Es lebe die Aufklärung!

Es ist Samstag und es regnet in Strömen. Langsam hält der Herbst Einzug im Bergischen Land und ich freue mich darüber. Auch wenn ich heute einkaufen gehen muss. Nur ein paar Kleinigkeiten, doch dafür den Berg hinunter und das im Regen. Schön! Und das ist nicht ironisch gemeint. Etwas anstrengend ist dabei der Kontakt mit Menschen. Am Wochenende rede ich so gut wie gar nicht und bin auch nicht darauf eingestellt, mich in einem sozialen Umfeld zu bewegen. Aber was soll‘s, einkaufen ist okay, da sagt man nur „Hallo“, „Bitte“, „Danke“ und „Tschüss“. Ich gehe also los, verzichte sogar auf Musik in den Ohren, weil das Geräusch des Regens auf meinem Schirm und in der Umgebung einfach zu schön klingt.

Im Supermarkt husche ich schnell durch die Gänge. Brot, Käse, Brokkoli und Kosmetiktücher, mehr brauche ich nicht. Also ab zur Kasse. Vor mir legen eine Frau und ihre Tochter, die vielleicht 5 Jahre alt ist, ihre Waren auf das Band. Das Mädchen singt sehr laut und sehr schief vor sich hin. Ich bin schon kurz davor, die Augen zu verdrehen, da sagt ihre Mutter: „Ich komme gleich wieder.“ Sie lässt ihr Kind mit den Einkäufen zurück und hechtet in den nächsten Gang. Ich schaue das Mädchen an, sie schaut zurück und seufzt: „Na, das war ja ganz toll von ihr.“

In diesem Moment erinnere ich mich daran, wie schrecklich ich es als Kind fand, wenn meine Mutter noch schnell etwas holen wollte und ich allein mit den noch unbezahlten Sachen zurück blieb. Ich hatte immer Angst, dass mich die Kassiererin oder die Leute in der Schlange beschimpfen würden, wenn sie nicht rechtzeitig zurück käme, bevor wir an der Reihe wären. Ich hatte ja kein Geld und wie sollte ich das alles bezahlen? Ich überlege, ob das Mädchen sich wohl genau so fühlt und entgegne: „Sie kommt bestimmt zurück, bevor du dran bist. Du wirst das nicht allein bezahlen müssen.“ Mit großen Augen erwidert sie: „Ich habe ja auch gar kein Geld hier. Nur zuhause.“ Jetzt finde ich sie doch wirklich niedlich. Sie turnt am Kassenband herum und hält Ausschau nach ihrer Mutter. „Und nach Hause kann ich jetzt nicht. Ich kann ja gar nicht Auto fahren.“ Ich muss ein wenig lachen. „Du kannst ja auch zu Fuß gehen.“ Sie ist entsetzt. „Aber es regnet doch!“

In diesem Augenblick kommt ihre Mutter zurück. Das Mädchen strahlt und dreht sich zu ihr um. „Mama, ich habe mich getraut, mit der Frau zu sprechen!“ Ein Blick der Mutter, die taxiert mich möglichst unauffällig. „Das ist super, mein Schatz.“ Ein Kuss auf das Haupt ihrer Tochter, woraufhin die Kleine meint: „Und sie ist total nett und hat gar nichts Böses gesagt.“ Während ich noch denke, wie süß das ist, geht die Mutter in die Hocke und nimmt das Mädchen bei der Hand. „Du kannst mit Fremden sprechen, aber egal, wie nett sie sind, du gehst niemals mit ihnen mit, ja? Nie, nie, niemals. Auch wenn sie dir tolle Spielzeuge oder Süßigkeiten anbieten. Das machst du nicht. Versprochen?“ Ihr Kind verspricht es ihr.

Ich bin etwas irritiert. Habe ich jetzt tatsächlich dieses Aufklärungsgespräch ausgelöst? Wirke ich wie jemand, der sich ein Kind unter den Arm klemmt und damit verschwindet? Oder war die Gelegenheit gerade günstig, es dem Nachwuchs mal zu sagen? Ich versuche, Augenkontakt mit der Mutter aufzubauen, aber sie ignoriert mich. Das Mädchen hingegen starrt mich an und scheint sich nicht sicher zu sein, was sie nun von mir denken soll. Ich lächle ihr zu. „Deine Mutter hat recht, weißt du?“ Die beiden packen zusammen und verlassen den Laden.

