Vorsicht, Falle!

Im Dienstleistungssektor zu arbeiten ist nicht gerade einfach. Obwohl der Job die meiste Zeit sehr erfüllend ist, gibt es einige Punkte, die wirklich an den Nerven zerren. In unserer Schule zum Beispiel geht es recht familiär zu und das betrifft nicht nur das Kollegium, sondern auch die Schüler. Über die Dauer der Zeit entwickelt sich manchmal so etwas wie Freundschaft. Das lässt sich kaum verhindern und ist im Grunde etwas sehr angenehmes. Problematisch wird es, wenn man merkt, dass diese Freundschaft nur einseitig besteht und auf dem Einfordern von Gefälligkeiten fußt. Es ist ja auch unheimlich praktisch, wenn man „mal eben“ ein paar Fragen zu Visaanträgen, Sprachprüfungen oder finanziellen Unstimmigkeiten stellen kann, und das ohne an Öffnungs- oder Arbeitszeiten gebunden zu sein. Oder wenn man die Lehrerin nach dem Unterricht noch mal zu unklaren Themen löchern kann. Oder Hilfe bei Bewerbungsschreiben oder ähnlichem erbitten kann. Vielleicht würde jeder diese Gelegenheit ergreifen, wenn sie sich ihm bietet?

Ganz ehrlich: Man hilft ja auch gern. Bei vielen Leuten bewegt sich das auch in einem normalen Rahmen, aber ab und zu gibt es diese schwarzen Schafe, die deinen kleinen Finger schnappen und so lange daran zerren, bis dir der Arm aus dem Gelenk gerissen wird. Meist ist das der Moment, in dem einem langsam dämmert, dass man sich ausnutzen lässt. Und das geht einher mit Enttäuschung und Wut. Zumindest am Anfang. Irgendwann ist man da abgebrühter, kann sich besser distanzieren und über viele Versuche des plumpen Ausnutzens nur noch lachen. Man freut sich über Dinge, die man gemeinsam unternimmt, aber emotional legt man nicht mehr so viel rein. Und wenn dir noch so oft gesagt wird, was für ein toller Mensch du bist: Du nickst es nur noch ab und glaubst es nicht mehr.

Es gab mal eine Zeit, in der wollte ich die Welt mit meiner Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft retten. Noch heute bin ich der Meinung, dass man irgendwann das wiederbekommt, was man gibt. Aber ich bin nicht mehr so naiv, das in jedem Fall und von jedem Menschen zu erwarten. Ich bin sogar davon überzeugt, dass sich viele Leute über Menschen wie mich kaputt lachen und sich fragen, wie man nur so gutmütig/gutgläubig/gut-was-auch-immer sein kann.

Aber stört mich das noch großartig? Nein. Wie immer weiß ich, wer die Leute sind, auf die ich mich im Leben wirklich verlassen kann. Denen ich etwas bedeute und für die ich wertvoll bin. Ich will auch gar nicht zu viele Menschen in mein Leben lassen. Das ist mir zu anstrengend. Wer ernsthaftes Interesse daran hat, seine Zeit mit mir zu verbringen und einen Platz in meinem Freundeskreis zu ergattern, der wird sich etwas anstrengen müssen. Ich kann aber versprechen, dass es sich lohnt.

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Love me Tinder.

Wir alle haben es wohl schon einmal getan. Sei es, um unseren Marktwert zu prüfen, um sich „die Sache mal anzusehen“ oder um ernsthaft nach neuen Kontakten zu suchen. Die Rede ist von der Partnersuche per Internet. Es gibt so wahnsinnig viele Möglichkeiten, online sein perfect match zu finden: Chats, Webseiten, Agenturen, Apps… Und alles als kostenlose oder kostenpflichtige Variante. Was man wählt, kommt nicht nur darauf an, ob und wenn ja, wie viel man für seine Suche bezahlen möchte, sondern auch auf die angestrebte Zielgruppe. Da gibt es Seiten extra für Menschen, die Partner mit Hüftgold bevorzugen, für Landwirte, für Nerds, für diejenigen, die nur auf Sex aus sind, und… und… und…

Seit Jahren beliebt ist die App „Tinder“, bei der man sich kostenfrei anmelden kann und bei allen angezeigten Vorschlägen zunächst nur das Profilbild des Gegenübers sieht. Findet man denjenigen attraktiv, kann man ihn liken. Anderenfalls wischt man ihn einfach weg. Das hat ein bißchen den Charme einer Fleischtheke, an der man sich die schönste Wurst aussucht, ohne etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Denn Details zur Person, die man auswählt, erhält man nur, wenn es ein Match gibt, also der Gegenseite das Profil des Likers ebenfalls gefällt. Ansonsten war’s das und man sucht einfach weiter bis sich mal was ergibt.

Ich bin nun nicht gerade der unbedingte Fan dieses Prinzips, aber für wen das so funktioniert, der soll einfach Spaß damit haben. Und ab und zu trifft man ja wohl wirklich nette und lustige Leute. Und auch einige, die nicht so lustig sind. Genau um so eine Person geht es hier. Normalerweise schreibe ich nicht über Sachen, die Freunden von mir passieren. Zumindest nicht so. Aber ich schwöre, ich habe mir die Erlaubnis dazu geholt. Und ich muss es einfach teilen, vor allem, weil ich mich so aufrege und klar machen will, dass so ein Verhalten absolut gar nicht geht!

