Nehmen Sie einfach ab.

Wenn man mich anschaut, dann sieht man es ziemlich deutlich: Ich bin zu dick. Das finde ich jetzt nicht besonders prickelnd und an manchen Tagen hadere ich wirklich sehr damit, aber es ist eben so. Von Zeit zu Zeit würde ich mir mein Fett gern mit einer Kettensäge entfernen. Wrumm, wrumm! Und abschneiden! Shaping mittels Kettensägen-Diät. Ein Knaller. Wenn es doch nur funktionieren würde…

Als Teenager war ich wirklich schlank, auch wenn ich mich nicht so gesehen habe. Aber Teenager halt, die finden sich ja immer zu dick, zu hässlich, zu dumm und was weiß ich nicht alles. Als ich dann gerade anfing, mich in meiner Haut wohler zu fühlen, musste ich Medikamente nehmen, dann startete das Frustfressen und ich ging immer weiter auf. Wie der berühmt-berüchtigte Hefekuchen. Heute nenne ich mich Blob. Und ich glaube, mein Hintern entwickelt ein eigenes Gravitationsfeld. Auch wenn ich bereits wieder 10 kg weniger auf die Waage bringe als noch vor zwei Jahren.

Mal abgesehen davon, dass mich das auf der ästhetischen Ebene stört, komme ich so langsam in ein Alter, in dem sich erhöhtes Gewicht auch gesundheitlich bemerkbar macht. Mit disziplinierter Gewichtsabnahme könnte ich meine Zipperlein sicher deutlich mindern oder sogar ganz loswerden. Aber Disziplin, was ist das? Ich bin einfach so unheimlich faul, nicht nur in puncto Bewegung, sondern auch was das Kochen angeht oder überhaupt das Essen. Ich mag mir darüber keine Gedanken machen. Ich beschäftige mich nicht gern mit Essen, mit Kochen oder mit dem Einkauf von Lebensmitteln. Das ist ein notwendiges Übel, aber nichts, was mir Spaß macht oder mich auf irgendeiner Meta-Ebene befriedigt. Ich weiß, dass das schlecht ist. Ich weiß, dass ich mich besser um mich kümmern müsste, wenn ich noch ein paar glückliche Jahre auf dieser Erde verleben möchte. Aber es ist verdammt schwer.

Gestern unterhielt ich mich mit einer ebenfalls molligen Freundin darüber, dass sie mal zum Arzt gehen müsse, sie aber auch genau wisse, dass der eh nur sagt, sie solle halt abnehmen. Und das ist so eine Aussage, die leider wahr ist und die mich total wütend macht. Ich habe das Gefühl, dass man als dicker Mensch besonders von Ärzten oft nicht für voll genommen wird. Die Beschwerden werden meist direkt auf das Gewicht geschoben, oft wird man noch nicht mal richtig untersucht. Ich will gar nicht abstreiten, dass es natürlich gesünder wäre, abzunehmen und seinen Körper damit zu entlasten. Und natürlich sind viele Krankheiten dem Übergewicht zuzuschreiben. Aber einfach pauschal zu sagen „Nehmen Sie einfach ab und dann geht es Ihnen besser.“ ist einfach total dämlich. Weil es unwahr ist. Wenn ich mit starken Kopfschmerzen zum Arzt komme, weil mir eine Dachpfanne auf den Kopf gefallen ist, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. Wenn ich total verrotzt und mit hohem Fieber vor dem Doktor sitze, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. In solchen Fällen bekomme ich meine Diagnose, ich bekomme Medikamente, mir wird geholfen. Aber sobald eher unspezifische Sachen im Spiel sind wie Schmerzen, welche die Bewegung einschränken, oder Probleme beim Atmen, Herzrasen oder auch Stimmungsschwankungen, wird sofort die Dicken-Keule rausgeholt. Muss das sein? Was ist denn, wenn eine chronische Erkrankung vorliegt oder vielleicht ein akutes Problem, das behandelt werden muss? Ohne genaue Diagnose weggeschickt zu werden mit so einem blöden Spruch, das finde ich fahrlässig.

