Pendlers Albtraum oder: Bahnstrecke of DOOM!

Ich bin kein großer Fan von Zügen, S-Bahnen oder ähnlichen Gefährten. Jahrelang litt ich unter einer Phobie vor dem Bahn fahren und es gab Zeiten, in denen konnte ich partout nicht in einen Zug steigen. Egal, was ich versucht habe, es endete damit, dass ich heulend auf dem Bahnsteig stand oder mich wie in einer schlechten Filmszene von meiner Freundin auf einem verregneten Parkplatz trösten lassen musste. Der Grund dafür war meine Agoraphobie, die mich auf sicherem Weg in eine Panikattacke stürzte, sobald ich keine Fluchtmöglichkeit aus einem Raum oder einer Situation sah. Und aus einem fahrenden Zug kann man schlecht entkommen, nicht wahr?Einige Jahre und viele Konfrontationstherapien später kann ich nun wieder in den von mir verhassten Bahnen Platz nehmen. Nicht jedes Mal habe ich ein gutes Gefühl dabei, doch die Panik ist verschwunden und ich bin mehr als dankbar dafür. Doch vom entspannten Bahn fahren bin ich immer noch meilenweit entfernt. Und das hat einen Grund, der nichts mit meiner Psyche zu tun hat.Seit Anfang März bin ich ein klassischer Pendler. Also so, wie man sich den immer vorstellt. In einer Stadt rein in den Zug, in der anderen Stadt raus aus dem Zug. Da ich am Rand des Bergischen Lands lebe und Düsseldorf recht nah ist, brauche ich morgens ca. 45 Minuten zur Arbeit. Dabei nutze ich einen Bus und zwei Bahnen. Den Bus bis zum Bahnhof Solingen-Mitte und von dort den Abellio nach Solingen-Ohligs, wo ich schließlich in die S-Bahn nach Düsseldorf einsteige. So weit, so gut. Die Anschlusszeiten sind in Ordnung. In Düsseldorf selbst habe ich noch ein Zeitfenster von etwa 25 Minuten, bevor meine offizielle Arbeitszeit anfängt. Ich versuche allerdings immer 15 Minuten eher da zu sein, da besonders morgens der Andrang im Sekretariat groß ist.

Das Problem an der Sache: Die Bahnverbindungen der Strecken Wuppertal – Solingen und Solingen – Düsseldorf scheinen verflucht zu sein. Ständig sind Züge zu spät oder defekt oder sie kommen erst gar nicht. Im Schnitt jeden zweiten Tag. Da kann ich auch so früh losfahren wie ich möchte: Keine Chance. In der zweiten Märzwoche gab es einen Oberleitungsschaden in Düsseldorf. Irgendein Hirni ist über die Gleise gelaufen, ein Zugführer musste die Notbremsung einleiten und dabei hat es die Oberleitung zerrissen. Resultat: Vier Stunden Totalausfall auf allen Strecken. Ich habe etwa drei Stunden gebraucht, um nach Hause zu kommen. Natürlich waren die U-Bahn und der Bus völlig überfüllt und die Verbindungen per App herauszufinden war so gut wie unmöglich. Mir hat wirklich nur der Zufall geholfen. Es folgten diverse morgendliche Verspätungen aus Richtung Wuppertal, die alle mit den obligatorischen „Verzögerungen im Betriebsablauf“ begründet wurden. Was soll das eigentlich sein? Ich meine, was genau? Denn das kann von „Entschuldigung, da stand eine Kuh auf den Gleisen.“ über „Der Zug wollte nicht anspringen.“ bis „Der Zugführer musste noch mal ordentlich kacken gehen.“ wirklich alles sein. Neulich war es wieder so schlimm, dass die Leute bei Einfahrt des Zuges etwa 30 Minuten nach fahrplanmäßiger Ankunft am Bahnhof Mitte zu applaudieren begannen. Mitte März ist eine Bahn hinter Solingen-Ohligs liegen geblieben, weshalb die Strecke für eine gute Stunde gesperrt wurde. Und letzte Woche ist am Montag Morgen eine S-Bahn wegen technischem Defekt ausgefallen, blockierte die Gleise und legte daher den gesamten Berufsverkehr auf den Schienen lahm. Erst nach ewigem Hin und Her wurden einige Bahnen über Wuppertal umgeleitet. Am Tag danach herrschte Sturm in unserer Region, weshalb bereits morgens der Bahnverkehr ausfiel. Und nur, weil ich es früh genug durch meinen Freund erfahren habe, konnte ich mich noch von meinem Schwiegervater in spe nach Düsseldorf mitnehmen lassen.

Es ist ein Krampf. Sobald ich morgens aufstehe, habe ich schon wieder Angst vor Verspätungen und Ausfällen. Seien wir ehrlich: Es macht keinen guten Eindruck, ständig zu spät zur Arbeit zu kommen. Auch wenn es sich meist nur um 10 Minuten handelt. Meine Chefinnen sind da recht verständnisvoll, aber das macht die Sache nicht besser. Ich muss einfach zuverlässig sein und mit der Deutschen Bahn sowie Abellio habe ich keine guten Partner dafür an meiner Seite.

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Dem Fußboden so nah!

