Leben in der neutralen Zone.

Vor einigen Tagen habe ich mit einer engen Freundin darüber geredet, wie unwohl ich mich im Moment mir und meinen Lebensumständen gegenüber fühle. Als sie mich fragte, warum das so ist, kam die Antwort auch für mich ziemlich überraschend. Als hätte jemand anderes die Wahrheit mit meiner Stimme ausgesprochen. „Weil ich mit extremen Gefühlen nicht umgehen kann. Egal, ob sie positiv oder negativ sind.“ Uff. Das ist eine harte Ansage, aber je länger ich inzwischen darüber nachgedacht habe, desto bewusster wurde mir, dass es wirklich so ist.

Schon immer konnte ich schlecht mit ungeklärten Situationen umgehen. Während andere zum Beispiel mit Schmetterlingen im Bauch an ihren Liebsten denken und gerade in der Anfangsphase, in der man noch nicht sicher ist, ob sich da überhaupt etwas entwickeln kann, sehr euphorisch sind und von innen heraus strahlen, fange ich sofort an, einen Krieg gegen mich zu führen. Wie kann mich überhaupt jemand mögen, ich bin dick und hässlich und nicht intelligent genug, ich schleppe zu viel Ballast mit mir herum, wer will sich das antun? Und so sehr ich mich auch bemühe, ich schaffe es nicht, das abzustellen. Ich will gesehen werden, aber ich denke auch, dass ich es nicht wert bin, gesehen zu werden. Und wenn ich jemanden mag, dann verstärkt sich dieses Gefühl tausendfach. Ständig schwanke ich zwischen Euphorie („Er hat mich angesehen, oh mein Gott!“) und totalem Absturz („Wieso beachtet er mich nicht, was habe ich falsch gemacht, wieso bin ich so furchtbar?“). Das ist ungeheuer anstrengend und entzieht mir Energie und Lebenslust.

Ähnliches passiert bei Situationen, die ich als negativ empfinde. Auf der Arbeit habe ich seit Monaten Stress. Meine Abteilung versucht gegen den Berg an Arbeit anzukommen und auch wenn wir inzwischen zwei Personen mehr haben, die uns unterstützen, ist da immer noch so viel zu tun, dass ich oft nicht weiß, wie wir das schaffen sollen. Und wenn eine Deadline ansteht und die Dinge nicht erledigt sind, dann nehme ich Arbeit mit nach Hause und sitze mitunter bis 23 Uhr vor dem PC. Ja, das sollte ich nicht tun. Ich weiß, dass ich mich damit kaputt mache. Meine Ärztin riet mir bereits, mich krank schreiben zu lassen und einfach mal eine Zeit lang nicht an die Arbeit zu denken. Aber das verursachte bei mir noch mehr Druck, denn ich fühlte mich wie eine Versagerin, die nicht in der Lage ist, die einfachsten Anforderungen zu erfüllen. Und schon setzt die Scham ein, denn wieder geht es darum, nicht gut genug zu sein.

Und so setzt sich das in meinem ganzen Leben fort: Aufregung wegen bevorstehender Termine oder Verabredungen? Nervosität wegen Ausflügen oder Reisen? Vorfreude auf eine Überraschung? Unfassbar gute Laune wegen eines tollen Tages? All das ist oft zu viel für mich. Entweder ziehe ich mich dann zurück oder ich reagiere mit Panik.

Warum das so ist, das kann ich nur vermuten. Ich denke, die Neutralität gegenüber meinem Leben und meiner eigenen Emotionen gibt mir Sicherheit. Wenn ich nur bedingt auf etwas reagiere oder eben so wie ich es bereits gewohnt bin, dann muss ich mich oft nicht um Ablehnung sorgen, um Kritik und Konfrontationen. Extreme Gefühle bedeuten immer ein Risiko für negative Reaktionen der Außenwelt und auch ein Risiko für Dinge, die einfach schief laufen können. Ich fürchte mich davor, denn ich definiere mich zu einem großen Teil darüber, ob mich die Menschen mögen oder nicht. Tun sie das nicht, kann ich das nur einigermaßen gut wegstecken, wenn ich die Person selber nicht mag.

