Stiller Sommer

Ich bin müde. So verflucht müde, dass ich manchmal meine Beine kaum noch spüre und nur mühsam genug Kraft aufbringen kann, um mich vorwärts zu schleppen. Diese Müdigkeit geht tiefer als Kaffee oder Energydrinks und ist einfach durch nichts zu bekämpfen. Das Schlimme ist, dass sie auch in meinen Kopf vordringt und mich geistig lahm legt. Ich kann und will mich mit nichts befassen, was weiter reicht als die täglichen Notwendigkeiten. Es ist mir alles zu viel und jedes bißchen mehr Information, jeder Tanz aus der Reihe überfordert mich komplett. Das ständige Lächeln, die stete Aufmerksamkeit und die Schnelligkeit, mit der ich jeden Tag agieren muss, saugen mich aus. Sobald ich abends nach Hause komme, bin ich nur noch eine leere Hülle, die sich ein wenig Leben zurück eratmen muss. Am Wochenende ist es noch schlimmer. Wann konnte ich diese beiden freien Tage zum letzten Mal genießen? Wann habe ich nicht beinahe 24 Stunden durchgeschlafen?

Es ist still geworden. In mir und um mich herum. Treffen mit Freunden scheinen mir die meiste Zeit über unmöglich. Wie soll ich das aushalten? Wie den Lärm und dieses Leben ertragen? In meiner Wohnung ist es leise und ich kann mich in der Stille verstecken. Da gibt es niemanden, der etwas von mir erwartet, niemanden, der mir Dinge vorschreibt. Da bin nur ich. Ein Abbild meines Lebens.

Ab und zu dringen unerwartet Dinge zu mir vor. Kleine Nadelspitzen, die durch das Telefon kommen. Messer, die im Briefkasten auf mich lauern. Worte, die durchs Fenster fliegen. Sie hinterlassen Wunden auf meiner Haut und Wunden in meiner Seele, aber ich versuche das zu verstecken. Zum Schreien fehlt mir die Kraft. Ich kann mich nicht wehren, aber niemand sieht das, denn wenn ich nach draußen gehe, ziehe ich meinen sonnenscheingelben Ganzkörperanzug an, der die Menschen blendet. Wer oder was darin steckt, sehen sie nicht. Und ich finde das gut, denn dann muss ich mich nicht erklären, muss mich nicht aus meiner inneren Höhle bewegen und die Karten auf den Tisch legen.

 

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Wann ist ein Heim ein Heim?

Neulich habe ich einen Teil meiner Unterlagen sortiert und dabei ist mir mein Mietvertrag in die Hände gefallen. Schön! Ich wusste gar nicht, wo der geblieben war. Meine Ordnung, was Dokumente angeht, ist seit Jahren „Schublade auf, Papiere rein, Schublade zu.“ und das war’s. Bei jedem Umzug gibt es so ein oder zwei Kartons, in denen wirklich nur Dokumente gelagert und durch die Gegend getragen werden. Ich hasse es, aber ich bin auch grundlegend faul, was Papierkram angeht. Jedenfalls versuche ich das anzugehen und dabei stieß ich eben auf meinen Mietvertrag. Ich saß in meinem Wohnzimmer, die Sonne schien durch die Fenster, neben mir schnarchten die Kater im Tiefschlaf auf dem Kratzbaum. Alles war ruhig und friedlich und doch… Während ich mich umsah, dachte ich darüber nach, was in den letzten zwei Jahren so alles in diesen Räumen geschehen war und welche persönliche Entwicklung ich durchgemacht habe. Und ich fragte mich, ob ich diese Wohnung, in der ich mich selbst am Anfang so schwer akzeptieren konnte, inzwischen eigentlich liebe oder nicht.