Der junge Radiologie-Assistent sieht mich interessiert an und beugt sich vertraulich vor. „Haben Sie ein Problem mit Nadeln?“ Nein, habe ich nicht. Ich bin Cosplayerin, ich nähe und daher sind mir Nadeln vertraut. Auch das Stechen damit. Ich ramme mir die spitzen Dinger ständig irgendwo hinein. Auch beim Blutabnehmen: Kein Ding. Ich darf nicht hinschauen, weil ich es eklig finde, Blut aus mir heraus sickern zu sehen. Aber würde ich das als Problem bezeichnen? Nein. Als schüttle ich den Kopf und lächle selbstbewusst. „Nein, die machen mir keine Angst.“ Er nickt kurz und packt routiniert ein Spritzbesteck aus. „Gut, dann legen wir den Zugang schon vorher.“

Seit gut einer Stunde bin ich in den Räumlichkeiten der örtlichen Nuklearmedizin, habe diverse Formulare ausgefüllt und mit meinem Freund, der mich netterweise begleitet, Small Talk im Wartezimmer betrieben. Es soll ein Schädel-MRT bei mir durchgeführt werden. Nicht mein erstes, aber sicher keine Routine für mich. Die Gedanken an die enge Röhre habe ich bisher recht erfolgreich verdrängt. Mehr Angst macht mir das Spritzen des Kontrastmittels.

Ich bin kein Freund von Medikamenten. Klar, ich muss regelmäßig welche nehmen und das mache ich auch brav, weil ich weiß, dass ich sie brauche. Wenn man mir jedoch etwas Neues andrehen will, macht mich das immer nervös. Früher war es ganz schlimm. Da fing ich an zu weinen, sobald ich auch nur eine Tablette nehmen sollte. Die Angst vor den Nebenwirkungen ließ mein Gehirn auf Standby gehen und ich empfand nur noch Panik. Inzwischen hat sich das sehr gebessert, doch ein gewisses Unbehagen ist geblieben.

Mein Gegenüber ist sehr nett, unterhält sich angeregt mit mir und klebt währenddessen die Braunüle in meiner Armbeuge fest. Es ist seltsam. Ich habe keine Schmerzen, aber ich spüre die Nadel. Sie wackelt in meiner Vene hin und her. Und wie groß ist das Ding eigentlich? Ich könnte schwören, gleich schiebt sich etwas neben meinem Ellenbogen aus meinem Arm heraus. Mh. Nun wird mir doch ein wenig komisch. Die Nadel wackelt weiter. Mein Magen zieht sich zusammen und mir wird schlecht.

„Sie können jetzt schon mal in die Kabine gehen.“ Der Assistent sieht mich erwartungsvoll an. Ich starre zurück. In meinem Bauch steigt gerade eine Party, zu der ich sicherlich kein Einverständnis gegeben habe. „Ich glaube“, bringe ich mühsam hervor, „ich vertrage das doch nicht.“ Mein Blick irrt in dem kleinen Zimmer umher. Gibt es hier eigentlich keine Liege, verdammt? Wieso sitze ich auf so einem blöden Stuhl? Ich kann mich kaum noch aufrecht halten, die Übelkeit verstärkt sich und in meinen Ohren dröhnt das Blut. „Soll ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“ Er ist die Ruhe selbst. Bewundernswert, denn ich bin das nun nicht mehr. Insgeheim denke ich, dass er nicht lange quatschen, sondern irgendwas tun soll! „Kann ich mich vielleicht hinlegen?“

Etwas scheint in meinem Gesicht zu passieren, denn plötzlich reißt der Kerl die Tür auf und ruft nach einer Liege. Von irgendwo kommt noch ein Mann gelaufen. Ich registriere, dass er ein blaues Shirt trägt. Er sagt mir, ich solle noch nicht aufstehen. Ist der verrückt? Ich muss aufstehen, denn ich sehe im Flur die Liege, die gerade gebracht wurde, und das ist mein Ziel. Da will ich hin. Jetzt! Vier Arme ziehen mich nach oben. Auf jeder Seite zwei. Laufe ich noch selber? Ich fühle nichts mehr und das Dröhnen in meinen Ohren ist einer dumpfen Stille gewichen. Ich bin in Watte gepackt. Seltsam schwerelos in meinem kraftlosen Körper. Abgeschottet von allem, was um mich herum geschieht. Meine Beine geben nach. „Verdammt“, denke ich noch, „jetzt stehe ich vor dieser blöden Liege und ende trotzdem auf dem Fußboden!“ Doch die Arme halten mich fest und das nächste, was ich mitbekomme, ist ein Gesicht über mir. „Geht es Ihnen gut?“

Ich liege. Endlich. Unter meine Füße werden zwei Kissen geschoben. Ich kann die Beine kaum heben, weil sie sich anfühlen wie zwei abgehangene Schinken und nicht wie meine Gliedmaßen. Von rechts beugt sich ein Arzt über mich. „Haben Sie das öfter?“ Er wirkt arrogant und gehetzt und ich finde ihn sofort unsympathisch. „Heute noch nicht“, nuschle ich trotzig. Blöder Kerl. Er kneift die Augen zusammen. „Sie sind ganz schön blass. Und sie schwitzen sehr stark.“ Spricht’s und verschwindet. Tja, dann mal danke für die tolle Info. Hilft mir ungemein weiter. Meine Liege wird in eine Ecke des MRT-Schaltraums geschoben. Keine 30 Sekunden später steht mein Freund vor mir. „Was machst du denn für Sachen?“ Wie lieb, man hat ihn zu mir rein geholt! Ich fühle mich gleich etwas besser und entspanne mich, während wir über belangloses Zeug reden.

