Abschiedsmelodie

Die Welt bleibt niemals stehen. Sie dreht sich weiter und weiter, zieht ihre Bahn durch die Dunkelheit des Alls und umkreist wieder und wieder ihr Zentralgestirn. Auf ihrer Oberfläche bleibt das Leben immer in Bewegung, auch wenn wir uns manchmal fühlen, als würden wir stecken bleiben. Stillstand kennen wir nicht, wir jagen immer etwas nach: Geld, Ruhm, Erfolg, Liebe… Es gibt immer etwas zu tun, immer eine neue Herausforderung. Und auch wenn wir uns in Stunden des Glücks und der Zufriedenheit wünschen, alles möge so bleiben wie es gerade ist, kann uns dieser Traum niemals erfüllt werden.

Ich mag es, dass nichts still steht und dass jeder Tag das Versprechen auf etwas Neues beinhaltet. Ich bilde mir ein, dadurch käme Bewegung in mein Leben. Dass ich mich selbst belüge, ist mir durchaus klar. Denn während sich das große Ganze immer am Laufen hält, fürchte ich die Veränderung im Kleinen. Mir ist es am liebsten, wenn es in meinem Alltag genau getaktete Abläufe gibt. Wenn nichts aus der Reihe tanzt und alles ganz vorhersehbar geschieht. Unsicherheit und Spontaneität verwirren mich, ich brauche kleine Inseln der Sicherheit, auf die ich mich flüchten kann. Bricht auch nur eine davon weg, verschwindet damit auch ein Teil meiner Welt und macht Platz für meine Ängste.

In einigen Tagen wird wieder eine Sicherheitszone wegbrechen und auch wenn ich weiß, dass es geschehen wird und dass ich nichts dagegen unternehmen kann, stemmt sich mein ganzes Wesen gegen diesen Umstand und will es einfach nicht wahr haben.

Als meine Kollegin mir vor gut einem Monat sagte, dass sie zu Ende Juli kündigen wird, tat sich unter meinen Füßen ein Loch auf. Ich hatte schon zuvor geahnt, dass sie gehen würde, da wir ein Gespräch darüber hatten, dass sie die Arbeit bei uns eigentlich gar nicht mehr leisten kann. Ihre Familie verlangt ihr einfach viel ab und ich kann verstehen, dass sie auch Zeit für sich braucht, die sie durch den Job zuletzt nicht mehr hatte. Aber zu hören, dass die Entscheidung gefallen ist und dass sie definitiv gehen wird, war für mich einfach grauenvoll. An dem Tag haben wir zusammen im Zug gesessen und geweint und ich dachte, ich muss stark sein, damit sie nicht denkt, sie würde mich im Stich lassen.

Einen Monat später empfinde ich immer noch so, aber es fällt mir schwerer und schwerer, meine Angst vor der Zeit „danach“ zu verstecken. Ich fürchte mich vor Freitag, vor ihrem Abschied und meinen Tränen. Ich fürchte mich vor Montag, wenn sie nicht mehr an ihrem Platz sitzen wird. Ich fürchte mich davor, dass ich mit der neuen Kollegin nicht gut zurecht komme oder dass sie den Job nicht bewältigen kann und wieder gehen wird. Doch am meisten macht mir der Gedanke zu schaffen, dass meine Freundin nicht mehr bei mir sein wird. Jeder Arbeitstag war für mich wie nach Hause kommen, weil ich wusste, dass ich bei Menschen bin, die mich akzeptieren und annehmen so wie ich bin. Und ich habe mich an meinem sehr exponierten Platz sicher gefühlt, weil ich diese wundervolle Frau bei mir hatte, der ich einfach alles sagen konnte und vor der ich mich nie zu verstellen brauchte. Wir haben Hand in Hand gearbeitet, wussten oft schon ohne Worte, was die andere dachte oder brauchte. Die letzten zweieinhalb Jahre hätte ich ohne sie oft nicht überstanden. Es ist egoistisch, wenn ich mir wünsche, dass sie bei mir bleiben könnte. Das ist mir klar und ich schäme mich etwas dafür. Doch der Gedanke, dass sie aus meinem Leben verschwinden wird, zumindest in der Rolle, die sie zuvor inne hatte, triggert meine Furcht vor dem Verlassenwerden.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und teilt ihn nur für eine gewisse Zeit mit jemand anderem. Das ist vollkommen normal und ich sollte das besser hinnehmen können. Aber es fällt mir verdammt schwer, auch wenn ich versuche, mit erhobenem Kopf weiterzumachen und die Zukunft nicht zu schwarz zu sehen. Was wir hatten, das werde ich einfach nie wieder so erleben.

