Krankheit

Eine Wohnung aufzuräumen, zum Beispiel nach einer langen Krankheit, kann immens befreiend wirken. Man kann einfach den ganzen Dreck nehmen und ihn beseitigen, einfach entsorgen, als wäre alles, was sich in der Zeit des Totalausfalls angesammelt hat, eine Ansammlung von bitteren Erinnerungen. Ab in die Tonne damit. Mit dem benutzten Geschirr, das man einfach auf dem Couchtisch gestapelt hat, weil man zu schwach war, es in die Geschirrspülmaschine zu räumen. Mit den vollgerotzten Taschentüchern, die sich neben Sofa und Bett zu kleinen Haufen aufgetürmt haben. Mit all den Kleidungsstücken, die achtlos zu Boden geworfen wurden, weil man wegen eines plötzlichen Fieberschubs fast zu verbrennen drohte. Aufräumen, abwaschen, saugen, putzen, damit alles wieder ordentlich und gemütlich wirkt.

Ich habe heute damit angefangen. Drei Tage lang lag ich komplett flach und konnte kaum etwas anderes tun als schlafen. Jetzt ist das Fieber beinahe vergangen und ich kann nicht mehr ausschließlich herumliegen. Also beginne ich mit dem, was meine Wohnung wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzen wird.

Und dabei fällt mir auf, dass ich allzu gern übersehe, wie unfertig alles immer noch ist. Dass immer noch Kartons herumstehen, in denen so viel aus meinem alten Leben verpackt liegt. Dass ich mich immer noch nicht dazu durchringen konnte, diese Dinge in die Hand zu nehmen und irgendwo zu verstauen. Ich verweigere mich der Auseinandersetzung mit diesem Thema, ich schleiche drum herum und kneife die Augen halb zu, damit ich mein Umfeld nicht sehe. Dabei spüre ich alles jeden Tag wie eine Last auf meinem Rücken, die mich nach unten drückt. Immer wieder nehme ich mir vor, mich mal drum zu kümmern. Jetzt aber. Jetzt aber wirklich! Und immer wieder verlässt mich die Kraft.

Vielleicht wache ich irgendwann auf und fühle mich wie nach einer langen Krankheit. Vielleicht will ich dann alles ordnen und kann mit den Gefühlen klar kommen, die das in mir auslöst. Und vielleicht verschwindet dann auch dieses beständige Gefühl von Einsamkeit und Versagen und völliger Überforderung. Ich glaub jetzt mal einfach dran.

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Das moderne Tschernobyl

Vor einigen Tagen veröffentlichte einer der bekanntesten deutschen Cosplayer, Maul Cosplay, eine Galerie mit Fotos, die zu den verschiedensten Reaktionen geführt hat. Von Begeisterung und Erstaunen bis zu Empörung und wütendem Unverständnis war so ziemlich alles dabei, was man sich vorstellen kann. Vermutlich haben er und sein Fotograf (eosAndy, den ich im übrigen sehr bewundere) nicht nur öffentlich, sondern auch privat im Kreuzfeuer gestanden. Diejenigen, die nichts mit Cosplay zu tun haben oder an denen die Begebenheit komplett vorbei gegangen ist, fragen sich nun sicherlich: Hä? Wieso denn so ein Aufriss? Es geht doch nur um Fotos, also was soll daran bitte schlimm sein? Nun, es geht nicht um die Fotos an sich, denn die sind wirklich grandios und sehr stimmungsvoll. Es geht um den Ort, an dem die Bilder geschossen wurden: In der Sperrzone von Tschernobyl.

Damit ihr euch selber einen Eindruck machen könnt, verlinke ich hier zur entsprechenden Galerie, die auf Facebook erstellt wurde.

