Krankheit

Eine Wohnung aufzuräumen, zum Beispiel nach einer langen Krankheit, kann immens befreiend wirken. Man kann einfach den ganzen Dreck nehmen und ihn beseitigen, einfach entsorgen, als wäre alles, was sich in der Zeit des Totalausfalls angesammelt hat, eine Ansammlung von bitteren Erinnerungen. Ab in die Tonne damit. Mit dem benutzten Geschirr, das man einfach auf dem Couchtisch gestapelt hat, weil man zu schwach war, es in die Geschirrspülmaschine zu räumen. Mit den vollgerotzten Taschentüchern, die sich neben Sofa und Bett zu kleinen Haufen aufgetürmt haben. Mit all den Kleidungsstücken, die achtlos zu Boden geworfen wurden, weil man wegen eines plötzlichen Fieberschubs fast zu verbrennen drohte. Aufräumen, abwaschen, saugen, putzen, damit alles wieder ordentlich und gemütlich wirkt.

Ich habe heute damit angefangen. Drei Tage lang lag ich komplett flach und konnte kaum etwas anderes tun als schlafen. Jetzt ist das Fieber beinahe vergangen und ich kann nicht mehr ausschließlich herumliegen. Also beginne ich mit dem, was meine Wohnung wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzen wird.

Und dabei fällt mir auf, dass ich allzu gern übersehe, wie unfertig alles immer noch ist. Dass immer noch Kartons herumstehen, in denen so viel aus meinem alten Leben verpackt liegt. Dass ich mich immer noch nicht dazu durchringen konnte, diese Dinge in die Hand zu nehmen und irgendwo zu verstauen. Ich verweigere mich der Auseinandersetzung mit diesem Thema, ich schleiche drum herum und kneife die Augen halb zu, damit ich mein Umfeld nicht sehe. Dabei spüre ich alles jeden Tag wie eine Last auf meinem Rücken, die mich nach unten drückt. Immer wieder nehme ich mir vor, mich mal drum zu kümmern. Jetzt aber. Jetzt aber wirklich! Und immer wieder verlässt mich die Kraft.

Vielleicht wache ich irgendwann auf und fühle mich wie nach einer langen Krankheit. Vielleicht will ich dann alles ordnen und kann mit den Gefühlen klar kommen, die das in mir auslöst. Und vielleicht verschwindet dann auch dieses beständige Gefühl von Einsamkeit und Versagen und völliger Überforderung. Ich glaub jetzt mal einfach dran.

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total gelähmt

Ich bin paralysiert. Die Welt ist eingefroren, aber mir ist heiß und ich spüre, dass nicht mehr Hirn sondern Watte meinen Kopf ausfüllt. Jegliches Denken fällt schwer, jeder Handgriff ist eine Überwindung. Ich wünsche mir, dass es aufhört, dass ich mich nicht mehr so fühlen muss, doch dafür müsste ich vorankommen, müsste ich diese ganze Arbeit schaffen und ich weiß nicht einmal mehr, wo ich anfangen soll. Alles ist wichtig, alles muss gemacht werden. Am besten gestern. Natürlich.

Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Nicht nur im Büro, da ohnehin. Schon seit Monaten. Nein, jetzt habe ich mir alles, was ich von zuhause aus machen kann, mitgenommen und versuche, hier das Chaos zu beseitigen. So weit es geht. Ich mache das einfach, ich entscheide das eigenmächtig. Eine andere Wahl habe ich kaum. Außer vielleicht die, mit einem Nervenzusammenbruch auf der Arbeit zu sitzen. Dann wäre ich völlig außer Gefecht gesetzt.

Seltsam eigentlich, dass Körper und Geist bei mir so dicht machen, wenn ich überfordert bin. Statt mit viel Kraft und Elan an die Sache zu gehen, sitze ich weinend und verzweifelt über den Papieren, über den E-Mails und bin beinahe handlungsunfähig. Und weil das so ist, entwickelt sich auch noch ein schlechtes Gewissen. Ich leiste nicht genug. Ich schaffe mein Pensum nicht. Niemand kann sich auf mich verlassen. Bla bla in meinem Hirn.