Auf dem Weg nach Hause bin ich etwas nachdenklich. Auch mir hat man als Kind diese Ansprache gehalten. Ich weiß das, auch wenn ich mich nicht bildhaft daran erinnern kann. Aber gab es dafür einen Auslöser? Eine bestimmte Situation? Und ist man heutzutage überempfindlicher und ängstlicher in Bezug auf seine Kinder? Ich kann das nicht beurteilen, ich bin keine Mutter und werde es in diesem Leben wohl auch nicht mehr. Aber interessant ist diese Frage dennoch, spiegelt sie doch die Entwicklung unserer Gesellschaft wider.

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Nehmen Sie einfach ab.

Wenn man mich anschaut, dann sieht man es ziemlich deutlich: Ich bin zu dick. Das finde ich jetzt nicht besonders prickelnd und an manchen Tagen hadere ich wirklich sehr damit, aber es ist eben so. Von Zeit zu Zeit würde ich mir mein Fett gern mit einer Kettensäge entfernen. Wrumm, wrumm! Und abschneiden! Shaping mittels Kettensägen-Diät. Ein Knaller. Wenn es doch nur funktionieren würde…

Als Teenager war ich wirklich schlank, auch wenn ich mich nicht so gesehen habe. Aber Teenager halt, die finden sich ja immer zu dick, zu hässlich, zu dumm und was weiß ich nicht alles. Als ich dann gerade anfing, mich in meiner Haut wohler zu fühlen, musste ich Medikamente nehmen, dann startete das Frustfressen und ich ging immer weiter auf. Wie der berühmt-berüchtigte Hefekuchen. Heute nenne ich mich Blob. Und ich glaube, mein Hintern entwickelt ein eigenes Gravitationsfeld. Auch wenn ich bereits wieder 10 kg weniger auf die Waage bringe als noch vor zwei Jahren.

Mal abgesehen davon, dass mich das auf der ästhetischen Ebene stört, komme ich so langsam in ein Alter, in dem sich erhöhtes Gewicht auch gesundheitlich bemerkbar macht. Mit disziplinierter Gewichtsabnahme könnte ich meine Zipperlein sicher deutlich mindern oder sogar ganz loswerden. Aber Disziplin, was ist das? Ich bin einfach so unheimlich faul, nicht nur in puncto Bewegung, sondern auch was das Kochen angeht oder überhaupt das Essen. Ich mag mir darüber keine Gedanken machen. Ich beschäftige mich nicht gern mit Essen, mit Kochen oder mit dem Einkauf von Lebensmitteln. Das ist ein notwendiges Übel, aber nichts, was mir Spaß macht oder mich auf irgendeiner Meta-Ebene befriedigt. Ich weiß, dass das schlecht ist. Ich weiß, dass ich mich besser um mich kümmern müsste, wenn ich noch ein paar glückliche Jahre auf dieser Erde verleben möchte. Aber es ist verdammt schwer.

Gestern unterhielt ich mich mit einer ebenfalls molligen Freundin darüber, dass sie mal zum Arzt gehen müsse, sie aber auch genau wisse, dass der eh nur sagt, sie solle halt abnehmen. Und das ist so eine Aussage, die leider wahr ist und die mich total wütend macht. Ich habe das Gefühl, dass man als dicker Mensch besonders von Ärzten oft nicht für voll genommen wird. Die Beschwerden werden meist direkt auf das Gewicht geschoben, oft wird man noch nicht mal richtig untersucht. Ich will gar nicht abstreiten, dass es natürlich gesünder wäre, abzunehmen und seinen Körper damit zu entlasten. Und natürlich sind viele Krankheiten dem Übergewicht zuzuschreiben. Aber einfach pauschal zu sagen „Nehmen Sie einfach ab und dann geht es Ihnen besser.“ ist einfach total dämlich. Weil es unwahr ist. Wenn ich mit starken Kopfschmerzen zum Arzt komme, weil mir eine Dachpfanne auf den Kopf gefallen ist, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. Wenn ich total verrotzt und mit hohem Fieber vor dem Doktor sitze, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. In solchen Fällen bekomme ich meine Diagnose, ich bekomme Medikamente, mir wird geholfen. Aber sobald eher unspezifische Sachen im Spiel sind wie Schmerzen, welche die Bewegung einschränken, oder Probleme beim Atmen, Herzrasen oder auch Stimmungsschwankungen, wird sofort die Dicken-Keule rausgeholt. Muss das sein? Was ist denn, wenn eine chronische Erkrankung vorliegt oder vielleicht ein akutes Problem, das behandelt werden muss? Ohne genaue Diagnose weggeschickt zu werden mit so einem blöden Spruch, das finde ich fahrlässig.

