich meine… Ja, ich habe meine Probleme, was Beziehungen angeht. Ich bin auch nicht wirklich leicht zu nehmen mit meinen ganzen Macken und Ängsten. Aber das sind wenigstens Dinge, über die ich mir bewusst bin und an denen ich arbeite. Um mich herum tauchen aber immer wieder Gestalten auf, die einfach so bizarr sind, dass sie nicht mal mit viel gutem Willen in mein Leben passen könnten. Ich habe schon öfters über seltsame und lustige Bekanntschaften geschrieben. Und jedes Mal wieder macht es mir Spaß, die Welt an dem teilhaben zu lassen, was mich auf die Palme oder zum Lachen bringt. Heute ist es wieder so weit. Lehnen Sie sich zurück, meine Damen und Herren, und genießen Sie die Geschichte des Mannes, der den schwäbischen Frauen schöne Rosetten andichtet…

In einem meiner letzten Blogeinträge schrieb ich von einem jungen Mann, der mich auf dem Heimweg an der Bushaltestelle angegraben hatte. Und ich berichtete auch, dass ich ihm in einem Anfall geistiger Umnachtung meine Handynummer gegeben habe. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich nicht so genau, warum. Jetzt ist es mir klar geworden: Zu meiner Belustigung! Am gleichen Abend dieser doch fast banal anmutenden Begegnung erhielt ich noch einige sms von besagtem Herrn. Die waren so weit ganz nett und sehr unverfänglich. Was wohl auch erklärt, warum ich seine Freundschaftsanfrage auf facebook angenommen habe. Wie war das? Offen sein für Neues! Der erste Chat zwischen uns war ganz locker. Wir plauschten über dies und das und er fragte mich, ob wir uns mal treffen wollten. Bevor ich eine Antwort geben konnte, ergänzte er seine Frage durch folgenden Satz: „Am besten morgen am 1. Advent. Das ist ein toller Tag, kann man sich als Jahrestag gut merken.“
DING DING DING!!!
Ich bin spontan lachend über meiner Tastatur zusammengebrochen. Wie bitte? Ich hatte mich gerade mal drei Minuten mit dem unterhalten und dann so was! Hatte er bis dato weder Plus- noch Minuspunkte auf meinem gedanklichen Konto, lag er zumindest im Soll plötzlich ganz weit vorn. Mir war sofort klar, dass es sich wieder mal um so ein Jüngelchen handelt, das gerade keine Frau am Start hat und dringend Abhilfe schaffen muss. Egal, wie! Aber ich war neugierig und wollte wissen, was für Schoten dem noch einfallen würden. Also habe ich ihm nur ganz sachlich gesagt, dass ich am Wochenende keine Zeit habe und erst recht nicht am 1. Advent. Was sogar stimmte. Dennoch konnte ich mir die Frage nicht verkneifen, ob er ein zu großes Ego hätte? Seine Antwort kam prompt und… nun ja, sie überraschte mich nicht. „Joa, schon ein ziemlich großes. Aber ich weiß genau, dass wir zusammenpassen. Freue mich schon drauf, mit dir zu küssen und zu kuscheln.“ Äh… hä??? Na gut. Unter Tränen (Ich war wirklich sehr erheitert!) schrieb ich ihm, dass ich das recht anmaßend fände und auch leicht irritierend, da wir uns ja gar nicht kennen. Sein Kommentar: „Ich weiß genau, dass ich dich brauchen werde. Wir werden wunderbar zusammenpassen.“ Ich teilte ihm mit, dass ich ohnehin gute 5 Jahre älter wäre als er, ob ihn das überhaupt nicht interessieren würde? (Ja, ich mag jüngere Männer eh lieber, aber mal ehrlich, dass muss DER doch nicht wissen!) „Oh, ich hätte dich auf 27 geschätzt! Aber ist doch gut, wenn du in deinem Alter noch so vital und fit bist.“ Bitte??? Vital und fit? IN MEINEM ALTER??? „Wenn du älter bist, dann ist das doch auch gut, dann weißt du wenigstens, was du willst. Und was du an einem Mann wie mir hast.“ Ja, einen Verrückten! Danke, aber nein danke! Diese Unterhaltung endete auch recht abrupt, da ich – ganz zufällig – einkaufen gehen musste.

Ein paar Tage später traf er mich wieder online an und irgendwie kamen wir auf das Thema „Fotografie“ zu sprechen. Nach etwas Hin und Her über Spiegelreflexkameras („Ich kauf mir auch bald eine, die darf ruhig 1.000 Euro kosten!“ – „Du musst keinen Tausender ausgeben für eine gute Kamera. Und bei den Bildern kommt es eh mehr auf Objektive, Technik und ein gutes Auge an.“ – „Je teurer die Kamera, desto besser die Bilder.“ … is klar…) wollte er wissen, ob ich auch Videos aufnehmen würde. Ja sicher, als meine Videokamera es noch tat und ich noch nicht so viel fotografiert habe, schon. Warum? „Ach, ich hab da mal dran überlegt, bin ja auch oft unterwegs in Deutschland. Das letzte Mal in der Nähe von Stuttgart. Die Leute da sind echt nett.“ – „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich die meisten Menschen südlich meines persönlichen Weißwurstäquators nicht leiden kann. Die meisten sind heimtückisch oder Arschlöcher.“ – „Die Frauen bei Stuttgart haben schöne Arschlöcher!“ Tolle Info. Vielen Dank dafür. „Filmst oder fotografierst du dich denn auch selbst beim Sex?“
BWAAAAHAHAHAHAHAHAHAAAAA!!!
