Auf ein Jahr ohne Kartoffeln!

Wie immer gegen Jahresende/Jahresbeginn denke ich darüber nach, was ich in meinem Leben verändern möchte. Ich finde Vorsätze an sich blöd, also stecke ich mir da eigentlich kein Ziel und sage: „Ja, das musst du jetzt so machen, weil das neue Jahr vor der Tür steht!“ Das ist ein ganz seltsames Phänomen bei mir. Sobald ich den Druck fühle, etwas machen zu müssen, empfinde ich die Sache als unangenehm oder das angestrebte Verhalten verkehrt sich ins Gegenteil. Bestes Beispiel ist mein ständiger Kampf gegen die Kilos. Natürlich ist mir stets und immer bewusst, dass ich abnehmen muss. Und ich will es auch. Wenn ich mich damit nicht stresse, läuft es wie von allein. Es dauert zwar länger als bei einer rigorosen Diät, aber die Pfunde purzeln. Und ich halte das Gewicht über längere Zeit. Sobald ich aber wirklich aktiv ans Abnehmen gehe (wie zum Beispiel in den letzten Wochen mit der täglichen Dokumentation meines Gewichts und einer Art Abnehmchallenge zwischen meiner Bekannten und mir), nehme ich unaufhörlich zu. Ähnlich beim Kalorienzählen. Wenn ich mich bewusst damit beschäftige, nehme ich zu. So läuft das auch mit Sport, mit Kontaktpflege, mit dem Haushalt und, und, und… Es scheint so, als wäre ich einfach nicht in der Lage, mir konkrete Ziele zu setzen und diese dann auch konsequent zu erreichen. Das könnte ich nun zu tiefenpsychologisch zu analysieren versuchen, aber es ist mir einfach zu blöd.

Also, Vorsätze sind nichts für mich. Aber Listen. Und Selbstreflektion. Eine Kollegin von mir führt seit Jahren ein Bullet Journal. Wem das nichts sagt, der kann es sich wie eine Mischung aus Kalender, Notiz- und Tagebuch vorstellen. Im Grunde geht es um bessere Planung und um die Sammlung all seiner Notizen, Termine und Verabredungen an einem zentralen Ort. Noch dazu gestaltet man sein Bullet Journal in der Regel auch selbst, denn so kann man das Design an seine eigenen Bedürfnisse anpassen. Es ist auch kein starres System, das man nicht verändern könnte, und bietet viel Raum für Kreativität. Wer neugierig geworden ist, der kann sich bei punktkariert über Bullet Journals und ihre Verwendung sowie Gestaltung informieren.

Nun, ich habe mir zum neuen Jahr ein BuJo angelegt. Meine Motivation dahinter ist weniger eine ausgefeilte Planung meines Alltags, sondern eher die Selbstbeobachtung. Wie oft nehme ich mir Zeit für mich? Wie viel arbeite ich wirklich? Wann mache ich überhaupt mal Sport? Wie lange schlafe ich und wie gesund esse ich? Ich hoffe, dass es mir hilft zu überlegen, in welche Richtung ich mich eigentlich bewegen möchte. Was hat mir im letzten Jahr gut getan hat und was nicht? Und womit fühle ich mich wohl?

Das eigentlich Ziel dahinter ist aber folgendes: Ich möchte mich besser um mich kümmern. Das ist in den letzten Monaten viel zu kurz gekommen. Nach einem Hoch im April und Mai bin ich ziemlich tief gefallen. Das ist okay, ich tauche langsam wieder auf und schwimme mich frei von negativen Gedanken und Gefühlen. Aber ich fühle mich sozialtechnisch immer noch wie eine Kartoffel und die meiste Zeit über mag ich mich nicht leiden. Wenn ich also doch so etwas wie einen Vorsatz für das neue Jahr formulieren sollte, dann wäre es dieser: Ich will keine Kartoffel mehr sein!

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Mehr „ich“ für alle?

Ich habe es schon einige Male erwähnt: Mein Inneres und mein Äußeres passen nicht wirklich zusammen. So fühlt es sich seit Jahren, seit Ewigkeiten an. Ich konnte mir nie so richtig erklären, woran das liegt, denn ich fand, ich sei schon sehr mutig und viel selbstbewusster geworden. Im Gegensatz zu früher stimmt das auch, allerdings merke ich, dass es nicht reicht.

