Stiller Sommer

Ich bin müde. So verflucht müde, dass ich manchmal meine Beine kaum noch spüre und nur mühsam genug Kraft aufbringen kann, um mich vorwärts zu schleppen. Diese Müdigkeit geht tiefer als Kaffee oder Energydrinks und ist einfach durch nichts zu bekämpfen. Das Schlimme ist, dass sie auch in meinen Kopf vordringt und mich geistig lahm legt. Ich kann und will mich mit nichts befassen, was weiter reicht als die täglichen Notwendigkeiten. Es ist mir alles zu viel und jedes bißchen mehr Information, jeder Tanz aus der Reihe überfordert mich komplett. Das ständige Lächeln, die stete Aufmerksamkeit und die Schnelligkeit, mit der ich jeden Tag agieren muss, saugen mich aus. Sobald ich abends nach Hause komme, bin ich nur noch eine leere Hülle, die sich ein wenig Leben zurück eratmen muss. Am Wochenende ist es noch schlimmer. Wann konnte ich diese beiden freien Tage zum letzten Mal genießen? Wann habe ich nicht beinahe 24 Stunden durchgeschlafen?

Es ist still geworden. In mir und um mich herum. Treffen mit Freunden scheinen mir die meiste Zeit über unmöglich. Wie soll ich das aushalten? Wie den Lärm und dieses Leben ertragen? In meiner Wohnung ist es leise und ich kann mich in der Stille verstecken. Da gibt es niemanden, der etwas von mir erwartet, niemanden, der mir Dinge vorschreibt. Da bin nur ich. Ein Abbild meines Lebens.

Ab und zu dringen unerwartet Dinge zu mir vor. Kleine Nadelspitzen, die durch das Telefon kommen. Messer, die im Briefkasten auf mich lauern. Worte, die durchs Fenster fliegen. Sie hinterlassen Wunden auf meiner Haut und Wunden in meiner Seele, aber ich versuche das zu verstecken. Zum Schreien fehlt mir die Kraft. Ich kann mich nicht wehren, aber niemand sieht das, denn wenn ich nach draußen gehe, ziehe ich meinen sonnenscheingelben Ganzkörperanzug an, der die Menschen blendet. Wer oder was darin steckt, sehen sie nicht. Und ich finde das gut, denn dann muss ich mich nicht erklären, muss mich nicht aus meiner inneren Höhle bewegen und die Karten auf den Tisch legen.

 

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Triggerpunkte

Es gibt sie selten, diese Momente im Leben, in denen ich merke: „Oh, dadurch wird jetzt gerade etwas in mir ausgelöst. Das wird sich zu einer Panikattacke auswachsen.“ Meistens habe ich dafür kein Bewusstsein, keinen Blick. Ich renne hektisch durchs Leben und schiebe alles, was unangenehm ist, möglichst weit von mir weg. Natürlich erreicht es mich trotzdem, aber ich bilde mir ein, das nicht mitzubekommen. Mein letzter Beitrag hier hat so eine Situation beschrieben und dieser hier wird das noch einmal tun. Bin ich empfänglicher geworden dafür? Nein, ich denke nicht. Aber ich versuche seit einiger Zeit, mehr auf mich und auf das, was ich brauche, zu hören. Vermutlich ist das der Grund dafür, warum ich Auslöser leichter wahrnehmen und im Nachgang besser einordnen kann. Ich finde das gut, denn so zeigen sich gewisse Muster und unverarbeitete Dinge aus der Vergangenheit. Das macht die Arbeit mit mir selbst sehr viel leichter.

Am letzten Wochenende habe ich meiner Agoraphobie den Mittelfinger gezeigt und bin gereist. Jedes Mal ein großer Akt, weil es mir vorher nicht so gut geht und die Katastrophengedanken gern mächtiger werden. Doch da ich das bereits kenne, habe ich hierfür Strategien entwickelt. Einzig und allein das Packen meines Koffers ist immer noch mit großen Problemen behaftet. Ich brauche immer Ewigkeiten dafür, denn sobald der Koffer gepackt im Flur steht, ist es einfach real, dass ich für einige Tage nicht zuhause sein werde. Nun gut, die Hürde hatte ich genommen, mein Nachbar hat auf meine Dickies aufgepasst und ich konnte relativ beruhigt die Tür hinter mir schließen.

Ich habe mich also zusammen mit meinen Besties auf den Weg nach Paris gemacht, wo wir das Final Fantasy XIV Fan Festival besuchen wollten. Und es war super. Wirklich, ich hätte es bereut, wenn ich nicht mitgefahren wäre. Ich habe einige Leute, die ich bisher nur aus dem Spiel kannte und mit denen ich nur online Kontakt hatte, endlich persönlich treffen können. Es gab zwei tolle Konzerte, die ich unheimlich genossen habe. Wir haben den Pariser Straßenverkehr überlebt, was wirklich nicht ganz einfach war. Und ich habe vier Tage Dauerbeschallung, ununterbrochenen menschlichen Kontakt und unbekannte Orte ohne Panik erlebt.