Cosplayer: Maul CosplayPhotographer: eosAndyDescriptions: Maja FelicitasNever forget and always dare to speak…

Posted by Maul Cosplay on Friday, June 9, 2017

 

Wer das Spiel „The Last of Us“ gespielt hat, der entdeckt hier zunächst einmal einen erstaunlich perfekt umgesetzten Spielecharakter, der sich in einer dystopisch anmutenden Umgebung bewegt. Alles äußerst passend und szenisch gut umgesetzt. Dass es sich bei der ganzen Sache zwar um die passende Location für dieses Shooting handelt, allerdings eben nichts davon inszeniert wurde, sondern durch die dort vor gut 30 Jahren stattgefundene Atomkatastrophe vollkommen real ist, sorgt beim Betrachten der Bilder zusätzlich für eine äußerst beklemmende Stimmung. Sicherlich auch gewollt, denn im Spiel befindet man sich immerhin ebenfalls in einem Endzeitszenario.

Es hat etwas von morbider Faszination, mit der ich die entstandenen Bilder betrachte. Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern mir erklärt haben, warum ich nicht draußen spielen durfte. Den genauen Wortlaut bekomme ich natürlich nicht mehr zusammen, aber ich habe verstanden, dass irgendwo etwas Schreckliches geschehen war, das für uns gefährlich werden könnte. Die Angst, die ich damals empfungen habe, hat sich tief in mein Herz gegraben. Seit diesem Moment hatte ich Angst vor Sirenen, vor Hubschraubern, vor Atomkraftwerken und Verseuchung. Ich habe als Teenager recherchiert, wo die Atommeiler in Deutschland stehen und wo man bei einem Unfall relativ sicher wäre. So viel sei gesagt: Das Ergebnis hat mir nicht gefallen.

Ich habe Tschernobyl also nie vergessen. Es war einfach ein zu großer Einfluss in meiner Kindheit. Es hat mich daher ziemlich erschreckt, bei den Kommentaren und Fragen zu Mauls Fotos zu lesen, dass viele nicht einmal wussten, was Tschernobyl ist und was es bedeutet. Da frage ich mich wieder einmal, wie es um die Bildung in der Welt bestellt ist.

Was mir allerdings etwas sauer aufgestoßen ist, waren die Aussagen vieler Leute, das Shooting wäre respektlos und man wäre nur geil auf Aufmerksamkeit und überhaupt könne man an jeden Ort der Welt fahren, um gute Fotos zu machen, aber extra nach Tschernobyl, wo es doch so gefährlich ist und wo man einfach nicht hin fährt…? Ich musste ein bißchen schmunzeln beim Lesen. Natürlich respektiere ich die Meinung anderer Menschen und wenn man es nicht in Ordnung findet, an so einem geschichtsträchtigen Ort Bilder zu machen, dann ist das ganz klar eine Position zu diesem Thema. Aber zu sagen, dass es respektlos wäre, obwohl ganz klar mit dem Konzept heran gegangen wurde, den ernsten Hintergrund zu nutzen und Spiel mit Realität zu vermischen, um eine Botschaft zu senden, finde ich übertrieben. Warum?

Es findet Katastrophentourismus in Tschernobyl statt. Das war nun bei weitem nicht die erste Reise, die Leute dorthin unternommen haben. Ganze Busladungen mit Menschen werden täglich in die Sperrzone gekarrt. Die Leute feiern dort Partys, sie hinterlassen ihren Müll, machen Selfies mit dem zerstörten Atommeiler im Hintergrund und schauen sich gut gelaunt und staunend die verlassenen Orte in der Umgebung an. Es werden Videos in den Ruinen inszeniert, die am Ende des Tages stolz nach Hause gemailt werden. „Guck mal, ich war in Tschernobyl!“ Reiseveranstalter verdienen ziemlich gut an den Touristen – allein im Jahr 2015 waren es um die 16.000. Und es ist ja auch nicht so, als wäre das ganze Gebiet vollkommen menschenleer und verlassen. In Tschernobyl selbst leben über Tausend Menschen. Für die geht das Leben ganz normal weiter. Sie arbeiten im und am Reaktor, bauen die neue Schutzhülle, kümmern sich um die Lebensmittelversorgung, um das Kulturangebot – wie in einer normalen Stadt. Einige Rentner sind zurückgekehrt und leben als Selbstversorger in den Häusern, aus denen sie einst geflohen sind. Wo sollten sie auch sonst hin? Die Rente ist zu gering, um irgendwo anders zu leben.

