Advent, Advent, mein Geduldsfaden brennt.

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich die Vorweihnachtszeit sehr mag? Kerzenlicht, geschmückte Fenster, Temperaturstürze und die Hoffnung auf weiße Weihnacht versüßen mir jeden Dezember. Obwohl mein Freund nicht drauf steht, darf ich ohne viel Gemecker ein wenig Weihnachtsdeko in der Wohnung verteilen. Und ich mache mir gern Gedanken darum, wem ich was schenken kann. Außerdem kann ich endlich meine Schals und Mützen hervor holen, mich in meinen geliebten roten Mantel einkuscheln und durch die Straßen ziehen, ohne Gedanken wie „Gehst du noch oder schwabbelst du schon?“ haben zu müssen. Hach!

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Leider, leider ist die Vorweihnachtszeit irgendwann vorbei. Und dann steht es vor der Tür: Das Fest der Feste! Und eigentlich ist das ja schon falsch, denn das höchste Fest der Christen ist immerhin Ostern. Geht aber gegenüber Weihnachten ziemlich unter und die meisten kennen da vermutlich die Prioritäten auch nicht. Wie auch immer. Was für mich an Weihnachten auf jeden Fall immer sehr hoch liegt, ist mein Stresspegel.

Ich bin ein Scheidungskind, was bedeutet, dass ich seit meinem 10. oder 11. Lebensjahr an Weihnachten ständig durch die Gegend gondle. Denn immerhin ist es das Fest der Liebe, da muss man bei denen sein, die man liebt: Seiner Familie. Auch wenn man die vielleicht gar nicht so lieb hat. Egal! Denn immerhin sind die Feiertage die perfekte Gelegenheit, sich im Glanz des Weihnachtsbaums zu sonnen, ein bombastisches Menü zu zaubern und zur lieben Verwandtschaft ganz besonders nett zu sein. Ich habe dabei noch Glück: Zwar war ich nie so der Familienmensch und werde das vielleicht auch nie werden, aber immerhin sind meine engeren Verwandten alle in Ordnung. Wenn ich da die Schauergeschichten mancher Freunde höre, rollen sich mir die Zehennägel hoch.

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Ich düste also bereits als Kind durch Norddeutschland, um an den Feiertagen jeden Verwandtschaftszweig abzudecken. Das war auch gar nicht so schwierig. Heilig Abend verbrachten mein Bruder und ich bei meiner Mutter und den 1. oder 2. Weihnachtsfeiertag bei meinem Vater bzw. mit meinem Vater zusammen bei meinen Großeltern – zusammen mit Tanten, Onkeln und meiner Cousine. Verwandtschaft mütterlicherseits gab es nicht, so war das recht entspannt.

Das änderte sich, als meine Mutter wieder heiratete und wir in die Eifel zogen. Von da an war die Sache schon ein wenig komplizierter, denn es gab folgende Möglichkeiten: A) Heilig Abend bei meiner Mutter und meinem Stiefvater, am 1. Weihnachtsfeiertag mit dem Zug Richtung Bremen düsen und den Rest der Feiertage inklusive Silvester bei meinem Vater und der restlichen Verwandtschaft verbringen. B) Bereits zu Beginn der Weihnachtsferien nach Norddeutschland aufbrechen und die Ferien ausschließlich bei meinem Vater und den Verwandten verbringen. Oder C) über die Ferien in der Eifel bei meiner Mutter bleiben. Da mein Vater nur in den Ferien Gelegenheit hatte, uns zu sehen, lief es meist auf Option B hinaus. Das war okay, aber natürlich traurig, weil ich auch gern Zeit mit meiner Mutter verbringen wollte.

Nach der Ausbildung zog es mich wieder gen Norden. Nun konnte ich zwar meinen Vater jederzeit sehen, aber meine Mutter nicht. Doch natürlich hatte ich auch keine Ferien mehr und musste auch um die Feiertage herum mal arbeiten. Die Besuche pendelten sich also im Wechsel ein – ein Jahr Weihnachten bei meinem Vater, ein Jahr bei meiner Mutter. Das ging einige Jahre ganz gut und die Familie kam mit dieser Regelung klar. Bis ich meinen Freund kennen lernte und alles völlig chaotisch wurde.

