Gruß aus der Vergangenheit

Am Wochenende hatte ich Besuch von meiner Freundin Anna. Wir haben darüber geredet, dass mir die Aufgabe des Hobbies Cosplay etwas zu schaffen macht, denn plötzlich ist da ein Loch, das ich nicht gefüllt bekomme. Auch wenn ich seit Jahren nicht mehr wirklich was Großes oder Gutes produziert habe, hatte ich immer noch das Gefühl, es könnte sich ja mal wieder in die Richtung entwickeln. Tat es nicht. Also habe ich den Schritt gewagt und inzwischen alle Cosplays (bis auf zwei, von denen ich mich nicht trennen mag) weggeworfen. Als nächstes ist der Utensilienschrank dran, in dem mein ganzer Näh- und Bastelkram schlummert. Wie auch immer, jedenfalls habe ich Anna erzählt, dass ich mich fühle als hätte ich gar kein Hobby mehr und dass mich das etwas ziellos zurücklässt. Als wäre plötzlich keine Aufgabe mehr da. Und im Laufe dieses Gesprächs kamen wir darauf, dass ich mich doch wieder dem Schreiben widmen könnte. Das ist ja durch Cosplay komplett nach hinten weggefallen, denn zwei so zeitaufwendige Sachen gehen einfach nicht zusammen. Ich fing natürlich wieder sofort an mit meiner Litanei. „Mimimi, ich bin zu schlecht. Mimimi, ich habe keine guten Ideen. Mimimi, ich werde nie so gut sein wie XYZ.“ Und Annas Antwort war: „Fang doch einfach mal wieder an.“ Darüber habe ich mir gestern den ganzen Tag Gedanken gemacht und mir ging auf, dass sie vollkommen recht hat. Wenn ich nicht anfange, wird sich auch nichts ändern. Also habe ich heute – weil ich frei habe – meine alten Kladden rausgeholt, in denen ich Ideen und Charakterentwürfe aufgeschrieben hatte, und alles mal komplett in mein Schreibprogramm sortiert. Außerdem hatte ich noch einige Dateien auf dem PC, in denen ich Szenenentwürfe gespeichert habe. Auch die habe ich durchgestöbert und dabei etwas gefunden, was mich sehr lachen ließ.

Im August 2013 habe ich auf diesem Blog einen Eintrag über meine damalige Arbeitsstelle geschrieben. Der war sehr ernst und man konnte meinen Frust deutlich herauslesen. Aber anscheinend gab es eine erste Version dieses Textes und ich frage mich heute, warum ich die nicht veröffentlicht habe. Im Nachhinein finde ich sie viel besser und vor allem lustiger! Wen es interessiert, der kann sich gern zunächst „Verflixt und zugewuffelt“ durchlesen und das dann mit dem folgenden Schreiberguss vergleichen.

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Stefanie – Die Geschichte einer zerrissenen Frau

Wow. So sollte ich einen Roman nennen. Am besten so was im Rosamunde Pilcher-Stil. Mit unglücklichem Liebespaar an windumtosten Klippen. Der Sturm zerrt an ihrem Kleid, während der Liebhaber sie mit seinen tiefblauen Augen taxiert. Sie wollen zueinander, aber sie können nicht, denn ihre Hand ist Graf Reginald von Schlunzhausen versprochen, der seine jagderprobten Yorkshire-Terrier auf den blauäugigen Mann loslassen wird. Vielleicht verliert er dadurch nicht nur seine Ehre, sondern auch seine Hosenbeine! Und ohne ordentliche Hose holt er sich auf den Klippen ja den Tod!

Aber nein, es geht nicht um einen Roman. Mal abgesehen davon, dass ich so einen Schund gar nicht schreiben wollen würde. Es geht so ganz grob gesagt um die letzte Woche meines Lebens und um die Dinge, die mir (mal wieder) klar geworden sind, und mit denen ich jetzt in den Ring gestiegen bin. Wir hauen uns gegenseitig ganz schön auf die Nase, ich und meine Probleme/Sorgen/Komplexe/Schweinehunde/etc. Ich habe noch keine Ahnung, wer da als Sieger hervorgehen wird, aber ich hoffe natürlich, dass ich es sein werde. An meiner Seite der gesunde Menschenverstand, der sich während des Kampfes auch gerne mal verpisst, aber letztendlich immer wieder zurückkommt. Der Gute.