Bei all dem soll es respektlos sein, anspruchsvolle Fotos vor einem ernsten Hintergrund zu schießen und zu veröffentlichen? Auch wenn es Cosplay ist: Hierbei ging es nicht um niedliche Magical Girls, die mit Zuckerwatte werfen und Herzchen pupsen. Es sollte keine heile Welt dargestellt werden, es gab kein Lustigmachen über das, was hier einmal geschehen ist. Für mich also ganz klar kein Grund, sich auf Respektlosigkeit zu berufen.

Das ist aber natürlich meine persönliche Meinung. Wie bereits zuvor erwähnt, respektiere ich auch andere Ansichten und es ist mir vollkommen klar, dass es besonders vor dem Hintergrund von Katastrophen und Tragödien immer besonders emotional zugeht in Diskussionen. Dennoch würde ich mich freuen, ein paar Meinungen zu diesem Thema von euch zu erhalten. Stehe ich auf verlorenem Posten mit meiner Argumentation? Ist es durchaus vertretbar, sich die Speerzone als Fotolocation auszusuchen? Oder ist es für euch ein No-Go?

Urlaub – eine Hassliebe

Kennt ihr das Gefühl, so richtig urlaubsreif zu sein? Diesen Moment, in dem man auf der Arbeit sitzt und sich ganz weit weg wünscht, weil man einfach nicht mehr kann? Die latente Aggressivität, die sich auf Kunden und Kollegen zu entladen droht? Die Verzweiflung, weil jede Aufgabe zu viel scheint? Dann wisst ihr, wie es mir in den letzten Wochen ging. Ich war fertig mit den Nerven, ich wollte und konnte nicht mehr. Meinen Urlaub habe ich herbei gesehnt, habe mich so richtig darauf gefreut. Hurra, endlich wieder mal frei haben ohne Verpflichtungen und großartige Pläne!

Und bereits am ersten Tag dachte ich, ich müsse eingehen vor Langeweile. Dabei ist es nicht so, dass ich nicht genug zu tun hätte oder mich nicht beschäftigen könnte. Da sind die letzten Kleinigkeiten, die noch in meiner Wohnung gemacht werden müssen. Mein Vorsatz, mindestens einmal im Urlaub Rad zu fahren. Diverse Blogartikel, für die ich bereits Ideen habe, die aber noch geschrieben werden wollen. Treffen mit Freunden. Zur Massage gehen. Mein neues Kostüm nähen, das bis Anfang Juni fertig sein muss. Bücher lesen. Am PC oder der Konsole zocken. Aber zu was habe ich mich aufraffen können? Auf dem Balkon liegen und in den Himmel starren. Auf dem Sofa liegen und an die Decke starren. Schlafen. Sehr viel und sehr ungesund essen. Zwei Bücher lesen. Mehr schlafen.

Das ist nun kein besonders guter Schnitt und inzwischen bin ich in der zweiten Urlaubswoche angekommen. Wenigstens war das Wochenende wirklich schön, denn eine meiner besten Freundinnen war zu Besuch und wir hatten eine echt tolle Zeit. Doch bereits gestern Abend habe ich angefangen mich zu fragen, wie bescheuert ich eigentlich bin. Wenn ich etwas anscheinend wirklich gut kann, dann ist das Zeit verplempern. Ich weiß, wie wichtig es ist, auch mal „sinnlose“ Dinge zu tun, die einem Spaß machen und hinter denen kein tieferer Sinn steckt. Aber nicht mal die zu machen, sondern einfach nur darauf zu warten, dass der Tag vorbei geht und dabei auf irgendetwas zu hoffen, das mein Leben spannend machen könnte, ist eher dämlich. Von nichts kommt nichts. Das ist nun mal so.

Es ist schon seltsam, wie ambivalent ich Urlaub generell gegenüberstehe. Ich finde es natürlich gut, dass ich frei habe. Keine Verpflichtungen, kein Stress, alles locker. Andererseits hasse ich diesen Zustand auch, weil mir jegliche Struktur fehlt und ich nicht genug Disziplin besitze, mich selbst zu irgendwelchen Aktivitäten aufzuraffen. Ich verwandle mich in einen Blob, der halt einfach nur… rumblobbt.