Vermutlich ist dieser Wunsch nach Anerkennung und nach „gesehen werden“ auch ein Grund, warum ich meist über sehr persönliche Dinge schreibe. Es ist wohl so, dass ich einfach verstanden werden möchte. Das, was ich den Menschen oft nicht ins Gesicht sagen kann, wofür mir gegenüber mit den Augen gerollt wird oder was ich aus Schüchternheit oder Scham nicht sagen kann, das lasse ich hier. Genau so würde ich es auch gern mit meinen Gefühlen handhaben. Falls jemand mal etwas erfinden sollte, das mir den Umgang mit meinen Emotionen leichter macht, dann würde ich zumindest Interesse daran bekunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Pseiko-Görl

Meine Güte, wie lange bin ich nun um diesen Blogeintrag herumgeschlichen. Zwei Wochen? Ja, kommt ganz gut hin. Ich wollte so viel erzählen: von meinem Umzug, von der Arbeit, von lustigen Dingen und traurigen… Aber egal, worüber ich schrieb, letztendlich landete ich immer wieder bei meinem aktuellen Gemütszustand. Und eigentlich wollte ich darüber nichts schreiben. Also speicherte ich den Entwurf für später ab. Für später, wenn ich wieder Worte für die Dinge finden würde, über die es wert ist, zu berichten.

Dummerweise ändert sich nichts an der Situation und an meinem Gedanken, was zur Folge hat, dass das „leichte“ Schreiben mir gerade sehr schwer fällt. Also habe ich beschlossen, mein Gehirn zu entmüllen und doch ein paar Worte darüber zu verlieren, wie es mir so geht. Klar, ich darf das. Das hier ist mein Blog. Aber neulich habe ich versprochen, dass ich nicht jammern werde. Und vielleicht breche ich dieses Versprechen jetzt.

Ich sitze in meiner neuen Wohnung und langsam, ganz langsam wird es wirklich wohnlich hier. Der Umzug selbst war total chaotisch. Das hatte ich schon im Vorfeld befürchtet, weil ich dieses Mal einfach null in der Lage war, mich richtig darauf einzulassen. Gedanklich habe ich mich nicht fokussieren können. Dass es letztendlich doch gut gelaufen ist, habe ich den vielen Helfern zu verdanken, die an diesem Tag zwischen Solingen und Wuppertal gependelt sind, um meine Sachen in die neue Wohnung zu schaffen. Und natürlich meinem Vater, der drei Tage lang renoviert hat und auch eine Woche nach dem Stichtag noch mal zu mir gekommen ist, um mir bei Kram zu helfen. Außerdem hat mein Exfreund kräftig mit angepackt, was er wirklich nicht hätte tun müssen.

Die erste Nacht allein in Wuppertal war ziemlich furchtbar. Man sagt ja, dass die Gefühle, die man in der ersten Nacht hat, einen in der neuen Bleibe begleiten werden. Und außerdem soll der erste Traum wahr werden. Aha…? Na, dann verzichte ich aber gerne darauf, denn angenehm ist anders. Ich war wirklich angespannt und bin immer wieder mit Herzrasen aufgewacht. Die Kater waren auch sehr unruhig, vor allem die Geräusche der Gastherme haben sie immer wieder aufgeschreckt. Am ersten Tag hat Snorre mir etwas Sorgen gemacht, weil er sich immer nur versteckt hat und nichts fressen wollte. Das hat sich aber bereits gegen Abend wieder gelegt, so dass ich auch etwas ruhiger wurde. In den ersten paar Tagen hatte ich beinahe täglich Besuch von einer ganz lieben Freundin aus Solingen, die mir beim Aufbauen der Möbel geholfen hat. Wir haben uns angestellt wie die letzten Idioten, aber pssst!

Nun steht alles, das ganze Zeug ist bis auf ein paar Kistchen ausgepackt und es fehlt im Grunde nur noch der letzte Schliff. (Und etwas mehr Ordnung wäre schön.) Es fällt mir unheimlich schwer, mich zu etwas aufzuraffen und weiterzumachen. Darum stagniert die ganze Sache hier gerade etwas. Am liebsten würde ich den ganzen Tag auf dem Sofa oder im Bett liegen, mir die Decke über den Kopf ziehen und an gar nichts denken. Damit ich nicht vollkommen lethargisch werde, zwinge ich mich dazu, jeden Tag ein klein wenig in der Wohnung zu arbeiten. Aber es ist schwierig.