Das einzige Problem, das aufgetaucht ist, zeigte sich am Morgen unserer Abreise in Form von zwei jugendlichen Franzosen, die beim Frühstück neben uns saßen. Wir haben sehr traditionell den Genüssen der regionalen Küche gefröhnt (sprich: Wir haben bei McDonald’s gegessen.), uns abwechselnd auf Deutsch und Englisch unterhalten und hatten Spaß. Die Mädels neben uns hatten aber anscheinend irgendein Problem damit. Am Anfang hat es mich nur genervt, dass sie extrem laut irgendwelche Videos auf ihren Handys geschaut haben. Okay, kann man irgendwie ignorieren. Dann haben sie ausdauernd und falsch zu einem Lied mitgesungen. Auch noch ignorierbar. Allerdings fiel ihnen wohl irgendwann ein, dass wir ganz gute Opfer abgeben könnten, denn sie fingen an, uns nachzumachen, irgendwas auf französisch zu rufen, was wir natürlich nicht verstehen konnten, und schließlich kramten sie die fünf Brocken Englisch und Deutsch hervor, derer sie mächtig waren. Ich weiß, dass sie uns nur provozieren wollten, da ihnen wohl langweilig war. Und außer mir und Heike hat davon anscheinend auch niemand etwas mitbekommen. Letztendlich wurde es ihnen wohl zu dumm, denn sie sind aufgestanden und gegangen.

Das klingt alles sehr harmlos und das war es eigentlich auch. Niemand hat sich geprügelt, niemandem ist weh getan worden. Dennoch war mir am Ende dieser Begegnung extrem schlecht und ich hatte das Gefühl, mich nicht mehr auf meinem Stuhl halten zu können. Warum? Weil mich dieses Verhalten getriggert hat. Generell habe ich ein Problem mit Jugendlichen. Ich kann sie nicht ansehen, ich gehe ihnen aus dem Weg, ich fürchte mich manchmal sogar vor ihnen. Vermutlich werden viele Menschen, die wie ich in der Schule Außenseiter waren oder gemobbt wurden, ähnlich empfinden. Diese Gefühle graben sich einfach ein. Man vergisst das nicht. Und genau so ein Verhalten wie das der zwei mutmaßlichen Schulschwänzerinnen (Was hat man um diese Zeit im McDonald’s zu suchen?) triggert mich. Ich fühle mich hilflos, angegriffen, abgewertet, hässlich und wertlos. Und das wiederum löst in mir die körperlichen Symptome aus, die einer Panikattacke vorangehen. Übelkeit, Schwindel, Kreislaufschwäche, Herzrasen, schwitzige Hände und je nach Intensität gern auch noch ein paar mehr. Hätte ich diese Situation in Deutschland gehabt, hätte ich mich mit den beiden vielleicht sogar angelegt, denn irgendwann gesellt sich Wut zu meinen Empfindungen. Wut darüber, dass ich mich immer noch so fühle wie das 15jährige Mädchen, das sich in den Pausen in der Toilette versteckt, um nicht von den anderen fertig gemacht zu werden. Wut auf die Menschen, die sich anderen gegenüber so respektlos verhalten. Wut auf meine alten Mitschüler, die so schöne Dinge getan haben, wie mich am ersten Tag in der neuen Schule zu fragen, ob ich behindert wäre, denn ich würde so aussehen.

Nachdem die beiden gegangen waren, hat es tatsächlich noch einige Zeit gedauert, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Dennoch ließ mich dieses Erlebnis bisher nicht so richtig los. Auch weil ich gemerkt habe, dass die Selbstsicherheit, die ich in den Tagen davor erlebt habe, innerhalb weniger Minuten komplett in sich zusammengebrochen ist und ich mich sofort wieder gefragt habe, was mit mir nicht stimmt. Wieso werde ich so seltsam von der Seite angemacht? Was ist mit mir falsch, dass man mich nicht einfach in Ruhe lassen kann? Diese Fragen tauchen auf und verfolgen mich dann so lange, bis sie sich einen netten Platz in meinem Hinterkopf sichern konnten. Dort wird dann gehockt bis sich die nächste Chance zum Angriff bietet.

Ich bin mir etwas unsicher, wie ich solche Situationen in Zukunft angehen soll. Ich bin jetzt erst einmal froh, dass ich einen Triggerpunkt entlarvt habe, den ich meiner Liste hinzufügen kann. Vermutlich hilft auch hier mehr Selbstbewusstsein. Ich übe noch an dem Fingerschnipsen, das mir dazu verhilft.