Ich bin gut in meinem Job. Ich liebe ihn. Aber es ist einfach zu viel. Schon vor Monaten habe ich mich gefragt, wie lange ich das noch aushalten und wie viel ich noch geben kann. Inzwischen laufe ich auf Reserve. Noch eineinhalb Wochen bis zum Urlaub. Ich schaffe das schon irgendwie bis dahin. Aber dann muss ich meine großartige Kollegin allein lassen. Und vielleicht wird es zu viel und dann läuft sie auf dem Zahnfleisch. Wir alle haben schließlich noch ein Leben neben der Arbeit. Und sie mehr als ich, mit Familie und allem.

Egal. Erstmal durchatmen. Und dann weitermachen.

Pseiko-Görl

Meine Güte, wie lange bin ich nun um diesen Blogeintrag herumgeschlichen. Zwei Wochen? Ja, kommt ganz gut hin. Ich wollte so viel erzählen: von meinem Umzug, von der Arbeit, von lustigen Dingen und traurigen… Aber egal, worüber ich schrieb, letztendlich landete ich immer wieder bei meinem aktuellen Gemütszustand. Und eigentlich wollte ich darüber nichts schreiben. Also speicherte ich den Entwurf für später ab. Für später, wenn ich wieder Worte für die Dinge finden würde, über die es wert ist, zu berichten.

Dummerweise ändert sich nichts an der Situation und an meinem Gedanken, was zur Folge hat, dass das „leichte“ Schreiben mir gerade sehr schwer fällt. Also habe ich beschlossen, mein Gehirn zu entmüllen und doch ein paar Worte darüber zu verlieren, wie es mir so geht. Klar, ich darf das. Das hier ist mein Blog. Aber neulich habe ich versprochen, dass ich nicht jammern werde. Und vielleicht breche ich dieses Versprechen jetzt.

Ich sitze in meiner neuen Wohnung und langsam, ganz langsam wird es wirklich wohnlich hier. Der Umzug selbst war total chaotisch. Das hatte ich schon im Vorfeld befürchtet, weil ich dieses Mal einfach null in der Lage war, mich richtig darauf einzulassen. Gedanklich habe ich mich nicht fokussieren können. Dass es letztendlich doch gut gelaufen ist, habe ich den vielen Helfern zu verdanken, die an diesem Tag zwischen Solingen und Wuppertal gependelt sind, um meine Sachen in die neue Wohnung zu schaffen. Und natürlich meinem Vater, der drei Tage lang renoviert hat und auch eine Woche nach dem Stichtag noch mal zu mir gekommen ist, um mir bei Kram zu helfen. Außerdem hat mein Exfreund kräftig mit angepackt, was er wirklich nicht hätte tun müssen.

Die erste Nacht allein in Wuppertal war ziemlich furchtbar. Man sagt ja, dass die Gefühle, die man in der ersten Nacht hat, einen in der neuen Bleibe begleiten werden. Und außerdem soll der erste Traum wahr werden. Aha…? Na, dann verzichte ich aber gerne darauf, denn angenehm ist anders. Ich war wirklich angespannt und bin immer wieder mit Herzrasen aufgewacht. Die Kater waren auch sehr unruhig, vor allem die Geräusche der Gastherme haben sie immer wieder aufgeschreckt. Am ersten Tag hat Snorre mir etwas Sorgen gemacht, weil er sich immer nur versteckt hat und nichts fressen wollte. Das hat sich aber bereits gegen Abend wieder gelegt, so dass ich auch etwas ruhiger wurde. In den ersten paar Tagen hatte ich beinahe täglich Besuch von einer ganz lieben Freundin aus Solingen, die mir beim Aufbauen der Möbel geholfen hat. Wir haben uns angestellt wie die letzten Idioten, aber pssst!

Nun steht alles, das ganze Zeug ist bis auf ein paar Kistchen ausgepackt und es fehlt im Grunde nur noch der letzte Schliff. (Und etwas mehr Ordnung wäre schön.) Es fällt mir unheimlich schwer, mich zu etwas aufzuraffen und weiterzumachen. Darum stagniert die ganze Sache hier gerade etwas. Am liebsten würde ich den ganzen Tag auf dem Sofa oder im Bett liegen, mir die Decke über den Kopf ziehen und an gar nichts denken. Damit ich nicht vollkommen lethargisch werde, zwinge ich mich dazu, jeden Tag ein klein wenig in der Wohnung zu arbeiten. Aber es ist schwierig.