Für mich ist das Thema „Zuhause“ einerseits sehr emotional, andererseits auch relativ egal. Das ist schwer zu erklären, denn dieses Wissen ist eher ein Empfinden. So ein Gefühl ganz hinten in meinem Herzen, das man nur dumpf erspüren kann. Ich bin in meinem Leben so oft umgezogen, dass ich gar nicht mehr glaube, irgendwo ein Zuhause zu besitzen. Heimat, ja, das ist für mich Norddeutschland, die Gegend zwischen Bremen und Hamburg, die Gefilde meiner Kindheit. Dort, wo mir der Wind um die Nase weht, wo man immer ein wenig Salz in der Luft schmecken kann und wo der Blick in die Ferne schweift. Aber mein Zuhause? Wo ist das? Wirklich dort, wo ich nun lebe?

Ja, natürlich ist es dort, wo ich meinen Wohnsitz angemeldet habe. Auf dem Papier. Rein verstandesmäßig. Ich fühle mich wohl in meinen vier Wänden, zumindest meistens. (Im Moment nicht, weil ich mit meinem Haushalt kaum noch hinterher komme, was eine neue Beziehung bei mir wohl irgendwie immer mit sich bringt. Die Ruhephasen, die ich brauche, schiebe ich auf die Wochentage und an den Wochenenden bin ich entweder in Essen oder mein Freund ist bei mir. Ich weiß noch nicht so ganz, wie ich das lösen soll.) Ja, meine Einrichtung könnte mir selbst mehr entsprechen, ich habe viel zu viel Kram und muss das alles mal ausmisten, es gibt Baustellen in der Wohnung, wo dringend mal etwas ausgebessert werden müsste, aber im Großen und Ganzen ist doch alles in Ordnung. Die Hausgemeinschaft ist nett und ruhig, die Umgebung ist angenehm und die Verkehrsanbindungen sowie die Einkaufsmöglichkeiten im Umkreis sind super. Dennoch denke ich manchmal, dass die Stadt, in der ich lebe, mir seltsam fremd und distanziert erscheint. Selbst wenn ich mich mit ihr befasse, etwas zur Geschichte oder zum Stadtbild lese, mich durch die Straßen bewege, neue Dinge kennenlerne… Mir bleibt das alles immer so fern und fremd. Nicht, weil ich Wuppertal hassen würde. Nein, das ist es gar nicht. Es ist eher so ein Gefühl von „Ich gehöre hier nicht her.“, das ich nicht überwinden kann. Ich lebe in dieser Stadt, ich bewege mich durch sie hindurch, aber dennoch empfinde ich es nicht so, dass ich wirklich in ihr lebe. Wie soll ich das nur erklären?

Irgendwie warte ich immer auf den Moment, in dem ich mich angekommen fühle. Dabei weiß ich nicht mal, wie diese Empfindung sich äußern sollte. Ruhe ich dann von einer Sekunde auf die andere in mir selbst? Oder fühle ich plötzlich die Liebe zum Bergischen Land in mir aufwallen? Werde ich nie wieder aus meiner Wohnung ausziehen wollen? Ich bin gespannt, ob sich in dieser Richtung etwas tun wird oder ob ich mich einfach immer weiter innerlich zuhause, aber niemals richtig daheim fühlen werde.

Triggerpunkte

Es gibt sie selten, diese Momente im Leben, in denen ich merke: „Oh, dadurch wird jetzt gerade etwas in mir ausgelöst. Das wird sich zu einer Panikattacke auswachsen.“ Meistens habe ich dafür kein Bewusstsein, keinen Blick. Ich renne hektisch durchs Leben und schiebe alles, was unangenehm ist, möglichst weit von mir weg. Natürlich erreicht es mich trotzdem, aber ich bilde mir ein, das nicht mitzubekommen. Mein letzter Beitrag hier hat so eine Situation beschrieben und dieser hier wird das noch einmal tun. Bin ich empfänglicher geworden dafür? Nein, ich denke nicht. Aber ich versuche seit einiger Zeit, mehr auf mich und auf das, was ich brauche, zu hören. Vermutlich ist das der Grund dafür, warum ich Auslöser leichter wahrnehmen und im Nachgang besser einordnen kann. Ich finde das gut, denn so zeigen sich gewisse Muster und unverarbeitete Dinge aus der Vergangenheit. Das macht die Arbeit mit mir selbst sehr viel leichter.