Aber von vorn…

Vor einigen Tagen unterhielt ich mich mit einem Freund, nennen wir ihn Schorsch, über eine Bekanntschaft, die er über Tinder gemacht hat. Er nutzt die App immer mal wieder zwischendurch, aber tatsächlich ist er keiner derjenigen, die nur auf Sexdates aus sind, sondern er wünscht sich eine ernsthafte Beziehung. Nun ja, mit der Dame, die Gegenstand unseres Gesprächs war, hatte sich ein Match ergeben, in den ausgetauschten Nachrichten fand man sich sympathisch und so wurde ein Treffen zum gemeinsamen Frühstück ausgemacht. Schorsch fuhr also zu ihr bzw. in ihre Stadt, nicht zu ihr nach Hause, und lud sie zum Frühstück ein. Alles war wunderbar, man verstand sich gut und am Ende ihres Treffens überreichte die junge Frau, die ich hier Olga nenne, meinem Freund einen Gutschein über ein gemeinsames Burger grillen. Okay, das fand er schon etwas seltsam, aber gefreut hat es ihn natürlich dennoch, denn sie gefiel ihm ganz gut. In den nächsten Tagen schrieben die beiden sich stundenlang und tauschten sich über alles mögliche aus. Gestern bekam ich von Schorsch die Nachricht, dass er wohl Abstand nehmen sollte von Olga. Auf meine Nachfrage berichtete er mir, dass sie im Moment stark erkältet sei und er sie gefragt habe, ob er etwas für sie tun könne. Sie wünschte sich, dass er für sie einkaufen geht und hat ihm auch sofort eine Einkaufsliste geschickt, auf der unter anderem vier Hörbücher standen. Insgesamt kam man da locker auf einen Warenwert von 150 Euro. Weiterhin erzählte er mir, dass Olga arbeitlos wäre und kein Geld hätte wegen jahrelangem Burnout. Im Grunde ist das ja auch nicht schlimm, da bin ich die letzte, die jemanden verurteilt, aber im Zusammenspiel mit dieser Einkaufsgeschichte bekam ich auf einmal ein ganz mieses Gefühl. Zum Glück ist Schorsch ein vernünftiger Mensch und sagte direkt, dass er ihr das bestimmt nicht kauft, denn immerhin wäre er ja auch kein Goldesel, der Geld scheißt. Ich wollte wissen, ob er ihr das auch gesagt hätte und er meinte, ja, aber daraufhin wäre sie wohl ziemlich zickig geworden. Nach dieser Geschichte herrschte erst einmal Funkstille.

Ich habe mich unglaublich über diese Dreistigkeit aufgeregt! Die Frage, ob man für jemanden einkaufen geht, finde ich an sich gar nicht schlimm. Doch wenn ich denjenigen bisher erst einmal gesehen habe, er auch noch in einer 30 km weit entfernten Stadt wohnt und ich eine solche Einkaufsliste schreibe, dann ist das schon ziemlich unverschämt. Mir drängt sich die Frage auf, für wie einfältig oder verzweifelt ich mein Gegenüber halte, wenn ich echt der Meinung bin, dass er das macht. Wenn derjenige in der gleichen Stadt wohnt und ich vielleicht um Tee oder Suppe bitte… Okay. Aber den Rahmen direkt so dermaßen zu sprengen! Unfassbar.

Doch die Geschichte geht noch weiter. Heute Abend hat sich Olga wieder bei Schorsch gemeldet. Sie sagte, es täte ihr leid, es hätte nur am Fieber gelegen, dass sie so eine Forderung gestellt hat und zickig geworden ist. Beim Lesen dieser Nachricht trank ich gerade einen Cappuccino und der kam mir beinahe wieder zur Nase heraus. Das ist ja wohl die dümmste Ausrede, die ich je gehört habe. Ich kenne Leute, die bei Fieber fantasieren, die sich kaum noch artikulieren können, die totalen Unsinn reden. Aber eine Einkaufsliste verfassen? Und dann meinte sie noch, sie wäre in den letzten zwei Tagen im Krankenhaus gewesen. Da frage ich mich allerdings, ob man neuerdings auch als Patient in den Krankenhausküchen kochen darf, denn Schorsch meinte, gestern Abend hätte Olga ein Foto ihrer frischen und selbst gemachten Hühnersuppe bei instagram gepostet. Das war der Moment, in dem ich so laut loslachen musste, dass sich meine Kater total erschrocken haben. Schorschs Kommentar war: „Die hab ich gefressen.“ Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht die Suppe meinte.

Wieso kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier jemand ganz gewaltig ausgenutzt werden sollte? Und warum kommt es mir so vor, als wenn Olga nicht gerade die ehrlichste Haut auf dem Erdenrund ist? Vielleicht reagiere ich ja über, doch die gesamte Geschichte kommt mir einfach seltsam vor. Und sollte sie das nicht sein: Ist es inzwischen normal, sich gegenüber anderen Menschen so zu benehmen und solche Ansprüche zu stellen? Kann ja sein, dass ich da irgendwas nicht mitbekommen habe, denn immerhin war ich ja nun einige Jahre in einer festen Beziehung und konnte die aktuellen Entwicklungen auf Markt der einsamen Herzen nicht verfolgen. Eventuell klärt man mich in diesem Fall hier mal auf. Meiner Meinung nach ist das aber eher der Typ Frau, der das Vorurteil, Frauen hätten es immer nur auf das Geld der Männer abgesehen, ordentlich füttert. Nein, liebe Männer, das ist nicht die Norm. Zumindest hoffe ich, dass ich nicht die einzige Frau bin, die solch ein Verhalten nicht gut heißt. Es würde mich ganz ehrlich mal interessieren, wie ihr das so seht.