 

Advertisements

Fusion

Das Leben steckt voller Überraschungen. Selbst für mich, die sich nicht mehr so leicht über etwas wundert, gibt es hin und wieder noch Situationen, die mich kalt erwischen und mit denen ich niemals im Leben gerechnet hätte. Und so finde ich mich mitten in einer Freundschaft mit jemandem wieder, den ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen habe und von dem ich bis vor kurzer Zeit noch nicht einmal wusste, was für ein toller Mensch er ist. Das hat sich so unerwartet entwickelt, dass ich immer noch ganz verdattert neben mir selbst stehe und mir langsam auf die Schulter klopfe.

Eigenartig an dieser Sache ist, dass ich erwähnten Menschen gern mit jemand anderem kombinieren würde. Aus zwei mach eins, gerne überwiegend aus den positiven Eigenschaft beider Versuchsobjekte. Der eine verhält sich genau so, wie ich es mir vom anderen wünschen würde. Und der andere hat diese spezielle Art, die mir so gut gefällt. Könnte man das nicht einfach zusammenlegen? Eine große Fusion? Das könnte den perfekten Partner ergeben, der gar nicht so perfekt wäre.

Ich weiß. Sagt nichts. Man darf ja wohl noch ein wenig träumen.

Zwei Welten.

Ich liebe meinen Job. Das habe ich sicherlich schon mal erwähnt. Auch wenn er oft stressig ist, man ständig von Menschen umgeben ist und es dabei einfach völlig egal ist, ob es einem gerade gut geht oder nicht, ob man schlechte Laune hat oder todtraurig ist… Man muss lächeln und das Gefühl vermitteln, am richtigen Ort angekommen zu sein. Das ist mitunter nicht ganz einfach, aber die meiste Zeit über gibt es kein Problem. Denn auch wenn ich morgens mal wirklich genervt bin von der Aussicht auf einen langen Arbeitstag und mich die Menschen im Zug und vor allem am Düsseldorfer Hauptbahnhof bereits übelst nerven: Sobald ich in der Schule angekommen bin, die Kollegen und die Schüler sehe, die ersten Scherze austausche oder umarmt werde, geht es mir besser. Ich habe so ein unglaubliches Glück, in meinem Job aufzugehen und eine Art Familie in meinen Kollegen gefunden zu haben. Ich weiß nicht, bei wem ich mich dafür bedanken müsste, aber ich würde es gern mal tun.

Da ich mich privat ja ziemlich schwer damit tue, neue Menschen kennenzulernen, ist es für mich eine tägliche Herausforderung, mit Menschen aller Couleur zusammenzukommen und mit ihnen zu interagieren. Man könnte es als eine immerwährende Expositionsübung betrachten, die ich da durchlaufe. Aber das ist gut, das brauche ich. Ich darf mich nicht verstecken, darf nicht beginnen, mich vor anderen zu fürchten. Täglicher Kontakt mit Menschen ist anstrengend, aber auch so bereichernd und schön, dass ich darüber oft vergesse, wie unsicher ich anderen gegenüber sein kann.

Doch von Zeit zu Zeit erinnere ich mich.