Am letzten Wochenende habe ich meiner Agoraphobie den Mittelfinger gezeigt und bin gereist. Jedes Mal ein großer Akt, weil es mir vorher nicht so gut geht und die Katastrophengedanken gern mächtiger werden. Doch da ich das bereits kenne, habe ich hierfür Strategien entwickelt. Einzig und allein das Packen meines Koffers ist immer noch mit großen Problemen behaftet. Ich brauche immer Ewigkeiten dafür, denn sobald der Koffer gepackt im Flur steht, ist es einfach real, dass ich für einige Tage nicht zuhause sein werde. Nun gut, die Hürde hatte ich genommen, mein Nachbar hat auf meine Dickies aufgepasst und ich konnte relativ beruhigt die Tür hinter mir schließen.

Ich habe mich also zusammen mit meinen Besties auf den Weg nach Paris gemacht, wo wir das Final Fantasy XIV Fan Festival besuchen wollten. Und es war super. Wirklich, ich hätte es bereut, wenn ich nicht mitgefahren wäre. Ich habe einige Leute, die ich bisher nur aus dem Spiel kannte und mit denen ich nur online Kontakt hatte, endlich persönlich treffen können. Es gab zwei tolle Konzerte, die ich unheimlich genossen habe. Wir haben den Pariser Straßenverkehr überlebt, was wirklich nicht ganz einfach war. Und ich habe vier Tage Dauerbeschallung, ununterbrochenen menschlichen Kontakt und unbekannte Orte ohne Panik erlebt.

Das einzige Problem, das aufgetaucht ist, zeigte sich am Morgen unserer Abreise in Form von zwei jugendlichen Franzosen, die beim Frühstück neben uns saßen. Wir haben sehr traditionell den Genüssen der regionalen Küche gefröhnt (sprich: Wir haben bei McDonald’s gegessen.), uns abwechselnd auf Deutsch und Englisch unterhalten und hatten Spaß. Die Mädels neben uns hatten aber anscheinend irgendein Problem damit. Am Anfang hat es mich nur genervt, dass sie extrem laut irgendwelche Videos auf ihren Handys geschaut haben. Okay, kann man irgendwie ignorieren. Dann haben sie ausdauernd und falsch zu einem Lied mitgesungen. Auch noch ignorierbar. Allerdings fiel ihnen wohl irgendwann ein, dass wir ganz gute Opfer abgeben könnten, denn sie fingen an, uns nachzumachen, irgendwas auf französisch zu rufen, was wir natürlich nicht verstehen konnten, und schließlich kramten sie die fünf Brocken Englisch und Deutsch hervor, derer sie mächtig waren. Ich weiß, dass sie uns nur provozieren wollten, da ihnen wohl langweilig war. Und außer mir und Heike hat davon anscheinend auch niemand etwas mitbekommen. Letztendlich wurde es ihnen wohl zu dumm, denn sie sind aufgestanden und gegangen.

Das klingt alles sehr harmlos und das war es eigentlich auch. Niemand hat sich geprügelt, niemandem ist weh getan worden. Dennoch war mir am Ende dieser Begegnung extrem schlecht und ich hatte das Gefühl, mich nicht mehr auf meinem Stuhl halten zu können. Warum? Weil mich dieses Verhalten getriggert hat. Generell habe ich ein Problem mit Jugendlichen. Ich kann sie nicht ansehen, ich gehe ihnen aus dem Weg, ich fürchte mich manchmal sogar vor ihnen. Vermutlich werden viele Menschen, die wie ich in der Schule Außenseiter waren oder gemobbt wurden, ähnlich empfinden. Diese Gefühle graben sich einfach ein. Man vergisst das nicht. Und genau so ein Verhalten wie das der zwei mutmaßlichen Schulschwänzerinnen (Was hat man um diese Zeit im McDonald’s zu suchen?) triggert mich. Ich fühle mich hilflos, angegriffen, abgewertet, hässlich und wertlos. Und das wiederum löst in mir die körperlichen Symptome aus, die einer Panikattacke vorangehen. Übelkeit, Schwindel, Kreislaufschwäche, Herzrasen, schwitzige Hände und je nach Intensität gern auch noch ein paar mehr. Hätte ich diese Situation in Deutschland gehabt, hätte ich mich mit den beiden vielleicht sogar angelegt, denn irgendwann gesellt sich Wut zu meinen Empfindungen. Wut darüber, dass ich mich immer noch so fühle wie das 15jährige Mädchen, das sich in den Pausen in der Toilette versteckt, um nicht von den anderen fertig gemacht zu werden. Wut auf die Menschen, die sich anderen gegenüber so respektlos verhalten. Wut auf meine alten Mitschüler, die so schöne Dinge getan haben, wie mich am ersten Tag in der neuen Schule zu fragen, ob ich behindert wäre, denn ich würde so aussehen.