Das Schlimmste an der Zeit, die ich nicht auf der Arbeit verbringe, sind allerdings meine Gedanken an die Arbeit und die Kollegen. Seit einigen Jahren habe ich immer Angst, dass während meiner Abwesenheit auffällt, wie unfähig ich eigentlich bin, wie langsam ich arbeite und dass ich eigentlich untragbar bin. Ich fürchte mich davor, dass man mich zu hassen beginnt. Und dann steht mir die ultimative Ablehnung bevor. Das habe ich einmal erlebt und es war der Horror. Nie wieder will ich ins Büro kommen, von allen geschnitten werden und am Ende des Tages ohne Job dastehen. Mir ist klar, dass ich völlig grundlos überreagiere, doch komplett abstellen kann ich das nicht.

Was würde helfen? Nun, das ist ganz leicht. Etwas tun. Ablenkung. Die Dinge in Angriff nehmen, die ich mir vorgenommen habe.  Oder auch etwas anderes, ganz egal. Nur Hauptsache raus aus der Lethargie. Und morgen fange ich auch ganz bestimmt damit an.

Alter ist nur eine Zahl. Oder?

Meine Gene sind sehr nett zu mir. Sie lassen mich jünger aussehen als ich eigentlich bin. Und das nicht nur zwei oder drei Jahre. Wahrscheinlich trägt zu diesem Eindruck auch mein Wesen bei. Ich bin gerne albern und ich liebe es, mich mit modernen Medien zu beschäftigen und mich über vieles, was neu ist, zumindest mal zu informieren oder es auch auszuprobieren. Ich bin in sehr vielen Social Media Kanälen unterwegs, ich spreche recht modern und habe einen Freundeskreis, der sehr ähnlich tickt. Und dann sind da noch meine Hobbies… Gamer leben länger!

Generell mache ich mir um mein Alter zwar schon häufiger Gedanken, allerdings eher, weil ich es ziemlich lustig finde, die Menschen um mich herum zu verblüffen. Die Reaktionen der Leute sind immer wieder gut für mein Ego. Und auch wenn ich unter meinen Freunden oft die Älteste bin, wird das nie wirklich thematisiert, weil es einfach komplett egal ist. Bei Freunden sollte es ohnehin immer nur darum gehen, mit wem man sich gut versteht und warum. Furcht vor dem Älter werden kenne ich im Grunde auch nicht. Klar, man stellt sich manchmal vor, wie man wohl als Rentner lebt, was man dann noch kann und was nicht… Doch ist es nicht viel wichtiger, wie man sich innerlich fühlt? Das gilt es dann irgendwann herauszufinden.

Nun ist es mir aber doch zum ersten Mal passiert, dass mir mein Alter im Weg steht. Es ist zum ersten Mal ein Problem für mich und ich weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll. Die Situation, durch die das entstanden ist, ist zunächst egal, wichtig ist für mich der Umstand an sich. Diese Bedenken, mein Alter zu verraten, es auszusprechen und damit die Karten auf den Tisch zu legen, kannte ich vorher nicht. Mir war plötzlich ganz klar, dass es Dinge gibt, die für mich nicht mehr greifbar sind, die für mich einfach nicht mehr in Frage kommen (sollten). Und das nur aufgrund einer Zahl, aufgrund meines Geburtsjahres. Das war ein furchtbares Gefühl und es verwirrt mich immer noch und macht mich traurig. 

Ist es denn wirklich so wichtig, wie lange wir schon auf dieser Erde wandeln? Ist es von Belang, wie viele Jahre uns von anderen Menschen trennen? Zählt in bestimmten Situationen nur, ob man in seinen Zwanzigern, Dreißigern oder Vierzigern ist? Es macht uns nicht besser als Mensch, es verändert nicht, wer wir sind. Ich möchte daran glauben, dass unsere Taten entscheidend sind und unser Herz. Dass es diese Dinge sind, die uns definieren und nicht eine Zahl auf Papier. 

Dennoch kann ich nicht umhin, mich im Moment ständig zu fragen, ob die Dinge gerade anders wären, wenn ich ein paar Jahre jünger wäre. Ob ich anders auf bestimmte Sachen reagieren würde oder nicht. Eins weiß ich allerdings: Auf die Gelassenheit des Alters kann ich wohl noch ein Weilchen warten. Die habe ich definitiv noch nicht erworben.