Sicher ist mir klar, dass nicht alle Ärzte so sind. Aber ich musste das selber so oft erleben und dabei bin ich „nur“ dick und bewege mich nicht in einem sehr extremen Bereich der Adipositas. Ich will wirklich nicht wissen, wie es anderen damit geht, die noch mehr Kilos drauf haben als ich. Mein Bandscheibenvorfall wurde etwa ein Jahr lang nicht erkannt und nicht behandelt, weil sich niemand bemüßigt gefühlt hat, mal eine vernünftige Untersuchung zu machen. Es hieß immer nur: „Sie sind halt dick, da bekommt man eben Rückenschmerzen.“ Als ich dann schließlich doch ins MRT durfte, sagte meine Orthopädin: „Oh ja… Die Verletzung ist nicht neu, die ist da schon eine ganze Weile.“ Ach was?? Bei meiner ehemaligen Hausärztin habe ich drei Jahre lang drum gebeten, eine Untersuchung meiner Schilddrüse machen zu lassen, weil ich das Gefühl hatte, etwas stimmt nicht. Ihr Kommentar unter anderem: „Sie können Ihre Gewichtszunahme nicht auf die Schilddrüse schieben, daran sind Sie schon selbst schuld.“ Herzlichen Dank für diese qualifizierte Aussage. Da wäre ich allein gar nicht drauf gekommen. Dass meine neue Hausärztin dann allerdings einen einwandfreien Fall von Hashimoto bei mir diagnostizierte, ist bestimmt nur ein dummer Zufall.

Wie gesagt ist das Gewicht sicher mit Schuld an vielen Erkrankungen. Aber ehrlich, es hilft einfach gar nicht, die Dicken von vornherein als „selbst schuld“ abzustempeln und sie nicht ernst zu nehmen. Das ist für uns total entwürdigend und spricht auch nicht gerade für die Professionalität vieler Ärzte. Ich glaube, wenn ich so einen Spruch noch einmal in meinem Leben hören muss, werde ich einfach mal unverschämt dem Menschen gegenüber, der mir so was ins Gesicht sagt. Mal sehen, wie gut dem das dann gefällt.

 

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Krankheit

Eine Wohnung aufzuräumen, zum Beispiel nach einer langen Krankheit, kann immens befreiend wirken. Man kann einfach den ganzen Dreck nehmen und ihn beseitigen, einfach entsorgen, als wäre alles, was sich in der Zeit des Totalausfalls angesammelt hat, eine Ansammlung von bitteren Erinnerungen. Ab in die Tonne damit. Mit dem benutzten Geschirr, das man einfach auf dem Couchtisch gestapelt hat, weil man zu schwach war, es in die Geschirrspülmaschine zu räumen. Mit den vollgerotzten Taschentüchern, die sich neben Sofa und Bett zu kleinen Haufen aufgetürmt haben. Mit all den Kleidungsstücken, die achtlos zu Boden geworfen wurden, weil man wegen eines plötzlichen Fieberschubs fast zu verbrennen drohte. Aufräumen, abwaschen, saugen, putzen, damit alles wieder ordentlich und gemütlich wirkt.

Ich habe heute damit angefangen. Drei Tage lang lag ich komplett flach und konnte kaum etwas anderes tun als schlafen. Jetzt ist das Fieber beinahe vergangen und ich kann nicht mehr ausschließlich herumliegen. Also beginne ich mit dem, was meine Wohnung wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzen wird.

Und dabei fällt mir auf, dass ich allzu gern übersehe, wie unfertig alles immer noch ist. Dass immer noch Kartons herumstehen, in denen so viel aus meinem alten Leben verpackt liegt. Dass ich mich immer noch nicht dazu durchringen konnte, diese Dinge in die Hand zu nehmen und irgendwo zu verstauen. Ich verweigere mich der Auseinandersetzung mit diesem Thema, ich schleiche drum herum und kneife die Augen halb zu, damit ich mein Umfeld nicht sehe. Dabei spüre ich alles jeden Tag wie eine Last auf meinem Rücken, die mich nach unten drückt. Immer wieder nehme ich mir vor, mich mal drum zu kümmern. Jetzt aber. Jetzt aber wirklich! Und immer wieder verlässt mich die Kraft.