Selbstliebe ist ein Thema, das ich gerne ausklammere, weil… Na, sagen wir mal, es ist oft nicht so weit her mit der Liebe. Und mit der Selbstliebe fällt dann auch meist die Selbstverwirklichung unter den Tisch. Ich höre mich ständig Sachen sagen wie: „Ich kann das nicht anziehen, ich bin zu dick dafür.“ – „Lippenstift? Finde ich super, aber ich bin zu hässlich dafür.“ – „Ein Bauer wie ich kann keinen Schmuck tragen.“ – „Wir können nicht in Laden xyz gehen, da passe ich nicht rein, Leute wie ich gehören da nicht hin.“ Immer wieder fällt mir auf, wie schwachsinnig und destruktiv diese Gedanken und Äußerungen sind. Aber ich komme viel zu selten gegen sie an. Ich hadere damit, dass ich nach gesellschaftlichen Standards eigentlich schon zu alt bin für alles, was ich mag. Ich wirke vielleicht infantil und fürchte mich davor, dass andere mich so sehen. Auch wenn ich weiß, dass ich es eben nicht bin und es mir egal sein sollte, was andere denken.

Ist doch auch wirklich dämlich. Ich mag es, wenn kurvige Frauen zu sich stehen, wenn sie sich schön anziehen und selbstbewusst durchs Leben gehen. Kurvig ist sogar meine bevorzugte Körperform. Aber mich selbst so zu sehen fällt mir schwer. Für mich bin ich einfach ein Blob und habe nicht das Recht, etwas aus mir zu machen. Hä? Warum darf ich nicht sein, was ich sein will? Warum darf ich nicht das aus mir machen, was ich mag? Wieso achte ich mehr auf meine Makel als auf das, was es Tolles an mir gibt?

In meinem Leben hatte ich bereits einige Phasen, in denen ich mich schlecht und hässlich und abstoßend fühlte. Gerade bin ich (Wer hätt’s gedacht?) wieder in einer gefangen, doch dieses Mal würde ich gern gestärkt und mit mehr Selbstliebe daraus hervorgehen. Ich möchte lernen, mich um mich zu kümmern. Nicht nur innerlich, was ich im Augenblick auch wirklich versuche, sondern auch äußerlich. Ich kann doch nicht jeden Tag aus dem Haus gehen und denken, dass es schon in Ordnung ist, so wie ich zu sein, denn es muss ja einen Gegenpol zu all den tollen Menschen auf der Welt geben. Damit ziehe ich nicht nur mich runter, sondern auch mein Umfeld.

Außerdem habe ich viel zu lange Rücksicht genommen. Lange Haare, die auf keinen Fall geschnitten werden sollten. Kleidung danach ausgesucht, ob der Partner sie gut findet. Unauffällig und angepasst sein, damit man nicht ausgelacht werden kann. Wie viel man sich selbst damit versagt. Wie sehr man sich selbst zu verleugnen beginnt. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust mehr darauf.

Vor einigen Monaten sagte mir eine Kollegin, mein Foto auf der Homepage unserer Schule würde mir und meinem Wesen absolut nicht entsprechen. Eine andere Kollegin gestand mir vorletzte Woche, dass sie von mir dachte, ich wäre extrem pünktlich, gut organisiert und ginge nicht gern mit anderen Menschen weg. Solche Aussagen lassen mich nachdenken. Und sie zeigen mir, dass ich wirklich nicht ausstrahle, wer und was ich wirklich bin.

Ich weiß nicht, ob ich mich alles, was ich ändern und ausprobieren möchte, wirklich traue. Ich weiß nicht, ob ich alles umsetzen werde. Aber ich möchte es schon ganz gern probieren. Wenn nicht jetzt, wann dann? Das Leben wartet doch auf niemanden und wie ich gerade merke, schlägt es ab und zu eine ganz neue Richtung ein und ist vor allem immer wieder unvorhersehbar. Kann sein, dass ich morgen von einem Lkw erfasst werde. Und dann habe ich einfach sehr viele Chancen verpasst, ich zu sein. Wäre doch schade drum.