Sicher ist mir klar, dass nicht alle Ärzte so sind. Aber ich musste das selber so oft erleben und dabei bin ich „nur“ dick und bewege mich nicht in einem sehr extremen Bereich der Adipositas. Ich will wirklich nicht wissen, wie es anderen damit geht, die noch mehr Kilos drauf haben als ich. Mein Bandscheibenvorfall wurde etwa ein Jahr lang nicht erkannt und nicht behandelt, weil sich niemand bemüßigt gefühlt hat, mal eine vernünftige Untersuchung zu machen. Es hieß immer nur: „Sie sind halt dick, da bekommt man eben Rückenschmerzen.“ Als ich dann schließlich doch ins MRT durfte, sagte meine Orthopädin: „Oh ja… Die Verletzung ist nicht neu, die ist da schon eine ganze Weile.“ Ach was?? Bei meiner ehemaligen Hausärztin habe ich drei Jahre lang drum gebeten, eine Untersuchung meiner Schilddrüse machen zu lassen, weil ich das Gefühl hatte, etwas stimmt nicht. Ihr Kommentar unter anderem: „Sie können Ihre Gewichtszunahme nicht auf die Schilddrüse schieben, daran sind Sie schon selbst schuld.“ Herzlichen Dank für diese qualifizierte Aussage. Da wäre ich allein gar nicht drauf gekommen. Dass meine neue Hausärztin dann allerdings einen einwandfreien Fall von Hashimoto bei mir diagnostizierte, ist bestimmt nur ein dummer Zufall.

Wie gesagt ist das Gewicht sicher mit Schuld an vielen Erkrankungen. Aber ehrlich, es hilft einfach gar nicht, die Dicken von vornherein als „selbst schuld“ abzustempeln und sie nicht ernst zu nehmen. Das ist für uns total entwürdigend und spricht auch nicht gerade für die Professionalität vieler Ärzte. Ich glaube, wenn ich so einen Spruch noch einmal in meinem Leben hören muss, werde ich einfach mal unverschämt dem Menschen gegenüber, der mir so was ins Gesicht sagt. Mal sehen, wie gut dem das dann gefällt.

 

Wut im Bauch

Ich weiß, ich sollte es nicht tun. Ich sollte keine Kommentare auf Facebook lesen, keine Tweets und keine Forendiskussionen. Ich sollte es einfach nicht tun. Und dennoch… Immer wieder stolpere ich über Menschen, die ihre Meinung in den Äther spucken wie giftige Schlacke. Und immer öfter ist darunter diese braune Einheitssoße, die mich so anekelt und vor der es mir graust.

Heute las ich in der Mittagspause einen Artikel über das Unternehmen Continental, das Flüchtlingen die Möglichkeit gibt, eine Ausbildung zu machen. Wen es interessiert, hier ist der Link zum Artikel: http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Wirtschaft/d/9100282/worin-fluechtlinge-deutsche-azubis-uebertreffen.html