Nachdem die beiden gegangen waren, hat es tatsächlich noch einige Zeit gedauert, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Dennoch ließ mich dieses Erlebnis bisher nicht so richtig los. Auch weil ich gemerkt habe, dass die Selbstsicherheit, die ich in den Tagen davor erlebt habe, innerhalb weniger Minuten komplett in sich zusammengebrochen ist und ich mich sofort wieder gefragt habe, was mit mir nicht stimmt. Wieso werde ich so seltsam von der Seite angemacht? Was ist mit mir falsch, dass man mich nicht einfach in Ruhe lassen kann? Diese Fragen tauchen auf und verfolgen mich dann so lange, bis sie sich einen netten Platz in meinem Hinterkopf sichern konnten. Dort wird dann gehockt bis sich die nächste Chance zum Angriff bietet.

Ich bin mir etwas unsicher, wie ich solche Situationen in Zukunft angehen soll. Ich bin jetzt erst einmal froh, dass ich einen Triggerpunkt entlarvt habe, den ich meiner Liste hinzufügen kann. Vermutlich hilft auch hier mehr Selbstbewusstsein. Ich übe noch an dem Fingerschnipsen, das mir dazu verhilft.

Selbst nach einem Jahrzehnt…

… hängen manche Dinge immer noch so in Herz und Hirn fest, dass sie sich auf die Gegenwart auswirken. Ich hatte bisher nie etwas mit Flashbacks zu tun oder mit plötzlichen Gefühlsausbrüchen, die allein auf Erinnerungen fußen. Gestern Nacht musste ich das aber zum ersten Mal erleben und es war nicht schön.

Dieses Wochenende war das erste, das ich komplett mit meiner neuen Bekanntschaft verbracht habe. Ich denke, es ist auch ganz gut gelaufen, denn wir verstehen uns gut, interessieren uns für ähnliche Dinge, haben einen kompatiblen Humor und finden uns sympathisch. Ich bin verhalten optimistisch und mir auch bewusst darüber, dass ich mir bei dieser Sache selbst mehr als alles andere im Weg stehe. Ständig zweifle ich an irgendwas (sprich: mir), mache mir Sorgen um irgendwas (sprich: mich) oder denke, etwas (sprich: ich) stimmt nicht. Dieses blöde Selbstbewusstsein lässt mich hängen und ich bin enttäuscht von mir selbst, weil ich dadurch das Gefühl habe, nicht zu genügen.