Bereits in den letzten Monaten hatte ich schon vermehrt mit Anflügen von Depressionen und Ängsten zu tun. Überrascht hat mich das nicht, denn Rückfälle kommen ja gerade in Stresssituationen häufig vor. Klar, niemand will das und niemand braucht das, doch es war auszuhalten. Die meiste Zeit über war ich abgelenkt und vor allem war ich nicht allein. Sicher ist es besonders seit der Trennung nicht immer angenehm gewesen, zuhause mit dem Ex-Partner zu hocken, doch anscheinend hat mir das mehr Sicherheit gegeben als ich dachte. Nun ist da keine Sicherheit mehr, kein Anker und keine Sicherheitszone. Ich bin auf mich allein gestellt und habe außerdem noch die Verantwortung für zwei Lebewesen. Die ganze Zeit denke mir: „Du darfst nicht versagen.“ – „Du kannst es dir nicht erlauben, schwach zu sein.“ – „Du musst jetzt alles allein schaffen.“ Damit setze ich mich selbst wahnsinnig unter Druck. Und was passiert, wenn ich unter Druck stehe? Genau, ich werde zum hypochondrischen, überempfindlichen, in alles etwas negatives hineininterpretierendes Pseiko Görl! Und da es ja nicht ausreicht, das in Bezug auf mich selbst auszuleben und mit Panikattacken beim Zugfahren (Da sind sie wieder, hurra!) oder Kreislaufproblemen und Herzrasen mitten in der Nacht zu reagieren, entwickle ich gerade eine ausgeprägte Paranoia bezüglich des Gesundheitszustandes meiner Kater. Das geht so weit, dass ich letzte Woche mit Snorre beim Tierarzt war, um ihn durchchecken zu lassen. Klar, lieber einmal zu viel als zu wenig. Aber immer öfter drängt sich mir gerade der Gedanke auf, ob ich überhaupt in der Lage bin, für die beiden zu sorgen. Und was mache ich, wenn diese Gedanken kommen? Genau, rumheulen. Und Panik schieben.

Im Grunde sind das auch derzeit meine neuen Hobbies. Rumheulen und Panik schieben. Und Medikamente gegen das Rumheulen und die Panik nehmen. Im Moment habe ich das Gefühl, das wird jetzt für immer so weitergehen. Ich fühle mich ein paar Jahre zurück versetzt. In die Zeit, in der mich einfach alles überfordert hat und in der mein gestresstes Ich sich einfach gewünscht hat, eine Auszeit von dieser Welt nehmen zu können. Aber genau wie damals funktioniert das leider nicht und ich muss einfach weitermachen. Für was, weiß ich eigentlich nicht. Aber irgendwas wird schon kommen. Irgendwann.

Tja. Schöne Scheiße, würde ich sagen. Ein besserer Schlusssatz fällt mir leider nicht ein.

Null-Stimmung

Dieses Jahr kann er sich so richtig freuen, mein Freund. Ich mache ihm das beste Geschenk zur Vorweihnachtszeit und als ich ihm davon berichtete, war er so verdutzt, dass er erstmal gar nichts sagen konnte. Es ist einfach ungewöhnlich für mich. Begeistert war er aber natürlich trotzdem. Ist es wohl immer noch.

Es ist so, dass ich ein erklärter Fan der Weihnachtszeit bin. Besonders der Vorweihnachtszeit. Weihnachtsdeko, Weihnachtsmärkte, Kekse backen, Geschenke suchen… Das alles ist mein Ding. Ich liebe die Dunkelheit, die Kälte, die Lichter in den Fenstern. Mein Freund hingegen… Er findet das alles überflüssig und doof und erträgt meine Dezember-Eskalation im Grunde nur, weil wir halt zusammen leben und er nicht flüchten kann.

Dieses Jahr braucht er sich darum keine Sorgen zu machen. Ich habe keine Lust. Keine Lust auf Weihnachten, auf Vorfreude, auf Gemütlichkeit und eine feierliche Stimmung. Ich möchte mich nicht damit beschäftigen, es im Grunde noch nicht mal an mich ran lassen. Es ist mir zu viel und zu anstrengend und ich habe das Gefühl, es stecken irgendwelche Erwartungen an mich dahinter. Ich kann das gerade nicht ertragen. 

Das generelle Problem dahinter ist leider ziemlich ernst. Seit ein paar Wochen vermisse ich zunehmend den Spaß an Dingen, die mich sonst begeistern. Ich habe wieder Angstzustände beim Zugfahren, Herzstolpern und starkes Zittern vorm Einschlafen. Was das bedeutet, ist mir durchaus klar. Und dass ich versuchen muss, irgendwie die Kurve zu kriegen, ohne wieder gnadenlos auf die Schnauze zu fallen. Es scheint, ich lerne nie dazu. „Es geht schon, es geht schon. Ich schaffe das. Ist ja nur noch bis…“ Eines Tages sollte ich begreifen, dass ich empfindlicher bin als andere. Dass ich schneller ausbrenne. Im Moment bin ich auf jeden Fall ziemlich leer. Und der einzige Treibstoff, den ich drauf kippen kann, ist die tiefe Angst in mir, dass alles um mich herum zerbrechen wird, wenn mein Motor ausfällt.