Die Angst geht um.

Ich sitze im Zug auf dem Weg nach Berlin und ärgere mich. Ich ärgere mich über die Frau mir gegenüber, die an jedem Bahnhof ihr Handy zückt und mit ihrem Vater telefoniert. Eigentlich wäre mir das egal. Aber vor gut zwei Stunden sind im Olympia-Einkaufszentrum in München Schüsse gefallen, die Lage ist (zu diesem Zeitpunkt) unklar und es gibt Warnungen der Münchener Polizei, sich nicht auf der Straße aufzuhalten, da der oder die Täter flüchtig sind. Und alles, was diese besagte Dame wissen will, ist, ob es schon Fotos eines Täters gibt und ob es sich um einen Araber handelt. Das macht mich wirklich wütend. Natürlich denkt man als erstes an einen Terrorakt, aber ist die Frage nach der Nationalität erstmal das dringlichste Anliegen? Meine Prioritäten liegen da ganz klar anders. Und ich halte es auch nicht für besonders geschickt und einfühlsam, in einem voll besetzten Zug, in dem Menschen aus aller Herren Länder reisen, lauthals solche Fragen durchs Abteil zu rufen. Schräg hinter ihr sitzt ein Herr mit offenkundig arabischen Wurzeln und wirft immer wieder scheue Blicke zu ihr. Ich versuche mich ihm emotional zu nähern, indem ich demonstrativ mit den Augen rolle sobald sie wieder loslegt. 

Das Schlimme an der Sache ist: Die Angst kommt auch bei mir an. Ich fürchte mich nicht vor Ausländern, nicht vor bestimmten Nationalitäten, nicht vor dem Durchschnittsmensch. Es ist eher eine diffuse Angst vor Situationen, die ich nicht einschätzen kann, und davor, psychisch in einer Angstspirale gefangen zu werden. 

Vor drei Wochen habe ich das bereits gemerkt. Da war ich in München. Ich war im OEZ, denn Freunde von mir wohnen dort um die Ecke. Wir haben im Einkaufszentrum zu Abend gegessen und ich erinnere mich, dass ich inmitten all dieser Menschen dachte: „Was geschieht, wenn hier jetzt jemand schießt?“ Drei Wochen später wird das genau dort Realität und das beklemmende Gefühl, das ich während meines Aufenthaltes in München hatte, hat mich wieder im Griff. Wird es in Zukunft immer so sein? Werde ich mich nun immer fürchten? Schon mein Arbeitsweg macht mir manchmal Sorgen. Heute wurden auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof zwei Menschen verletzt durch einen bisher unbekannten Giftstoff, der an einem Rucksack einer Reisenden befestigt wurde. 

Was ist nur los mit dieser Welt? Es erscheint mir wie blanke Ironie, dass ich jahrelang gekämpft habe, um mich aus den Klauen meiner Angsterkrankung zu befreien und wieder ein selbstbestimmtes und angstfreies Leben zu führen, nur um mich jetzt in einer Welt voller Irrer wiederzufinden und Angst vor dem Leben zu haben, das ich doch wollte. Wäre es nicht gerade sogar besser, wenn meine Agoraphobie sich wieder verstärken würde? Dann würde ich die Menschen automatisch meiden. Allerdings kann das auch nicht die Lösung sein. 

Aber gibt es denn eine Lösung? Können wir irgendetwas tun, um diesen Wahnsinn zu stoppen? Es gibt so vieles, was schief läuft und so wenig, was dagegen halten kann. Die Menschen stürzen sich naturgemäß ohnehin eher auf das Negative und so scheint es auch zu überwiegen. 

Die Frau vor mir telefoniert schon wieder. „Die Menschen tun mir so leid. Das ist schrecklich. Gibt es inzwischen schon Bilder oder Videos? War es ein Araber? Das muss man doch wissen!“ Mir wird schlecht.

Links – Mitte – Rechts – Oben – Unten?