Was passiert ist. Letzte Woche Montag habe ich meinen neuen Job angetreten. Sachbearbeiterin im Bereich Logistik. So weit ganz okay. Dass ich direkt am ersten Tag geheult habe, weil der Chef mich angemault hat, warum ich denn nicht wisse, welche Kunden in seinem Ablagesystem wo liegen, war natürlich erstmal unschön. Als Resultat daraus traue ich mich jetzt nicht mehr wirklich in sein Büro, wenn er zugegen ist. Und ich muss öfter mal da rein, denn da das Ablagesystem der Firma von Anno 19hundertscheißdiewandan ist, verteilt man fröhlich haufenweise Zettel in den Büros. Ich blicke da nicht wirklich durch und das macht mir ziemlich zu schaffen. Welche Zettel trage ich denn am besten wohin? Und wenn ich sie getragen habe, was mache ich dann damit? Ich glaube, das letzte Mal habe ich ein solches Ablagesystem in meiner Ausbildung gesehen. Da das schon ein paar Jährchen her ist, kann ich mich natürlich auch nicht mehr wirklich dran erinnern. Aber ich gebe mein Bestes! Sehr nervig ist natürlich die tägliche Fahrtzeit von 3,5 Stunden. Und an so Tagen wie den letzten beiden kotzt mich das sogar richtig an. Ja mei, dann steht man halt rum und wartet auf seine Anschlüsse. Ist schon okay. Aber wenn man dann im Büro auch nur rumsitzt, weil einfach nichts zu tun ist, wird es kritisch. Mich macht so was nämlich aggressiv. Wenn ich schon so einen Aufwand auf mich nehme, dann will ich das nicht völlig umsonst machen. Denn ich empfinde es als Verschwendung meiner Zeit, wenn ich 12 Stunden am Tag nichts anderes mache als durch die Gegend zu fahren und dumm aus der Wäsche zu gucken. Ja klar, ich werde dafür bezahlt. Aber fühlt es sich gut an? Nein.

Ich will ja nicht nur jammern, es ist durchaus auch ganz schön, sein eigenes Büro zu haben. So ganz für sich allein. Hatte ich ja bisher noch nie und das ist schon ein Privileg. Etwas einsam zwar manchmal, weil man nicht mal eben ein bisschen quatschen kann. Aber dafür geht einem auch niemand auf die Nerven. Ohnehin ist die Firma so klein, dass man auch nicht so viele Möglichkeiten hat, einem homo nervus über den Weg zu laufen. In der Verwaltung sind wir gerade mal zu viert. Wenn allerdings einer dabei ist, kann man ihm kaum aus dem Weg gehen.

Jedenfalls bin ich derzeit nicht ganz im Einklang mit mir selbst, was meine berufliche Situation angeht. Natürlich, ich verdiene Geld. Nicht gerade viel, aber immerhin. Und wirklich stressig ist der Job auch nicht. Dennoch gibt es bereits jetzt die Tage, an denen ich das Internet nach anderen Stellen durchforste. Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht, weil ich nun mal mit dieser Stelle eine Verantwortung übernommen habe. Wenn mir also nun alles erklärt und auf mich ausgerichtet wird und ich verdrücke mich einfach, lasse ich Menschen hängen, die sich auf mich verlassen. Und nicht nur das. Ich flüchte auch vor einer Situation, die mir unangenehm ist und mir nicht vollkommen behagt. Und habe ich nicht jahrelang gelernt, dass ich ausgerechnet das nicht tun darf? Während ich heute Morgen neben Hintern kratzen und in der Nase bohren damit beschäftigt war, gedanklich schon alles hinzuschmeißen und mir was anderes zu suchen, bin ich nun schon wieder versöhnt mit der ganzen Sache und will weitermachen.

Na? Macht der Titel dieses Eintrags jetzt Sinn? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir Denis im Moment ziemlich leid tut, weil er sich den ganzen Dreck jeden Tag anhören muss. Ich kann mich nicht entscheiden und finde für mich keine befriedigende Lösung, darum muss er das Auf und Ab meiner Laune ertragen. Vermutlich stürzt er sich demnächst voller Elan vom Balkon.

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Twitter-Energie

So sehr ich den sozialen Medien auch verbunden bin und so gerne ich mich in ihnen bewege: Manchmal bin ich es leid. Manchmal bin ich es so leid, dass ich innerhalb von 10 Sekunden zum Misanthropen mutiere und mich einfach nur von allen Menschen entfernen und abkapseln möchte. Ich weiß, dass soziales Miteinander zu den schwierigsten Dingen im Leben gehört, dass es mitunter eine Gratwanderung sein kann und immer wieder auch Empathie und Diplomatie erfordert. Niemand kann dieses Minenfeld unbeschadet überqueren. Es wird immer mal wieder eine Bombe explodieren, die dich oder andere verletzt. Aber das gehört dazu und mit diesem Risiko leben wir alle. Und jede Äußerung, jedes Verhalten eines Menschen im persönlichen Umfeld platziert einen neuen Sprengkörper auf dem Schlachtfeld. Für irgendjemanden wird das zu einem Problem werden, aber eben nicht für alle. Und nur wenn jeder von uns aufhört, mit anderen zu interagieren, können wir bombenfrei durchs Leben kommen. Dass das nicht möglich ist, sollte jedem klar sein. Wir alle sind auf Kommunikation und Miteinander angewiesen. Dazu gehört auch, seine Ansichten und Meinungen zu teilen und die von anderen Menschen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Wir müssen nicht alle einer Meinung sein, aber wir sollten konstruktiv mit anderen Einstellungen umgehen können oder wenigstens versuchen, dies zu lernen. Aufforderungen, die dazu anhalten, sich zu nichts zu äußern und seine Ansicht nicht kundzutun, sind hier nicht förderlich.