Selbst nach einem Jahrzehnt…

… hängen manche Dinge immer noch so in Herz und Hirn fest, dass sie sich auf die Gegenwart auswirken. Ich hatte bisher nie etwas mit Flashbacks zu tun oder mit plötzlichen Gefühlsausbrüchen, die allein auf Erinnerungen fußen. Gestern Nacht musste ich das aber zum ersten Mal erleben und es war nicht schön.

Dieses Wochenende war das erste, das ich komplett mit meiner neuen Bekanntschaft verbracht habe. Ich denke, es ist auch ganz gut gelaufen, denn wir verstehen uns gut, interessieren uns für ähnliche Dinge, haben einen kompatiblen Humor und finden uns sympathisch. Ich bin verhalten optimistisch und mir auch bewusst darüber, dass ich mir bei dieser Sache selbst mehr als alles andere im Weg stehe. Ständig zweifle ich an irgendwas (sprich: mir), mache mir Sorgen um irgendwas (sprich: mich) oder denke, etwas (sprich: ich) stimmt nicht. Dieses blöde Selbstbewusstsein lässt mich hängen und ich bin enttäuscht von mir selbst, weil ich dadurch das Gefühl habe, nicht zu genügen.

Gestern Nacht wurde es dann wirklich schlimm. Ich lag im Bett, der Mann schlafend neben mir, und plötzlich schoss mir durch den Kopf, wie sich die Beziehung zu P. damals verhalten hat. Wie klein ich mich da habe machen lassen, wie sehr ich nach seiner Zuneigung gehungert habe, wo ich doch eigentlich nur ein Notnagel für ihn war. Ich hatte auf einmal alles wieder in den Ohren und vor Augen. Seine Forderung, mich anders anzuziehen, weil er meinen Stil nicht mochte. Die Weigerung, mir seine Freunde vorzustellen, und die Ausreden diesbezüglich. Die Aussage, ich dürfe auf keinen Fall mehr zunehmen, da er sich sonst von mir trennen würde, und das Gespräch mit meiner Freundin, die damals noch eine reine Internetbekanntschaft war. Sie solle sich nicht erschrecken, wenn sie mich zum ersten Mal sieht, weil ich wirklich dick und unattraktiv sei. Die Weigerung, mir über die gesamte Zeit unserer Beziehung körperlich näher zu kommen. Das Ende unserer gemeinsamen Zeit, als er sich einfach gar nicht mehr meldete. Als ich mit mir selbst Schluss machen musste, weil er es nicht konnte. Die Verzweiflung, die ich fühlte, als sich herausstellte, dass er hinter meinem Rücken mit einer Bekannten von mir angebandelt hatte. Der Hass, den ich entwickelte, weil beide mich auslachten und verspotteten, mir sagten, ich sei eine Psychopathin, und dann versuchten, die gemeinsamen Freunde gegen mich aufzuhetzen. Und die absolute Zerstörung, die das in mir hinterlassen hat.

Ich habe wirklich lange keine Tränen mehr vergossen wegen dieser Sache. All das habe ich tief unter einer Schicht aus Sarkasmus verborgen und versuche, es möglichst selten auszugraben. Gestern aber kam all das mit einer Heftigkeit zurück, dass es mich erschrocken hat. Ich bin aufgestanden und ins Bad gegangen, wo ich gute zehn Minuten einfach nur geweint habe. Die Erinnerung hat mein Herz zerdrückt und die Angst, einem Menschen noch einmal zu vertrauen und dafür so kaputt gemacht zu werden, aus meinen Adern gepresst. Es war schwer, mich wieder zu beruhigen und selbst jetzt noch fühle ich mich meinen Gedanken schutzlos ausgeliefert.

Natürlich muss es nicht wieder so sein. Ich darf es nicht einem schlechten Menschen erlauben, selbst nach einem Jahrzehnt noch so über mein Inneres zu herrschen. Aber das ist leider leichter gesagt als getan. Kommunikation wäre der Schlüssel zu einem leichteren Herz, doch ich fürchte mich davor, das Thema anzusprechen. Für Außenstehende wirkt es sicher albern und hat etwas von fishing for compliments. Ich muss also noch überlegen, wie ich damit umgehe. Hoffentlich komme ich zu einer Lösung, bevor ich einen guten Mann von mir stoße, der mir im Grunde nichts getan hat und der nichts für die Taten eines Arschlochs kann.