Innerhalb von Sekunden litt ich unter Atemnot und Sehbehinderung. Ich musste so schlimm lachen, dass mir sofort die Tränen kamen. War ja kaum zu fassen, was dieser Kerl da von sich gab! Glaubte der ernsthaft, er könne damit auch nur einen Blumentopf gewinnen? Den haue ich ihm höchstens um die Ohren, mehr nicht! „Nein…“ Mehr konnte ich gar nicht schreiben, weil ich so von Lachkrämpfen geschüttelt wurde. „Das ist doch gar nichts Schlimmes und total modern!“ Modern also, aha? Also ist das quasi, als wenn ich mir neue Schuhe kaufen gehe? Neuer Partner = neue Mode? Also, ich bin durchaus aufgeschlossen für die Vorlieben anderer und jeder kann tun und lassen, was er will. Mache ich ja auch. Aber für mich gehört ein gewisses Vertrauen dazu, über intime Details zu sprechen. Und jemand Wildfremdes, der meine Grenzen da überschreitet, wird von mir nur die kalte Schulter gezeigt bekommen. „Ich war noch nie ein Mensch, der mit der Mode gegangen ist.“ – „Aber du bist doch jetzt auch in einem Alter, in dem du deine Sexualpartner nicht mehr an einer Hand abzählen kannst!“ Was auch immer das damit zu tun haben mag… Ich kann es. „Doch. Ich springe nicht mit jedem x-beliebigen Typen ins Bett.“ – „Typisch Frau.“ – „Tu nicht so scheinheilig. Ihr Männer dürft alles vögeln, was euch über den Weg läuft, aber sobald eine Frau das tut, ist sie doch eh eine Schlampe und ihr wollt nur über sie drüber rutschen, mehr nicht.“ Mich macht so ein großkotziges Gehabe wirklich wütend! „Aber wenn du alles fotografisch festhältst, dann kannst du dich auch später noch dran erfreuen, wenn du alt bist. Und du kannst protokollieren, mit wem du so alles geschlafen hast.“ …
Das verschlug jetzt selbst mir die Sprache. Ist er wirklich von dem Unsinn überzeugt, den er da schreibt? Ich kann es kaum glauben! Aber eigentlich auch egal, ob ich es glauben kann oder nicht. Ich weiss zumindest, dass ich mich mit so einem Menschen weder treffen noch näher befassen will. Das ist mir alles zu oberflächlich und zu tumb. Diese Leute, die glauben, sie sind die Erfüllung eines jeden feuchten Traums, gehen mir genau so auf den Senkel wie diejenigen, die alles und jeden sexualisieren müssen. Ich sehe das als einen gewissen intellektuellen Anspruch, den ich an meine Mitmenschen stelle. Nicht alles und jedes gehört nur auf Sex reduziert und ich möchte bitte auch nicht, dass man mich nur danach beurteilt, was ich im Schlafzimmer treibe oder wie schnell ich generell flachzulegen bin. Das ist unterste Schublade und benötigt gerade mal die Hirnaktivität einer Amöbe.
Ich hatte also schon beschlossen, ihn bei der nächsten dusseligen Aussage aus meiner Freundesliste und aus meinem Handyspeicher zu verbannen. Es dauerte auch nicht lange, bis sich die Gelegenheit ergab. Denn heute war es so weit! Ich surfte gelangweilt auf Facebook herum und wurde auch prompt angeschrieben. Ob ich denn nicht Lust hätte, am Samstagabend etwas mit ihm zu unternehmen? Ha! Da kommt doch bestimmt wieder was! „Was denn?“ – „Mitternachtssauna von 22 bis 24 Uhr.“ Der glaubt jetzt nicht ernsthaft, dass ich mit ihm zusammen in die Sauna gehe? „Nee.“ – „Wieso nicht? Das ist entspannend und tut gut!“ – „Ich weiss, aber ich mach so was nur mit Leuten, die ich gut kenne. Ich zieh mich nicht vor jedem aus.“ – „Typisch.“ Typisch??? Was ist denn da jetzt bitte typisch? Nur weil ich ihm nicht beim nächsten Treffen meine nackten Hupen unter die Stielaugen halten will? Soll er doch in Susis Showbar gehen, nur muss er dort für nackte Haut blechen. Vermutlich dachte er sich das auch. „Na komm, das wird bestimmt toll.“ Zeit für klare Verhältnisse! „Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir auf einer Wellenlänge liegen.“ – „Aber du weißt es nicht.“ Tolle Feststellung. Ach, er schreibt noch was? „Du weißt überhaupt nur sehr wenig.“ Hui, da ist jemand aber angezickt. Ist das große Ego doch nicht so groß? Glaubt er jetzt, mich damit treffen zu können? „Damit kann ich leben.“ – „Mach doch.“ – „Mach ich auch.“ Willkommen im Kindergarten! „Dann lösche ich dich halt wieder von meiner Bekanntenliste.“ Das ging ja einfacher als gedacht! Super! Ich hab ihm noch einen Smiley hingeklatscht, ich war ja nicht sauer oder so, einfach nur genervt und halt nicht im Geringsten interessiert. Und was kam von ihm? „Komm mal klar. Tzzz….“
LÖSCHEN!
Ich soll klar kommen? Jepp, ist schon recht. Ich mag nicht besonders aufregend sein und mein Leben ist auch nicht so spannend wie das der Menschen in den Vorabendserien. Aber das muss auch alles gar nicht sein. Es ist okay so wie ich bin und wenn das jemand nicht akzeptieren kann und dann auch noch so dümmlich reagiert.