Okay, die Überschrift ist schon ein wenig reißerisch. Aber der Artikel an sich ist recht klar und sachlich. Was allerdings in den Kommentaren auf Facebook geschrieben wurde, das war alles, aber nicht mehr sachlich! Und – man entschuldige die Wortwahl – bei solchen Ergüssen wie „Da kommt einem das Kotzen! Deutsche Auszubildende werden 100% durchleuchtet und gesiebt und wenn Flüchtlinge kommen ist das alles egal.“, „Unglaublich das die eigenen Bürger so denonziert werden.“ oder „Die sollen das Geld mal in die Jugend investieren damit die wieder eine Zukunft haben!“ kommt mir ein wenig Kotze hoch. (Rechtschreibfehler habe ich übrigens nicht korrigiert. So viel Zeit verschwende ich auf diese Äußerungen nicht.) Worüber sich da übrigens aufgeregt wird: 28% der ausländischen Bewerber konnten sich in ihrer Landessprache beim Eignungstest für einen Job qualifizieren. Das war jeder vierte der Bewerbergruppe. Bei deutschen Bewerbern qualifiziert sich nur jeder zehnte.

Um Himmels Willen, sie haben die Deutschen beleidigt! Verfolgt sie, verbrennt sie, piekst sie mit Mistgabeln! Meine Güte. Wie die Wilden stürzen sich diese Leute auf jeden noch so kleinen Satzteil, an dem sie sich so richtig schön austoben können. Sie springen auf die Wörter, sie bearbeiten, drehen und wenden sie bis nichts mehr von der eigentlichen Aussage bleibt. Hauptsache, es passt irgendwie in ihren Kopf und ihr Weltbild. Und gleichzeitig schimpfen sie auf die „dummen Journalisten“, die anscheinend ihren Job nicht beherrschen.

Leider, leider konnte ich mich dieses eine Mal nicht zurückhalten und bin in die braune Suppe gesprungen. Diese Wut in meinem Bauch musste einfach raus. Es musste einfach mal jemand den Mund aufmachen und dagegen reden. Natürlich bringen solche Diskussionen erfahrungsgemäß gar nichts. Weder mir noch anderen Menschen. Aber dennoch… Kann ich einfach nur kopfschüttelnd daneben sitzen und zusehen, wie Fakten verdreht werden? Kann ich einfach wegsehen, wenn gehetzt wird und Dummheit so offensichtlich dargestellt wird?

Es ist ja nicht so, als könnte ich gewisse Bedenken und Ängste nicht nachvollziehen. Klar ist es gut, nicht alles blauäugig hinzunehmen und die ganze Welt zu umarmen. Den Dingen kritisch gegenüberstehen, aber um Himmels Willen auch mal den Verstand und ein bisschen Herz einschalten – das wäre wirklich wünschenswert. Dann wäre vielleicht auf so eine blöde Frage an mich, wieso ich denn noch in Deutschland lebe und nicht in Saudi-Arabien, wenn alle Menschen gleich sind, gar nicht folgende Antwort nötig: „Ich fühle mich aber nicht bemüßigt, eine weiterführende Diskussion mit Ihnen einzugehen, da einerseits meine Mittagspause gleich vorbei ist und andererseits diese (Verzeihung) dumme Frage jeglicher Antwort entbehrt.“ 

Die Angst geht um.

Ich sitze im Zug auf dem Weg nach Berlin und ärgere mich. Ich ärgere mich über die Frau mir gegenüber, die an jedem Bahnhof ihr Handy zückt und mit ihrem Vater telefoniert. Eigentlich wäre mir das egal. Aber vor gut zwei Stunden sind im Olympia-Einkaufszentrum in München Schüsse gefallen, die Lage ist (zu diesem Zeitpunkt) unklar und es gibt Warnungen der Münchener Polizei, sich nicht auf der Straße aufzuhalten, da der oder die Täter flüchtig sind. Und alles, was diese besagte Dame wissen will, ist, ob es schon Fotos eines Täters gibt und ob es sich um einen Araber handelt. Das macht mich wirklich wütend. Natürlich denkt man als erstes an einen Terrorakt, aber ist die Frage nach der Nationalität erstmal das dringlichste Anliegen? Meine Prioritäten liegen da ganz klar anders. Und ich halte es auch nicht für besonders geschickt und einfühlsam, in einem voll besetzten Zug, in dem Menschen aus aller Herren Länder reisen, lauthals solche Fragen durchs Abteil zu rufen. Schräg hinter ihr sitzt ein Herr mit offenkundig arabischen Wurzeln und wirft immer wieder scheue Blicke zu ihr. Ich versuche mich ihm emotional zu nähern, indem ich demonstrativ mit den Augen rolle sobald sie wieder loslegt. 