Grundsätzlich komme ich eigentlich mit all unseren Schülern aus. Mit dem ein oder anderen besser, mit anderen habe ich kaum Kontakt, doch in den drei Jahren meiner Tätigkeit gab es nur eine Handvoll Leute, die ich direkt an die Wand hätte klatschen mögen. Die ignoriere ich dann so weit es geht. Manchmal treffe ich aber auch Leute, von denen ich mich sehr angezogen fühle. Es geht mir gut in ihrer Gegenwart, ich mag ihren Witz und Charme, ihre Art zu reden oder zu denken. Und ich wünsche mir dann, sie würden mich bemerken und vielleicht Zeit mit mir verbringen wollen, doch wir sprechen immer nur kurz in den Pausen oder nach dem Ende eines Kurses und dann verschwinden sie wieder. Bis zum nächsten Tag.

Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass dieses Geständnis ziemlich erbärmlich klingt. So als wäre ich ein kleiner Welpe, der um Aufmerksamkeit ringt. Ja, verdammt, ich gebe es zu: Ich winsle innerlich auch mal vor mich hin und will einfach nur geliebt werden und dazu gehören. Das ist nicht besonders professionell, klar, aber so bin ich nun mal. Nach außen sieht man mir das wohl nicht an, zumindest nicht wenn ich den Aussagen derer glauben kann, die mich täglich erleben. Und das beruhigt mich etwas, denn wie peinlich ist es bitte, die um Zuneigung bettelnde Frau am Empfang zu sein? Ich würde mal sagen: Trolololol!!!11elf!!!

Aber es versetzt mir jedes Mal einen Stich, wenn ich gerne fragen würde, ob man Lust hätte, gemeinsam etwas zu unternehmen, es aber dann doch nicht tue, weil es nicht angemessen ist. Und weil ich weiß, dass ich in einer anderen Welt lebe als die, die ich so bewundere. Die Klassen sind eingeschworene Gemeinschaften, dort entstehen Freundschaften, ich bin aber nur die Frau hinter dem Tresen, die ein paar aufmunternde Worte parat hat oder die Hilfe im Dschungel der Bürokratie anbietet. Und immerhin habe ich ja auch schon gelernt, dass ein Interesse nicht meiner Person gilt, sondern nur dem, was ich bieten kann. Diejenigen, die Kontakt wollten, erhofften sich davon meist nur Vorteile oder haben mich immer um Gefallen gebeten. Hatten sie, was sie wollten, ist der Kontakt schnell beendet gewesen. Ich gebe mir dafür die Schuld. Ich hätte es besser wissen müssen. Aber man lernt schließlich sein ganzes Leben lang dazu.

Wir leben in verschiedenen Welten. Auf der anderen Seite des Tresens befindet sich ein Kosmos, in den ich nicht eindringen kann.

Es ist ein bißchen traurig, dass ich einen Beruf habe, in dem ich Unmengen von überaus interessanten Menschen kennenlerne, aber dennoch die meiste Zeit in meinem Leben allein verbringe. Ironie des Schicksals. Ich darf einfach nicht so viel darüber nachdenken.

Love me Tinder.

Wir alle haben es wohl schon einmal getan. Sei es, um unseren Marktwert zu prüfen, um sich „die Sache mal anzusehen“ oder um ernsthaft nach neuen Kontakten zu suchen. Die Rede ist von der Partnersuche per Internet. Es gibt so wahnsinnig viele Möglichkeiten, online sein perfect match zu finden: Chats, Webseiten, Agenturen, Apps… Und alles als kostenlose oder kostenpflichtige Variante. Was man wählt, kommt nicht nur darauf an, ob und wenn ja, wie viel man für seine Suche bezahlen möchte, sondern auch auf die angestrebte Zielgruppe. Da gibt es Seiten extra für Menschen, die Partner mit Hüftgold bevorzugen, für Landwirte, für Nerds, für diejenigen, die nur auf Sex aus sind, und… und… und…

Seit Jahren beliebt ist die App „Tinder“, bei der man sich kostenfrei anmelden kann und bei allen angezeigten Vorschlägen zunächst nur das Profilbild des Gegenübers sieht. Findet man denjenigen attraktiv, kann man ihn liken. Anderenfalls wischt man ihn einfach weg. Das hat ein bißchen den Charme einer Fleischtheke, an der man sich die schönste Wurst aussucht, ohne etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Denn Details zur Person, die man auswählt, erhält man nur, wenn es ein Match gibt, also der Gegenseite das Profil des Likers ebenfalls gefällt. Ansonsten war’s das und man sucht einfach weiter bis sich mal was ergibt.