Vorgestern habe ich mal wieder gemerkt, wie schnell man zum Buhmann mutieren kann und wie sehr sich andere Menschen an ein paar Worten aufhängen können. Auslöser dafür war meine Äußerung zum Brand von Notre Dame in Paris. Ich habe meine Ansicht zu dieser Sache getweetet. Und ich kann nicht behaupten, dass die nun besonders kontrovers oder anstößig gewesen wäre. Mein Text las sich folgendermaßen:

Fühle mich wie ein schlechter Mensch, weil alle wegen Notre Dame weinen und geschockt sind und ich es halt schade finde, mir aber denke: „Es ist eben doch nur ein Gebäude.“

Schaue ich mir diese Äußerung an, kann ich folgende klare Aussage darin erkennen: „Es ist schade, dass das passiert.“ Wenn man noch zwei Sekunden länger darüber nachdenkt, kommt man vielleicht auch auf „Es ist ein Gebäude und es brennt, aber es ist eben nur Material und (zum Glück) kein Mensch.“ Vielleicht übersehe ich noch etwas Fundamentales, aber… Nein, ich denke, eigentlich nicht.

Was mir dann auf Twitter entgegen schlug, war… Sagen wir mal, es war interessant. Die öffentlich sichtbaren Antworten waren ja noch zivilisiert und reichten von „Ich akzeptiere deinen Standpunkt, aber ich bin halt wirklich fertig deswegen.“ über „Aber das ist eben nicht nur ein Gebäude, es ist so viel mehr.“ bis zu „Du bist ignorant!“. Über letzteres konnte ich wirklich nur den Kopf schütteln. Da teile ich auch gerne mal den Inhalt dieses Tweets und sage vorher dazu, dass ich diese Person nicht kenne und auch wirklich noch niemals in irgendeiner Form Kontakt herrschte.

Ignorant. Dann stört es dich nicht, wenn Menschen sterben? Korallenriffe absterben? Tiere getötet werden? Same energy, my dear. Davon gibt es auch viel. Solche Aussagen sollte man nicht auf Twitter teilen. Wundert mich nicht, wenn Nachrichten den falschen Ton treffen. Es sind eben auch nur Menschen.

Think about it!

Okay. Warte. Was? Ich würde ja gerne wissen, wo ich eine Verbindung zwischen einem Kirchenbrand, dem Klimawandel und Tierquälerei gezogen habe, aber ich kann beim besten Willen nichts finden. Keinen Hinweis darauf. Und wieso vergleicht man diese Dinge überhaupt? Das Beste an der Sache ist, dass mich dieser Typ nicht kennt, dass er keine Ahnung hat, was für ein Mensch ich bin, und dass er da einen Charakter beschreibt, der kaum weiter von mir entfernt sein könnte. Ich musste erstmal lachen, weil sich das so unglaublich surreal und falsch anfühlte.

Es ist einfach total anmaßend, sich anhand von ein paar Wörtern, anhand von einer einzigen Meinungsäußerung ein komplettes Bild eines Menschen zu basteln und das als Wahrheit zu verkaufen. Ich meine, gerade die Sache mit den Tieren… Ja, vielleicht sind mir Menschen zu einem großen Teil egal. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber gerade Tiere. Ich rette jeden kleinen Regenwurm, ich bin im Tierschutz aktiv und komme oft an den Rand meiner nervlichen Belastbarkeit, wenn es um gequälte oder getötete Tiere geht. Aber wie wir gerade gelernt haben, stimmt das anscheinend gar nicht, denn ich bin wohl ein ganz anderer Mensch als ich bisher dachte! Oh man… Wer meint, mir mit solchen Behauptungen eine Form von Ignoranz vorwerfen zu können, der sollte sich mal ganz dringend über seine eigene Energie Gedanken machen.

Noch viel erschreckender ging es aber in meinem privaten Nachrichtenfach zu. Ich bekam drei Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne und von denen ich auch einfach mal behaupte, sie nicht kennenlernen zu wollen. Und alle drei waren… eher unfreundlich. Da ich die Nachrichten sofort gelöscht und die Verfasser blockiert habe, kann ich den genauen Wortlaut nicht wiedergeben, also sind sie hier frei aus meiner Erinnerung:

Was bist du für eine dumme Kuh? Bist du zu blöd, um zu verstehen, was da gerade passiert?

Am besten sollte man dich anzünden, damit du mal siehst wie das so ist.

Wenn ich so dumme Sachen lese, könnte ich kotzen.

Hach ja. Danke, Twitter! Da möchte ich ein wenig applaudieren. Wegen so einer Lappalie, wegen so einem unwichtigen Kleinscheiß kommen die Leute aus ihren Höhlen gekrabbelt und machen Radau? Eigentlich spricht so ein Verhalten für sich selbst, eigentlich sollte es mir herzlich egal sein und ich sollte drüber lachen. Aber an dem Abend haben mir diese Reaktionen wirklich weh getan. Ich konnte kaum einschlafen, ich habe geweint und fühlte mich komplett missverstanden. Am nächsten Morgen hatte ich schon einen anderen Blick darauf, so dass ich fast Mitleid mit diesen armen Würstchen empfunden habe. Fast. Ein paar fiese Nadelstiche spüre ich immer noch.

Mal ehrlich: Muss so ein Verhalten untereinander sein? Ist es so schwer, andere Meinungen zu akzeptieren, gerade wenn sie nicht radikal sind? Bei extremen Aussagen verstehe ich gewisse Reaktionen ja noch, aber in diesem Fall…? Es hat mich wirklich erschreckt, wie schnell einen die Leute angehen und wie unverschämt dabei vorgegangen wird. Natürlich werde ich mich jetzt nicht heulend von Twitter abmelden, denn für mich überwiegt weiterhin das Gute, und ich möchte mich in Zukunft auch nicht an andere anpassen, denen meine Meinung nicht gefallen könnte. Aber ein komisches Gefühl wird mich wohl eine Zeitlang begleiten.