Vielleicht wache ich irgendwann auf und fühle mich wie nach einer langen Krankheit. Vielleicht will ich dann alles ordnen und kann mit den Gefühlen klar kommen, die das in mir auslöst. Und vielleicht verschwindet dann auch dieses beständige Gefühl von Einsamkeit und Versagen und völliger Überforderung. Ich glaub jetzt mal einfach dran.

Alter ist nur eine Zahl. Oder?

Meine Gene sind sehr nett zu mir. Sie lassen mich jünger aussehen als ich eigentlich bin. Und das nicht nur zwei oder drei Jahre. Wahrscheinlich trägt zu diesem Eindruck auch mein Wesen bei. Ich bin gerne albern und ich liebe es, mich mit modernen Medien zu beschäftigen und mich über vieles, was neu ist, zumindest mal zu informieren oder es auch auszuprobieren. Ich bin in sehr vielen Social Media Kanälen unterwegs, ich spreche recht modern und habe einen Freundeskreis, der sehr ähnlich tickt. Und dann sind da noch meine Hobbies… Gamer leben länger!

Generell mache ich mir um mein Alter zwar schon häufiger Gedanken, allerdings eher, weil ich es ziemlich lustig finde, die Menschen um mich herum zu verblüffen. Die Reaktionen der Leute sind immer wieder gut für mein Ego. Und auch wenn ich unter meinen Freunden oft die Älteste bin, wird das nie wirklich thematisiert, weil es einfach komplett egal ist. Bei Freunden sollte es ohnehin immer nur darum gehen, mit wem man sich gut versteht und warum. Furcht vor dem Älter werden kenne ich im Grunde auch nicht. Klar, man stellt sich manchmal vor, wie man wohl als Rentner lebt, was man dann noch kann und was nicht… Doch ist es nicht viel wichtiger, wie man sich innerlich fühlt? Das gilt es dann irgendwann herauszufinden.

Nun ist es mir aber doch zum ersten Mal passiert, dass mir mein Alter im Weg steht. Es ist zum ersten Mal ein Problem für mich und ich weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll. Die Situation, durch die das entstanden ist, ist zunächst egal, wichtig ist für mich der Umstand an sich. Diese Bedenken, mein Alter zu verraten, es auszusprechen und damit die Karten auf den Tisch zu legen, kannte ich vorher nicht. Mir war plötzlich ganz klar, dass es Dinge gibt, die für mich nicht mehr greifbar sind, die für mich einfach nicht mehr in Frage kommen (sollten). Und das nur aufgrund einer Zahl, aufgrund meines Geburtsjahres. Das war ein furchtbares Gefühl und es verwirrt mich immer noch und macht mich traurig. 

Ist es denn wirklich so wichtig, wie lange wir schon auf dieser Erde wandeln? Ist es von Belang, wie viele Jahre uns von anderen Menschen trennen? Zählt in bestimmten Situationen nur, ob man in seinen Zwanzigern, Dreißigern oder Vierzigern ist? Es macht uns nicht besser als Mensch, es verändert nicht, wer wir sind. Ich möchte daran glauben, dass unsere Taten entscheidend sind und unser Herz. Dass es diese Dinge sind, die uns definieren und nicht eine Zahl auf Papier. 

Dennoch kann ich nicht umhin, mich im Moment ständig zu fragen, ob die Dinge gerade anders wären, wenn ich ein paar Jahre jünger wäre. Ob ich anders auf bestimmte Sachen reagieren würde oder nicht. Eins weiß ich allerdings: Auf die Gelassenheit des Alters kann ich wohl noch ein Weilchen warten. Die habe ich definitiv noch nicht erworben.