Abschiedsmelodie

Die Welt bleibt niemals stehen. Sie dreht sich weiter und weiter, zieht ihre Bahn durch die Dunkelheit des Alls und umkreist wieder und wieder ihr Zentralgestirn. Auf ihrer Oberfläche bleibt das Leben immer in Bewegung, auch wenn wir uns manchmal fühlen, als würden wir stecken bleiben. Stillstand kennen wir nicht, wir jagen immer etwas nach: Geld, Ruhm, Erfolg, Liebe… Es gibt immer etwas zu tun, immer eine neue Herausforderung. Und auch wenn wir uns in Stunden des Glücks und der Zufriedenheit wünschen, alles möge so bleiben wie es gerade ist, kann uns dieser Traum niemals erfüllt werden.

Ich mag es, dass nichts still steht und dass jeder Tag das Versprechen auf etwas Neues beinhaltet. Ich bilde mir ein, dadurch käme Bewegung in mein Leben. Dass ich mich selbst belüge, ist mir durchaus klar. Denn während sich das große Ganze immer am Laufen hält, fürchte ich die Veränderung im Kleinen. Mir ist es am liebsten, wenn es in meinem Alltag genau getaktete Abläufe gibt. Wenn nichts aus der Reihe tanzt und alles ganz vorhersehbar geschieht. Unsicherheit und Spontaneität verwirren mich, ich brauche kleine Inseln der Sicherheit, auf die ich mich flüchten kann. Bricht auch nur eine davon weg, verschwindet damit auch ein Teil meiner Welt und macht Platz für meine Ängste.

In einigen Tagen wird wieder eine Sicherheitszone wegbrechen und auch wenn ich weiß, dass es geschehen wird und dass ich nichts dagegen unternehmen kann, stemmt sich mein ganzes Wesen gegen diesen Umstand und will es einfach nicht wahr haben.

Als meine Kollegin mir vor gut einem Monat sagte, dass sie zu Ende Juli kündigen wird, tat sich unter meinen Füßen ein Loch auf. Ich hatte schon zuvor geahnt, dass sie gehen würde, da wir ein Gespräch darüber hatten, dass sie die Arbeit bei uns eigentlich gar nicht mehr leisten kann. Ihre Familie verlangt ihr einfach viel ab und ich kann verstehen, dass sie auch Zeit für sich braucht, die sie durch den Job zuletzt nicht mehr hatte. Aber zu hören, dass die Entscheidung gefallen ist und dass sie definitiv gehen wird, war für mich einfach grauenvoll. An dem Tag haben wir zusammen im Zug gesessen und geweint und ich dachte, ich muss stark sein, damit sie nicht denkt, sie würde mich im Stich lassen.

Einen Monat später empfinde ich immer noch so, aber es fällt mir schwerer und schwerer, meine Angst vor der Zeit „danach“ zu verstecken. Ich fürchte mich vor Freitag, vor ihrem Abschied und meinen Tränen. Ich fürchte mich vor Montag, wenn sie nicht mehr an ihrem Platz sitzen wird. Ich fürchte mich davor, dass ich mit der neuen Kollegin nicht gut zurecht komme oder dass sie den Job nicht bewältigen kann und wieder gehen wird. Doch am meisten macht mir der Gedanke zu schaffen, dass meine Freundin nicht mehr bei mir sein wird. Jeder Arbeitstag war für mich wie nach Hause kommen, weil ich wusste, dass ich bei Menschen bin, die mich akzeptieren und annehmen so wie ich bin. Und ich habe mich an meinem sehr exponierten Platz sicher gefühlt, weil ich diese wundervolle Frau bei mir hatte, der ich einfach alles sagen konnte und vor der ich mich nie zu verstellen brauchte. Wir haben Hand in Hand gearbeitet, wussten oft schon ohne Worte, was die andere dachte oder brauchte. Die letzten zweieinhalb Jahre hätte ich ohne sie oft nicht überstanden. Es ist egoistisch, wenn ich mir wünsche, dass sie bei mir bleiben könnte. Das ist mir klar und ich schäme mich etwas dafür. Doch der Gedanke, dass sie aus meinem Leben verschwinden wird, zumindest in der Rolle, die sie zuvor inne hatte, triggert meine Furcht vor dem Verlassenwerden.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und teilt ihn nur für eine gewisse Zeit mit jemand anderem. Das ist vollkommen normal und ich sollte das besser hinnehmen können. Aber es fällt mir verdammt schwer, auch wenn ich versuche, mit erhobenem Kopf weiterzumachen und die Zukunft nicht zu schwarz zu sehen. Was wir hatten, das werde ich einfach nie wieder so erleben.

 

Leben in der neutralen Zone.