 

Tierarztreisen

Anfang des Jahres steht für die Diggis immer ein Gesundheitscheck beim Tierarzt an. Das ist für uns drei stets ein großes Ereignis, weil es Stress und Anspannung bedeutet und das mögen wir ja nun nicht besonders. Ich hatte dieses Mal ein wenig Panik, weil ich auch das Thema Impfung besprechen wollte. In meinem Kopf gab es da schon wieder eine riesige Diskussion mit dem Arzt, denn eigentlich wollte ich den Katern keine Impfung antun. Snorre vertrug das die letzten Male schon nicht besonders gut und hat sich erst nach Tagen wieder erholt. Da die beiden ja auch nur in der Wohnung leben, erschien mir das also als durchaus machbar. Aber die Meinungen gehen da ja weit auseinander und obwohl ich wirklich keine Impfgegnerin bin, hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache.

Am Tag der Untersuchung hatte ich auf der Arbeit schon etwas Zeitdruck, weshalb ich so in Hetze geriet, dass die Tiere meine Anspannung schon beim Betreten der Wohnung bemerkten. Die Transportboxen hatte ich schon am Vorabend in die Küche gestellt und Snorre wusste daher direkt, was die Stunde geschlagen hat. So schnell habe ich ihn selten auf den höchsten Punkt des Kratzbaums verschwinden gesehen. Es tat mir auch wirklich leid, ihn so in die Box zwingen zu müssen, aber es geht ja leider nicht anders. Tabby hingegen ist wirklich so lammfromm und vertrauensselig, dass man nur in die Box deuten muss und schon geht er hinein, denn es könnte dort ja etwas Interessantes zu sehen geben. Dafür dreht er dann während der Fahrt immer voll auf. Ich besitze ja kein Auto, also lasse ich mich mit dem Taxi zur Praxis bringen. Der Fahrer, den ich an diesem Tag hatte, konnte vor Lachen kaum noch auf die Straße achten. Tabby hat so dermaßen laut und herzzerreißend gemaunzt, dass er mich gefragt hat, wie ich dieses Tier länger als fünf Minuten um mich haben kann. Ja man, der ist eben nur während Autofahrten so drauf!

Bei der Untersuchung wurde ich natürlich als erstes darauf hingewiesen, dass Tabby zu mopsig ist. Ja. Ich weiß. Wir kämpfen um jedes Gramm. Ist ja nicht so, als wolle ich ihn mästen. Dann kam der ultra hilfreiche Tipp, ich solle mal das Trockenfutter weglassen. Als ich erwähnte, dass ich gar kein Trockenfutter gebe, war die Verwunderung groß. Sorry, er ist einfach ein Schnorrer, ein Mülltonnenplünderer, Wegfutterer, Kampfschlinger und was weiß ich nicht noch alles. Wir sind auf einem guten Weg. Langsam. Ansonsten war bei der Untersuchung fast alles gut. Fast. Die Zähne… Die mussten bei beiden Katern gemacht werden und ich hatte schon damit gerechnet. Das Thema Impfung wurde zum Glück sehr sachlich besprochen. Ich schilderte meine Bedenken und der Arzt sagte mir, er würde es in diesem Fall dann auch eher dabei belassen, die beiden nicht zu impfen. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen! Aber die Zahnproblematik, die blieb.

Also machte ich einen Termin für Anfang April aus, um die Diggis operieren zu lassen. Mir flatterten ganz schön die Nerven, denn die Behandlung kann nur unter Narkose erfolgen und ich hatte Angst, dass ihnen etwas passieren könnte. An diesem Tag hatte ich mir Urlaub genommen, die beiden am Morgen um acht Uhr zur Praxis gebracht und schweren Herzens dort abgegeben. Man sagte mir, man würde mich anrufen, falls etwas Dringendes geschehen sollte. Meine innere Stimme schrie sofort los: „Falls einer von ihnen stirbt, man!“ Also ging ich zu Fuß nach Hause, um mich zu beruhigen. Nur leider hatte ich mein Handy morgens schon dort liegen lassen und war dementsprechend fertig mit den Nerven, als ich zuhause dann schließlich drauf schaute. Aber alles gut, keiner hatte angerufen. Am Nachmittag konnte ich die Abholtour starten und die Katerchen kamen mit sauberen Zähnen nach Hause. Tabby hatte man leider vier Stück ziehen müssen, Snorre „nur“ zwei.