Nun hatten mein Freund und ich an Weihnachten bereits drei Familienzweige abzudecken! Gott sei Dank entstammt er einer glücklichen Ehe und es treffen sich alle so weit es geht bereits an Heilig Abend. Allerdings war damit bereits ein Tag verplant und zwar der für mich schönste und wichtigste an den Feiertagen. Da mein Vater immer noch nahe Bremen wohnte und meine Mutter in der Eifel, musste wieder die „Tauschregel“ greifen. Blöd dabei: Mein Bruder war inzwischen nach Nürnberg gezogen und hatte nun seinerseits die gleichen Probleme wie ich, so dass wir uns nun so gut wie gar nicht mehr sehen konnten. (Das hat sich bis heute auch leider nicht geändert.) Die Hoffnung auf ein wenig Entspannung in dieser Angelegenheit zerschlug sich, als wir bekannt gaben, von Hamburg nach Solingen zu ziehen, meine Mutter mir aber quasi zeitgleich eröffnete, dass sie und mein Stiefvater aus der Eifel an die dänische Grenze umsiedeln würden. AAAAARGH!!!

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Und so sieht es nun in diesem Jahr aus: Meine Mutter hatte uns bereits Anfang 2014 gefragt, ob wir Weihnachten komplett bei ihr verbringen würden. Ich hatte mich tierisch gefreut, denn bei meiner Mutter erlebe ich immer die entspanntesten Weihnachten überhaupt! Die Familie meines Freundes war traurig darüber, meinem Vater wollten wir wenigstens auf der Hin- und Rückfahrt eine Stippvisite abstatten. Alles war geplant, ich freute mich sehr und dann… wurde unser Kater krank. Okay, er kann nichts dafür und ich bin auch nicht böse, aber bitte, wie soll man bei so was noch ruhig bleiben? Jetzt mussten wir kurzfristig alles umwerfen und sind nun doch an den Feiertagen hier bzw. bei Denis‘ Familie, aber für mich ist das wieder emotionaler Stress pur.

Was ist das nur mit Weihnachten und diesen ganzen Besuchen? Inzwischen stehe ich bereits auf dem Standpunkt, dass es schöner ist, sich während des Jahres einfach mal aus Lust und Laune zu besuchen. Einfach, weil man es möchte. Man ist auch viel ruhiger, weil man keine drei Tage auf der Autobahn verbringen muss, um ja alle Besuche auf die Reihe zu kriegen und bloß niemanden auszulassen! Aber tut man diese Ansicht kund, dann kommt – egal, von welchen Beteiligten – sofort der Spruch: „Prima, dann könnt ihr ja Weihnachten immer bei uns verbringen.“

Ich sehe ein Bild vor meinem inneren Auge. Es ist eine Blumenwiese, über die Hummeln und Schmetterlinge fliegen. Blauer Himmel spannt sich über grünes Gras. Es ist friedlich. Mitten auf der Wiese – stehe ich. Ich lächle, doch meine Augen haben einen leicht irren Ausdruck angenommen. Aus meinem rechten Ohr hängt eine Lunte. Sie brennt zischend. Gleich wird das Feuer mein Ohr erreichen. Schon ist es so weit. Das Zischen verklingt. Hinter mir am blauen Himmel erscheint eine Leuchtschrift. Hurra, Weihnachten ist da! In diesem Moment explodiert mein Kopf.

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So hab ich mir das nicht vorgestellt.