Vor einigen Tagen habe ich mit einer engen Freundin darüber geredet, wie unwohl ich mich im Moment mir und meinen Lebensumständen gegenüber fühle. Als sie mich fragte, warum das so ist, kam die Antwort auch für mich ziemlich überraschend. Als hätte jemand anderes die Wahrheit mit meiner Stimme ausgesprochen. „Weil ich mit extremen Gefühlen nicht umgehen kann. Egal, ob sie positiv oder negativ sind.“ Uff. Das ist eine harte Ansage, aber je länger ich inzwischen darüber nachgedacht habe, desto bewusster wurde mir, dass es wirklich so ist.

Schon immer konnte ich schlecht mit ungeklärten Situationen umgehen. Während andere zum Beispiel mit Schmetterlingen im Bauch an ihren Liebsten denken und gerade in der Anfangsphase, in der man noch nicht sicher ist, ob sich da überhaupt etwas entwickeln kann, sehr euphorisch sind und von innen heraus strahlen, fange ich sofort an, einen Krieg gegen mich zu führen. Wie kann mich überhaupt jemand mögen, ich bin dick und hässlich und nicht intelligent genug, ich schleppe zu viel Ballast mit mir herum, wer will sich das antun? Und so sehr ich mich auch bemühe, ich schaffe es nicht, das abzustellen. Ich will gesehen werden, aber ich denke auch, dass ich es nicht wert bin, gesehen zu werden. Und wenn ich jemanden mag, dann verstärkt sich dieses Gefühl tausendfach. Ständig schwanke ich zwischen Euphorie („Er hat mich angesehen, oh mein Gott!“) und totalem Absturz („Wieso beachtet er mich nicht, was habe ich falsch gemacht, wieso bin ich so furchtbar?“). Das ist ungeheuer anstrengend und entzieht mir Energie und Lebenslust.

Ähnliches passiert bei Situationen, die ich als negativ empfinde. Auf der Arbeit habe ich seit Monaten Stress. Meine Abteilung versucht gegen den Berg an Arbeit anzukommen und auch wenn wir inzwischen zwei Personen mehr haben, die uns unterstützen, ist da immer noch so viel zu tun, dass ich oft nicht weiß, wie wir das schaffen sollen. Und wenn eine Deadline ansteht und die Dinge nicht erledigt sind, dann nehme ich Arbeit mit nach Hause und sitze mitunter bis 23 Uhr vor dem PC. Ja, das sollte ich nicht tun. Ich weiß, dass ich mich damit kaputt mache. Meine Ärztin riet mir bereits, mich krank schreiben zu lassen und einfach mal eine Zeit lang nicht an die Arbeit zu denken. Aber das verursachte bei mir noch mehr Druck, denn ich fühlte mich wie eine Versagerin, die nicht in der Lage ist, die einfachsten Anforderungen zu erfüllen. Und schon setzt die Scham ein, denn wieder geht es darum, nicht gut genug zu sein.

Und so setzt sich das in meinem ganzen Leben fort: Aufregung wegen bevorstehender Termine oder Verabredungen? Nervosität wegen Ausflügen oder Reisen? Vorfreude auf eine Überraschung? Unfassbar gute Laune wegen eines tollen Tages? All das ist oft zu viel für mich. Entweder ziehe ich mich dann zurück oder ich reagiere mit Panik.

Warum das so ist, das kann ich nur vermuten. Ich denke, die Neutralität gegenüber meinem Leben und meiner eigenen Emotionen gibt mir Sicherheit. Wenn ich nur bedingt auf etwas reagiere oder eben so wie ich es bereits gewohnt bin, dann muss ich mich oft nicht um Ablehnung sorgen, um Kritik und Konfrontationen. Extreme Gefühle bedeuten immer ein Risiko für negative Reaktionen der Außenwelt und auch ein Risiko für Dinge, die einfach schief laufen können. Ich fürchte mich davor, denn ich definiere mich zu einem großen Teil darüber, ob mich die Menschen mögen oder nicht. Tun sie das nicht, kann ich das nur einigermaßen gut wegstecken, wenn ich die Person selber nicht mag.

Vermutlich ist dieser Wunsch nach Anerkennung und nach „gesehen werden“ auch ein Grund, warum ich meist über sehr persönliche Dinge schreibe. Es ist wohl so, dass ich einfach verstanden werden möchte. Das, was ich den Menschen oft nicht ins Gesicht sagen kann, wofür mir gegenüber mit den Augen gerollt wird oder was ich aus Schüchternheit oder Scham nicht sagen kann, das lasse ich hier. Genau so würde ich es auch gern mit meinen Gefühlen handhaben. Falls jemand mal etwas erfinden sollte, das mir den Umgang mit meinen Emotionen leichter macht, dann würde ich zumindest Interesse daran bekunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Achterbahntage

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sich in meinem Inneren so viel Müll angesammelt hat oder dass ich unter der Last meiner Umgebung zu ersticken drohe, aber mein Gefühlsleben befindet sich auf einer rasanten Fahrt durch die höchste und längste Achterbahn der Welt. Es ist noch gar nicht lange her, dass ich von der Startrampe geschossen wurde – aus der Bequemlichkeit der neutralen Existenz hinauf in eine schwindelerregende Höhe, in der die Angst zuhause ist. Die versuche ich generell zu ignorieren oder weg zu atmen, beides funktioniert je nach Situation eher semi-gut. So lange mein Wagen recht erdnah unterwegs war und sich nur ab und zu mal in eine Kurve gelegt hat, ging es mir auch gar nicht mal so übel. Doch was war das bitte in den letzten Tagen?