Was mir bei der Heimkehr direkt auffiel: Snorre hatte ein Matschauge. Das rechte Auge war rot und er hat es nicht ganz öffnen wollen und ich dachte: „Okay, beobachte das mal, vielleicht ist das eine Nachwirkung von der OP.“ Gegen Abend wurde es aber immer schlimmer und das Auge schwoll regelrecht zu. Ich habe dann schon meiner Chefin Bescheid gesagt, dass ich am nächsten Tag noch mal zum Tierarzt gehen würde, denn das war ja definitiv nicht normal. Am nächsten Morgen war es noch schlimmer und so musste Snorre noch einmal eingepackt und wieder zum Arzt gekarrt werden. Fand er natürlich gar nicht gut. Ich aber auch nicht. Es stellte sich dann heraus, dass er wohl auf die Augensalbe, die bei OPs verwendet wird, etwas allergisch reagiert hat. Und anscheinend hat er dann auch fleißig am Auge gekratzt und sich mit der Daumenkralle Kratzer in der Hornhaut verpasst, was alles noch verschlimmert hat. Letztendlich wurden ihm antibiotisch wirkende Augentropfen verschrieben, die er drei Mal täglich verabreicht bekommen musste, plus pflegende Tropfen, die ich ihm alle zwei Stunden geben musste. Ach, was hatten wir für herrliche Kämpfe in den darauf folgenden fünf Tagen! Meine linke Schulter zieren immer noch Kratzspuren von seinem Fluchtversuch über meinen Rücken. Allgemein ging es aber ziemlich gut, auf keinen Fall mehr zu vergleichen mit früheren Behandlungsversuchen an seinen Ohren oder an den Wunden an seinem Kopf, wenn die Allergie wieder zuschlug.

Inzwischen ist zum Glück alles verheilt und den Diggis geht es wieder prima. Ich muss nun darauf achten, in Zukunft mehr Augenmerk auf ihre Zähne zu legen, denn das scheint wirklich eine Schwachstelle zu sein. Und Tabby sollte noch mehr abnehmen. Ja, ja… Ich weiß.

Wann ist ein Heim ein Heim?

Neulich habe ich einen Teil meiner Unterlagen sortiert und dabei ist mir mein Mietvertrag in die Hände gefallen. Schön! Ich wusste gar nicht, wo der geblieben war. Meine Ordnung, was Dokumente angeht, ist seit Jahren „Schublade auf, Papiere rein, Schublade zu.“ und das war’s. Bei jedem Umzug gibt es so ein oder zwei Kartons, in denen wirklich nur Dokumente gelagert und durch die Gegend getragen werden. Ich hasse es, aber ich bin auch grundlegend faul, was Papierkram angeht. Jedenfalls versuche ich das anzugehen und dabei stieß ich eben auf meinen Mietvertrag. Ich saß in meinem Wohnzimmer, die Sonne schien durch die Fenster, neben mir schnarchten die Kater im Tiefschlaf auf dem Kratzbaum. Alles war ruhig und friedlich und doch… Während ich mich umsah, dachte ich darüber nach, was in den letzten zwei Jahren so alles in diesen Räumen geschehen war und welche persönliche Entwicklung ich durchgemacht habe. Und ich fragte mich, ob ich diese Wohnung, in der ich mich selbst am Anfang so schwer akzeptieren konnte, inzwischen eigentlich liebe oder nicht.

Für mich ist das Thema „Zuhause“ einerseits sehr emotional, andererseits auch relativ egal. Das ist schwer zu erklären, denn dieses Wissen ist eher ein Empfinden. So ein Gefühl ganz hinten in meinem Herzen, das man nur dumpf erspüren kann. Ich bin in meinem Leben so oft umgezogen, dass ich gar nicht mehr glaube, irgendwo ein Zuhause zu besitzen. Heimat, ja, das ist für mich Norddeutschland, die Gegend zwischen Bremen und Hamburg, die Gefilde meiner Kindheit. Dort, wo mir der Wind um die Nase weht, wo man immer ein wenig Salz in der Luft schmecken kann und wo der Blick in die Ferne schweift. Aber mein Zuhause? Wo ist das? Wirklich dort, wo ich nun lebe?

Ja, natürlich ist es dort, wo ich meinen Wohnsitz angemeldet habe. Auf dem Papier. Rein verstandesmäßig. Ich fühle mich wohl in meinen vier Wänden, zumindest meistens. (Im Moment nicht, weil ich mit meinem Haushalt kaum noch hinterher komme, was eine neue Beziehung bei mir wohl irgendwie immer mit sich bringt. Die Ruhephasen, die ich brauche, schiebe ich auf die Wochentage und an den Wochenenden bin ich entweder in Essen oder mein Freund ist bei mir. Ich weiß noch nicht so ganz, wie ich das lösen soll.) Ja, meine Einrichtung könnte mir selbst mehr entsprechen, ich habe viel zu viel Kram und muss das alles mal ausmisten, es gibt Baustellen in der Wohnung, wo dringend mal etwas ausgebessert werden müsste, aber im Großen und Ganzen ist doch alles in Ordnung. Die Hausgemeinschaft ist nett und ruhig, die Umgebung ist angenehm und die Verkehrsanbindungen sowie die Einkaufsmöglichkeiten im Umkreis sind super. Dennoch denke ich manchmal, dass die Stadt, in der ich lebe, mir seltsam fremd und distanziert erscheint. Selbst wenn ich mich mit ihr befasse, etwas zur Geschichte oder zum Stadtbild lese, mich durch die Straßen bewege, neue Dinge kennenlerne… Mir bleibt das alles immer so fern und fremd. Nicht, weil ich Wuppertal hassen würde. Nein, das ist es gar nicht. Es ist eher so ein Gefühl von „Ich gehöre hier nicht her.“, das ich nicht überwinden kann. Ich lebe in dieser Stadt, ich bewege mich durch sie hindurch, aber dennoch empfinde ich es nicht so, dass ich wirklich in ihr lebe. Wie soll ich das nur erklären?