Ich hab die Haare schön.

Es gibt diese Momente im Leben, in denen man sich fragt: „Wieso habe ich das nicht schon früher gemacht?“ So ein Erlebnis hatte ich vor etwa vier Wochen kurz nach meinem letzten Frisörbesuch. Ich kam aus dem Salon und fühlte mich wie ein anderer Mensch. Ein sehr auffälliger Mensch, aber auch positiv verändert. Um diesen Moment überhaupt erleben zu können, habe ich lange überlegt, gehadert und mit mir selbst gerungen. Ich habe mich beeinflussen lassen und meine Selbstzweifel geschürt, es aber letztendlich doch durchgezogen. Und ich bin so glücklich. Also, was habe ich getan?

Ich habe mir die Haare rosa färben lassen.

Das war schon seit Jahren ein Traum von mir und immer dachte ich: „Nein, das kannst du nicht machen, auf der Arbeit gibt das riesige Probleme. Du bist auch schon viel zu alt dafür, das sieht doch eher danach aus, als würdest du auf Krampf jung bleiben wollen. Und was machst du, wenn es blöd aussieht? Alle werden dich anstarren, oh mein Gott!“ Aber dennoch wollte mich der Gedanke nie ganz verlassen. Ende letzten Jahres kam ich schließlich an einen Punkt, an dem ich mir dachte: „Pfeif drauf, wenn du es nicht irgendwann mal machst, dann ist es vielleicht wirklich zu spät!“ Damals war ich noch mit meinem Ex-Freund zusammen, der überhaupt nicht begeistert war von der Idee. Ich fragte ihn, ob er sich schämen würde, wenn ich meinen Plan in die Tat umsetze und leider bejahte er dies. Wir kamen schließlich auf einen Kompromiss: Sollte ich es schaffen, 10 Kilo abzunehmen, wäre er damit einverstanden, dass sich mein Kopf rosa verfärbt. Vermutlich dachte er, dass ich es eh nie schaffen würde, aber ich war fest davon überzeugt. Nun, die Dinge entwickelten sich im Januar dieses Jahres komplett anders, er trennte sich von mir und ich war am Boden zerstört. Aber man soll ja auch in dunklen Zeiten die positiven Dinge im Leben sehen. Also beschloss ich, mich ein wenig mehr um mich selbst zu kümmern und mir etwas Gutes zu tun. Zum Glück habe ich zwei ganz wundervolle Chefinnen, für die das Thema gar kein Problem war und die mir ausdrücklich erlaubten, mich dieser doch ziemlich rigorosen Typveränderung zu unterziehen. Immerhin arbeite ich mit einem internationalen Publikum zusammen, da sollte man das doch vorher abklären.

Mein gewohntes Ich vor der Verwandlung.

Zwei Monate lang durchforstete ich das Internet nach Berichten übers Haare färben. Nicht, dass ich in dieser Hinsicht vollkommen unbeleckt gewesen wäre, aber es ist halt noch mal etwas anderes, sein Haar einfach mit einer Farbe zuzukleistern oder es komplett zu bleichen und dann eine schreiend bunte Farbe hinein zu geben. Ich wollte nicht, dass mir bei der Aktion büschelweise Haare flöten gehen und ich wollte auch kein totes Stroh auf dem Kopf haben.

Im März fand ich dann über den Blog „Shias Welt“ zum Salon „j.7 Hairstyling“ in Düsseldorf und wurde dort vorstellig. Krystin, die dort arbeitet und ein Profi für ausgefallene Farben ist, beriet mich schon einmal im Vorfeld über das, was vermutlich machbar wäre und wir vereinbarten einen Termin für den Samstag vor Ostern. Ich war irre aufgeregt! Obwohl sie mir sagte, dass wir uns vermutlich über erdbeerblond an meine Wunschfarbe herantasten müssten, war ich erstmal nur froh, dass sie mich auf meinem Weg begleiten wollte und mir nicht gleich das Blaue vom Himmel herunter versprach. Ich hatte sofort den Eindruck, dass sie das bestmögliche Ergebnis erzielen wollte, ohne meine Haarpracht zu vernichten.