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Ding Dong! Hört ihr die Glocken bimmeln? Die Engel auf ihren Harfen klimpern? Die schönste Zeit des Jahres wird eingeläutet! Die Arbeitslosigkeit! Schmeisst ne Party, freut euch ein zweites Popoloch, tanzt das Brot! Zuhause sitzen, Bewerbungen schreiben, mit den Finanzen hadern und genau wissen: Das wird doch wieder nur Zeitarbeit. Wenn überhaupt. Es ist zum Heulen. Seit ich hier wohne läuft es beruflich nicht wirklich rund. Entweder verletze ich mich zu Beginn einer Tätigkeit bereits so schwer, dass ich zwei Wochen lang ausfalle und direkt gekündigt werde, oder mein Chef ist ein Widerling, den ich nicht aushalten kann (und schon gar nicht eine Woche lang zu zweit in einer Messewohnung), oder der Einsatz über die Zeitarbeit geht halt zuende und ich werde deswegen „entsorgt“. So langsam bekomme ich ernsthafte Zweifel an mir selbst. An meinem Können, meiner Kompromissbereitschaft und sogar an meiner Persönlichkeit! Inzwischen habe ich auch schon Angst, überhaupt wieder irgendwo neu anzufangen, weil ich ja schon weiß, wie es nach einiger Zeit enden wird. Und ohne Zeitarbeit hat man ja eh kaum noch eine Chance. Vor allem nicht mit einem Lebenslauf wie meinem, hm? Wo man in Vorstellungsgesprächen schon gefragt wird, wieso so viele Firmen pleite gegangen sind, bei denen ich gearbeitet habe. Ja, Himmel, keine Ahnung! Vielleicht griff da jemand gern in die Portokasse oder jemand ist auf Firmenkosten nach Honolulu geflogen, um in Frührente zu gehen oder vielleicht war die Wirtschaftslage einfach kacke…? In solchen Momenten möchte ich Bewerbungsgespräche gern abbrechen und meinem Gegenüber mit dem nackten Arsch ins Gesicht springen. Würde sicher meine Chancen auf eine Einstellung zerstören, aber wäre eine Genugtuung für mich. Leider befinde ich mich in einer Realität, in der ich so etwas nie tun würde. Allein schon aus dem Grund, dass ich mir gar nicht so schnell die Hose runter ziehen und über den Tisch hüpfen könnte, wie der Sicherheitsdienst (oder wahlweise die Polizei) mich aus der Firma gezerrt hätte. Schon scheiße, wenn man fett ist.

Aber es ist ja nicht nur das Rumhocken in der heimischen Bude und der tägliche Bewerbungswahnsinn. Nein. Es ist auch das unangenehme Gefühl, eine Enttäuschung für meinen Freund und unfähig zu sein, uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Ständig Jobs über Zeitarbeit zu haben ist ohnehin schon eine Belastung für die Finanzen. Und wenn aus dieser miesen Bezahlung auch noch Arbeitslosengeld berechnet wird… Hahaha. Es ist ja nicht so, als würde mein Freund übermäßig viel verdienen und könnte uns mit einem guten Puffer über Wasser halten. Ganz im Gegenteil. Ich sag’s mal so wie es ist: Wir sind arme Würste. Und ich auf jeden Fall das ärmere von uns beiden. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte einfach ein moderates Gehalt beisteuern, wir müssten nicht am Ende des Monats so knapsen und ich bräuchte keine Angst mehr zu haben, dass ich irgendwann nach Hause komme und meine Koffer vor der Tür stehen, weil mein Freund die Schnauze voll hat von mir. Niemand mag Versager. Und man mag sie noch weniger, wenn man mit ihnen zusammen lebt. Punkt.