Pseiko-Görl

Meine Güte, wie lange bin ich nun um diesen Blogeintrag herumgeschlichen. Zwei Wochen? Ja, kommt ganz gut hin. Ich wollte so viel erzählen: von meinem Umzug, von der Arbeit, von lustigen Dingen und traurigen… Aber egal, worüber ich schrieb, letztendlich landete ich immer wieder bei meinem aktuellen Gemütszustand. Und eigentlich wollte ich darüber nichts schreiben. Also speicherte ich den Entwurf für später ab. Für später, wenn ich wieder Worte für die Dinge finden würde, über die es wert ist, zu berichten.

Dummerweise ändert sich nichts an der Situation und an meinem Gedanken, was zur Folge hat, dass das „leichte“ Schreiben mir gerade sehr schwer fällt. Also habe ich beschlossen, mein Gehirn zu entmüllen und doch ein paar Worte darüber zu verlieren, wie es mir so geht. Klar, ich darf das. Das hier ist mein Blog. Aber neulich habe ich versprochen, dass ich nicht jammern werde. Und vielleicht breche ich dieses Versprechen jetzt.

Ich sitze in meiner neuen Wohnung und langsam, ganz langsam wird es wirklich wohnlich hier. Der Umzug selbst war total chaotisch. Das hatte ich schon im Vorfeld befürchtet, weil ich dieses Mal einfach null in der Lage war, mich richtig darauf einzulassen. Gedanklich habe ich mich nicht fokussieren können. Dass es letztendlich doch gut gelaufen ist, habe ich den vielen Helfern zu verdanken, die an diesem Tag zwischen Solingen und Wuppertal gependelt sind, um meine Sachen in die neue Wohnung zu schaffen. Und natürlich meinem Vater, der drei Tage lang renoviert hat und auch eine Woche nach dem Stichtag noch mal zu mir gekommen ist, um mir bei Kram zu helfen. Außerdem hat mein Exfreund kräftig mit angepackt, was er wirklich nicht hätte tun müssen.

Die erste Nacht allein in Wuppertal war ziemlich furchtbar. Man sagt ja, dass die Gefühle, die man in der ersten Nacht hat, einen in der neuen Bleibe begleiten werden. Und außerdem soll der erste Traum wahr werden. Aha…? Na, dann verzichte ich aber gerne darauf, denn angenehm ist anders. Ich war wirklich angespannt und bin immer wieder mit Herzrasen aufgewacht. Die Kater waren auch sehr unruhig, vor allem die Geräusche der Gastherme haben sie immer wieder aufgeschreckt. Am ersten Tag hat Snorre mir etwas Sorgen gemacht, weil er sich immer nur versteckt hat und nichts fressen wollte. Das hat sich aber bereits gegen Abend wieder gelegt, so dass ich auch etwas ruhiger wurde. In den ersten paar Tagen hatte ich beinahe täglich Besuch von einer ganz lieben Freundin aus Solingen, die mir beim Aufbauen der Möbel geholfen hat. Wir haben uns angestellt wie die letzten Idioten, aber pssst!

Nun steht alles, das ganze Zeug ist bis auf ein paar Kistchen ausgepackt und es fehlt im Grunde nur noch der letzte Schliff. (Und etwas mehr Ordnung wäre schön.) Es fällt mir unheimlich schwer, mich zu etwas aufzuraffen und weiterzumachen. Darum stagniert die ganze Sache hier gerade etwas. Am liebsten würde ich den ganzen Tag auf dem Sofa oder im Bett liegen, mir die Decke über den Kopf ziehen und an gar nichts denken. Damit ich nicht vollkommen lethargisch werde, zwinge ich mich dazu, jeden Tag ein klein wenig in der Wohnung zu arbeiten. Aber es ist schwierig.