Bereits in den letzten Monaten hatte ich schon vermehrt mit Anflügen von Depressionen und Ängsten zu tun. Überrascht hat mich das nicht, denn Rückfälle kommen ja gerade in Stresssituationen häufig vor. Klar, niemand will das und niemand braucht das, doch es war auszuhalten. Die meiste Zeit über war ich abgelenkt und vor allem war ich nicht allein. Sicher ist es besonders seit der Trennung nicht immer angenehm gewesen, zuhause mit dem Ex-Partner zu hocken, doch anscheinend hat mir das mehr Sicherheit gegeben als ich dachte. Nun ist da keine Sicherheit mehr, kein Anker und keine Sicherheitszone. Ich bin auf mich allein gestellt und habe außerdem noch die Verantwortung für zwei Lebewesen. Die ganze Zeit denke mir: „Du darfst nicht versagen.“ – „Du kannst es dir nicht erlauben, schwach zu sein.“ – „Du musst jetzt alles allein schaffen.“ Damit setze ich mich selbst wahnsinnig unter Druck. Und was passiert, wenn ich unter Druck stehe? Genau, ich werde zum hypochondrischen, überempfindlichen, in alles etwas negatives hineininterpretierendes Pseiko Görl! Und da es ja nicht ausreicht, das in Bezug auf mich selbst auszuleben und mit Panikattacken beim Zugfahren (Da sind sie wieder, hurra!) oder Kreislaufproblemen und Herzrasen mitten in der Nacht zu reagieren, entwickle ich gerade eine ausgeprägte Paranoia bezüglich des Gesundheitszustandes meiner Kater. Das geht so weit, dass ich letzte Woche mit Snorre beim Tierarzt war, um ihn durchchecken zu lassen. Klar, lieber einmal zu viel als zu wenig. Aber immer öfter drängt sich mir gerade der Gedanke auf, ob ich überhaupt in der Lage bin, für die beiden zu sorgen. Und was mache ich, wenn diese Gedanken kommen? Genau, rumheulen. Und Panik schieben.

Im Grunde sind das auch derzeit meine neuen Hobbies. Rumheulen und Panik schieben. Und Medikamente gegen das Rumheulen und die Panik nehmen. Im Moment habe ich das Gefühl, das wird jetzt für immer so weitergehen. Ich fühle mich ein paar Jahre zurück versetzt. In die Zeit, in der mich einfach alles überfordert hat und in der mein gestresstes Ich sich einfach gewünscht hat, eine Auszeit von dieser Welt nehmen zu können. Aber genau wie damals funktioniert das leider nicht und ich muss einfach weitermachen. Für was, weiß ich eigentlich nicht. Aber irgendwas wird schon kommen. Irgendwann.

Tja. Schöne Scheiße, würde ich sagen. Ein besserer Schlusssatz fällt mir leider nicht ein.

brainfucked

Das Organ, das bei mir am meisten zu tun hat, ist das Gehirn. Vermutlich ist das bei jedem Menschen so, keine Ahnung, ich bin kein Biologe. Ich merke, wie die Schaltzentrale in meinem Schädel pulsiert und Gedanken spinnt, sie ausspuckt und wieder ansaugt. Ich fühle die Spannung in meinen Nervenbahnen und das Zittern der Membrane. Nicht körperlich, natürlich, aber auf eine verquere Art und Weise ist da dennoch dieses Gefühl. Wie kann ich das beschreiben? Ja, ganz selten geht es auch mir so, dass die Worte fehlen.

Mein Hirn pumpt also täglich zwischen meinen Ohren herum und lässt die Synapsen glühen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings stellt mich das im Moment vor ein echtes Problem: Ich knalle durch.

Dadurch, dass mein Leben sich buchstäblich von einer Minute auf die andere komplett geändert hat, bin ich nun dauerhaft damit beschäftigt, Pläne zu schmieden, Lösungen zu suchen, zu rechnen und zu organisieren. Gleichzeitig versuche ich auf der Arbeit wie gewohnt zu funktionieren. Das funktioniert tagsüber auch ganz gut. Aber sobald ich abends zuhause bin, sehe ich die ganzen Scherben um mich herum und durch meinen Kopf spuken tausend Gedanken, die sich ineinander verknoten und zu einem riesigen Stück – entschuldigung – Scheisse werden. Was habe ich getan, dass es so weit kommen konnte? Oder was habe ich nicht getan? Ist das alles meine Schuld? Habe ich das verdient? Und wie wird es jetzt weitergehen?