Irgendwie war mein Gefühl vor einem Jahr noch anders. Als ich hierher kam, da dachte ich, ich könnte beruflich vielleicht sogar was ändern. In eine Richtung gehen, die mir in Hamburg nicht offen stand. Ich hatte so ein unterschwelliges Gefühl von positiver Veränderung. Keine Ahnung, ob ich mich da irgendwie verrannt habe. Ob ich mich habe täuschen lassen von dem „Ich habe alles hinter mir gelassen und fange neu an.“-Phänomen, das Umzügen oft anhaftet. (Obwohl ich das nicht bewusst so empfand, aber ich kenne das noch von früher. Bin ja oft genug umgezogen…) Jedenfalls ist nichts „besser“ geworden. Nur… komplizierter. Weil ich nicht mehr allein für mich verantwortlich bin. Wenn mir Scheiße passiert, dann passiert sie eben nicht nur mir, sondern sie betrifft nun auch meinen Freund. Ich kann nicht mehr einfach sagen: „Ja, Pech, irgendwie komme ich klar.“ Nein, ich bin nun dafür verantwortlich, dass wir beide irgendwie klar kommen. Und unsere Tiere. Das stresst mich ziemlich, denn diese Verantwortung ist für mich okay so lange alles läuft. Doch wenn es so lustig schlingernd nach unten geht, dann schreit mir mein Hirn zu, dass ich einfach eine Versagerin bin und dem Leben nicht gewachsen und ich denke, ich muss mich beweisen… Irgendwie. Damit ich es wert bin, weiter normal behandelt zu werden. Klingt schräg? Willkommen im meinem Kopf!

Was mir dann natürlich arg hilft, ist Akzeptanz. Und Zuneigung. So zum Beispiel wenn ich ganz liebe Freunde frage, ob sie mich nicht mal besuchen kommen möchten…? Ich sage euch, es verdirbt einem schon den Tag, wenn man als Antwort erhält, man wäre ja schließlich freiwillig an den Arsch der Welt gezogen, da würde man mir nicht hinterher laufen. Na, das erklärt auch, warum andere Leute auf meine Nachfragen und Einladungen gar nicht erst reagieren. Weil man mir nicht hinterher laufen will. Okay, wäre das auch geklärt. „Hier, ein Messer, ganz neu und aus rostfreiem Edelstahl! Gleitet durch Fleisch wie durch Butter. Probier’s doch gleich mal an meinem Herzen aus!“

Ich weiß gar nicht, was mein Umzug mit meinen Freundschaften zu tun hat. Ich habe es neulich zu meinem Freund gesagt und ich sage es gern wieder: Das war eine der besten Entscheidungen, die ich in den letzten Jahren getroffen habe. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, dann wäre ich gern im Norden geblieben. Aber ich bin nun mal hier, weil ich einen Mann gefunden habe, mit dem ich gern mein Leben teilen möchte. Und zwar nicht nur für ein paar Monate, sondern gern erheblich länger. Weil ich ihn liebe. Da muss man auch mal Entscheidungen treffen, die nicht so leicht sind, aber mit denen man dann leben muss. Nicht nur man selbst, sondern auch die Menschen, die einem nahe stehen. Ich mache so was nicht, um jemanden zu verletzen. Wie krank wäre das? Ich hab zwar ein paar psychische Probleme, aber so wild ist es nun auch wieder nicht. Durch die neue Situation und die neue Umgebung war ich plötzlich wieder mehr auf mich allein gestellt. Ich hatte keine „Anker“ mehr, an denen ich mich festhalten konnte. Dadurch habe ich gelernt, mir selbst wieder mehr zu vertrauen. Was ich inzwischen wieder mache – Bahn fahren, weite Strecken allein mit dem Auto fahren, angstfrei in Urlaub fahren -, das war seit Jahren nicht mehr so locker möglich. Und ich bin verdammt dankbar dafür. Also ja: Ich fühle mich hier wohl. Ich habe es nicht nötig, mich wie ein bockiges Kind gegen alles zu stellen, was mich umgibt, auch wenn Solingen eher… nun ja, mittelmäßig geil ist. So als Stadt gesehen. Aber scheiss drauf. Ist halt der Arsch der Welt. Schade, dass das mehr zu zählen scheint als der Mensch, der da wohnt.

So. Und nachdem ich mich jetzt mal so richtig ausgekackt habe, geht’s mir etwas besser. Ich denke, dass jetzt sicherlich einige Leute leicht angepieselt sind oder genervt von meinem Genöle. Aber hey, seht’s mal so: Ich höre mir euer Gemaule auch an. Und das ist manchmal gar nicht so wenig. 🙂

In diesem Sinne…

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