Am Tag des Termins war ich wirklich sehr nervös. Während der ersten Stunde im Salon, während der meine Haare gewaschen und schon einmal mit einem Peeling sanft entfärbt wurden, war mir zeitweise so schlecht, dass ich dachte, ich kippe vom Stuhl. Zum Glück legte sich das bald, was auch an der wirklich netten Atmosphäre und der super Betreuung von Krystin und Kevin lag. Fünfeinhalb Stunden lang wurde gebleicht, gewaschen, gefärbt, gepflegt, geschnitten und geföhnt. Wir waren noch nicht einmal ganz mit dem Bleichen durch, da eröffnete mir Krystin, dass wir bereits ordentlich mit Farbe arbeiten könnten, da meine Haare alles sehr gut annähmen. Oh, diese Freude!

Lustiger Aluhut.

Mit Verhüterli.

Typ „Pissoir auf der Hamburger Reeperbahn“.

Das Färben beginnt.

Noch etwas zu hell…

… also fix noch mal nachdunkeln.

 

Am Ende sah ich dann komplett anders aus als erwartet, aber das Ergebnis gefiel mir unglaublich gut und ich war extrem glücklich.

Seit diesem Tag färbe ich etwa jede Woche meine Haare nach, denn bunt wäscht sich unheimlich schnell heraus. Ist aber eher lustig als nervig, denn so habe ich tatsächlich beinahe jeden Tag eine andere Haarfarbe. Und etwas, das ich gar nicht erwartet habe, ist eingetreten: Ich fühle mich sehr viel mehr wie ich selbst. Eigentlich dachte ich, dass ich mit den Blicken der anderen Menschen zu kämpfen haben würde, doch ich fühle mich eher selbstbewusster und wohler in meiner Haut als zuvor. Jahrelang habe ich immer gedacht, die graue Maus würde am besten zu mir passen. Bloß nicht auffallen. Lag ich da falsch? Ich bekomme nun unheimlich viele Komplimente und ich kann mich sogar ehrlich darüber freuen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nicht das Gefühl, dass mich jeder anlügt, wenn er mir sagt, dass ich gut aussehe. Weil ich mich selbst auch so fühle. Klar, nicht an jedem Tag. Das wäre vermutlich auch zu viel verlangt. Aber es geht mir blendend mit meinem neuen Aussehen und das strahle ich anscheinend auch aus. So kann es gern weitergehen!

happy me

total gelähmt

Ich bin paralysiert. Die Welt ist eingefroren, aber mir ist heiß und ich spüre, dass nicht mehr Hirn sondern Watte meinen Kopf ausfüllt. Jegliches Denken fällt schwer, jeder Handgriff ist eine Überwindung. Ich wünsche mir, dass es aufhört, dass ich mich nicht mehr so fühlen muss, doch dafür müsste ich vorankommen, müsste ich diese ganze Arbeit schaffen und ich weiß nicht einmal mehr, wo ich anfangen soll. Alles ist wichtig, alles muss gemacht werden. Am besten gestern. Natürlich.

Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Nicht nur im Büro, da ohnehin. Schon seit Monaten. Nein, jetzt habe ich mir alles, was ich von zuhause aus machen kann, mitgenommen und versuche, hier das Chaos zu beseitigen. So weit es geht. Ich mache das einfach, ich entscheide das eigenmächtig. Eine andere Wahl habe ich kaum. Außer vielleicht die, mit einem Nervenzusammenbruch auf der Arbeit zu sitzen. Dann wäre ich völlig außer Gefecht gesetzt.

Seltsam eigentlich, dass Körper und Geist bei mir so dicht machen, wenn ich überfordert bin. Statt mit viel Kraft und Elan an die Sache zu gehen, sitze ich weinend und verzweifelt über den Papieren, über den E-Mails und bin beinahe handlungsunfähig. Und weil das so ist, entwickelt sich auch noch ein schlechtes Gewissen. Ich leiste nicht genug. Ich schaffe mein Pensum nicht. Niemand kann sich auf mich verlassen. Bla bla in meinem Hirn.