Bereits in den letzten Monaten hatte ich schon vermehrt mit Anflügen von Depressionen und Ängsten zu tun. Überrascht hat mich das nicht, denn Rückfälle kommen ja gerade in Stresssituationen häufig vor. Klar, niemand will das und niemand braucht das, doch es war auszuhalten. Die meiste Zeit über war ich abgelenkt und vor allem war ich nicht allein. Sicher ist es besonders seit der Trennung nicht immer angenehm gewesen, zuhause mit dem Ex-Partner zu hocken, doch anscheinend hat mir das mehr Sicherheit gegeben als ich dachte. Nun ist da keine Sicherheit mehr, kein Anker und keine Sicherheitszone. Ich bin auf mich allein gestellt und habe außerdem noch die Verantwortung für zwei Lebewesen. Die ganze Zeit denke mir: „Du darfst nicht versagen.“ – „Du kannst es dir nicht erlauben, schwach zu sein.“ – „Du musst jetzt alles allein schaffen.“ Damit setze ich mich selbst wahnsinnig unter Druck. Und was passiert, wenn ich unter Druck stehe? Genau, ich werde zum hypochondrischen, überempfindlichen, in alles etwas negatives hineininterpretierendes Pseiko Görl! Und da es ja nicht ausreicht, das in Bezug auf mich selbst auszuleben und mit Panikattacken beim Zugfahren (Da sind sie wieder, hurra!) oder Kreislaufproblemen und Herzrasen mitten in der Nacht zu reagieren, entwickle ich gerade eine ausgeprägte Paranoia bezüglich des Gesundheitszustandes meiner Kater. Das geht so weit, dass ich letzte Woche mit Snorre beim Tierarzt war, um ihn durchchecken zu lassen. Klar, lieber einmal zu viel als zu wenig. Aber immer öfter drängt sich mir gerade der Gedanke auf, ob ich überhaupt in der Lage bin, für die beiden zu sorgen. Und was mache ich, wenn diese Gedanken kommen? Genau, rumheulen. Und Panik schieben.

Im Grunde sind das auch derzeit meine neuen Hobbies. Rumheulen und Panik schieben. Und Medikamente gegen das Rumheulen und die Panik nehmen. Im Moment habe ich das Gefühl, das wird jetzt für immer so weitergehen. Ich fühle mich ein paar Jahre zurück versetzt. In die Zeit, in der mich einfach alles überfordert hat und in der mein gestresstes Ich sich einfach gewünscht hat, eine Auszeit von dieser Welt nehmen zu können. Aber genau wie damals funktioniert das leider nicht und ich muss einfach weitermachen. Für was, weiß ich eigentlich nicht. Aber irgendwas wird schon kommen. Irgendwann.

Tja. Schöne Scheiße, würde ich sagen. Ein besserer Schlusssatz fällt mir leider nicht ein.

brainfucked

Das Organ, das bei mir am meisten zu tun hat, ist das Gehirn. Vermutlich ist das bei jedem Menschen so, keine Ahnung, ich bin kein Biologe. Ich merke, wie die Schaltzentrale in meinem Schädel pulsiert und Gedanken spinnt, sie ausspuckt und wieder ansaugt. Ich fühle die Spannung in meinen Nervenbahnen und das Zittern der Membrane. Nicht körperlich, natürlich, aber auf eine verquere Art und Weise ist da dennoch dieses Gefühl. Wie kann ich das beschreiben? Ja, ganz selten geht es auch mir so, dass die Worte fehlen.

Mein Hirn pumpt also täglich zwischen meinen Ohren herum und lässt die Synapsen glühen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings stellt mich das im Moment vor ein echtes Problem: Ich knalle durch.

Dadurch, dass mein Leben sich buchstäblich von einer Minute auf die andere komplett geändert hat, bin ich nun dauerhaft damit beschäftigt, Pläne zu schmieden, Lösungen zu suchen, zu rechnen und zu organisieren. Gleichzeitig versuche ich auf der Arbeit wie gewohnt zu funktionieren. Das funktioniert tagsüber auch ganz gut. Aber sobald ich abends zuhause bin, sehe ich die ganzen Scherben um mich herum und durch meinen Kopf spuken tausend Gedanken, die sich ineinander verknoten und zu einem riesigen Stück – entschuldigung – Scheisse werden. Was habe ich getan, dass es so weit kommen konnte? Oder was habe ich nicht getan? Ist das alles meine Schuld? Habe ich das verdient? Und wie wird es jetzt weitergehen?