Ich bin nun nicht gerade der unbedingte Fan dieses Prinzips, aber für wen das so funktioniert, der soll einfach Spaß damit haben. Und ab und zu trifft man ja wohl wirklich nette und lustige Leute. Und auch einige, die nicht so lustig sind. Genau um so eine Person geht es hier. Normalerweise schreibe ich nicht über Sachen, die Freunden von mir passieren. Zumindest nicht so. Aber ich schwöre, ich habe mir die Erlaubnis dazu geholt. Und ich muss es einfach teilen, vor allem, weil ich mich so aufrege und klar machen will, dass so ein Verhalten absolut gar nicht geht!

Aber von vorn…

Vor einigen Tagen unterhielt ich mich mit einem Freund, nennen wir ihn Schorsch, über eine Bekanntschaft, die er über Tinder gemacht hat. Er nutzt die App immer mal wieder zwischendurch, aber tatsächlich ist er keiner derjenigen, die nur auf Sexdates aus sind, sondern er wünscht sich eine ernsthafte Beziehung. Nun ja, mit der Dame, die Gegenstand unseres Gesprächs war, hatte sich ein Match ergeben, in den ausgetauschten Nachrichten fand man sich sympathisch und so wurde ein Treffen zum gemeinsamen Frühstück ausgemacht. Schorsch fuhr also zu ihr bzw. in ihre Stadt, nicht zu ihr nach Hause, und lud sie zum Frühstück ein. Alles war wunderbar, man verstand sich gut und am Ende ihres Treffens überreichte die junge Frau, die ich hier Olga nenne, meinem Freund einen Gutschein über ein gemeinsames Burger grillen. Okay, das fand er schon etwas seltsam, aber gefreut hat es ihn natürlich dennoch, denn sie gefiel ihm ganz gut. In den nächsten Tagen schrieben die beiden sich stundenlang und tauschten sich über alles mögliche aus. Gestern bekam ich von Schorsch die Nachricht, dass er wohl Abstand nehmen sollte von Olga. Auf meine Nachfrage berichtete er mir, dass sie im Moment stark erkältet sei und er sie gefragt habe, ob er etwas für sie tun könne. Sie wünschte sich, dass er für sie einkaufen geht und hat ihm auch sofort eine Einkaufsliste geschickt, auf der unter anderem vier Hörbücher standen. Insgesamt kam man da locker auf einen Warenwert von 150 Euro. Weiterhin erzählte er mir, dass Olga arbeitlos wäre und kein Geld hätte wegen jahrelangem Burnout. Im Grunde ist das ja auch nicht schlimm, da bin ich die letzte, die jemanden verurteilt, aber im Zusammenspiel mit dieser Einkaufsgeschichte bekam ich auf einmal ein ganz mieses Gefühl. Zum Glück ist Schorsch ein vernünftiger Mensch und sagte direkt, dass er ihr das bestimmt nicht kauft, denn immerhin wäre er ja auch kein Goldesel, der Geld scheißt. Ich wollte wissen, ob er ihr das auch gesagt hätte und er meinte, ja, aber daraufhin wäre sie wohl ziemlich zickig geworden. Nach dieser Geschichte herrschte erst einmal Funkstille.

Ich habe mich unglaublich über diese Dreistigkeit aufgeregt! Die Frage, ob man für jemanden einkaufen geht, finde ich an sich gar nicht schlimm. Doch wenn ich denjenigen bisher erst einmal gesehen habe, er auch noch in einer 30 km weit entfernten Stadt wohnt und ich eine solche Einkaufsliste schreibe, dann ist das schon ziemlich unverschämt. Mir drängt sich die Frage auf, für wie einfältig oder verzweifelt ich mein Gegenüber halte, wenn ich echt der Meinung bin, dass er das macht. Wenn derjenige in der gleichen Stadt wohnt und ich vielleicht um Tee oder Suppe bitte… Okay. Aber den Rahmen direkt so dermaßen zu sprengen! Unfassbar.