Nach vielleicht zwanzig Minuten geht es mir wieder gut. Ich kann aufstehen und komme sofort an die Reihe. Das Team ist sehr bemüht, mir die Angst zu nehmen, doch nervös bin ich jetzt gar nicht mehr. Kann es denn noch schlimmer werden? An eine Panikattacke in der Röhre glaube ich nicht. Mein Kopf wird fixiert, man drückt mir einen Notfallknopf in die Hand und ich schließe die Augen. Der Scan dauert lange, doch ich lenke mich ab, indem ich aus den irrsinnigen lauten Geräuschen um mich herum eine Melodie zu formen versuche. Die Augen lasse ich die ganze Zeit über geschlossen. Man muss sich ja nicht unnötig triggern, wenn man unter Platzangst leidet.

Am Ende ist alles gut: In meinem Kopf sieht alles gut aus, in meiner Armbeuge scheint kein Bluterguss zu entstehen und das Team wünscht mir grinsend ein schönes Wochenende. Und erst beim Verlassen des Gebäudes fällt mir auf, dass ich gerade eines meiner persönlichen Horrorszenarien durchlebt habe und es gar nicht mal so schlimm war.

Ich mag nicht jeden Menschen. Das ist okay.

„Es tut mir leid, ich werde mit ihr einfach nicht warm. Sie hat mir nichts getan, nein, aber sympathisch finde ich sie trotzdem nicht.“ Die Reaktion meines Freundes auf diesen Satz war fast so etwas wie Bestürzung. Ich konnte Unverständnis in seinem Blick entdecken und ein stummes „Stell dich nicht so an.“ Das hat mich nicht geärgert, denn immerhin handelt es sich bei besagter Person um eine langjährige Freundin meines Goldjungen. Und irgendwie möchte man ja immer, dass der Partner die eigenen Freunde mag.

Die allgemeine Wunschvorstellung in Beziehungen ist, dass alle gut miteinander auskommen. Die Realität sieht aber eben anders aus. Für mich ist das auch gar nicht schlimm, denn immerhin liebt man den Menschen, mit dem man zusammen ist. Die Freunde sind Beiwerk, das man gratis dazu bekommt. Aber sie haben per se nicht viel mit dem Kern der Beziehung zu tun. Sie sind das gewachsene Umfeld des Partners. Nicht das eigene.

In meinem Fall sieht das etwa so aus: Mein Freund und ich haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Er steht auf Black Metal, hat einen sehr schwarzen und teilweise auch recht flachen Humor (Sorry, Schatz! ;D), redet nicht gern über Gefühle, ist sportlich und am liebsten immer auf Achse. Ich bin ein Nerd, mag Anime und Cosplay, interessiere mich für Psychologie, bin ziemlich sensibel und ein wahrer Couch Potato. Irgendwie haben wir aber dennoch zusammengefunden und ja, es gibt durchaus Dinge, die wir zusammen machen und bei denen sich unsere Interessen überlagern. Ansonsten wären wir nicht seit vier Jahren ein Paar. Aber ebenso wie er sich nicht vorstellen kann, jemals mit mir auf eine Convention zu gehen oder sich weigert, auch nur einen Anime mit mir zu schauen (Neulich saß er in sein Handy vertieft auf der Couch, während einer lief, das war schon ein kleines Wunder!), könnte ich mich nicht überwinden, ihn auf ein Metal Konzert zu begleiten oder mit ihm klettern oder Mountain biken zu gehen. Und Achtung, das klingt jetzt fieser als es gemeint ist: Dafür sind seine Freunde da.

Wir suchen uns die Menschen aus, die zu uns passen. Sie teilen ähnliche Interessen, begleiten uns auf Konzerte, ins Kino, vielleicht auch in den Urlaub. Wir können mit ihnen über das reden, was uns bewegt, weil wir ähnlich ticken. Unsere Freunde müssen nicht einer Meinung mit uns sein. Sie müssen nicht alles toll finden, was wir sagen oder tun. Aber generell schwimmen sie mit uns auf einer Welle und in die gleiche Richtung. Und das muss nicht die gleiche Welle sein, auf der wir mit unserem Partner surfen. (Würde auch irgendwann echt eng werden.)

„Warum magst du sie denn nicht? Ist doch super nett!“ Das mag sein. Aber es betrifft die Maßstäbe eines anderen Menschen, nicht meine. Und ich kann es mir leisten, mich mit den Menschen zu umgeben, mit denen ich mich umgeben will. Ich muss mir niemanden antun, der eigentlich nicht an meine Seite gehört. Das ist nicht arrogant gemeint, wirklich nicht. Ich lerne gern neue Menschen kennen, aber ich habe irgendwann festgestellt, dass ich es nicht mehr haben muss, mich für andere Leute zu verrenken. Dafür bin ich mir zu schade. Ich muss nicht jeden Menschen toll finden, ebenso wie man mich nicht toll finden muss.