Natürlich wird es weitergehen. Das tut es immer. Und ich kümmere mich darum, dass es das tut. Es ist nur so verdammt schwer. Die Albträume jede Nacht, die Sorge um die Zukunft, die endlose To-Do-Liste, die ich habe, und auch die Scham und das Gefühl, komplett versagt zu haben, setzen mir wirklich zu. Und mein Gehirn läuft und läuft und heizt sich auf und generiert tausend Szenarien, die ich alle bis ins kleinste Detail zerdenken muss.

Es macht mich total irre. Eigentlich bin ich ein Mensch, der gut alleine leben kann. Aber nach sechs Jahren Partnerschaft und fünf Jahren des Zusammenlebens habe ich nun unglaubliche Angst davor, wieder allein dazustehen. Neulich habe ich zu meinen Kolleginnen gesagt, dass ich mich davor fürchte, zu sterben und irgendwann nach einer Woche halb vergammelt und stinkend in meiner Wohnung gefunden zu werden. Angefressen von den Katern, die sonst verhungert wären! Man lacht drüber, aber tatsächlich meine ich das ernst. Ich sage es ja: Ich knalle durch.

Immerhin kann ich mich nun wieder um etwas kümmern, mit dem ich mich gut auskenne: Angstzustände und Panikattacken. Das lenkt ja ziemlich gut von allem anderen ab. Zum Beispiel von dem Film, den man mit der liebsten H. im Kino schauen möchte und bei dem man dann den Saal zwischendrin verlassen muss, weil man vor lauter Panik schon beinahe ohnmächtig im Sitz hängt. Eine tolle Erfahrung und für jeden zu empfehlen, der schon immer mal auf andere Gedanken kommen wollte. Tod und Verderben ist da genau das richtige.

Nicht.

Nun ja, was auch immer mein Hirn mir noch antun wird in nächster Zeit, ich werde einfach weitermachen. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig. Und eins verspreche ich: Das hier bleibt einer von ganz wenigen Jammer-Blogeinträgen. Ich muss es nur einmal loswerden, dann ist gut. Und ich will mich ja nicht selber runterziehen. Wäre schön blöd.

 

kopflos

Alles ist falsch. Verschoben. Mein Leben hat seine Spur verlassen und es geht in rasendem Tempo durch scharfe Kurven und über gefährliche Straßenschäden hinweg. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob der Weg mich abwärts oder aufwärts führt. Geschweige denn, dass ich weiß, wie mir geschieht. So ist das wohl, wenn sich von einem Tag auf den anderen alles ändert. Wenn man sich in einem Moment noch wohlig eingebettet in seinem Alltag und seinem Trott wähnt, im anderen aber nur noch zusehen kann, wie alles, was man sich aufgebaut hat und was vor einem liegt, in tausend Scherben zerspringt und zu Boden fällt. Ohrenbetäubendes Klirren und Scheppern inklusive. Es hallt seit Tagen nach.

In der Stille, die auf den Lärm folgt, ziehe ich meine Mauern hoch. Ich möchte nicht schwach sein und ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als wäre alles, was jetzt kommt, zu viel für mich. Natürlich ist es das, natürlich macht es mir Angst und natürlich fühle ich mich überfordert, aber darum muss man es mir noch lange nicht anmerken. In den ersten Tagen war es schwer. Trennungen sind immer schwierig, egal, von wem sie ausgehen. Und es macht niemals Spaß. Besonders nicht, wenn man selber noch liebt und der geliebte Mensch plötzlich wie amputiert erscheint. Weg. Einfach so, von einer Sekunde auf die andere. Zumindest emotional, denn physisch ist er ja noch da.

Es gibt wenig, was man in solchen Fällen tun kann. Das ist so eine Gratwanderung zwischen Akzeptanz und Selbstmitleid, Betäubung und Aktionismus. Und weil man gefragt hat, weiß man, dass es nichts mehr gibt, was man tun könnte. Nur aushalten und Wunden lecken. Für letzteres gibt es leider zu wenig Zeit, denn man muss sich darum kümmern, dass das Leben weitergeht. Dass man nicht abstürzt, sondern sich gerade noch so am Abhang entlang Richtung sicheren Aufstieg hangelt. Es ist verdammt schwierig. Aber es geht. Es geht ja immer irgendwie.