Natürlich wird es weitergehen. Das tut es immer. Und ich kümmere mich darum, dass es das tut. Es ist nur so verdammt schwer. Die Albträume jede Nacht, die Sorge um die Zukunft, die endlose To-Do-Liste, die ich habe, und auch die Scham und das Gefühl, komplett versagt zu haben, setzen mir wirklich zu. Und mein Gehirn läuft und läuft und heizt sich auf und generiert tausend Szenarien, die ich alle bis ins kleinste Detail zerdenken muss.

Es macht mich total irre. Eigentlich bin ich ein Mensch, der gut alleine leben kann. Aber nach sechs Jahren Partnerschaft und fünf Jahren des Zusammenlebens habe ich nun unglaubliche Angst davor, wieder allein dazustehen. Neulich habe ich zu meinen Kolleginnen gesagt, dass ich mich davor fürchte, zu sterben und irgendwann nach einer Woche halb vergammelt und stinkend in meiner Wohnung gefunden zu werden. Angefressen von den Katern, die sonst verhungert wären! Man lacht drüber, aber tatsächlich meine ich das ernst. Ich sage es ja: Ich knalle durch.

Immerhin kann ich mich nun wieder um etwas kümmern, mit dem ich mich gut auskenne: Angstzustände und Panikattacken. Das lenkt ja ziemlich gut von allem anderen ab. Zum Beispiel von dem Film, den man mit der liebsten H. im Kino schauen möchte und bei dem man dann den Saal zwischendrin verlassen muss, weil man vor lauter Panik schon beinahe ohnmächtig im Sitz hängt. Eine tolle Erfahrung und für jeden zu empfehlen, der schon immer mal auf andere Gedanken kommen wollte. Tod und Verderben ist da genau das richtige.

Nicht.

Nun ja, was auch immer mein Hirn mir noch antun wird in nächster Zeit, ich werde einfach weitermachen. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig. Und eins verspreche ich: Das hier bleibt einer von ganz wenigen Jammer-Blogeinträgen. Ich muss es nur einmal loswerden, dann ist gut. Und ich will mich ja nicht selber runterziehen. Wäre schön blöd.

 

kopflos

Alles ist falsch. Verschoben. Mein Leben hat seine Spur verlassen und es geht in rasendem Tempo durch scharfe Kurven und über gefährliche Straßenschäden hinweg. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob der Weg mich abwärts oder aufwärts führt. Geschweige denn, dass ich weiß, wie mir geschieht. So ist das wohl, wenn sich von einem Tag auf den anderen alles ändert. Wenn man sich in einem Moment noch wohlig eingebettet in seinem Alltag und seinem Trott wähnt, im anderen aber nur noch zusehen kann, wie alles, was man sich aufgebaut hat und was vor einem liegt, in tausend Scherben zerspringt und zu Boden fällt. Ohrenbetäubendes Klirren und Scheppern inklusive. Es hallt seit Tagen nach.

In der Stille, die auf den Lärm folgt, ziehe ich meine Mauern hoch. Ich möchte nicht schwach sein und ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als wäre alles, was jetzt kommt, zu viel für mich. Natürlich ist es das, natürlich macht es mir Angst und natürlich fühle ich mich überfordert, aber darum muss man es mir noch lange nicht anmerken. In den ersten Tagen war es schwer. Trennungen sind immer schwierig, egal, von wem sie ausgehen. Und es macht niemals Spaß. Besonders nicht, wenn man selber noch liebt und der geliebte Mensch plötzlich wie amputiert erscheint. Weg. Einfach so, von einer Sekunde auf die andere. Zumindest emotional, denn physisch ist er ja noch da.

Es gibt wenig, was man in solchen Fällen tun kann. Das ist so eine Gratwanderung zwischen Akzeptanz und Selbstmitleid, Betäubung und Aktionismus. Und weil man gefragt hat, weiß man, dass es nichts mehr gibt, was man tun könnte. Nur aushalten und Wunden lecken. Für letzteres gibt es leider zu wenig Zeit, denn man muss sich darum kümmern, dass das Leben weitergeht. Dass man nicht abstürzt, sondern sich gerade noch so am Abhang entlang Richtung sicheren Aufstieg hangelt. Es ist verdammt schwierig. Aber es geht. Es geht ja immer irgendwie.