Die meisten Leute aus dem Bekanntenkreis meines Freundes mag ich. Einige sogar sehr gern. Ich verbringe gern Zeit mit ihnen. Andere sind halt nicht so mein Fall. Ich behandle sie trotzdem höflich und mit Respekt. Auch die ganz oben genannte Person, mit der ich nicht wirklich gut kann. Wie sie das? Keine Ahnung, doch ich habe schon das Gefühl, dass das bei uns auf Gegenseitigkeit beruht. Ob ich das ihr gegenüber thematisiere? Nein. Wozu? Die Zeit, die ich mit ihr verbringe, ist keine verschwendete Lebenszeit. Es sind immer genug andere Leute da, mit denen ich sehr gut kann. Also sehe ich da kein Problem. Und sicher wird das mein Freund auch irgendwann verstehen.

Helau und Alaaf – bitte nicht für mich.

Es ist wieder so weit: Die Narren ziehen durch die Lande und lassen keinen Stein auf dem anderen. Für viele der Anlass zu wildesten Parties, für mich eher ein Grund, die Tür besonders gründlich zu schließen und erst nach Arsch-am-Mittwoch Aschermittwoch wieder auf die Straße zu gehen. Ja, ich gestehe: Karneval ist für mich ein Graus. Das war schon immer so und das wird vermutlich auch so bleiben.

„Aber du bist doch Cosplayer, du verkleidest dich ständig! Wieso findest du so was denn plötzlich doof, wenn es nichts mit deinem Fandom zu tun hat?“

Das muss ich mir tatsächlich sehr oft anhören. Die meisten Menschen in meinem Umfeld, die mit meinem Hobby nichts anfangen können, sehen überhaupt keinen Unterschied zwischen Cosplay und Karneval. Immerhin laufen verkleidete Menschen auf der Straße herum, also können die beiden Sachen so grundverschieden nicht sein. Doch, das sind sie. Kaum ein Cosplayer findet es toll, wenn man ihn in einen Topf mit den Karnevalisten wirft, und anders herum ist es genau so. Wieso? Nun ja, während die Jecken sich ihre Kostüme meist aus einem breiten Angebot an Massenware kaufen, stellt der Großteil der Cosplayer seine Sachen selber her. Gehen die Narren zum Feiern beinahe überall auf die Straße und lassen die Sau raus, sind Cosplayer eher unter sich und auf Conventions unterwegs, nehmen an Wettbewerben teil oder veranstalten Fotoshootings. Hat sich die gesamte Kölnarena bereits unter die Tische gesoffen, ist der Cosplayer in der Regel komplett nüchtern und hat auch kein gesteigertes Bedürfnis nach Alkohol auf seinen Veranstaltungen. Ist Karneval, Fasching oder Fastnacht allgemein (und sogar kulturell) anerkannt, so werden Cosplayer immer als Freaks, Perverse oder Infantile angesehen. Wenn das nicht schon gravierende Unterschiede sind, dann weiß ich auch nicht.

Generell habe ich nichts gegen Karneval. Als gebürtige Bremerin habe ich damit halt einfach nie was am Hut gehabt. Bei uns gibt es das nicht – oder kaum. (In den letzten Jahren hat sich im Norden wohl Ganderkesee als geheime Hochburg der Narren etabliert, so weit ich weiß.) Ich habe den Geist des Karneval also nicht als Baby mit der Muttermilch aufgesogen, habe als Kind keine großartigen Faschingsparties gefeiert (Auch wenn die immer mal wieder im Kindergarten oder in der Grundschule aufkamen. Es gibt Beweisbilder!) und als Jugendliche nach meinem Umzug in die Eifel konnte ich mich auch dort nicht mit den Kappensitzungen und Umzügen anfreunden. Letzteres sicher auch, weil es in der Schule eine Pflichtveranstaltung war und ich es einfach nur grauenvoll fand, zu etwas gezwungen zu werden, mit dem ich nichts anfangen konnte. Die Erinnerungen daran sind nicht gerade schön, weil ich mich total unwohl und fehl am Platz fühlte. Bis heute hält sich diese Einstellung und wenn mich Freunde fragen, ob ich nicht mit ihnen feiern möchte – eventuell sogar in Köln -, lehne ich das ab.

Nein, ich bin kein „Hater“ und kein „Troll“ und ich verurteile niemanden, der die fünfte Jahreszeit begeistert feiert. Manche Kostüme finde ich sogar wirklich hübsch und kreativ und ich mag die Funkenmariechen in ihren Uniformen. Was ich nur eben nicht mag, ist die dunkle Seite des Karnevals. Ich muss mich nicht in der Menge begrapschen oder von Besoffkis küssen lassen. Überhaupt widert mich der übertriebene Genuss von Alkohol ziemlich an. Karneval ist anscheinend nur noch ein reines Besäufnis, ein Vorwand zum Totalabschuss. Da ich selbst so gut wie keinen Alkohol trinke und schon nach zwei Ouzo angetüddelt bin, ekelt und verängstigt mich jedes Massenbesäufnis. Ich kann die Menschen nicht mehr einschätzen und das ist mir unheimlich. Abgesehen davon ist alles um einen herum irgendwann nur noch purer Gestank. Und dann fallen mir die Männer auf, die beim Gardetanz in der ersten Reihe sitzen, den Blick starr auf die Höschen der Mädels gerichtet. So was löst bei mir Abscheu aus. Nein. Nein, das ist wirklich nichts für mich.

Also, Verkleiden wird sicher immer etwas für mich sein. Daran habe ich Spaß. In Kombination mit Hemmungslosigkeit, Lärm, Geilheit und jeder Menge Alkohol wird das aber nie mein Ding sein. Daher verbringe ich die tollen Tage ganz in Ruhe zuhause und vielleicht nähe ich sogar an dem einen oder anderen Kostüm weiter.