Achtung, Triggerwarnung!

Am Montag vor zwei Wochen merkte ich, dass der Druck auf meinen Brustkorb größer wurde. Es presste mich gegen die Rückenlehne meines Bürostuhls. Achtung, der Wagen nimmt Fahrt auf! Ganz gemächlich zuckelte mein Inneres die Rampe zur Abfahrt hinauf. Was langsam begann, steigerte sich in puncto Geschwindigkeit und auch Schieflage. Bald war ich kaum noch in der Lage, klar zu denken vor lauter Anspannung. Ich habe doch Höhenangst, verdammte Hacke! Wieso lässt man mich in so eine Höllenbahn einsteigen? Der Puls raste, ich versuchte mich zu entspannen, dem Unvermeidlichen irgendwie zu entkommen. Aber keine Chance. Ein kurzer Ruck, ein letztes Mal nach unten sehen und schon stürzte sich mein klappriger kleiner Waggon nach unten. Und ich mit ihm. Während mein Inneres außer sich war und wild nach seiner Mami schrie, saß mein Äußeres auf dem Boden hinter ihrem Schreibtisch, umringt von ein paar Arbeitskollegen, und konnte nicht aufhören zu weinen. Die Panikattacke war so heftig, dass ich gar nicht mehr einordnen konnte, ob es wirklich Panik war oder ob ich nun doch sterben müsse.

Eigentlich habe ich das inzwischen gelernt. Ich muss nicht jedes Mal ausflippen, wenn die Todesangst angekrochen kommt. Meist lässt ein kleiner Teil von mir zu, dass ich meinen Zustand zu differenzieren vermag. Mir ist klar, dass es mir gerade so richtig schlecht geht und dass mein Umfeld das weder verstehen noch nachvollziehen kann. Aber ich weiß, dass ich natürlich nicht daran sterben werde, auch wenn sich in dem Moment alles danach anfühlt. Was es so richtig schlimm macht, sind eben meine Gedanken, die sich immer und immer wieder im Kreis drehen und sich mit lustigen „Was wäre, wenn…“-Spielchen die Zeit vertreiben.

An besagtem Montag hat mich die Angst drei Stunden lang im Griff gehabt. Nicht die ganze Zeit über wirklich akut, aber doch so sehr, dass meine Chefin sich ein Herz gefasst und mich nach Hause gefahren hat. In dem Zustand hätte ich niemals in einen Zug steigen können. Das war einer der Momente, in denen ich froh war, inzwischen so offen mit meiner Krankheit umgehen zu können, dass eigentlich jeder Mensch um mich herum weiß, was da von Zeit zu Zeit mit mir los ist und wie eingeschränkt ich dann oft nur reagieren kann.

Eigentlich wollte ich mir am folgenden Tag eine Auszeit nehmen, da ich immer noch extrem angespannt war. Allerdings hat sich meine Kollegin krank gemeldet und so bin ich dann doch zur Arbeit gehechtet und habe mich in den Stress gestürzt. Und Stress war es wirklich. Daher hatte ich mich richtig auf die letzte Woche gefreut, in der die Schule geschlossen blieb. Mein Stapel mit Altlasten sollte es mir danken. Ich wollte so vieles erledigen und auch Sachen fertig machen, die ich danach an andere hätte abgeben können. Hätte… Denn leider kam es nicht so weit. Ich war so beschäftigt mit aktuellen Dingen, Prüfungs- und Kursvorbereitungen, Beantworten von E-Mails und vielem, was einfach „nebenher“ lief, dass ich gar nicht mehr wusste, wo mir der Kopf steht. Und ich musste feststellen, dass meine Achterbahnfahrt noch lange nicht vorbei war. Die Woche über raste ich mit Höchstgeschwindigkeit durch das Tal nach dem Sturz, nahm dabei noch einige Überstunden mit und am Freitag schließlich folgte der nächste Ruck nach unten.