Doch die Geschichte geht noch weiter. Heute Abend hat sich Olga wieder bei Schorsch gemeldet. Sie sagte, es täte ihr leid, es hätte nur am Fieber gelegen, dass sie so eine Forderung gestellt hat und zickig geworden ist. Beim Lesen dieser Nachricht trank ich gerade einen Cappuccino und der kam mir beinahe wieder zur Nase heraus. Das ist ja wohl die dümmste Ausrede, die ich je gehört habe. Ich kenne Leute, die bei Fieber fantasieren, die sich kaum noch artikulieren können, die totalen Unsinn reden. Aber eine Einkaufsliste verfassen? Und dann meinte sie noch, sie wäre in den letzten zwei Tagen im Krankenhaus gewesen. Da frage ich mich allerdings, ob man neuerdings auch als Patient in den Krankenhausküchen kochen darf, denn Schorsch meinte, gestern Abend hätte Olga ein Foto ihrer frischen und selbst gemachten Hühnersuppe bei instagram gepostet. Das war der Moment, in dem ich so laut loslachen musste, dass sich meine Kater total erschrocken haben. Schorschs Kommentar war: „Die hab ich gefressen.“ Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht die Suppe meinte.

Wieso kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier jemand ganz gewaltig ausgenutzt werden sollte? Und warum kommt es mir so vor, als wenn Olga nicht gerade die ehrlichste Haut auf dem Erdenrund ist? Vielleicht reagiere ich ja über, doch die gesamte Geschichte kommt mir einfach seltsam vor. Und sollte sie das nicht sein: Ist es inzwischen normal, sich gegenüber anderen Menschen so zu benehmen und solche Ansprüche zu stellen? Kann ja sein, dass ich da irgendwas nicht mitbekommen habe, denn immerhin war ich ja nun einige Jahre in einer festen Beziehung und konnte die aktuellen Entwicklungen auf Markt der einsamen Herzen nicht verfolgen. Eventuell klärt man mich in diesem Fall hier mal auf. Meiner Meinung nach ist das aber eher der Typ Frau, der das Vorurteil, Frauen hätten es immer nur auf das Geld der Männer abgesehen, ordentlich füttert. Nein, liebe Männer, das ist nicht die Norm. Zumindest hoffe ich, dass ich nicht die einzige Frau bin, die solch ein Verhalten nicht gut heißt. Es würde mich ganz ehrlich mal interessieren, wie ihr das so seht.

Ich möchte eine Sachertorte sein.

Nach jeder gescheiterten Beziehung kommt irgendwann der Moment, in dem einem klar wird, dass man so langsam wieder bereit für etwas Neues wäre. Oder sich dem Gedanken daran zumindest nicht mehr komplett verschließt. Nachdem ich im vergangenen Jahr wirklich überhaupt keine Lust darauf hatte, wieder jemanden in mein Leben zu lassen und extrem viel mit mir selbst zu tun hatte, fällt mir nun seit einigen Wochen auf, dass ich nicht mehr abgeneigt wäre.  Es ist niemand in Sicht, der wirklich als Partner in Frage käme, aber man beginnt sich schon ein wenig umzuschauen. Wobei das mit dem Umschauen vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist, da zwischen Arbeit und Wohnzimmer nicht ganz so viel Zeit und Raum ist, um jemanden kennen zu lernen.