 

Sport ist Mord

Ich bin ein Sportmuffel. Einer der ganz schlimmen, für die es schon körperliche Ertüchtigung ist, wenn sie sich auf dem Sofa von einer Seite auf die andere wälzen müssen. Während sich schwitzende Jogger schnaufend und japsend an ihrem Runner’s High erfreuen, lege ich gern die Füße hoch. Derweil Bodybuilder ihre Muskeln mästen und keuchend Kilos stemmen, gönne ich mir gern ein Nickerchen. Nur selten ereilt mich der Tatendrang und noch seltener gebe ich ihm mit sportlicher Betätigung nach. Nein, lieber nutze ich den Elan dann zum Aufräumen oder Putzen.

Überhaupt bin ich beim Thema Sportarten sehr wählerisch. Es gibt nicht vieles, das mich interessiert. Und noch weniger, das ich selbst ausführen würde. Rhythmische Sportgymnastik und Eiskunstlaufen finde ich toll. Musik, eine schöne Choreografie und so viel Anmut… Natürlich nichts für Quallen wie mich. Gibt es vom Horrorfilm „Der Blob“ einen zweiten Teil? Falls nicht, so könnte man mich einfach beim Versuch des grazilen Hopsens filmen und das Werk „Der Blob II – Speck in der Sporthalle“ nennen. Schwimmen finde ich auch noch ganz nett, darin bin ich sogar gut. Einziges Manko: Im Badeanzug vor anderen Leuten rumrennen. Nicht so mein Ding. Reiten? Zu teuer und vor allem blöd mit meinem Heuschnupfen und eine Qual für das arme Pferd, das mich abbekäme. Vor Jahren war ich in einer Tanzgruppe, das hat viel Spaß gemacht, aber als Leiterin war ich arg gestresst und sportlich war das auch nicht so unbedingt.

Man merkt schon, es ist nicht so leicht mit mir. Ich bin einfach lieber geistig aktiv als körperlich. Dabei kann ich es wirklich brauchen! Mal abgesehen von meinem Übergewicht, das ich reduzieren sollte so lange es noch einigermaßen geht, müsste ich wegen eines Bandscheibenvorfalls eigentlich dringend Rücken- und Bauchmuskulatur aufbauen. Wenn man dafür nur nicht so viel tun müsste…

Aber die Hoffnung stirbt immer zuletzt! Und manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder. In meinem Fall: Ich habe mich letzte Woche im Fitnessstudio angemeldet. Das war kein guter Vorsatz zum Jahreswechsel, auch wenn es vom Timing her passen würde. Nein. Kurz vor Silvester hatte ich immer öfter den Drang, einfach mal raus zu gehen und mich zu bewegen. Ich war richtig unruhig und konnte meinen Hintern gar nicht mehr so faul in der passgenauen Kuhle des Sofas parken wie sonst. Das war schon seltsam und irritierend. Ich dachte, dieses Gefühl würde abflauen. Aber nein, es blieb. Und so entstand der Gedanke, mich doch mal wieder in einem Studio blicken zu lassen, um unter fachkundiger Anleitung ein wenig für meinen Körper zu tun. Mein Freund war ziemlich begeistert von dieser Idee und bot direkt an, mir das zu bezahlen, da ich es mir wegen meiner Arbeitslosigkeit gerade nicht leisten kann. Und dass eine Freundin von mir ins gleiche Studio geht und mich somit motiviert, ist natürlich sehr praktisch.

Zu Anfang war ich sehr skeptisch. Fitnesstempel sind nicht gerade meine Wohlfühl-Umgebung. Über die Jahre war ich schon in einigen angemeldet – in Bremen und in Hamburg. Und überall das gleiche: Junge Mädels mit knackiger Figur, die sich fürs Training aufdonnern und sich ihren Ego-Boost beim Lästern über diejenigen abholen, die Bewegung sichtlich nötiger haben als sie selbst. Oder selbstverliebte Muskelmänner, die mit lautem Stöhnen und lustigen Posen so viele Gewichte stemmen wie gerade noch geht. Das war einfach nicht meins. Ich kam mir immer vor wie ein gestrandeter Wal, der von allen begafft wird. Und die Betreuung war oft auch eher… spärlich. Mein jetziges Studio hat mich zum Glück davon überzeugt, dass es auch anders geht. Sehr nette Trainer, eine lockere Atmosphäre und Kunden, die wirklich wegen des Trainings kommen.

Und ja, ich bin fleißig. Klar, es bewegt sich noch nicht irre viel, aber ich bin noch immer motiviert. Auch wenn mir nach den Übungen manchmal Muskeln weh tun, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Und auch wenn mein Puls auf dem Fahrrad bei 170 liegt und ich denke, ich kratze gleich ab oder falle ohnmächtig zu Boden. Vielleicht wird das noch besser. Aufgeben mag ich nicht. Kann sein, dass die Chance besteht, den Landwal noch mal ins Wasser zu schieben. 🙂

doing live

Was wolltest du sein als du jung warst? Was wolltest du einmal werden, wie dich verändern? Welche Zukunft schwebte dir vor? Gab es Träume, die du hattest und die du unbedingt verwirklichen wolltest? Wo wolltest du leben, mit welchen Menschen dich umgeben? Warst du Realist? Ein Träumer? Hattest du Ängste, begründet oder irrational? Wer warst du und wer bist du heute?