Irgendwie warte ich immer auf den Moment, in dem ich mich angekommen fühle. Dabei weiß ich nicht mal, wie diese Empfindung sich äußern sollte. Ruhe ich dann von einer Sekunde auf die andere in mir selbst? Oder fühle ich plötzlich die Liebe zum Bergischen Land in mir aufwallen? Werde ich nie wieder aus meiner Wohnung ausziehen wollen? Ich bin gespannt, ob sich in dieser Richtung etwas tun wird oder ob ich mich einfach immer weiter innerlich zuhause, aber niemals richtig daheim fühlen werde.

Triggerpunkte

Es gibt sie selten, diese Momente im Leben, in denen ich merke: „Oh, dadurch wird jetzt gerade etwas in mir ausgelöst. Das wird sich zu einer Panikattacke auswachsen.“ Meistens habe ich dafür kein Bewusstsein, keinen Blick. Ich renne hektisch durchs Leben und schiebe alles, was unangenehm ist, möglichst weit von mir weg. Natürlich erreicht es mich trotzdem, aber ich bilde mir ein, das nicht mitzubekommen. Mein letzter Beitrag hier hat so eine Situation beschrieben und dieser hier wird das noch einmal tun. Bin ich empfänglicher geworden dafür? Nein, ich denke nicht. Aber ich versuche seit einiger Zeit, mehr auf mich und auf das, was ich brauche, zu hören. Vermutlich ist das der Grund dafür, warum ich Auslöser leichter wahrnehmen und im Nachgang besser einordnen kann. Ich finde das gut, denn so zeigen sich gewisse Muster und unverarbeitete Dinge aus der Vergangenheit. Das macht die Arbeit mit mir selbst sehr viel leichter.

Am letzten Wochenende habe ich meiner Agoraphobie den Mittelfinger gezeigt und bin gereist. Jedes Mal ein großer Akt, weil es mir vorher nicht so gut geht und die Katastrophengedanken gern mächtiger werden. Doch da ich das bereits kenne, habe ich hierfür Strategien entwickelt. Einzig und allein das Packen meines Koffers ist immer noch mit großen Problemen behaftet. Ich brauche immer Ewigkeiten dafür, denn sobald der Koffer gepackt im Flur steht, ist es einfach real, dass ich für einige Tage nicht zuhause sein werde. Nun gut, die Hürde hatte ich genommen, mein Nachbar hat auf meine Dickies aufgepasst und ich konnte relativ beruhigt die Tür hinter mir schließen.

Ich habe mich also zusammen mit meinen Besties auf den Weg nach Paris gemacht, wo wir das Final Fantasy XIV Fan Festival besuchen wollten. Und es war super. Wirklich, ich hätte es bereut, wenn ich nicht mitgefahren wäre. Ich habe einige Leute, die ich bisher nur aus dem Spiel kannte und mit denen ich nur online Kontakt hatte, endlich persönlich treffen können. Es gab zwei tolle Konzerte, die ich unheimlich genossen habe. Wir haben den Pariser Straßenverkehr überlebt, was wirklich nicht ganz einfach war. Und ich habe vier Tage Dauerbeschallung, ununterbrochenen menschlichen Kontakt und unbekannte Orte ohne Panik erlebt.

Das einzige Problem, das aufgetaucht ist, zeigte sich am Morgen unserer Abreise in Form von zwei jugendlichen Franzosen, die beim Frühstück neben uns saßen. Wir haben sehr traditionell den Genüssen der regionalen Küche gefröhnt (sprich: Wir haben bei McDonald’s gegessen.), uns abwechselnd auf Deutsch und Englisch unterhalten und hatten Spaß. Die Mädels neben uns hatten aber anscheinend irgendein Problem damit. Am Anfang hat es mich nur genervt, dass sie extrem laut irgendwelche Videos auf ihren Handys geschaut haben. Okay, kann man irgendwie ignorieren. Dann haben sie ausdauernd und falsch zu einem Lied mitgesungen. Auch noch ignorierbar. Allerdings fiel ihnen wohl irgendwann ein, dass wir ganz gute Opfer abgeben könnten, denn sie fingen an, uns nachzumachen, irgendwas auf französisch zu rufen, was wir natürlich nicht verstehen konnten, und schließlich kramten sie die fünf Brocken Englisch und Deutsch hervor, derer sie mächtig waren. Ich weiß, dass sie uns nur provozieren wollten, da ihnen wohl langweilig war. Und außer mir und Heike hat davon anscheinend auch niemand etwas mitbekommen. Letztendlich wurde es ihnen wohl zu dumm, denn sie sind aufgestanden und gegangen.