Gestern Nacht wurde es dann wirklich schlimm. Ich lag im Bett, der Mann schlafend neben mir, und plötzlich schoss mir durch den Kopf, wie sich die Beziehung zu P. damals verhalten hat. Wie klein ich mich da habe machen lassen, wie sehr ich nach seiner Zuneigung gehungert habe, wo ich doch eigentlich nur ein Notnagel für ihn war. Ich hatte auf einmal alles wieder in den Ohren und vor Augen. Seine Forderung, mich anders anzuziehen, weil er meinen Stil nicht mochte. Die Weigerung, mir seine Freunde vorzustellen, und die Ausreden diesbezüglich. Die Aussage, ich dürfe auf keinen Fall mehr zunehmen, da er sich sonst von mir trennen würde, und das Gespräch mit meiner Freundin, die damals noch eine reine Internetbekanntschaft war. Sie solle sich nicht erschrecken, wenn sie mich zum ersten Mal sieht, weil ich wirklich dick und unattraktiv sei. Die Weigerung, mir über die gesamte Zeit unserer Beziehung körperlich näher zu kommen. Das Ende unserer gemeinsamen Zeit, als er sich einfach gar nicht mehr meldete. Als ich mit mir selbst Schluss machen musste, weil er es nicht konnte. Die Verzweiflung, die ich fühlte, als sich herausstellte, dass er hinter meinem Rücken mit einer Bekannten von mir angebandelt hatte. Der Hass, den ich entwickelte, weil beide mich auslachten und verspotteten, mir sagten, ich sei eine Psychopathin, und dann versuchten, die gemeinsamen Freunde gegen mich aufzuhetzen. Und die absolute Zerstörung, die das in mir hinterlassen hat.

Ich habe wirklich lange keine Tränen mehr vergossen wegen dieser Sache. All das habe ich tief unter einer Schicht aus Sarkasmus verborgen und versuche, es möglichst selten auszugraben. Gestern aber kam all das mit einer Heftigkeit zurück, dass es mich erschrocken hat. Ich bin aufgestanden und ins Bad gegangen, wo ich gute zehn Minuten einfach nur geweint habe. Die Erinnerung hat mein Herz zerdrückt und die Angst, einem Menschen noch einmal zu vertrauen und dafür so kaputt gemacht zu werden, aus meinen Adern gepresst. Es war schwer, mich wieder zu beruhigen und selbst jetzt noch fühle ich mich meinen Gedanken schutzlos ausgeliefert.

Natürlich muss es nicht wieder so sein. Ich darf es nicht einem schlechten Menschen erlauben, selbst nach einem Jahrzehnt noch so über mein Inneres zu herrschen. Aber das ist leider leichter gesagt als getan. Kommunikation wäre der Schlüssel zu einem leichteren Herz, doch ich fürchte mich davor, das Thema anzusprechen. Für Außenstehende wirkt es sicher albern und hat etwas von fishing for compliments. Ich muss also noch überlegen, wie ich damit umgehe. Hoffentlich komme ich zu einer Lösung, bevor ich einen guten Mann von mir stoße, der mir im Grunde nichts getan hat und der nichts für die Taten eines Arschlochs kann.

Mitteilungszweifel

Es ist ein wenig lächerlich, dass ich mich davor scheue, meinem Blog neue Einträge hinzuzufügen. Ich habe in den letzten Wochen oft angefangen zu schreiben und dann wieder aufgehört, die Worte als Entwurf gespeichert und das Ganze schließlich nicht mehr angerührt. Warum? Weil es mir im Moment nicht gut geht und ich in solchen Situationen immer an das denken muss, was mir vor Jahren einmal dazu gesagt wurde. „Du jammerst nur rum, deine Beiträge sind immer negativ. Das nervt.“ Damals hatte ich mir vorgenommen, mehr darauf zu achten, vorwiegend positive und lustige Dinge zu schreiben. Auf Twitter habe ich mir einen extra Account angelegt für alles, worüber ich mich gerade aufrege oder was irgendwie negativ im persönlichen Kontext ist. Das Konto ist auch geschützt und ich kontrolliere ziemlich genau, wer darauf zugreifen darf. Ich möchte meine Umwelt nicht mit unnötigem Mist belasten, doch ab und zu möchte ich mich einfach auch mal auskotzen können. Ohne dass mir das vorgehalten wird.