Die Frage nach Schuld hängt im Raum und vergiftet das eigene Denken. Da sind die Erinnerungen an alle Situationen, in denen man besser anders gehandelt hätte. In denen man sich anders hätte entscheiden können. Tausend kleine Steine, die zusammengesetzt ein großes Ganzes ergeben, auf das man fassungslos schaut und kaum glauben kann, wie blind man gewesen sein muss. Und wie beschäftigt mit sich selbst, so dass man den Menschen neben sich kaum noch gesehen hat. Das tut weh und es tut leid, aber es ist unabänderlich. Viel zu spät.

Dennoch glaube ich nicht an die Schuld des einen. Eine Beziehung lebt von zwei Menschen, wird von beiden getragen. Oder besser gesagt: Sie wird von zwei Menschen auf mehreren Säulen in Balance gehalten. Wenn diese Säulen ihre Höhe verändern, wenn die Gewichtung in der Beziehung nicht mehr stimmt, dann beginnt man zu verlieren. Es liegt an beiden Partnern, das Fundament im Auge zu behalten.

Wir haben es nicht geschafft. Wie ich damit umgehen soll, erprobe ich gerade. Sicherlich werde ich irgendwann auf meinen Weg zurückkehren und ein gemäßigteres Tempo einhalten. Leider allein. Leider ohne dich.

 

So hab ich mir das nicht vorgestellt.

Achtung! Wer kein Gejammer und Gemotze lesen will, klickt bitte JETZT weg. Danke!

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Ding Dong! Hört ihr die Glocken bimmeln? Die Engel auf ihren Harfen klimpern? Die schönste Zeit des Jahres wird eingeläutet! Die Arbeitslosigkeit! Schmeisst ne Party, freut euch ein zweites Popoloch, tanzt das Brot! Zuhause sitzen, Bewerbungen schreiben, mit den Finanzen hadern und genau wissen: Das wird doch wieder nur Zeitarbeit. Wenn überhaupt. Es ist zum Heulen. Seit ich hier wohne läuft es beruflich nicht wirklich rund. Entweder verletze ich mich zu Beginn einer Tätigkeit bereits so schwer, dass ich zwei Wochen lang ausfalle und direkt gekündigt werde, oder mein Chef ist ein Widerling, den ich nicht aushalten kann (und schon gar nicht eine Woche lang zu zweit in einer Messewohnung), oder der Einsatz über die Zeitarbeit geht halt zuende und ich werde deswegen „entsorgt“. So langsam bekomme ich ernsthafte Zweifel an mir selbst. An meinem Können, meiner Kompromissbereitschaft und sogar an meiner Persönlichkeit! Inzwischen habe ich auch schon Angst, überhaupt wieder irgendwo neu anzufangen, weil ich ja schon weiß, wie es nach einiger Zeit enden wird. Und ohne Zeitarbeit hat man ja eh kaum noch eine Chance. Vor allem nicht mit einem Lebenslauf wie meinem, hm? Wo man in Vorstellungsgesprächen schon gefragt wird, wieso so viele Firmen pleite gegangen sind, bei denen ich gearbeitet habe. Ja, Himmel, keine Ahnung! Vielleicht griff da jemand gern in die Portokasse oder jemand ist auf Firmenkosten nach Honolulu geflogen, um in Frührente zu gehen oder vielleicht war die Wirtschaftslage einfach kacke…? In solchen Momenten möchte ich Bewerbungsgespräche gern abbrechen und meinem Gegenüber mit dem nackten Arsch ins Gesicht springen. Würde sicher meine Chancen auf eine Einstellung zerstören, aber wäre eine Genugtuung für mich. Leider befinde ich mich in einer Realität, in der ich so etwas nie tun würde. Allein schon aus dem Grund, dass ich mir gar nicht so schnell die Hose runter ziehen und über den Tisch hüpfen könnte, wie der Sicherheitsdienst (oder wahlweise die Polizei) mich aus der Firma gezerrt hätte. Schon scheiße, wenn man fett ist.