Ich habe schon immer ein paar Probleme damit gehabt, mich aktiv ins soziale Leben zu stürzen. Vor allem, wenn dieses aus Party machen, alleine in Bars gehen, sich in einem Verein oder einem wie auch immer gearteten Kurs anmelden besteht. Auch wenn mir viele Menschen, die mich eher oberflächlich kennen, eine offene und gesellige Art attestieren: So einfach ist es nicht. Ja, ich bin offen und ich habe auch kein Problem damit, von mir selbst zu erzählen. Eigentlich mache ich das sogar sehr gern. Vielleicht etwas zu gern. Aber von mir aus auf fremde Menschen zugehen oder allein zu einer Gruppe dazustoßen ist für mich so unfassbar schwierig, dass ich darauf oft mit Angst reagiere. Auf der Arbeit, wo ich den ganzen Tag mit Menschen arbeiten muss, ist das für mich kein Problem, denn ich kenne meine Rolle, mir sind meine Aufgaben klar und ich bewege mich auf sicherem Terrain. Diese Sicherheit habe ich im Privatleben allerdings nicht. Und mit diesen Voraussetzungen fällt es mir unheimlich schwer, neuen Menschen zu begegnen.

In Anbetracht dieser Tatsache sinniere ich darüber, wie wahrscheinlich es wohl sein mag, einem interessanten Mann auf dem Heimweg von der Arbeit zu begegnen. Im Zug, mit Kopfhörern im Ohr und lauter Musik, um den Stress des Tages abklingen zu lassen. Oder im Supermarkt an der Käsetheke, wo ich mich selten entscheiden kann, welchen Camembert ich gerne ausprobieren möchte. Oder vielleicht online in einem Dungeon bei Final Fantasy XIV, während mich der finale Boss gerade so dermaßen vermöbelt, dass ich kaum schnell genug in die Tasten hauen kann, um meine Cooldowns zu zünden. Statistisch gesehen findet man eine neue Liebe am ehesten in seinem Freundes- und Bekanntenkreis oder auf der Arbeit. Ersteres halte ich für ziemlich unwahrscheinlich, weil der nicht nur recht überschaubar ist, sondern auch überproportional viele verheiratete Paare beinhaltet. Sprich: So ziemlich alle außer mir. Und die Arbeit fällt ja wohl auch flach, denn erstens fängt man mit Kunden nichts an und zweitens ist der Altersdurchschnitt bei uns ja doch recht niedrig.

Und was habe ich überhaupt für Ansprüche? Naja, sie sind ein wenig seltsam, würde ich sagen. Passt ganz gut, da auch ich nicht so ganz normal bin. Doch wer möchte sich das antun? Und zu allem Überfluss kommt noch die Unsicherheit wegen meines Äußeren dazu. Kann man mich überhaupt attraktiv finden, wenn ich es nicht mal tue? Das ist schon ein entscheidender Punkt, auch wenn man mir das regelmäßig ausreden will. Auf jeden Fall ist mir eines klar: Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, für irgendwen ein aufgewärmtes Brötchen vom Vortag zu sein, das ganz okay schmeckt und das man isst, weil es halt noch da war. Ich möchte eine Sachertorte sein. Oder wahlweise eine andere Köstlichkeit, die man mit Genuss isst und auf die man sich schon lange freut.

Wovor ich wirklich Angst habe, ist das Aussenden von verzweifelten Signalen. Jeder von uns kennt doch diese Menschen, die so verzweifelt suchen und sich so arg an jede neue Möglichkeit klammern, dass sie schon abstoßend wirken. Ich persönlich hasse das und ich möchte mich nicht in diese Richtung entwickeln. Hoffentlich teilt man es mir mit, sollte es wirklich dazu kommen. Ich bitte darum. Ernsthaft.

Ihr werdet immer fehlen.

Soziale Bindungen sind wohl eines der Dinge, mit denen wir uns am intensivsten in unserem Leben beschäftigen müssen. Familie, Freunde, Partner, Arbeitskollegen… Sie alle begleiten uns und haben einen immensen Einfluss auf uns. Wir vertrauen ihnen und fürchten sie. Wir lieben und hassen sie. Wir profitieren von ihnen oder lernen wichtige Lektionen für unser Leben. Aber auf jeden Fall sind wir auf sie angewiesen. Ohne andere Menschen wären wir nicht lebendig, wären wir nicht zu einer Person mit eigenen Gedanken, Träumen und Hoffnungen geworden. Unsere Familie begleitet uns im Idealfall das ganze Leben über und auch viele unserer Freunde sind lange an unserer Seite. Allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass wir uns diese, im Gegensatz zu unserer Familie, selbst aussuchen können. Und wir entwickeln uns mit unseren Freunden zusammen. Entweder in die gleiche Richtung oder eben auch auseinander.