Aber hier, wo ich ausführlicher schreibe – auch wenn es mein Bereich ist, in dem ich bestimme und den jeder sofort wieder verlassen kann, wenn er möchte – hier befallen mich oft Zweifel, ob ich sagen darf, was mir auf der Seele brennt. Ob ich zeigen kann, wie es mir geht. Und das dass eigentlich purer Blödsinn ist und wieder nur meinem Wunsch nach Annahme entspricht und der Angst vor Ablehnung, ist mir vollkommen klar. Aber ich möchte einfach nicht hören, dass ich anderen auf den Geist gehe und dass sie es leid sind, meinen ganzen Müll abzubekommen. Und noch mehr als das möchte ich es nicht nur nicht hören, sondern ich will mich auch nicht so verhalten. Ich möchte nicht diejenige sein, mit der man sich nicht mehr unterhalten will, weil ja doch immer nur das gleiche Blabla dabei rum kommt. Ich möchte nicht diejenige sein, mit der sich niemand mehr treffen möchte, selbst wenn ich im Moment nicht weiß, ob ich Gesellschaft überhaupt aushalte.

Es geht um Akzeptanz. Selbstakzeptanz und Fremdakzeptanz und immer noch ist mir das fremde Akzeptieren, das der anderen, so viel wichtiger als das eigene. Als wäre ich nicht wertvoll genug, als würde es sich nicht lohnen, den Kopf hoch zu halten und zu sagen: „So bin ich, so geht es mir, leb damit.“

Was mache ich jetzt mit dem verworrenen Gedankenknoten in meinem Kopf? Gehe ich der Situation aus dem Weg, indem ich die Beiträge geschützt hochlade, so dass niemand sie lesen und sich belästigt fühlen muss? Das bewahrt auch wieder ein Bild von mir, das ich im Grunde gar nicht mehr malen möchte. Oder behalte ich das Geschriebene als Entwurf, veröffentliche es überhaupt nicht und kaue für mich allein darauf herum? Tippe ich mir einfach gar nichts von der Seele und warte auf bessere Zeiten, um wieder etwas belangloser und heiterer schreiben zu können?

Mir juckt es in den Fingern, nach Meinungen zu fragen. Aber im Grunde möchte ich auch gar keine hören, weil das meine Sache ist und mein Kampf und letztendlich möchte ich ja nicht mehr abhängig sein von den Äußerungen anderer.

Die Jagd

Ich glaube, das interessanteste am ganzen Dating-Geschiss ist die Jagd nach dem Gegenüber. Das langsame Anschleichen, die leisen Andeutungen eines Angriffs, das Beobachten und Beurteilen der Opferreaktion und dann letztendlich der Angriff und der Todesbiss. All das trägt in sich einen solchen Nervenkitzel, dass es schwer ist, nicht immer und immer danach zu suchen.

Aber ehrlich gesagt: Ich bin es leid. Ich will kein Jäger sein und auch keine Beute. Ich will mich im Moment nicht darum scheren müssen, wer einen eventuell aus welchen Gründen toll finden könnte oder aus welchen nicht. Das ist mir zu anstrengend, zu verkorkst und auch zu unehrlich. Wenn ich eines in den letzten anderthalb Jahren gelernt habe, dann dass ich fürs Bett gut genug bin, für alles andere aber nicht in Frage komme. Dafür bin ich mir zu schade. Ich möchte keine Notlösung sein und auch nicht die immer verfügbare Frau ohne Ansprüche.

Vor ein paar Tagen wurde ich gefragt, was ich mir denn wünschen würde. Die Antwort ist sehr simpel: Ich möchte jemandem wichtig sein. Jemandem, der mir auch wichtig ist. Ob dabei eine Beziehung bis ans Ende des Lebens entsteht oder nicht, das ist mir jetzt gerade piepegal. Woher soll ich wissen, was morgen oder nächste Woche sein wird? Es geht mir nicht darum, jemanden an mich fesseln zu wollen. Ich möchte nicht an einen Mann gekettet sein, der mich meiner Freiheit beraubt. Aber – und das ist wichtig – dabei rede ich von meiner geistigen Freiheit, nicht von einem Freifahrtschein zum Rumvögeln. Da mache ich nicht mit. Ich will nicht die eine aus zwanzig sein, die man nur anruft, wenn man es gerade mal wieder nötig hat. Ich will die Eine sein.