Aber es ist ja nicht nur das Rumhocken in der heimischen Bude und der tägliche Bewerbungswahnsinn. Nein. Es ist auch das unangenehme Gefühl, eine Enttäuschung für meinen Freund und unfähig zu sein, uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Ständig Jobs über Zeitarbeit zu haben ist ohnehin schon eine Belastung für die Finanzen. Und wenn aus dieser miesen Bezahlung auch noch Arbeitslosengeld berechnet wird… Hahaha. Es ist ja nicht so, als würde mein Freund übermäßig viel verdienen und könnte uns mit einem guten Puffer über Wasser halten. Ganz im Gegenteil. Ich sag’s mal so wie es ist: Wir sind arme Würste. Und ich auf jeden Fall das ärmere von uns beiden. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte einfach ein moderates Gehalt beisteuern, wir müssten nicht am Ende des Monats so knapsen und ich bräuchte keine Angst mehr zu haben, dass ich irgendwann nach Hause komme und meine Koffer vor der Tür stehen, weil mein Freund die Schnauze voll hat von mir. Niemand mag Versager. Und man mag sie noch weniger, wenn man mit ihnen zusammen lebt. Punkt.

Irgendwie war mein Gefühl vor einem Jahr noch anders. Als ich hierher kam, da dachte ich, ich könnte beruflich vielleicht sogar was ändern. In eine Richtung gehen, die mir in Hamburg nicht offen stand. Ich hatte so ein unterschwelliges Gefühl von positiver Veränderung. Keine Ahnung, ob ich mich da irgendwie verrannt habe. Ob ich mich habe täuschen lassen von dem „Ich habe alles hinter mir gelassen und fange neu an.“-Phänomen, das Umzügen oft anhaftet. (Obwohl ich das nicht bewusst so empfand, aber ich kenne das noch von früher. Bin ja oft genug umgezogen…) Jedenfalls ist nichts „besser“ geworden. Nur… komplizierter. Weil ich nicht mehr allein für mich verantwortlich bin. Wenn mir Scheiße passiert, dann passiert sie eben nicht nur mir, sondern sie betrifft nun auch meinen Freund. Ich kann nicht mehr einfach sagen: „Ja, Pech, irgendwie komme ich klar.“ Nein, ich bin nun dafür verantwortlich, dass wir beide irgendwie klar kommen. Und unsere Tiere. Das stresst mich ziemlich, denn diese Verantwortung ist für mich okay so lange alles läuft. Doch wenn es so lustig schlingernd nach unten geht, dann schreit mir mein Hirn zu, dass ich einfach eine Versagerin bin und dem Leben nicht gewachsen und ich denke, ich muss mich beweisen… Irgendwie. Damit ich es wert bin, weiter normal behandelt zu werden. Klingt schräg? Willkommen im meinem Kopf!

Was mir dann natürlich arg hilft, ist Akzeptanz. Und Zuneigung. So zum Beispiel wenn ich ganz liebe Freunde frage, ob sie mich nicht mal besuchen kommen möchten…? Ich sage euch, es verdirbt einem schon den Tag, wenn man als Antwort erhält, man wäre ja schließlich freiwillig an den Arsch der Welt gezogen, da würde man mir nicht hinterher laufen. Na, das erklärt auch, warum andere Leute auf meine Nachfragen und Einladungen gar nicht erst reagieren. Weil man mir nicht hinterher laufen will. Okay, wäre das auch geklärt. „Hier, ein Messer, ganz neu und aus rostfreiem Edelstahl! Gleitet durch Fleisch wie durch Butter. Probier’s doch gleich mal an meinem Herzen aus!“

Ich weiß gar nicht, was mein Umzug mit meinen Freundschaften zu tun hat. Ich habe es neulich zu meinem Freund gesagt und ich sage es gern wieder: Das war eine der besten Entscheidungen, die ich in den letzten Jahren getroffen habe. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, dann wäre ich gern im Norden geblieben. Aber ich bin nun mal hier, weil ich einen Mann gefunden habe, mit dem ich gern mein Leben teilen möchte. Und zwar nicht nur für ein paar Monate, sondern gern erheblich länger. Weil ich ihn liebe. Da muss man auch mal Entscheidungen treffen, die nicht so leicht sind, aber mit denen man dann leben muss. Nicht nur man selbst, sondern auch die Menschen, die einem nahe stehen. Ich mache so was nicht, um jemanden zu verletzen. Wie krank wäre das? Ich hab zwar ein paar psychische Probleme, aber so wild ist es nun auch wieder nicht. Durch die neue Situation und die neue Umgebung war ich plötzlich wieder mehr auf mich allein gestellt. Ich hatte keine „Anker“ mehr, an denen ich mich festhalten konnte. Dadurch habe ich gelernt, mir selbst wieder mehr zu vertrauen. Was ich inzwischen wieder mache – Bahn fahren, weite Strecken allein mit dem Auto fahren, angstfrei in Urlaub fahren -, das war seit Jahren nicht mehr so locker möglich. Und ich bin verdammt dankbar dafür. Also ja: Ich fühle mich hier wohl. Ich habe es nicht nötig, mich wie ein bockiges Kind gegen alles zu stellen, was mich umgibt, auch wenn Solingen eher… nun ja, mittelmäßig geil ist. So als Stadt gesehen. Aber scheiss drauf. Ist halt der Arsch der Welt. Schade, dass das mehr zu zählen scheint als der Mensch, der da wohnt.