Freundschaft ist generell ein eher schwieriges Thema für mich. Ich kenne viele Menschen, die noch Freundschaften aus ihren Kindertagen pflegen. Man ist zusammen aufgewachsen, kennt fast alle Geheimnisse voneinander und kann diese Verbindung ziemlich zuverlässig bewerten. Mir fällt das schwer. Freunde aus Kindertagen habe ich nicht mehr und ich könnte auf die Schnelle nicht einmal fünf Namen von ehemaligen Mitschülern nennen. Ob es daran liegt, dass wir öfter mal umgezogen sind und ich auch auf einigen Schulen war, oder ob ich einfach nur ein schlechtes Gedächtnis habe… Wer weiß? Generell habe ich mich immer etwas schwer getan mit Freunden. Klar gab es immer welche um mich herum, ich war nie völlig allein. Aber bis zu meinem 19. Lebensjahr hatte ich immer das Gefühl, ich würde nicht richtig dazu gehören oder müsse mich verstellen, damit andere mich mögen. Das war extrem anstrengend und sicherlich auch ein Grund dafür, warum ich die Bindungen nie über lange Zeit aufrecht erhalten konnte oder wollte.

Das änderte sich mit meinem Einstieg in die Anime-Szene. Im Internet, noch in den alten Chatrooms, die heute kaum ein Mensch mehr benutzt, lernte ich Menschen kennen, die ähnlich tickten wie ich. Das war für mich wie eine Offenbarung, denn ich hatte nicht geahnt, dass ich einfach nur ich selbst sein kann und trotzdem gemocht werde. Mehr und mehr Leute bewegten sich in meinem Dunstkreis und es entstanden einige großartige Freundschaften. Dafür bin ich unheimlich dankbar, denn auch wenn ich wirklich schwere Zeiten hatte und es nicht immer leicht war mit mir, blieben mir diese Menschen und gaben mir die Kraft und den Mut, mich weiter nach vorn zu kämpfen. Ich habe ihnen so viel zu verdanken und sie wissen das wahrscheinlich gar nicht.

Doch wie das so ist im Leben: Man muss sich immer mal wieder von Ideen verabschieden und gewisse Vorstellungen revidieren. Ich war der festen Überzeugung, dass einige der engsten und besten Freunde, die ich hatte, niemals gehen würden. Dass wir immer in eine gemeinsame Richtung unterwegs sein würden. Dem ist nicht so. Und ganz ehrlich? Das quält mich seit gut vier Jahren jeden Tag. Bis ich mir selbst eingestehen konnte, dass sich Dinge im Leben eben verändern und das etwas ganz Normales ist, hat es lange gedauert. Bis ich überhaupt einigermaßen damit zurecht kam, noch länger. Es fühlt sich an als hätte man einen wichtigen Teil von sich selbst verloren, aber gleichzeitig ist da auch das Wissen, dass es kein Zurück gibt. Es wird nie wieder so sein, wie es war. Und vielleicht hat das auch einen Sinn. Ich versuche mir nicht zu viele Gedanken darum zu machen, denn es bringt mich nicht weiter. Was vorbei ist, ist vorbei.

Fakt ist aber, dass mir diese Menschen immer fehlen werden. Bei so vielen Dingen, die ich tue, muss ich an sie denken. Ich träume von ihnen. Manchmal erinnere ich mich an bestimmte Situationen und muss immer noch lachen. Und ich bin zutiefst dankbar, dass sie all die Jahre an meiner Seite waren. Vielleicht machen sie mir Vorwürfe, denn ich bin nicht frei von Fehlern und habe auch zu dieser Entwicklung beigetragen. Vielleicht nehmen sie es gelassen hin. Und ganz vielleicht denken sie auch manchmal mit Wehmut zurück. Ich denke, ich möchte das gar nicht wissen. Nicht, weil es mir egal wäre. Nein, weil ich im Zweifelsfall sehr darunter leiden würde und ich bin egoistisch genug, das nicht zu wollen. Was auch immer jetzt ist: Ich wünsche ihnen, dass sie glücklich werden und dass sie klüger mit ihrer Freundschaft umgehen als ich.