Ich glaube, viele Menschen stellen sich diese Fragen im Laufe ihres Lebens immer mal wieder. Auf jeden Fall weiß ich, dass ich mich immer wieder mit ihnen beschäftige. Mal mehr, mal weniger. Und Antworten zu finden fällt mir nicht immer leicht. Manche gefallen mir auch nicht. Das halte ich allerdings für ziemlich normal, denn das Leben passiert einfach und selbst wenn wir uns einen Plan für unsere Zeit hier auf Erden zurechtlegen: Wir haben nicht über alles die Kontrolle. Vieles können wir nicht beeinflussen und planen und daher laufen wir letztendlich oft doch in eine andere Richtung als wir ursprünglich wollten.

Ich war eigentlich nie der Typ, der sich großartig mit der Planung seines Lebens beschäftigt hat. Als ich meinen Schulabschluss machte, hatte ich noch keine Ahnung, was ich mit mir anfangen sollte. Der Gedanke, mich mit 17 Jahren für einen Beruf entscheiden zu müssen, den ich bis zur Rente ausüben sollte, war mir unerträglich, und es gab so vieles, was mich interessiert hätte. Ebenso vieles aber auch, das ich nie machen wollte. Zum Beispiel Bürokauffrau. Das war so der Standard. Alle gingen ins Büro und mir war das viel zu öde. Ich wollte kreativ sein oder zumindest mit Menschen arbeiten. Bloß nicht den ganzen Tag in einem Kabuff vor dem PC hocken! Letztendlich bin ich aber genau in diesem Berufsfeld gelandet. Und obwohl ich von Zeit zu Zeit ernsthaft mit dieser Tatsache hadere, ist es für mich trotzdem irgendwie okay, dass es so gekommen ist. Ist das Resignation? Kann sein, dass die ein Stück weit damit zu tun hat. Doch ich vermute, irgendwann holt einen einfach die Realität ein. Ich habe eine sehr liebe Freundin, die einer der kreativsten Köpfe ist, die ich kenne. Sie hat zwei Ausbildungen gemacht, beide auf die ein oder andere Weise gestalterisch. Und ist sie damit glücklich? Nein. Also spielt es vermutlich keine so große Rolle, welchen Beruf ich letztendlich ergriffen habe, so lange ich mein Glück aus anderen Sachen ziehe.

Mein Bruder hat geheiratet, da war ich 25, er zwei Jahre jünger. Damals war ich mir vollkommen klar darüber, dass ich nicht heiraten und auch keine Kinder haben wollte. Ich weiß noch, dass mein Opa mich an diesem Tag fragte, wann ich denn vor den Altar treten würde. Es gab zu der Zeit noch nicht mal einen Mann in meinem Leben! Also antwortete ich, dass ich das nicht geplant habe. Seine Reaktion werde ich nie vergessen. Der genaue Wortlaut? „Du bist ja auch schon 25. Da nimmt dich eh keiner mehr.“ Achtung, Faustschlag im Tiefflug! BÄM! Damals tat mir das sehr weh und ich habe mich gefragt, ob er vielleicht recht hat? Immerhin habe ich mich mit Beziehungen immer schwer getan und konnte nur sehr schlecht Kompromisse eingehen. Das ging noch lange Jahre so und ich dachte, so würde es halt bleiben. Bis ich meinen Freund traf. Einen Menschen, dem wie mir viel an seiner Freiheit gelegen ist, der auch gerne Zeit für sich hat, meine Hobbies akzeptiert und im Lauf der Zeit auch gelernt hat, mit meiner peinlichen Seite etwas besser klar zu kommen. Er stänkert nicht mehr gegen meine Weihnachtsmütze an den Feiertagen! Und aus einigen Monaten wurden schließlich Jahre. Vier inzwischen. Ich schließe Kompromisse, ich bin glücklich, ich möchte mit diesem Mann eine Familie gründen und wenn er mich fragen würde (was er niemals tun wird), würde ich ihn auch heiraten. Ja, Opa, man hat mich doch noch genommen. Ich habe nur länger gebraucht als andere, um den Richtigen zu finden.

Meine Passion ist das Schreiben. War es immer schon. So lange ich denken kann. Mit sechzehn habe ich einen ziemlich dämlichen Roman getippt. Am PC meines Bruders, der ziemlich genervt war, weil ich ständig in seinem Zimmer vor seinem Computer saß. Das Werk ist bei irgendeinem Umzug verloren gegangen und existiert nur noch in meinen Erinnerungen, aber immerhin hatte es gut 250 Seiten Umfang. Da ist schon einiges an Arbeit hinein geflossen. In meinem Kopf gab es damals diese leise Stimme, die mir zuflüsterte, dass ich mich als Autorin versuchen sollte. Sie ist auch heute noch da, nur überhöre ich sie meistens. Der Wunsch existiert ebenfalls, allerdings nagen die Selbstzweifel an mir. Und das seit über 20 Jahren. Immer die gleiche Leier: Sind meine Ideen gut genug? Habe ich überhaupt Talent? Wäre ich dazu bereit, mich der Kritik anderer Menschen zu stellen? Ihre Ablehnung zu erfahren, zu verarbeiten und eventuell daran zu wachsen? Mache ich mich lächerlich? Ich will ganz ehrlich sein: Es ist mies, so über sich selbst zu denken. Und es ist beinahe noch mieser zu wissen, dass man früher noch deprimierendere Gedanken hatte und sich regelmäßig selbst fertig gemacht hat, damit man den anderen damit zuvor kommt. Das lässt sich nicht so leicht abschalten. Es dauert lange, bis man umdenken kann. Inzwischen schaue ich etwas traurig auf die Jahre zurück, die ich mit Grübeln und Angst und Nichtstun vergeudet habe. Ich habe für mich beschlossen, dass ich dem Traum, einen Roman zu schreiben und ihn in einer Buchhandlung im Regal stehen zu sehen, nicht abschwören werde. Ich habe seltsame Wege eingeschlagen in meinem Leben, doch dieser Wunsch ist immer geblieben. Vielleicht hat das einen Grund. Wer weiß?