Ich bin gut in meinem Job. Ich liebe ihn. Aber es ist einfach zu viel. Schon vor Monaten habe ich mich gefragt, wie lange ich das noch aushalten und wie viel ich noch geben kann. Inzwischen laufe ich auf Reserve. Noch eineinhalb Wochen bis zum Urlaub. Ich schaffe das schon irgendwie bis dahin. Aber dann muss ich meine großartige Kollegin allein lassen. Und vielleicht wird es zu viel und dann läuft sie auf dem Zahnfleisch. Wir alle haben schließlich noch ein Leben neben der Arbeit. Und sie mehr als ich, mit Familie und allem.

Egal. Erstmal durchatmen. Und dann weitermachen.

Frauen, die Tanks spielen.

Ich liebe zocken. Videospiele, Computerspiele, Handyspiele… Mir völlig egal. Wenn das Spiel gut ist, bin ich dabei. Einige Menschen schauen mich deshalb schon mal schief an, aber was soll’s, ist eben mein Hobby. Es halten sich ja anscheinend immer noch die alten Vorurteile, Gamer seien unsozial, dreckig, fett (Okay, hahaha.) und faul. Ach, dumm und gewaltbereit, das habe ich noch vergessen. Ja, ich fasse kaum, wie gewaltbereit ich bin. Rette auf dem Balkon Marienkäfer und Bienen vor den Attacken meiner Kater, kann keine Mücken erschlagen und weigere mich auch standhaft, Probleme mit Gewalt zu lösen. Aber Amoklauf und so. Machen ja alle, die am Computer spielen. Wissen wir.

/ironieaus

Am liebsten mag ich Rollenspiele.

Hintergrundinformation für Unbeleckte: Rollenspiele sind Spiele, in denen man mit seinem Hauptcharakter die Prinzessin aus den Fängen des Drachen rettet. Quasi. Meist sind sie in fantastischen Welten angesiedelt, man steuert einen Charakter, der eine Heldengruppe um sich schart und sich aufmacht, die Welt vom Bösen zu befreien. Hinter all dem steckt eine oft komplizierte Geschichte, die sich durch die recht ansehnliche Spieldauer von vielen, vielen Stunden zieht. (Zwischen 20 und 50 Stunden ist eher die Norm als die Ausnahme.)

Meine Favoriten sind die japanischen Rollenspiele. Ich liebe einfach diesen speziellen Stil und das Charakterdesign. Die bekanntesten Reihen sind wohl „Final Fantasy“ und „Tales of…“, das gerade in den letzten Jahren hierzulande extrem beliebt wurde.

Square Enix, die Macher von „Final Fantasy“ haben bereits mit dem elften Teil erstmals ein MMORPG der Reihe herausgebracht. Das lief wohl nicht ganz so mies, denn Teil vierzehn wurde wieder als MMORPG aufgezogen.

Mehr Hintergrundinformationen: MMORPG ist eine Abkürzung für massively multiplayer online role-playing game. Also im Grunde ein Spiel, in dem jede Menge Leute online miteinander agieren können. Es gibt in der Regel eine Hintergrundgeschichte, Charaktere, die vom Computer gesteuert werden und viele Helden, die sich gemeinsam durch Monster schnetzeln.

„Final Fantasy XIV“ ist in Eorzea angesiedelt, einem ziemlich gebeutelten Kontinent, der am Rande eines Krieges steht. Mal wieder. Beim letzten Mal wurden ganze Landstriche teilweise so sehr verwüstet, dass kaum noch Leben möglich war. Damit das nicht wieder passiert, kommt der Charakter des Spielers zum Zug. Man beginnt ganz klein mit Botenaufträgen und findet sich dann später Auge in Auge mit den größten Bedrohungen des Reiches wieder. Ziemlich steile Karriere. Wenn man auf so was steht.

Angefangen habe ich das Spiel zusammen mit zwei Freundinnen und natürlich haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wer welche Rolle einnehmen soll. Man kann zwischen verschiedenen Rassen und Klassen wählen, so dass man nachher entweder als Heiler die Gruppe am Leben hält, als Tank vorn am Gegner steht und den Schaden einsteckt oder als Schadensausteiler den Feinden ordentlich auf die Mütze gibt. Da wir es recht ausgewogen haben wollten und keiner so richtig willig war, sich auf die Omme hauen zu lassen, bin ich Tank geworden. Bis heute ist das meine Hauptklasse und ich lasse mich regelmäßig zusammenschlagen.