Heute Morgen auf Twitter stieß ich in meiner Timeline auf diesen Artikel der Wochenzeitung. Kurze Zusammenfassung: Vor einiger Zeit hat Andreas Glarner von der Schweizer Partei SVP einen Post auf Facebook verfasst, der nicht nur gegen Frauen (der linken Parteien) geschossen hat sondern der außerdem noch eine Flut von abwertenden, beleidigenden, sexistischen und rassistischen Kommentaren nach sich gezogen hat. Einer dieser Kommentatoren hat sich mit den Journalisten der Wochenzeitung zu einem Interview verabredet und dort seine rechts gerichtete Denkweise erklärt.

Zum Inhalt des Interviews und zu meiner Ansicht diesbezüglich möchte ich gar nicht großartig viel sagen. Es reicht ein einziger Satz: Ich teile die Ansichten dieses Menschen nicht, kann aber in Grundzügen verstehen, was er meint. Das Lesen hat bei mir Unbehagen ausgelöst und das nicht nur wegen seiner für mich widersprüchlichen Argumentation sondern auch aufgrund der Aussage, dass er als Schweizer alle Deutschen hasst.

Ich liebe die Schweiz. Einige meiner besten Freunde wohnen dort und ich finde das Land einfach wunderschön. Das heißt nicht, dass ich unbedingt dort leben möchte, und wenn ich zu Besuch bin, dann versuche ich mich anständig zu benehmen und den Einheimischen respektvoll zu begegnen. Natürlich ist mir bewusst, dass viele Schweizer nicht gerade besonders gut auf die Deutschen zu sprechen sind. Das hat vor allem wirtschaftliche Hintergründe, denke ich. Ich habe nie besonders viel darauf gegeben, immerhin ist jeder Mensch doch individuell nach seinen Taten, Worten und seiner Lebenssituation zu beurteilen. Oder nicht? Heute habe ich gemerkt, dass es sich durchaus schmerzvoll anfühlen kann als Deutsche erstmal pauschal gehasst zu werden. Man hat nichts verbrochen, sieht sich selbst als relativ aufgeschlossenen und angenehmen Menschen und dann so was.

Vielleicht ist das ein Bruchteil des Gefühls, das Menschen empfinden müssen, wenn sie nicht willkommen sind. Wenn sie der „falschen“ Religion angehören. Wenn sie Staatsbürger eines Landes sind, in dem Krieg herrscht, vor dem sie flüchten. Pauschale Ablehnung ist generell Mist. Ähnlich wie die typische Nazi-Keule, die immer wieder gegen uns geschwungen wird. „Du bist Deutsche? Du Nazi!“ – „Hitler ist seit 70 Jahren tot und was die Leute damals getan haben, gilt für mich nicht mehr.“ – „Egal. Nazi!“ Danke für das Gespräch.

Für mich lautet die Frage im Moment: Wo stehe ich denn? In den ganzen politischen Diskussionen, die gerade lauter und lauter werden, vertrete ich bitte schön welchen Standpunkt? Keine Ahnung. Ich weiß, ich bin nicht rechts. Schaue ich mir das Wahlprogramm der AfD an, weiß ich nicht genau, ob ich lachen oder weinen soll. Ich bekomme das Gefühl, die Partei möchte ganz Deutschland am liebsten zurück in die 1930er Jahre schießen. Und „Der III. Weg“ ist noch radikaler. Da rollen sich mir die Fußnägel hoch. So etwas könnte ich nie unterstützen. Bin ich denn aber links? Oder tendiere ich zur Mitte? Und was ist eigentlich mit allem dazwischen? Und wieso lässt man Oben und Unten außer Acht, wenn man doch eigentlich schon mal dabei ist? Muss man sich überhaupt festlegen?

Wie sehr sehne ich mich manchmal nach den Tagen, in denen ich mir über Politik so gar keine Gedanken machen musste. Die Kinderzeit, ohne nennenswerte Verantwortung und ohne Angst vor der Zukunft dieses Landes und der Welt im Allgemeinen, scheint im Rückblick wieder sehr verlockend. Noch einmal dahin flüchten… Wie schön wäre das. Aber es ist nicht möglich und ich darf die Augen nicht vor dem verschließen, was aktuell passiert. Auch wenn mich das im Moment das Fürchten lehrt. Mehr als jeder Horrorfilm es könnte.

 

Was willst du denn auf dem Friedhof?