Es ist schon komisch, auf mein bisheriges Leben zurück zu blicken und zu merken, dass ich einmal ganz andere Vorstellungen davon hatte, wie es verlaufen würde. Ich halte fest: Ich wollte einen kreativen Beruf ergreifen. Jetzt bin ich Schreibtischtäter und zur Zeit auch noch arbeitslos. Die 3 Ks (Kind, Köter, Kombi) – Ehe und Familie generell – waren für mich immer ein Schreckgebilde. Heute möchte ich ein Kind und würde meinen Freund auch gern heiraten. Mit 16 wollte ich dringend Schriftstellerin werden. Zwanzig Jahre später möchte ich das immer noch, nur bin ich gelähmt von meiner Unsicherheit. Mein Lebensmittelpunkt sollte immer Norddeutschland bleiben. Ich schwor mir, niemals wieder südlich meines persönlichen Weißwurst-Äquators (Hannover) zu leben. Heute wohne ich in Solingen und suche Arbeit in Köln und Düsseldorf. Dazu kommen noch etliche Vorsätze, die ich immer mal wieder habe. „Ich werde nie wieder zulassen, dass die Wohnung unordentlich wird!“ – „Ich werde bis Ende des Jahres 10 kg abnehmen!“ – „Ich pflanze Blumen auf dem Balkon und die werden nicht vor ihrer Zeit verwelken!“ – „Ich fange pünktlich und stressfrei mit meinen Kostümen an!“ … Ihr dürft raten, wie viele davon ich umgesetzt habe. Haha!

Aber das alles ist okay. Wie schon zu Anfang erwähnt: Ich hatte nie einen wirklichen Plan für mein Leben. Vorstellungen und Erwartungen, ja. Und ich glaube, ich habe sicherlich auch die ein oder andere gute Gelegenheit verstreichen lassen, wenn es um Beruf oder um Privates ging. Doch all das ist eigentlich recht belanglos. Es hat mich an diesen Ort geführt, zu den Personen, die jetzt um mich herum sind. Und auch wenn nicht alles perfekt ist, so ist es dennoch gut. Denn ich bin glücklich und zufrieden und so gesund, dass mir nicht innerhalb der nächsten Wochen ein Arm oder ein Bein abfaulen wird. So läuft das Leben. Man kann aus fast allem etwas Gutes ziehen. Ich versuche das jeden Tag. Und so werde ich auch weitermachen.

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Advent, Advent, mein Geduldsfaden brennt.

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich die Vorweihnachtszeit sehr mag? Kerzenlicht, geschmückte Fenster, Temperaturstürze und die Hoffnung auf weiße Weihnacht versüßen mir jeden Dezember. Obwohl mein Freund nicht drauf steht, darf ich ohne viel Gemecker ein wenig Weihnachtsdeko in der Wohnung verteilen. Und ich mache mir gern Gedanken darum, wem ich was schenken kann. Außerdem kann ich endlich meine Schals und Mützen hervor holen, mich in meinen geliebten roten Mantel einkuscheln und durch die Straßen ziehen, ohne Gedanken wie „Gehst du noch oder schwabbelst du schon?“ haben zu müssen. Hach!

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Leider, leider ist die Vorweihnachtszeit irgendwann vorbei. Und dann steht es vor der Tür: Das Fest der Feste! Und eigentlich ist das ja schon falsch, denn das höchste Fest der Christen ist immerhin Ostern. Geht aber gegenüber Weihnachten ziemlich unter und die meisten kennen da vermutlich die Prioritäten auch nicht. Wie auch immer. Was für mich an Weihnachten auf jeden Fall immer sehr hoch liegt, ist mein Stresspegel.

Ich bin ein Scheidungskind, was bedeutet, dass ich seit meinem 10. oder 11. Lebensjahr an Weihnachten ständig durch die Gegend gondle. Denn immerhin ist es das Fest der Liebe, da muss man bei denen sein, die man liebt: Seiner Familie. Auch wenn man die vielleicht gar nicht so lieb hat. Egal! Denn immerhin sind die Feiertage die perfekte Gelegenheit, sich im Glanz des Weihnachtsbaums zu sonnen, ein bombastisches Menü zu zaubern und zur lieben Verwandtschaft ganz besonders nett zu sein. Ich habe dabei noch Glück: Zwar war ich nie so der Familienmensch und werde das vielleicht auch nie werden, aber immerhin sind meine engeren Verwandten alle in Ordnung. Wenn ich da die Schauergeschichten mancher Freunde höre, rollen sich mir die Zehennägel hoch.