Das Schlimme an der Sache ist: Die Angst kommt auch bei mir an. Ich fürchte mich nicht vor Ausländern, nicht vor bestimmten Nationalitäten, nicht vor dem Durchschnittsmensch. Es ist eher eine diffuse Angst vor Situationen, die ich nicht einschätzen kann, und davor, psychisch in einer Angstspirale gefangen zu werden. 

Vor drei Wochen habe ich das bereits gemerkt. Da war ich in München. Ich war im OEZ, denn Freunde von mir wohnen dort um die Ecke. Wir haben im Einkaufszentrum zu Abend gegessen und ich erinnere mich, dass ich inmitten all dieser Menschen dachte: „Was geschieht, wenn hier jetzt jemand schießt?“ Drei Wochen später wird das genau dort Realität und das beklemmende Gefühl, das ich während meines Aufenthaltes in München hatte, hat mich wieder im Griff. Wird es in Zukunft immer so sein? Werde ich mich nun immer fürchten? Schon mein Arbeitsweg macht mir manchmal Sorgen. Heute wurden auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof zwei Menschen verletzt durch einen bisher unbekannten Giftstoff, der an einem Rucksack einer Reisenden befestigt wurde. 

Was ist nur los mit dieser Welt? Es erscheint mir wie blanke Ironie, dass ich jahrelang gekämpft habe, um mich aus den Klauen meiner Angsterkrankung zu befreien und wieder ein selbstbestimmtes und angstfreies Leben zu führen, nur um mich jetzt in einer Welt voller Irrer wiederzufinden und Angst vor dem Leben zu haben, das ich doch wollte. Wäre es nicht gerade sogar besser, wenn meine Agoraphobie sich wieder verstärken würde? Dann würde ich die Menschen automatisch meiden. Allerdings kann das auch nicht die Lösung sein. 

Aber gibt es denn eine Lösung? Können wir irgendetwas tun, um diesen Wahnsinn zu stoppen? Es gibt so vieles, was schief läuft und so wenig, was dagegen halten kann. Die Menschen stürzen sich naturgemäß ohnehin eher auf das Negative und so scheint es auch zu überwiegen. 

Die Frau vor mir telefoniert schon wieder. „Die Menschen tun mir so leid. Das ist schrecklich. Gibt es inzwischen schon Bilder oder Videos? War es ein Araber? Das muss man doch wissen!“ Mir wird schlecht.

Links – Mitte – Rechts – Oben – Unten?

Heute Morgen auf Twitter stieß ich in meiner Timeline auf diesen Artikel der Wochenzeitung. Kurze Zusammenfassung: Vor einiger Zeit hat Andreas Glarner von der Schweizer Partei SVP einen Post auf Facebook verfasst, der nicht nur gegen Frauen (der linken Parteien) geschossen hat sondern der außerdem noch eine Flut von abwertenden, beleidigenden, sexistischen und rassistischen Kommentaren nach sich gezogen hat. Einer dieser Kommentatoren hat sich mit den Journalisten der Wochenzeitung zu einem Interview verabredet und dort seine rechts gerichtete Denkweise erklärt.

Zum Inhalt des Interviews und zu meiner Ansicht diesbezüglich möchte ich gar nicht großartig viel sagen. Es reicht ein einziger Satz: Ich teile die Ansichten dieses Menschen nicht, kann aber in Grundzügen verstehen, was er meint. Das Lesen hat bei mir Unbehagen ausgelöst und das nicht nur wegen seiner für mich widersprüchlichen Argumentation sondern auch aufgrund der Aussage, dass er als Schweizer alle Deutschen hasst.