Als ich ein Kind war, habe ich mich vor Friedhöfen gefürchtet. Es begann in der Zeit, in der ich Gruselgeschichten und Horrorfilme entdeckte und noch nicht wusste, ob ich sie spannend oder furchtbar finden sollte. Ganz grauenhaft waren für mich alle Arten von Zombies – ob die nun in Phantasiewelten oder Einkaufszentren ihr Unwesen trieben war dabei unerheblich. Die Vorstellung von halb verwesten und stinkenden Leibern, die einem auf der Straße begegnen konnten, war mir zutiefst zuwider. Ich habe also immer einen großen Bogen um Grabstätten gemacht. Sogar tagsüber. 

Mit dem Erreichen des Teenageralters wurde mir meine Angst egal. Obwohl das eigentlich so nicht ganz richtig ist. Die Angst war noch da, aber es gab größere und drängendere Probleme, so dass ich lange Zeit nicht mehr über mein Unbehagen nachdachte und es schließlich schlichtweg vergaß. Ja, so etwas kommt vor. 

Ich erinnere mich an einen perfekten Herbsttag, an dem die Sonne das Laub in Gold und Bronze leuchten ließ und der so kalt war, dass man die Hände schon tief in den Taschen seines Mantels vergraben wollte. Zu dieser Zeit lebte ich bei meinem Vater und ich fuhr jeden Tag gut dreißig Kilometer mit dem Bus zur Arbeit. Etwas hatte mich aufgeregt und ich war unruhig und wußte nicht, wie ich mich entspannen sollte. Als ich in der Nähe meines Zuhauses aus dem Bus stieg, fiel mein Blick auf den kleinen Friedhof, der gegenüber der Bushaltestelle lag. Ich weiß nicht mehr, warum ich mich dazu entschieden habe, ihn zu betreten, aber ich tat es. Letztendlich ging ich eine ganze Weile dort zwischen den Gräbern umher, blieb hier und dort stehen um ein Datum oder einen Namen zu betrachten, bestaunte besonders kunstvolle Grabsteine und ließ die stille Atmosphäre auf mich wirken. Ich war verwundert, wie ruhig und gelassen ich mich nach einer Weile fühlte und wie wenig unangenehm mir dieser Ausflug war.

Seit diesem Tag besuche ich Friedhöfe. Manche Menschen mögen das seltsam und makaber finden, für mich ist es Erholung und innere Einkehr. Wenn ich auf einen Friedhof gehe, dann fällt ganz viel Ballast von mir ab. Für kurze Zeit denke ich nicht mehr über meinen Stress, mein Bankkonto, meine Gesundheit, meine Freunde, meine Zukunft und Vergangenheit und alles dazwischen nach. Ich kann einfach mal loslassen. Warum mir das gerade zwischen Gräbern besonders gut gelingt? Grabstätten haben einen besonderen Zauber. Es ist keine Androhung des nahenden Endes, kein kalter Griff der eigenen Sterblichkeit, der einen berührt. Nein, es ist eher eine Art Besinnung auf das Wesentliche. Loslassen.

Wir lassen viel zu selten los. Ich lasse viel zu selten los. Nun habe ich eine Methode gefunden, die funktioniert. Tue ich Menschen damit weh? Ich denke nicht. Ich ergötze mich nicht an den Trauerstätten. Ich schände nichts, ich möchte nicht respektlos sein. Und überhaupt: Geht es denn nur um die Toten? Ist diese friedliche Oase nicht auch vor allem ein Ort des Lebens? Sich seiner Sterblichkeit bewusst zu sein heißt doch auch, sich seiner Lebendigkeit bewusst zu sein. Sich an die Liebe zu den Menschen erinnern, die man verloren hat, und ihr Andenken zu bewahren, ist für mich auch ein Lob an das Leben. „Danke, dass es dich in meinem Leben gab.“  Und auch die Natur ist – besonders auf Parkfriedhöfen wie dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg oder dem Westfriedhof in München – etwas ganz Besonderes und sehr erlebbar vorhanden. Von Efeu zurück eroberte Grabstätten, der intensive Duft der unzähligen auf den Gräbern gepflanzten Blumen, das Summen der Insekten in den Hecken am Wegesrand, das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und ja, auch das Singen der Vögeln und das Rascheln der Eichhörnchen im Unterholz sind alles Dinge, die einem dort begegnen können.