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Ich düste also bereits als Kind durch Norddeutschland, um an den Feiertagen jeden Verwandtschaftszweig abzudecken. Das war auch gar nicht so schwierig. Heilig Abend verbrachten mein Bruder und ich bei meiner Mutter und den 1. oder 2. Weihnachtsfeiertag bei meinem Vater bzw. mit meinem Vater zusammen bei meinen Großeltern – zusammen mit Tanten, Onkeln und meiner Cousine. Verwandtschaft mütterlicherseits gab es nicht, so war das recht entspannt.

Das änderte sich, als meine Mutter wieder heiratete und wir in die Eifel zogen. Von da an war die Sache schon ein wenig komplizierter, denn es gab folgende Möglichkeiten: A) Heilig Abend bei meiner Mutter und meinem Stiefvater, am 1. Weihnachtsfeiertag mit dem Zug Richtung Bremen düsen und den Rest der Feiertage inklusive Silvester bei meinem Vater und der restlichen Verwandtschaft verbringen. B) Bereits zu Beginn der Weihnachtsferien nach Norddeutschland aufbrechen und die Ferien ausschließlich bei meinem Vater und den Verwandten verbringen. Oder C) über die Ferien in der Eifel bei meiner Mutter bleiben. Da mein Vater nur in den Ferien Gelegenheit hatte, uns zu sehen, lief es meist auf Option B hinaus. Das war okay, aber natürlich traurig, weil ich auch gern Zeit mit meiner Mutter verbringen wollte.

Nach der Ausbildung zog es mich wieder gen Norden. Nun konnte ich zwar meinen Vater jederzeit sehen, aber meine Mutter nicht. Doch natürlich hatte ich auch keine Ferien mehr und musste auch um die Feiertage herum mal arbeiten. Die Besuche pendelten sich also im Wechsel ein – ein Jahr Weihnachten bei meinem Vater, ein Jahr bei meiner Mutter. Das ging einige Jahre ganz gut und die Familie kam mit dieser Regelung klar. Bis ich meinen Freund kennen lernte und alles völlig chaotisch wurde.

Nun hatten mein Freund und ich an Weihnachten bereits drei Familienzweige abzudecken! Gott sei Dank entstammt er einer glücklichen Ehe und es treffen sich alle so weit es geht bereits an Heilig Abend. Allerdings war damit bereits ein Tag verplant und zwar der für mich schönste und wichtigste an den Feiertagen. Da mein Vater immer noch nahe Bremen wohnte und meine Mutter in der Eifel, musste wieder die „Tauschregel“ greifen. Blöd dabei: Mein Bruder war inzwischen nach Nürnberg gezogen und hatte nun seinerseits die gleichen Probleme wie ich, so dass wir uns nun so gut wie gar nicht mehr sehen konnten. (Das hat sich bis heute auch leider nicht geändert.) Die Hoffnung auf ein wenig Entspannung in dieser Angelegenheit zerschlug sich, als wir bekannt gaben, von Hamburg nach Solingen zu ziehen, meine Mutter mir aber quasi zeitgleich eröffnete, dass sie und mein Stiefvater aus der Eifel an die dänische Grenze umsiedeln würden. AAAAARGH!!!

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Und so sieht es nun in diesem Jahr aus: Meine Mutter hatte uns bereits Anfang 2014 gefragt, ob wir Weihnachten komplett bei ihr verbringen würden. Ich hatte mich tierisch gefreut, denn bei meiner Mutter erlebe ich immer die entspanntesten Weihnachten überhaupt! Die Familie meines Freundes war traurig darüber, meinem Vater wollten wir wenigstens auf der Hin- und Rückfahrt eine Stippvisite abstatten. Alles war geplant, ich freute mich sehr und dann… wurde unser Kater krank. Okay, er kann nichts dafür und ich bin auch nicht böse, aber bitte, wie soll man bei so was noch ruhig bleiben? Jetzt mussten wir kurzfristig alles umwerfen und sind nun doch an den Feiertagen hier bzw. bei Denis‘ Familie, aber für mich ist das wieder emotionaler Stress pur.

Was ist das nur mit Weihnachten und diesen ganzen Besuchen? Inzwischen stehe ich bereits auf dem Standpunkt, dass es schöner ist, sich während des Jahres einfach mal aus Lust und Laune zu besuchen. Einfach, weil man es möchte. Man ist auch viel ruhiger, weil man keine drei Tage auf der Autobahn verbringen muss, um ja alle Besuche auf die Reihe zu kriegen und bloß niemanden auszulassen! Aber tut man diese Ansicht kund, dann kommt – egal, von welchen Beteiligten – sofort der Spruch: „Prima, dann könnt ihr ja Weihnachten immer bei uns verbringen.“

Ich sehe ein Bild vor meinem inneren Auge. Es ist eine Blumenwiese, über die Hummeln und Schmetterlinge fliegen. Blauer Himmel spannt sich über grünes Gras. Es ist friedlich. Mitten auf der Wiese – stehe ich. Ich lächle, doch meine Augen haben einen leicht irren Ausdruck angenommen. Aus meinem rechten Ohr hängt eine Lunte. Sie brennt zischend. Gleich wird das Feuer mein Ohr erreichen. Schon ist es so weit. Das Zischen verklingt. Hinter mir am blauen Himmel erscheint eine Leuchtschrift. Hurra, Weihnachten ist da! In diesem Moment explodiert mein Kopf.