Die Frage nach Schuld hängt im Raum und vergiftet das eigene Denken. Da sind die Erinnerungen an alle Situationen, in denen man besser anders gehandelt hätte. In denen man sich anders hätte entscheiden können. Tausend kleine Steine, die zusammengesetzt ein großes Ganzes ergeben, auf das man fassungslos schaut und kaum glauben kann, wie blind man gewesen sein muss. Und wie beschäftigt mit sich selbst, so dass man den Menschen neben sich kaum noch gesehen hat. Das tut weh und es tut leid, aber es ist unabänderlich. Viel zu spät.

Dennoch glaube ich nicht an die Schuld des einen. Eine Beziehung lebt von zwei Menschen, wird von beiden getragen. Oder besser gesagt: Sie wird von zwei Menschen auf mehreren Säulen in Balance gehalten. Wenn diese Säulen ihre Höhe verändern, wenn die Gewichtung in der Beziehung nicht mehr stimmt, dann beginnt man zu verlieren. Es liegt an beiden Partnern, das Fundament im Auge zu behalten.

Wir haben es nicht geschafft. Wie ich damit umgehen soll, erprobe ich gerade. Sicherlich werde ich irgendwann auf meinen Weg zurückkehren und ein gemäßigteres Tempo einhalten. Leider allein. Leider ohne dich.

 

Null-Stimmung

Dieses Jahr kann er sich so richtig freuen, mein Freund. Ich mache ihm das beste Geschenk zur Vorweihnachtszeit und als ich ihm davon berichtete, war er so verdutzt, dass er erstmal gar nichts sagen konnte. Es ist einfach ungewöhnlich für mich. Begeistert war er aber natürlich trotzdem. Ist es wohl immer noch.

Es ist so, dass ich ein erklärter Fan der Weihnachtszeit bin. Besonders der Vorweihnachtszeit. Weihnachtsdeko, Weihnachtsmärkte, Kekse backen, Geschenke suchen… Das alles ist mein Ding. Ich liebe die Dunkelheit, die Kälte, die Lichter in den Fenstern. Mein Freund hingegen… Er findet das alles überflüssig und doof und erträgt meine Dezember-Eskalation im Grunde nur, weil wir halt zusammen leben und er nicht flüchten kann.

Dieses Jahr braucht er sich darum keine Sorgen zu machen. Ich habe keine Lust. Keine Lust auf Weihnachten, auf Vorfreude, auf Gemütlichkeit und eine feierliche Stimmung. Ich möchte mich nicht damit beschäftigen, es im Grunde noch nicht mal an mich ran lassen. Es ist mir zu viel und zu anstrengend und ich habe das Gefühl, es stecken irgendwelche Erwartungen an mich dahinter. Ich kann das gerade nicht ertragen. 

Das generelle Problem dahinter ist leider ziemlich ernst. Seit ein paar Wochen vermisse ich zunehmend den Spaß an Dingen, die mich sonst begeistern. Ich habe wieder Angstzustände beim Zugfahren, Herzstolpern und starkes Zittern vorm Einschlafen. Was das bedeutet, ist mir durchaus klar. Und dass ich versuchen muss, irgendwie die Kurve zu kriegen, ohne wieder gnadenlos auf die Schnauze zu fallen. Es scheint, ich lerne nie dazu. „Es geht schon, es geht schon. Ich schaffe das. Ist ja nur noch bis…“ Eines Tages sollte ich begreifen, dass ich empfindlicher bin als andere. Dass ich schneller ausbrenne. Im Moment bin ich auf jeden Fall ziemlich leer. Und der einzige Treibstoff, den ich drauf kippen kann, ist die tiefe Angst in mir, dass alles um mich herum zerbrechen wird, wenn mein Motor ausfällt.