So. Und nachdem ich mich jetzt mal so richtig ausgekackt habe, geht’s mir etwas besser. Ich denke, dass jetzt sicherlich einige Leute leicht angepieselt sind oder genervt von meinem Genöle. Aber hey, seht’s mal so: Ich höre mir euer Gemaule auch an. Und das ist manchmal gar nicht so wenig. 🙂

In diesem Sinne…

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Verflixt und zugewuffelt!

Ich stecke in einer Zwickmühle. Oder besser gesagt: Ich stecke in einer Sackgasse. In einer Situation, die ich so nie (mehr) wollte und in die mich eine Entscheidung gebracht hat, von der ich nicht weiß, ob sie gut oder schlecht war. Nachdem ich sie zuerst für schlecht gehalten habe, habe ich mich mit ihr angefreundet und sogar versöhnt. Und nun beginnt da ein Rattenschwanz dran zu hängen, der sich mir langsam um den Hals legt. Und weshalb ich wieder an allem zu zweifeln beginne und vor Entscheidungen gestellt werde, die ich irgendwie nicht treffen kann.

Aber von vorn.

Vor drei Wochen habe ich einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben. Zeitarbeit. Verdienst eher bescheiden, weniger als zuerst zugesagt. Aber da die Stelle übers Arbeitsamt vermittelt wurde, musste ich ja auch zusagen, wenn ich keine Sperre haben wollte. So weit, so gut. Vor zweieinhalb Wochen ging es dann los. Täglicher Ausflug in die Pampa! Es ist ein wenig anstrengend, jeden Tag 3,5 Stunden unterwegs zu sein, aber nachdem ich in den ersten Tagen total genervt war deswegen, habe ich mich schließlich damit abgefunden. Hat immerhin auch gute Seiten: Dadurch, dass die Busverbindungen teilweise sehr schlecht sind und in unmittelbarer Nähe meiner Firma auch keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren, laufe ich jeden Tag 60 Minuten zu Fuß. Und dass mir das gut tut, merke ich. Die Arbeit selbst ist… Nun ja, ich habe plötzlich den Logistik-Bereich unter mir. Und das habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gemacht. Dementsprechend dumm fühle ich mich die meiste Zeit über. Klar, es gibt auch Momente, in denen mir Geistesblitze kommen und ich auf einmal alles verstehe, was mir bis dato ein Rätsel war. Und vermutlich stelle ich mich auch gar nicht so dusselig an, wie es mir selbst erscheint. Ich habe halt unfassbar hohe Ansprüche an mich selbst, was auch der Grund ist, warum ich oft total verkrampft und würgend über den Rechnungen sitze. Aus Angst, etwas falsch zu machen, Erwartungen nicht zu erfüllen und vielleicht auch noch Kunden zu vergraulen, weil etwas wegen mir vollkommen in die Hose ging. Aber auch damit kommt man nach einer Zeit klar. Und es ist jetzt nicht so, dass es mir keinen Spaß machen würde. Wenn man es einmal einigermaßen drauf hat, dann ist es sogar wirklich nett, denn man muss mitdenken und nicht nur stumpf irgendwas abarbeiten.