Da ich das nicht bekommen kann, ziehe ich mich aus der Jagd zurück. Aus diesem Spiel, das bis aufs Blut geht. Meine letzte Begegnung mit einem flirtwilligen Mann hat mich aller Lust auf dieses Hin und Her beraubt. Ich bin nicht wütend deswegen. Nicht mal enttäuscht. Ich fühle diesbezüglich gar nichts. Man sagte mir, ich solle doch froh sein, dass man mich sexy findet. Das müsse meinem Selbstbewusstsein gut tun. Vielleicht ist das schwer zu verstehen, aber eigentlich macht es genau das Gegenteil mit mir. Auf lange Sicht. Im ersten Moment fühlt man sich natürlich geschmeichelt, aber wenn die Richtung klar wird und man es wieder nur bis ins Schlafzimmer schafft, dann fällt das Ego in sich zusammen. Weil man merkt, dass man nur benutzt wird. Das Innere, das eigene Wesen… Das zählt nicht. Und das ist es doch eigentlich, wofür wir geliebt werden wollen.

Wenn mich also niemand um meinetwillen lieben kann oder will, dann muss ich das selber tun. Dafür muss ich allein sein mit mir. Ich will allein sein mit mir. Kein Geifern, kein Lauern, keine Jagd. Stattdessen Fellpflege und Winterschlaf. Darauf freue ich mich.

Das liegt ja an dir.

Ich bin kein großartiger Familienmensch. Ich liebe meine Eltern, ich liebe meinen Bruder, meine Schwägerin und meinen Neffen. Gerade lerne ich zwei meiner Tanten langsam (wieder) kennen. Von vielen anderen habe ich mich schon lange entfernt. Das geschah nicht willentlich. Ich habe das nicht mit Absicht getan, aber ich merkte einfach immer mehr, dass ich nicht dazugehörte. Ich ticke anders oder bilde mir vielleicht nur ein, anders zu ticken. Es ist nicht so, dass ich den Rest meiner Familie nicht mögen würde. Nein, das kann ich nicht behaupten. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und ich hege keinen Groll gegen sie. Sie sind nur einfach… nicht mit mir auf einer Wellenlänge. Meistens weiß ich nicht, worüber ich mich mit ihnen unterhalten soll. Oft habe ich das Gefühl, mich für mein Leben und meinen Charakter rechtfertigen zu müssen. Und ich fürchte, zu einem Teil ist man auch enttäuscht von mir. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich werde aus dieser Rolle wohl niemals heraus finden. Aber das ist okay. Jede Familie braucht ein schwarzes Schaf, oder? Das bin dann wohl ich. Ich bin die Überempfindliche. Die, die alles persönlich nimmt und dramatisiert. Die keine Kränkung und keine Verletzung vergessen kann. Die immer mit sich selbst hadert und sich fehl am Platz fühlt. So sollte es nicht sein, aber das ist nun mal die Realität.

Selbst in dem kleinen Kreis meiner Familie, in dem ich mich relativ akzeptiert fühle, bin ich oft unsicher. Innerlich konkurriere ich sehr mit meinem Bruder, den ich aber dennoch abgöttisch liebe. Nachdem wir uns lange Jahre furchtbare Kämpfe geliefert hatten, haben wir doch irgendwann zueinander gefunden. So unterschiedlich sind wir gar nicht. Bis auf die Tatsache, dass er mir sehr viel mehr bedeutet als ich ihm. Und da ich das weiß, versuche ich mich weitgehend aus seinem Leben raus zu halten. Wenn man die Hintergründe nicht kennt, dann kann man das sicher als Desinteresse werten. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht. Oft frage ich mich, ob mein Bruder nicht eine viel wertvollere Person ist als ich. Das ist ein dummer Gedanke und besonders meine Mutter würde mir den Kopf abreißen, wenn sie davon wüsste. Was sie jetzt vermutlich tut. Hallo, Mamschi. Diese Selbstzweifel bei allem, was ich tue oder auch nicht tue, sind so tief in mir verwurzelt, dass ich mich ohne sie wohl unvollständig fühlen würde. Ich sollte wohl aufhören, gegen sie zu kämpfen. Ist Akzeptanz das Zauberwort?