Macht mir das Spaß? Ja! Ich bin zwar immer ein wenig unsicher, wenn ich mit einer fremden Gruppe gehe oder wenn ich die Mechanik der Kämpfe nicht kenne, aber dennoch liebe ich das Tanken. Nur eines liebe ich nicht. So gar nicht.

Immer noch scheint der Tank eine typische Klasse für Männer zu sein. Selbst die meisten weiblichen Charaktere im Spiel, die ein Schild in der Hand halten, werden von Männern gespielt. Und das schlägt sich oft im Umgangston nieder. Meist wird man von den Mitspielern in kurzen, sehr bestimmten Worten dazu aufgefordert, Dinge an seiner Art zu spielen zu ändern. Okay, ich muss differenzieren. In den Zeiten, als ich noch „World of Warcraft“ spielte, habe ich auch zeitweise einen Tank gespielt. Und in verschiedenen Kämpfen bin ich so fies angegangen worden, dass ich manchmal kurz vorm Heulen war. Das Niveau dabei war unterste Schublade. Noch nie habe ich eine so unfreundliche und miese Community erlebt wie damals bei WoW. Unter anderem war das ein Grund, aus dem ich aufgehört habe. Es wurde einfach immer schlimmer. Bei FFXIV jetzt ist dieses Problem nicht mehr so groß. Die meisten Leute sind super nett und hilfsbereit, sobald man klar macht, dass man nicht ganz so sicher ist. Das hat mir von Anfang an sehr gut gefallen. Allerdings merkt man schon, dass sich die Leute anders verhalten, sobald sie feststellen, dass ihr Tank kein Mann ist, sondern eine Frau.

Ich bin sicherlich nicht die beste Spielerin, die rumläuft. Ich mache das zum Spaß, derzeit bin ich etwa zwei Mal pro Woche online. Wenn ich Lust habe, auch öfter. Aber in dieser Zeit will ich Dinge tun, die mir gefallen, und mich nicht für Erfolge abhetzen, die ich eh nicht brauche. Allerdings bin ich auch nicht so schlecht, dass ich alle zwei Meter tot umfalle. Aber jedes Mal, wenn jemand mitbekommt, dass ich weiblich bin, geht es los: Gute Tipps und Ratschläge, lieber langsam machen, bloß nicht zu viele Gegner auf einmal angreifen… Warum? Machen mich meine Brüste inkompetent? Ist die Voraussetzung für den richtigen Gebrauch meines Schildes ein ausreichender Testosteronspiegel? Nach jedem erfolgreich umgeprügelten Boss kommt dann ein: „Gut gemacht!“ Ähm… Ja? Danke? Sagt ihr das auch zu euren männlichen Kollegen?

Am Anfang fand ich es noch witzig, wenn mir das passiert ist. Ich dachte: „Ach, wie nett!“ Aber inzwischen nervt es mich. Immer öfter frage ich mich, wieso man so behandelt wird. Oder ist da was dran, dass Frauen nicht so gut spielen? Oder verhätschelt werden müssen im Spiel? Zum Thema „gut spielen“ könnte man ja mal meine Freundin Mel fragen, die hat bisher noch jeden Mann an die Wand gezockt. Ich bin immer heimlich ganz stolz auf sie.

Ich möchte nicht so weit gehen, von Sexismus zu sprechen. Aber dass von mir als Frau nicht genau so viel erwartet wird wie als Mann… Das finde ich schon unfair. Woran liegt das? Ist es das Gesellschaftsbild? Ist bei vielen Jungs und Männern noch nicht angekommen, dass immer mehr Frauen auch zocken?

Hey, Jungs! Bitte macht euch mal klar, dass wir Mädels es genau so drauf haben wie ihr. Oder eben nicht. Wie ihr auch. Das Geschlecht ist nicht dafür verantwortlich, wie gut wir in etwas sind. Unsere Einstellung und unser Talent sind es. Also in Zukunft mal ein bißchen drauf achten, wie ihr mit euren weiblichen Mitspielern umgeht. Ja? Das wäre super!