Generell gruselt es mich immer etwas, ganz allein auf der Arbeit zu sein. In den Räumen, die sonst mit Leben gefüllt sind, herrscht Stille. Das ist ungewohnt und nicht schön. Ebenfalls unschön war der riesige Papierstapel auf meinem Tisch. Ich wusste, ich würde das nicht alles innerhalb meiner Arbeitszeit erledigen können. Aber es musste gemacht werden. Keine Chance, denn die Deadline war tatsächlich Freitag. Gegen elf Uhr wurde es dann aber wieder lustig. Der Waggon, der mit meinem Seelenleben über die Bahn ratterte, neigte sich wieder nach unten. Sofort hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Mein Herz raste, meine Hände und Arme wurden eiskalt und ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Im Hausflur fuhr der Fahrstuhl auf und ab und auf und ab. Jedes Mal hatte ich Angst, dass nun Kunden zu mir kommen würden, dass ich eine Beratung machen müsste, zu der ich absolut nicht imstande war. In zwei Klassenräumen saßen noch Interessenten mit Einstufungstests. Meine Eingeweide begannen, eine spontane Party zu feiern. Mir war schlecht und ich hätte mich am liebsten hingelegt. Zum Glück war eine meiner besten Freundinnen in dem Augenblick für mich da, hat mich angerufen und mich dadurch abgelenkt bis ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Nur leider fehlten mir durch dieses Theater zwei Stunden und der Druck kam wie eine Welle über mich. Immer und immer wieder. Diese Achterbahn hat die längste Abfahrt weltweit. Ich bin mir sicher.

Gegen vier Uhr am Nachmittag hatte ich schließlich alles erledigt, was ich vor Ort erledigen musste. Also habe ich den Rest eingepackt und mit nach Hause genommen. Nach der Heimfahrt, die mir extrem lang vorkam und auf der ich Blut und Wasser geschwitzt habe, bin ich noch schnell einkaufen gegangen und dann war es schon Zeit für die Nachtschicht. Fertig war ich schließlich gegen 23 Uhr. Zehn Minuten später lag ich bereits im Tiefschlaf.

Ehrlich gesagt bin ich ziemlich genervt. Ich mag keine Achterbahnen. Ich leide unter extremer Reisekrankheit und Höhenangst. Das ist nicht meine Welt. Also warum ist mein Inneres der Meinung, es müsse mich unbedingt auf diese „tolle Tour“ schicken? Wer mich kennt, der wird jetzt schreien, dass mir mein Körper etwas sagen will. Ja, danke, das weiß ich auch. Ich muss kürzer treten. Doch ich sehe im Moment nicht, wie das funktionieren soll. Zumindest nicht in den nächsten zwei oder drei oder vier Wochen. Doch allein beim Gedanken an den Montag zieht es in mir wieder nach oben. Ich verkrampfe mich und ich denke, ich weiß, was kommen wird. Och nee, bitte nicht schon wieder. Gebt mir wenigstens einen Gurt zum Anschnallen. Und eine Kotztüte. Falls das nicht zu viel verlangt ist.

Pseiko-Görl

Meine Güte, wie lange bin ich nun um diesen Blogeintrag herumgeschlichen. Zwei Wochen? Ja, kommt ganz gut hin. Ich wollte so viel erzählen: von meinem Umzug, von der Arbeit, von lustigen Dingen und traurigen… Aber egal, worüber ich schrieb, letztendlich landete ich immer wieder bei meinem aktuellen Gemütszustand. Und eigentlich wollte ich darüber nichts schreiben. Also speicherte ich den Entwurf für später ab. Für später, wenn ich wieder Worte für die Dinge finden würde, über die es wert ist, zu berichten.

Dummerweise ändert sich nichts an der Situation und an meinem Gedanken, was zur Folge hat, dass das „leichte“ Schreiben mir gerade sehr schwer fällt. Also habe ich beschlossen, mein Gehirn zu entmüllen und doch ein paar Worte darüber zu verlieren, wie es mir so geht. Klar, ich darf das. Das hier ist mein Blog. Aber neulich habe ich versprochen, dass ich nicht jammern werde. Und vielleicht breche ich dieses Versprechen jetzt.

Ich sitze in meiner neuen Wohnung und langsam, ganz langsam wird es wirklich wohnlich hier. Der Umzug selbst war total chaotisch. Das hatte ich schon im Vorfeld befürchtet, weil ich dieses Mal einfach null in der Lage war, mich richtig darauf einzulassen. Gedanklich habe ich mich nicht fokussieren können. Dass es letztendlich doch gut gelaufen ist, habe ich den vielen Helfern zu verdanken, die an diesem Tag zwischen Solingen und Wuppertal gependelt sind, um meine Sachen in die neue Wohnung zu schaffen. Und natürlich meinem Vater, der drei Tage lang renoviert hat und auch eine Woche nach dem Stichtag noch mal zu mir gekommen ist, um mir bei Kram zu helfen. Außerdem hat mein Exfreund kräftig mit angepackt, was er wirklich nicht hätte tun müssen.