Ist es also so verwunderlich, dass es mich immer wieder an diese Orte zieht? Für mich sind das wunderbare Erlebnisse. Zum Glück inzwischen ohne die verstörenden Gedanken an Zomies.

Work-Life Balance oder Worklife-Balance?

In den letzten Monaten ist etwas Seltsames passiert. Mein Leben hat Fahrt aufgenommen und an Tempo zugelegt, während es gleichzeitig in eine Art Stasis gefallen ist. Klingt komisch? Stellt euch vor, ihr habt eine ganz gute Balance im Leben gefunden und plötzlich bringt euch etwas vom Weg ab oder sorgt dafür, dass ihr eine Richtung einschlagen müsst, die so nicht vorgesehen war. Dadurch geratet ihr ins Schlingern. Erst unmerklich, dann aber immer stärker und stärker und irgendwann müsst ihr alle Kraft aufwenden, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Dafür vernachlässigt ihr alles andere, für das ihr gern noch Zeit oder Energie aufwenden würdet. Und so fällt ein Teil von euch in Winterschlaf, während ein anderer sich abstrampelt, um auf Kurs zu bleiben. Das ist ein ziemlich fieses Gefühl, weil die innerliche Zerrissenheit wächst und wächst, bis man schließlich wie ein gespanntes Gummiband kurz vor der Zerstörung steht. 

Ich habe das Band stetig weiter auf Spannung gebracht, ohne es wirklich zu merken. Ich habe gearbeitet und dabei Überstunden geschoben, die mir eigentlich nicht viel ausmachten, weil ich den Job gern mache. Mittagspause? Nie gemacht, höchstens mal, wenn meine Chefin mich dazu verdonnerte. Immer erreichbar, immer auf Abruf – auch mental. Die Arbeit wurde zu meiner höchsten Priorität, was auch einem gewissen Grad an Perfektionismus geschuldet ist, denn es musste nicht nur irgendwie laufen, sondern es musste perfekt laufen! So lief das über Monate, denn ich wollte mich beweisen. Ich wollte für andere wertvoll sein. Dass ich mir selbst und meinem Wohlergehen dabei kaum Bedeutung zugestanden habe, ist mir erst in den letzten Wochen aufgegangen. Mit manchmal sechs bis acht Überstunden an einem Tag (Nämlich freitags, wenn ich eigentlich nur bis mittags arbeiten sollte…) habe ich mir selbst die Möglichkeit genommen, mich zu erholen. Ich habe im Gegenteil versucht, mich noch mehr abzustrampeln. Schließlich muss ja alles schaffbar sein. Sicher, mir war bewusst, dass ich für zwei arbeite, aber ändern ließ es sich ja eh nicht. Oder? 

Doch, es lässt sich ändern. Aber das wird niemand anders für mich tun. Da muss ich selbst meinen Hintern hoch kriegen. Klar, das ist nicht unbedingt einfach, aber ich möchte auch nicht die Situation von vor 9 Jahren wiederholen, als ich so überlastet war, dass ich komplett handlungsunfähig wurde. Also muss ich die Notbremse ziehen, Grenzen setzen und vor allem einsehen, dass ich nicht nur geschätzt werde, wenn ich mir den Hintern so dermaßen aufreiße, dass ich in dem Loch selbst versinken kann. 

In den vergangenen zwei Wochen hatte ich Urlaub. Zeit, um wieder etwas mehr auf mich zu hören und zur Ruhe zu kommen. Während dieser Zeit habe ich gemerkt, was ich alles vermisst habe in den letzten Monaten. Freunde treffen, Cosplay, bloggen, kreatives Schreiben, Videospiele oder auch einfach nur mal abends mit meinem Freund einen Film schauen… Das fand im Grunde gar nicht mehr statt. Und das kann’s ja nicht sein! 

Ich weiß, dass es nicht einfach wird. Ich muss lernen, mich (auch gegen mich selbst) mehr durchzusetzen. Nicht immer andere an erste Stelle rücken. Egoismus ist nämlich nicht immer schlecht, sondern kann auch eine Form von Selbstachtung und vor allem Selbstschutz sein! 