Dennoch… Ich bemerke Veränderungen an mir. Veränderungen, die mich beunruhigen. Und wenn ich den Finger drauf legen müsste, würde ich sagen, dass das auch mit der Arbeit zu tun hat. Komme ich abends nach Hause, dann rede ich nicht mehr. Also, ich rede schon noch, aber nicht wirklich viel. Und vor allem nicht auf eine Art, die man als Austausch bezeichnen könnte. Ich funktioniere dann nach dem Prinzip: „Ich muss noch kochen. Ich muss noch irgendwas putzen oder aufräumen. Ich muss noch nähen, weil ich an keinem Wochenende mehr Zeit hab vor der Con. Ich muss noch an dies und jenes denken.“ Und dementsprechend kommen auch nur Infos aus meinem Mund. Oder eben auch nicht. Außerdem habe ich keine Lust mehr auf Zweisamkeit. Ich bin so hektisch in mir drin, dass ich meinen Freund zu vernachlässigen beginne. Was mir unendlich leid tut. Um das zu vermeiden bzw. wieder etwas zugänglicher zu werden, muss ich aber natürlich extrem drauf achten, wie ich mich verhalte. Das stresst mich und gibt mir manchmal das Gefühl, auch in meiner Freizeit und in meinem sicheren Umfeld auf Hochtouren laufen zu müssen.

Natürlich sieht das nicht so aus, dass ich wie ein aufgescheuchtes Hund durch die Butze torkle. Wenn ich nach Hause komme, muss ich mich sogar erstmal hinlegen. Weil ich vor Schmerzen nicht mehr stehen kann. Und das ist ein weiteres Problem, das sich entwickelt hat: Meine Rückenschmerzen werden wieder schlimmer. Da ich ein Einzelbüro auf der Arbeit habe, stehe ich immer mal wieder auf, strecke mich, schüttle die Beine aus oder laufe etwas auf und ab. Hilft aber leider nicht. An manchen Tagen – und das scheint völlig willkürlich zu laufen – kommen mir beim Gehen fast die Tränen. An anderen läuft es dann wieder recht flüssig. Wobei mir im Moment auch mein rechter Fuß zu schaffen macht. Bin ja am Wochenende vor Arbeitsaufnahme fies umgeknickt und im Krankenhaus haben sie gesagt, es wäre eine Bänderdehnung. Aber Dehnungen bluten nicht ein und ich hatte ein Hämatom, das sich gewaschen hat. Schmerzen habe ich auch immer noch. Nicht mehr so schlimm wie am Anfang, also ich humple nicht mehr, aber wenn ich eine längere Strecke gehe, man mich am Knöchel berührt oder der Fuß gedreht wird, schmerzt es noch sehr. Außerdem ist mein Knöchel ununterbrochen geschwollen und manchmal wird der Fuß so dick, dass ich kaum noch in meine Schuhe komme. Ich hab keine Ahnung, ob das normal ist. Denis möchte mich immer zum Arzt scheuchen, aber da ich erst so kurz im Betrieb bin, mag ich das nicht bringen. Außerhalb der Arbeitszeiten kann ich nicht gehen, denn das schaffe ich zeitlich nicht. Ich habe auch Angst davor, vielleicht krank geschrieben zu werden. Und dann kein Geld mehr nach Hause zu bringen. Jetzt schwanke ich zwischen „Ach, das wird schon alles wieder, ignorier die Schmerzen einfach, bis sie weg sind!“ und „Du hast nur ein Leben und einen Körper und musst drauf schauen, was für dich gut ist, also geh zum Arzt!“.

Ich hasse solche Situationen. Ich will keine Erwartungen enttäuschen. Und ich will nicht, dass man mich für faul hält oder meint, ich würde mich nur anstellen. Es tut mir auch echt leid, dass das hier gerade so ein Jammereintrag wird. Ich hasse mich selbst dafür. Aber andererseits muss ich es auch mal loswerden. Und Gedanken aufzuschreiben, um sie in eine vernünftige Folge bringen zu können, hat mir schon immer helfen können, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Jetzt gerade nur leider nicht. Verdammt. Hätte ja klappen können.

Wie man sieht: Unsicherheit ist nichts für mich. Egal, woher sie rührt. Das macht mich einfach kirre. Natürlich möchte ich glücklich werden. Und natürlich möchte ich mir gut tun. Aber ich habe auch Verantwortung gegenüber meinem Partner und ich habe Verpflichtungen, denen ich nachkommen muss. Und wenn das alles auf unsicherem Boden steht, dann steigt mein Blutdruck unangenehm an. Es gibt so vieles zu bedenken…