Nicht jede Krankheit kann man sehen.

Ich habe wirklich lange überlegt, ob ich in diesem Blog, der ja kreuz und quer durch meine Gedanken und Interessen geht, ein für mich sehr wichtiges und immer präsentes Thema zur Sprache bringen soll oder nicht: psychische Krankheiten. Generell bin ich sehr an Psychologie und menschlichem Verhalten interessiert. Daher würde es sich anbieten, auch mal darüber zu schreiben. Doch da es eben auch so ist, dass ich selbst betroffen war – oder es immer noch bin, aber inzwischen eher latent -, berührt mich dieses Thema auf einer so tiefen Ebene, dass ich es nicht einfach sachlich mit ein oder zwei Sätzen abtun kann.

Obwohl ich in der letzten Zeit wenig Muße zum Schreiben habe, lese ich doch immer noch fleißig in meiner Blogroll. Ich verfolge die unterschiedlichsten Themen und es stecken sehr verschiedene Menschen dahinter, doch mir ist aufgefallen, dass sich über kurz oder lang viele mit psychischen Erkrankungen auseinander setzen oder das Thema zumindest anreißen. Wieso das so ist? Ich kann es mir nur so erklären, dass einerseits die Sensibilität dafür steigt, andererseits aber auch der Druck in der Gesellschaft und sich darum viele Menschen irgendwann persönlich mit der Problematik konfrontiert sehen. Gesteigerte Erwartungshaltung, Versagensangst, Erfolgsdruck und auch die neuen Medien belasten den menschlichen Geist oft über die Maßen und sind sicher ein großer Faktor für die zunehmenden psychischen Probleme in unserem Land. Es ist beängstigend, wie uns inzwischen schon von Kindesbeinen an eingetrichtert wird, dass wir funktionieren und etwas leisten müssen, dass unser Selbstwertgefühl an unser Aussehen und unsere Finanzen geknüpft ist und wir am besten auch mit 55 Jahren noch genau so aussehen und so aktiv sind wie mit 20. Wir sind eine Nation von Nummern, von austauschbaren Arbeitern, die denen, die durch ihren Erfolg aus der Masse heraus stechen, vollkommen egal geworden sind. Wir entfremden uns, wir leben einsam zwischen unseren Nachbarn, Menschlichkeit rückt immer mehr in den Hintergrund und wir haben keine Zeit mehr, den Kopf auszuschalten und los zu lassen.

Ist es also ein Wunder, dass wir irgendwann unter dem Trommelfeuer unserer Umwelt zusammenbrechen?

Schleichend aber stetig hat sich die Depression zu einer Volkskrankheit entwickelt. Auch wenn viele lieber den Begriff „Burn-out“ benutzen, weil der positiv besetzt ist und impliziert, dass man einfach so viel geackert hat, dass jetzt mal Schluss ist: Eine Depression bleibt eine Depression. Egal, wie man sie bezeichnet. Und sie kann unterschiedlichste Auslöser haben. Weithin scheint sich der Irrglaube zu halten, dass eine Depression bedeutet „einen an der Klatsche zu haben“, „nicht mehr ganz dicht zu sein“ oder – ganz simpel gesagt – eben einfach verrückt zu sein. Dass es aber eben um Überlastung geht, um Traumata oder auch um eine Stoffwechselstörung, die gewisse chemische Prozesse im Gehirn verändert oder stört, ist vielen Nicht-Betroffenen nicht klar. Oder sie wollen es gar nicht wissen. Sich mit dieser Thematik zu beschäftigen bedeutet nämlich oft, sich aus seiner sicheren Umwelt hinaus zu wagen und die Welt anders zu begreifen. Mit anderen Augen zu sehen. Und dabei kann man mitunter auch Dinge entdecken, die einem nicht gefallen.

Ich gehe mit dem, was mir passiert ist und wie ich die letzten Jahre erlebt habe, sehr offen um. Wozu soll ich ein Geheimnis daraus machen? Alle Höhen und Tiefen, die ich erfahren habe, haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Sie haben mich an den Ort gebracht, an dem ich nun mein Leben führe. Und sie haben einen großen Anteil an meiner jetzigen Sicht auf die Welt und die Menschen. Und weil das so ist und ich denke, dass es anderen Menschen vielleicht auch Mut machen oder ihre Fragen beantworten kann, möchte ich in Zukunft auch darüber reden. Ich denke, wir brauchen mehr Menschen, die einfach mal reden.