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Wie ätzend ich es finde, wenn die Leute jammern, dass man sich nicht über das, was in Paris geschehen ist, so mokieren soll, weil es anderswo auch schlimm ist. Ist man geschockt über Paris, ist man doof, weil woanders auch Krieg und Hunger herrschen. Ist man gegen den Krieg in Syrien, hat man nicht genug Mitleid mit den Dritte Welt-Ländern, in denen Hungersnöte herrschen. Regt man sich über Kinderschänder auf, vergisst man die Tierquäler.

Ich persönlich kann und will mich nicht jeden Tag mit allem Bösen, das auf der Welt herrscht, befassen. Dann müsste ich meinen Job aufgeben, weil ich keine Zeit mehr zum Arbeiten hätte. Ich würde nur noch depressiv rumlaufen,weil ich dem Leid anderer Menschen so viel Raum in meinem Leben gäbe. Ich hätte ständig Angst vor Terror, würde mich in Katastrophengedanken über Kriege und Krankheiten verlieren. Ist es selbstsüchtig, wenn ich sage, dass ich das nicht will? Ja. Und das ist gut so. Denn diese Selbstsucht bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren und in einer immer verrückter werdenden Welt handlungsunfähig zu werden.

Soll ich einfach mal sagen, wie es bei mir aussieht? Ich empfinde Krieg und Terror als extrem beängstigend. Ich fürchte mich vor der Grausamkeit der Menschen, vor blindem Fanatismus, vor den Waffen, die genutzt werden und noch mehr vor denen, die (noch) nicht genutzt werden. Ich meide die Nachrichten, weil ich in den Bildern, die in mein warmes und sicheres Wohnzimmer übertragen werden, das Leid und die Verzweiflung derer sehe, die sicherlich am wenigsten mit Kriegstreibern und Ausbeutern zu tun haben wollten, jetzt aber ihre Opfer sind. Ich schäme mich ständig dafür, in einem relativ sicheren Land zu leben, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Luxusgüter besitze, teure Hobbies habe und solche Dinge tun kann wie z. B. Videospiele spielen.

Vor einigen Wochen habe ich aus Versehen eine Schnecke zertreten. Ich habe geweint, weil ich ein Leben beendet habe. Ohne es zu wollen. Und ich konnte nichts dagegen tun. Noch heute denke ich oft an dieses kleine Wesen. Wenn ich über die Straße gehe, muss ich die Gedanken an Käfer, Ameisen und Co. ausblenden, weil ich mich sonst kaum noch in der Welt bewegen könnte.

Wenn ich mich all diesen Gedanken, all diesen Gefühlen täglich aussetzen würde, dann wäre ich ein Wrack. Ich könnte damit nicht umgehen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit dem befasse, was in der Welt vor sich geht. Allein durch meinen Beruf bekomme ich sehr viel aus den Heimatländern unserer Schüler mit, weil sie mit mir darüber reden. Aber ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, mich selbst gefühlsmäßig allem Leid der Welt auszuliefern, denn es ändert ja auch nichts für die Menschen, die akut betroffen sind. Ich kann nicht hingehen und ein Flüchtlingscamp bauen. Ich kann nicht nach Syrien fliegen und den Krieg durch gute Gedanken stoppen. Egal, ob ich gerade um die Opfer in Paris trauere oder nicht: Das bedeutet nicht, dass mir alles andere egal ist. Wenn ich für Frieden bete, gilt das nicht nur für unser Nachbarland. Es gilt für Naomi aus Uganda, die auf der Straße lebt. Es gilt für Mohamed aus Syrien, der vor dem Krieg flieht. Es gilt für Vladimir aus Russland, der wegen seiner Homosexualität verfolgt wird. Für alle Menschen und Tiere, die auf diesem schönen Planeten leben.

Nein, ich möchte kein schlechtes Gewissen haben, weil mich der Terror in Paris gerade akut beschäftigt. Und sicherlich möchte auch jemand aus Beirut kein schlechtes Gewissen haben, weil ihm die Raketenangriffe in seiner Stadt näher gehen als Selbstmordanschläge in Paris. Es kommt auf den Blickwinkel an und auf das, was man für sich und sein Leben entscheidet. Ich entscheide mich für eine gewisse Form von Distanz und möchte, dass man das respektiert.