Das klingt alles sehr harmlos und das war es eigentlich auch. Niemand hat sich geprügelt, niemandem ist weh getan worden. Dennoch war mir am Ende dieser Begegnung extrem schlecht und ich hatte das Gefühl, mich nicht mehr auf meinem Stuhl halten zu können. Warum? Weil mich dieses Verhalten getriggert hat. Generell habe ich ein Problem mit Jugendlichen. Ich kann sie nicht ansehen, ich gehe ihnen aus dem Weg, ich fürchte mich manchmal sogar vor ihnen. Vermutlich werden viele Menschen, die wie ich in der Schule Außenseiter waren oder gemobbt wurden, ähnlich empfinden. Diese Gefühle graben sich einfach ein. Man vergisst das nicht. Und genau so ein Verhalten wie das der zwei mutmaßlichen Schulschwänzerinnen (Was hat man um diese Zeit im McDonald’s zu suchen?) triggert mich. Ich fühle mich hilflos, angegriffen, abgewertet, hässlich und wertlos. Und das wiederum löst in mir die körperlichen Symptome aus, die einer Panikattacke vorangehen. Übelkeit, Schwindel, Kreislaufschwäche, Herzrasen, schwitzige Hände und je nach Intensität gern auch noch ein paar mehr. Hätte ich diese Situation in Deutschland gehabt, hätte ich mich mit den beiden vielleicht sogar angelegt, denn irgendwann gesellt sich Wut zu meinen Empfindungen. Wut darüber, dass ich mich immer noch so fühle wie das 15jährige Mädchen, das sich in den Pausen in der Toilette versteckt, um nicht von den anderen fertig gemacht zu werden. Wut auf die Menschen, die sich anderen gegenüber so respektlos verhalten. Wut auf meine alten Mitschüler, die so schöne Dinge getan haben, wie mich am ersten Tag in der neuen Schule zu fragen, ob ich behindert wäre, denn ich würde so aussehen.

Nachdem die beiden gegangen waren, hat es tatsächlich noch einige Zeit gedauert, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Dennoch ließ mich dieses Erlebnis bisher nicht so richtig los. Auch weil ich gemerkt habe, dass die Selbstsicherheit, die ich in den Tagen davor erlebt habe, innerhalb weniger Minuten komplett in sich zusammengebrochen ist und ich mich sofort wieder gefragt habe, was mit mir nicht stimmt. Wieso werde ich so seltsam von der Seite angemacht? Was ist mit mir falsch, dass man mich nicht einfach in Ruhe lassen kann? Diese Fragen tauchen auf und verfolgen mich dann so lange, bis sie sich einen netten Platz in meinem Hinterkopf sichern konnten. Dort wird dann gehockt bis sich die nächste Chance zum Angriff bietet.

Ich bin mir etwas unsicher, wie ich solche Situationen in Zukunft angehen soll. Ich bin jetzt erst einmal froh, dass ich einen Triggerpunkt entlarvt habe, den ich meiner Liste hinzufügen kann. Vermutlich hilft auch hier mehr Selbstbewusstsein. Ich übe noch an dem Fingerschnipsen, das mir dazu verhilft.

Warum ein schlechtes Date besser ist als ein gutes.

Niemand will ein schlechtes Date haben. Man wünscht sich, dass alles harmonisch läuft, dass man einen total interessanten Menschen kennenlernt, mit dem man im besten Fall nicht nur einen Abend verbringt, sondern den Rest seines Lebens. Am Anfang schleicht man ein wenig umeinander herum, versucht mehr über den anderen zu erfahren und trifft sich noch einmal, um zu sehen, ob auch die zweite Begegnung so gut verläuft wie die erste. Falls ja, dann kommt man sich langsam näher und näher, es gibt noch mehr Verabredungen und irgendwie baut sich dann langsam so etwas wie eine Beziehung auf. Und während dieser ganzen Zeit wird eine Art Spiel gespielt. Bloß nicht preisgeben, was man selber denkt, hofft und erwartet. Den anderen aus der Reserve locken, bevor man sich selbst öffnet. Ein Schritt nach vorn, ein Schritt zurück. Ich kann wirklich nicht gut damit umgehen. Unklare Situationen machen mich irre, ich muss wissen, wo ich stehe, wo der andere steht und wie es weitergeht. Am besten folgt man einer Art Fahrplan. Und zwar nicht dem einer Bimmelbahn, die drei Stunden braucht, um von einem Ort zum anderen zu kommen, sondern dem eines Regionalexpress, der nicht an jeder Milchkanne Halt macht.

Bei einem schlechten Date muss ich mir keine Gedanken machen um alles, was danach kommt. Ich kann es abhaken, vielleicht sogar darüber lachen. In mir regen sich keine Selbstzweifel, das ganze Kopfkarussel fängt nicht an, sich zu drehen. Es hat halt einfach nicht gepasst, passiert, kein Problem.

Bei einem guten Date stellen sich mir tausend Fragen, auf die ich keine Antwort erhalte und von denen ich selbst genervt bin. Ich will mich gar nicht damit beschäftigen, ob nur ich das Treffen als gut empfand. Ich will nicht darüber nachdenken müssen, ob ich „ausreiche“ und interessant genug bin. Ich will nicht auf Nachrichten warten. Unklare Aussagen, Interpretationen von Textnachrichten, das ständige Überlegen, wie offen man sein darf und immer darauf bedacht sein, den anderen nicht zu verschrecken… Das ist ungeheuer anstrengend.