Die erste Nacht allein in Wuppertal war ziemlich furchtbar. Man sagt ja, dass die Gefühle, die man in der ersten Nacht hat, einen in der neuen Bleibe begleiten werden. Und außerdem soll der erste Traum wahr werden. Aha…? Na, dann verzichte ich aber gerne darauf, denn angenehm ist anders. Ich war wirklich angespannt und bin immer wieder mit Herzrasen aufgewacht. Die Kater waren auch sehr unruhig, vor allem die Geräusche der Gastherme haben sie immer wieder aufgeschreckt. Am ersten Tag hat Snorre mir etwas Sorgen gemacht, weil er sich immer nur versteckt hat und nichts fressen wollte. Das hat sich aber bereits gegen Abend wieder gelegt, so dass ich auch etwas ruhiger wurde. In den ersten paar Tagen hatte ich beinahe täglich Besuch von einer ganz lieben Freundin aus Solingen, die mir beim Aufbauen der Möbel geholfen hat. Wir haben uns angestellt wie die letzten Idioten, aber pssst!

Nun steht alles, das ganze Zeug ist bis auf ein paar Kistchen ausgepackt und es fehlt im Grunde nur noch der letzte Schliff. (Und etwas mehr Ordnung wäre schön.) Es fällt mir unheimlich schwer, mich zu etwas aufzuraffen und weiterzumachen. Darum stagniert die ganze Sache hier gerade etwas. Am liebsten würde ich den ganzen Tag auf dem Sofa oder im Bett liegen, mir die Decke über den Kopf ziehen und an gar nichts denken. Damit ich nicht vollkommen lethargisch werde, zwinge ich mich dazu, jeden Tag ein klein wenig in der Wohnung zu arbeiten. Aber es ist schwierig.

Bereits in den letzten Monaten hatte ich schon vermehrt mit Anflügen von Depressionen und Ängsten zu tun. Überrascht hat mich das nicht, denn Rückfälle kommen ja gerade in Stresssituationen häufig vor. Klar, niemand will das und niemand braucht das, doch es war auszuhalten. Die meiste Zeit über war ich abgelenkt und vor allem war ich nicht allein. Sicher ist es besonders seit der Trennung nicht immer angenehm gewesen, zuhause mit dem Ex-Partner zu hocken, doch anscheinend hat mir das mehr Sicherheit gegeben als ich dachte. Nun ist da keine Sicherheit mehr, kein Anker und keine Sicherheitszone. Ich bin auf mich allein gestellt und habe außerdem noch die Verantwortung für zwei Lebewesen. Die ganze Zeit denke mir: „Du darfst nicht versagen.“ – „Du kannst es dir nicht erlauben, schwach zu sein.“ – „Du musst jetzt alles allein schaffen.“ Damit setze ich mich selbst wahnsinnig unter Druck. Und was passiert, wenn ich unter Druck stehe? Genau, ich werde zum hypochondrischen, überempfindlichen, in alles etwas negatives hineininterpretierendes Pseiko Görl! Und da es ja nicht ausreicht, das in Bezug auf mich selbst auszuleben und mit Panikattacken beim Zugfahren (Da sind sie wieder, hurra!) oder Kreislaufproblemen und Herzrasen mitten in der Nacht zu reagieren, entwickle ich gerade eine ausgeprägte Paranoia bezüglich des Gesundheitszustandes meiner Kater. Das geht so weit, dass ich letzte Woche mit Snorre beim Tierarzt war, um ihn durchchecken zu lassen. Klar, lieber einmal zu viel als zu wenig. Aber immer öfter drängt sich mir gerade der Gedanke auf, ob ich überhaupt in der Lage bin, für die beiden zu sorgen. Und was mache ich, wenn diese Gedanken kommen? Genau, rumheulen. Und Panik schieben.

Im Grunde sind das auch derzeit meine neuen Hobbies. Rumheulen und Panik schieben. Und Medikamente gegen das Rumheulen und die Panik nehmen. Im Moment habe ich das Gefühl, das wird jetzt für immer so weitergehen. Ich fühle mich ein paar Jahre zurück versetzt. In die Zeit, in der mich einfach alles überfordert hat und in der mein gestresstes Ich sich einfach gewünscht hat, eine Auszeit von dieser Welt nehmen zu können. Aber genau wie damals funktioniert das leider nicht und ich muss einfach weitermachen. Für was, weiß ich eigentlich nicht. Aber irgendwas wird schon kommen. Irgendwann.

Tja. Schöne Scheiße, würde ich sagen. Ein besserer Schlusssatz fällt mir leider nicht ein.