brainfucked

Das Organ, das bei mir am meisten zu tun hat, ist das Gehirn. Vermutlich ist das bei jedem Menschen so, keine Ahnung, ich bin kein Biologe. Ich merke, wie die Schaltzentrale in meinem Schädel pulsiert und Gedanken spinnt, sie ausspuckt und wieder ansaugt. Ich fühle die Spannung in meinen Nervenbahnen und das Zittern der Membrane. Nicht körperlich, natürlich, aber auf eine verquere Art und Weise ist da dennoch dieses Gefühl. Wie kann ich das beschreiben? Ja, ganz selten geht es auch mir so, dass die Worte fehlen.

Mein Hirn pumpt also täglich zwischen meinen Ohren herum und lässt die Synapsen glühen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings stellt mich das im Moment vor ein echtes Problem: Ich knalle durch.

Dadurch, dass mein Leben sich buchstäblich von einer Minute auf die andere komplett geändert hat, bin ich nun dauerhaft damit beschäftigt, Pläne zu schmieden, Lösungen zu suchen, zu rechnen und zu organisieren. Gleichzeitig versuche ich auf der Arbeit wie gewohnt zu funktionieren. Das funktioniert tagsüber auch ganz gut. Aber sobald ich abends zuhause bin, sehe ich die ganzen Scherben um mich herum und durch meinen Kopf spuken tausend Gedanken, die sich ineinander verknoten und zu einem riesigen Stück – entschuldigung – Scheisse werden. Was habe ich getan, dass es so weit kommen konnte? Oder was habe ich nicht getan? Ist das alles meine Schuld? Habe ich das verdient? Und wie wird es jetzt weitergehen?

Natürlich wird es weitergehen. Das tut es immer. Und ich kümmere mich darum, dass es das tut. Es ist nur so verdammt schwer. Die Albträume jede Nacht, die Sorge um die Zukunft, die endlose To-Do-Liste, die ich habe, und auch die Scham und das Gefühl, komplett versagt zu haben, setzen mir wirklich zu. Und mein Gehirn läuft und läuft und heizt sich auf und generiert tausend Szenarien, die ich alle bis ins kleinste Detail zerdenken muss.

Es macht mich total irre. Eigentlich bin ich ein Mensch, der gut alleine leben kann. Aber nach sechs Jahren Partnerschaft und fünf Jahren des Zusammenlebens habe ich nun unglaubliche Angst davor, wieder allein dazustehen. Neulich habe ich zu meinen Kolleginnen gesagt, dass ich mich davor fürchte, zu sterben und irgendwann nach einer Woche halb vergammelt und stinkend in meiner Wohnung gefunden zu werden. Angefressen von den Katern, die sonst verhungert wären! Man lacht drüber, aber tatsächlich meine ich das ernst. Ich sage es ja: Ich knalle durch.

Immerhin kann ich mich nun wieder um etwas kümmern, mit dem ich mich gut auskenne: Angstzustände und Panikattacken. Das lenkt ja ziemlich gut von allem anderen ab. Zum Beispiel von dem Film, den man mit der liebsten H. im Kino schauen möchte und bei dem man dann den Saal zwischendrin verlassen muss, weil man vor lauter Panik schon beinahe ohnmächtig im Sitz hängt. Eine tolle Erfahrung und für jeden zu empfehlen, der schon immer mal auf andere Gedanken kommen wollte. Tod und Verderben ist da genau das richtige.

Nicht.

Nun ja, was auch immer mein Hirn mir noch antun wird in nächster Zeit, ich werde einfach weitermachen. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig. Und eins verspreche ich: Das hier bleibt einer von ganz wenigen Jammer-Blogeinträgen. Ich muss es nur einmal loswerden, dann ist gut. Und ich will mich ja nicht selber runterziehen. Wäre schön blöd.