Ja sicher, ich muss nicht so denken. Aber ich bin ehrlich: Das ist harte Arbeit. Seit Jahren versuche ich, mein Selbstwertgefühl zu stärken, denn ich denke, das ist die Wurzel meiner Probleme. Doch wer das schon einmal versucht hat, der weiß, dass es nicht ganz so einfach ist. Es gibt Hochs und Tiefs und man muss sich jeden Tag sagen, dass es okay ist, so zu sein, wie man ist. Es sei denn, man wäre Massenmörder Ralf. Nicht gut. Nicht okay. Aber so zu sein wie ich: Vermutlich okay. Ich bin mir oft nicht so sicher. Es wäre toll, wenn ich es einfach abstellen könnte, meinen eigenen Wert an der Reaktion anderer zu messen. Das funktioniert nur nicht so leicht, also arbeite ich eben täglich daran. Jeder Mensch braucht ein Hobby!

Man könnte also sagen, schlechte Dates sind für mich leichter zu verarbeiten, weil ich mir im Nachgang keine Gedanken machen muss und das einfach schneller abhaken kann. Emotionen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Ich kann einfach wieder zum Alltag übergehen. Bei den guten (die wirklich weitaus seltener sind und darum auch sehr ungewohntes Terrain für mich – viel ungewohnter, als man glauben könnte) stürze ich mich wie ein Klippenspringer in die Tiefe, lande in Stromschnellen und versuche darin zu überleben, bis das Wasser wieder ruhiger wird. In dieser Phase befinde ich mich übrigens gerade. Die ersten Tage nach einem Treffen sind oft die härtesten, aber ich denke, ich halte mich bisher einigermaßen tapfer und kann jetzt dazu übergehen, mich etwas zu entspannen.

Wie gesagt: Jeder Mensch braucht ein Hobby.

 

 

Jahreswechsel-TV

Zu jeder Jahreszeit gibt es ganz bestimmte Werbekampagnen im Fernsehen, die auf saisonale Zielgruppen gemünzt sind. Im Frühjahr läuft verstärkt Werbung für Heuschnupfenpräparate, im Sommer für Sonnencreme und Mückenspray, im Herbst knöpft man sich die Erkältungsopfer vor und schleudert ihnen aus der Glotze Vorschläge für Medikamente um die Ohren. Ihr wisst, wie es läuft. Eigentlich bin ich nicht so der Fernsehgucker und wenn doch, dann läuft irgendwelcher Kram nebenbei (wenn ich aufräume etwa) oder ich bin auf Netflix unterwegs. Im Winter ändert sich das aber für einige Wochen. Nämlich genau für die Zeit um Weihnachten und um Silvester herum. Ich habe keine Ahnung, warum genau das so ist. Die kitschigen Filme und die Serien mit Weihnachts- oder Silvesterfolgen könnte ich mir auch auf Netflix anschauen. Aber nein, ich tue mir das Fernsehprogramm an. Und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber im Grunde und vollkommen nüchtern betrachtet ist der Fernseher über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel eines der nervigsten Dinge im Alltag.

Das Schlimmste ist für mich wirklich die Werbung. Oh mein Gott, diese Werbung! Selbst wenn man keine Ahnung hätte, wann Weihnachten stattfindet, könnte man es an der Werbung erkennen. Drei bis vier Wochen vor dem Fest schaffen es beinahe ausschließlich Parfum, Schmuck und Schokolade während der Werbepause auf den Bildschirm. Ich kann kaum beschreiben, wie sehr mir das auf den Keks geht. Als würde sich die ganze Welt plötzlich nur noch darum drehen, möglichst viel zu konsumieren, vor allem Geschenke, denn ohne Geschenke geht ja gar nichts, weil Weihnachten schließlich nur für die Geschenke erfunden wurde, oder nicht? Kurz vor Heilig Abend überbieten sich dann die verschiedenen Lebensmittelketten mit super Angebotspreisen und tollen festlichen Aktionen und es beschleicht einen langsam das Gefühl, es wäre nicht okay, über Weihnachten weniger zu essen als eine 40köpfige Großfamilie in Russland. Selbst wenn man alleine ist. Egal! Vollstopfen lautet die Devise!

Ist Weihnachten vorbei, geht es weiter mit den obligatorischen Silvesterwerbespots. Böller, Knaller und Raketen zum Vorzugspreis. Und natürlich Alkohol. Wenn das neue Jahr doch so toll werden soll, warum ist dann jeder scharf darauf, es komplett besoffen und vernebelt zu beginnen? Vermutlich, damit man die Werbung der ersten zwei Januarwochen nicht mitbekommt. Denn da geht es vorrangig ums Abnehmen. Fitnessstudios, Schlankheitskuren, Diätgurus und sonstiges aus der Richtung tummeln sich auf den TV-Bildschirmen der Nation und bieten ihre Wundermittel, -heilung, -waffen an.

Erst Mitte Januar wird der ganze Zirkus etwas weniger und man kann mal wieder gedanklich zur Ruhe kommen, ohne ständig mit der Nase auf alles gestoßen zu werden, was mit Neujahrsvorsätzen zusammenhängt. Zum Glück befinde ich mich zu diesem Zeitpunkt dann bereits wieder im Netflix- oder Dokumentationsland. Keine Werbung, keine nervigen Konsumanweisung, keine Nackenschmerzen vom ewigen Kopfschütteln. Und die Hoffnung bleibt, nächstes Jahr nicht wieder in meine Jahreswechsel-Fernsehgewohnheiten zu verfallen.