Ich liebe die Schweiz. Einige meiner besten Freunde wohnen dort und ich finde das Land einfach wunderschön. Das heißt nicht, dass ich unbedingt dort leben möchte, und wenn ich zu Besuch bin, dann versuche ich mich anständig zu benehmen und den Einheimischen respektvoll zu begegnen. Natürlich ist mir bewusst, dass viele Schweizer nicht gerade besonders gut auf die Deutschen zu sprechen sind. Das hat vor allem wirtschaftliche Hintergründe, denke ich. Ich habe nie besonders viel darauf gegeben, immerhin ist jeder Mensch doch individuell nach seinen Taten, Worten und seiner Lebenssituation zu beurteilen. Oder nicht? Heute habe ich gemerkt, dass es sich durchaus schmerzvoll anfühlen kann als Deutsche erstmal pauschal gehasst zu werden. Man hat nichts verbrochen, sieht sich selbst als relativ aufgeschlossenen und angenehmen Menschen und dann so was.

Vielleicht ist das ein Bruchteil des Gefühls, das Menschen empfinden müssen, wenn sie nicht willkommen sind. Wenn sie der „falschen“ Religion angehören. Wenn sie Staatsbürger eines Landes sind, in dem Krieg herrscht, vor dem sie flüchten. Pauschale Ablehnung ist generell Mist. Ähnlich wie die typische Nazi-Keule, die immer wieder gegen uns geschwungen wird. „Du bist Deutsche? Du Nazi!“ – „Hitler ist seit 70 Jahren tot und was die Leute damals getan haben, gilt für mich nicht mehr.“ – „Egal. Nazi!“ Danke für das Gespräch.

Für mich lautet die Frage im Moment: Wo stehe ich denn? In den ganzen politischen Diskussionen, die gerade lauter und lauter werden, vertrete ich bitte schön welchen Standpunkt? Keine Ahnung. Ich weiß, ich bin nicht rechts. Schaue ich mir das Wahlprogramm der AfD an, weiß ich nicht genau, ob ich lachen oder weinen soll. Ich bekomme das Gefühl, die Partei möchte ganz Deutschland am liebsten zurück in die 1930er Jahre schießen. Und „Der III. Weg“ ist noch radikaler. Da rollen sich mir die Fußnägel hoch. So etwas könnte ich nie unterstützen. Bin ich denn aber links? Oder tendiere ich zur Mitte? Und was ist eigentlich mit allem dazwischen? Und wieso lässt man Oben und Unten außer Acht, wenn man doch eigentlich schon mal dabei ist? Muss man sich überhaupt festlegen?

Wie sehr sehne ich mich manchmal nach den Tagen, in denen ich mir über Politik so gar keine Gedanken machen musste. Die Kinderzeit, ohne nennenswerte Verantwortung und ohne Angst vor der Zukunft dieses Landes und der Welt im Allgemeinen, scheint im Rückblick wieder sehr verlockend. Noch einmal dahin flüchten… Wie schön wäre das. Aber es ist nicht möglich und ich darf die Augen nicht vor dem verschließen, was aktuell passiert. Auch wenn mich das im Moment das Fürchten lehrt. Mehr als jeder Horrorfilm es könnte.

 

Nicht jede Krankheit kann man sehen.

Ich habe wirklich lange überlegt, ob ich in diesem Blog, der ja kreuz und quer durch meine Gedanken und Interessen geht, ein für mich sehr wichtiges und immer präsentes Thema zur Sprache bringen soll oder nicht: psychische Krankheiten. Generell bin ich sehr an Psychologie und menschlichem Verhalten interessiert. Daher würde es sich anbieten, auch mal darüber zu schreiben. Doch da es eben auch so ist, dass ich selbst betroffen war – oder es immer noch bin, aber inzwischen eher latent -, berührt mich dieses Thema auf einer so tiefen Ebene, dass ich es nicht einfach sachlich mit ein oder zwei Sätzen abtun kann.