Im Januar war ich mit meinem Vater und meiner Stiefmutter bei meinem Bruder zu Besuch. Seit langen Jahren das erste Mal. Sonst sehen wir uns eigentlich nur beim gemeinsamen Familienurlaub oder wenn wir zur gleichen Zeit bei meinem Vater zu Besuch sind. Mein Bruder lebt mit seiner Familie in einem Haus auf dem Land und in der Küche gibt es eine Wand, an der gefühlt 200 Fotos von Freunden und Familie hängen. Alle sind sie dort vertreten. Alle. Nur ich nicht. Keine Spur von mir. Das tat mir weh und ich konnte nicht recht damit umgehen. Also habe ich meine Entdeckung am Abend meinem Vater mitgeteilt. „Papschi, in der Küche hängen echt alle Menschen, die dieser Familie wichtig sind. Aber ich bin nicht dabei.“ Seine Antwort war: „Das liegt ja an dir.“ Mir hat das den Boden unter den Füßen weggezogen. Für einen Moment fühlte ich mich wie ein trotziges Kind, das sich zwei Wochen lang weigert, mit den Eltern zu reden. Aber dann fragte ich mich sofort: Stimmt das? Bin ich schuld daran, dass ich im Leben meines Bruders keine Rolle spiele?

In den letzten Monaten habe ich oft darüber nachgedacht, das Thema aber nicht mehr angesprochen. Die Schuld hatte sich an mein Herz geklammert und sich dort bereits häuslich niederzulassen begonnen. Bis mir letzte Woche etwas auffiel.

Bereits vor einigen Monaten hatte ich mit meinem Bruder darüber gesprochen, dass er und seine Familie mich im Sommer besuchen kommen möchten. Ich habe mich riesig gefreut, aber es stand noch kein genaues Datum. Vor ein paar Tagen haben wir dann noch einmal darüber gesprochen und in drei Wochen werden wir zumindest einen Tag zusammen verbringen. In meiner Stadt. Und da fiel es mir auf. Seit ich nicht mehr zuhause wohne – und das ist schon verdammt lange -, hat mein Bruder mich nur einmal besucht. Zu meinem Geburtstag. In meiner allerersten Wohnung. Da muss ich 22 oder 23 Jahre alt geworden sein. Wirklich, es fällt mir keine andere Gelegenheit ein. Meine Wohnungen hat er, wenn überhaupt, nur mal im Zuge eines Umzugs gesehen. Dabei hatte er im Grunde mehr Möglichkeiten als ich. Er hat immer ein Auto besessen, war finanziell immer besser dran als ich und hatte vor allem auch nie eine Erkrankung, die ihm das Reisen in jeglicher Form schwer machte. Anders als ich. Dennoch war er im Grunde nie bei mir. Es hat ihn nicht interessiert. Was okay ist. Das war seine Entscheidung.

Aber was diese Feststellung nun unweigerlich mit sich bringt, ist die Frage: Wieso bin ICH dann schuld daran, dass ich für das Leben meines Bruders nicht wichtig bin? Warum stehe ICH in der Verantwortung? Warum allein? Ich verstehe nicht, warum mir etwas angekreidet wird, was irgendwie bei uns beiden schief zu laufen scheint. Aus welchen Gründen auch immer. Das enttäuscht mich auf so einer tiefen Ebene, dass ich kaum Worte dafür finde. Und gleichzeitig fühlt es sich an, als würden mein Vater und mein Bruder eine Mauer vor mir hochziehen, vor der sie sich gegenseitig davon erzählen, was für ein schlechter Mensch ich bin und wie unzuverlässig und enttäuschend.

Es heißt, man solle sich selbst lieben, dann käme alles andere schon von ganz allein. Aber ist es zu viel verlangt, auch bedingungslos von anderen geliebt zu werden? Muss immer nur ich mir Mühe geben? Kann ich nicht auch einfach als der Mensch akzeptiert und gemocht werden, der ich bin? Vielleicht nicht. Und vielleicht liegt das auch wieder nur an mir.