Obwohl ich in der letzten Zeit wenig Muße zum Schreiben habe, lese ich doch immer noch fleißig in meiner Blogroll. Ich verfolge die unterschiedlichsten Themen und es stecken sehr verschiedene Menschen dahinter, doch mir ist aufgefallen, dass sich über kurz oder lang viele mit psychischen Erkrankungen auseinander setzen oder das Thema zumindest anreißen. Wieso das so ist? Ich kann es mir nur so erklären, dass einerseits die Sensibilität dafür steigt, andererseits aber auch der Druck in der Gesellschaft und sich darum viele Menschen irgendwann persönlich mit der Problematik konfrontiert sehen. Gesteigerte Erwartungshaltung, Versagensangst, Erfolgsdruck und auch die neuen Medien belasten den menschlichen Geist oft über die Maßen und sind sicher ein großer Faktor für die zunehmenden psychischen Probleme in unserem Land. Es ist beängstigend, wie uns inzwischen schon von Kindesbeinen an eingetrichtert wird, dass wir funktionieren und etwas leisten müssen, dass unser Selbstwertgefühl an unser Aussehen und unsere Finanzen geknüpft ist und wir am besten auch mit 55 Jahren noch genau so aussehen und so aktiv sind wie mit 20. Wir sind eine Nation von Nummern, von austauschbaren Arbeitern, die denen, die durch ihren Erfolg aus der Masse heraus stechen, vollkommen egal geworden sind. Wir entfremden uns, wir leben einsam zwischen unseren Nachbarn, Menschlichkeit rückt immer mehr in den Hintergrund und wir haben keine Zeit mehr, den Kopf auszuschalten und los zu lassen.

Ist es also ein Wunder, dass wir irgendwann unter dem Trommelfeuer unserer Umwelt zusammenbrechen?

Schleichend aber stetig hat sich die Depression zu einer Volkskrankheit entwickelt. Auch wenn viele lieber den Begriff „Burn-out“ benutzen, weil der positiv besetzt ist und impliziert, dass man einfach so viel geackert hat, dass jetzt mal Schluss ist: Eine Depression bleibt eine Depression. Egal, wie man sie bezeichnet. Und sie kann unterschiedlichste Auslöser haben. Weithin scheint sich der Irrglaube zu halten, dass eine Depression bedeutet „einen an der Klatsche zu haben“, „nicht mehr ganz dicht zu sein“ oder – ganz simpel gesagt – eben einfach verrückt zu sein. Dass es aber eben um Überlastung geht, um Traumata oder auch um eine Stoffwechselstörung, die gewisse chemische Prozesse im Gehirn verändert oder stört, ist vielen Nicht-Betroffenen nicht klar. Oder sie wollen es gar nicht wissen. Sich mit dieser Thematik zu beschäftigen bedeutet nämlich oft, sich aus seiner sicheren Umwelt hinaus zu wagen und die Welt anders zu begreifen. Mit anderen Augen zu sehen. Und dabei kann man mitunter auch Dinge entdecken, die einem nicht gefallen.

Ich gehe mit dem, was mir passiert ist und wie ich die letzten Jahre erlebt habe, sehr offen um. Wozu soll ich ein Geheimnis daraus machen? Alle Höhen und Tiefen, die ich erfahren habe, haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Sie haben mich an den Ort gebracht, an dem ich nun mein Leben führe. Und sie haben einen großen Anteil an meiner jetzigen Sicht auf die Welt und die Menschen. Und weil das so ist und ich denke, dass es anderen Menschen vielleicht auch Mut machen oder ihre Fragen beantworten kann, möchte ich in Zukunft auch darüber reden. Ich denke, wir brauchen mehr Menschen, die einfach mal reden.

Bitte helft mir, meine Familie wiederzufinden-Please help me find my family again! هل تستطيع ان تساعدني بان اجد عائلتي

Nicht nur Menschen flüchten vor dem IS, sondern auch ihre Tiere, die sie manchmal mit sich nehmen. „Dias“ ist auf der Flucht verloren gegangen, als ihre Familie mit dem Schlauchboot auf der Insel Lesbos ankam. Glücklicherweise wurde sie gefunden un d es kümmern sich liebe Menschen um sie, aber es wäre wundervoll, wenn sie ihre Familie wiederfinden könnte, die sie so sehr geliebt hat, dass sie nicht allein in ihrer Heimat zurückgelassen wurde.

 

Quelle: Bitte helft mir, meine Familie wiederzufinden-Please help me find my family again! هل تستطيع ان تساعدني بان اجد عائلتي