Wut im Bauch

Ich weiß, ich sollte es nicht tun. Ich sollte keine Kommentare auf Facebook lesen, keine Tweets und keine Forendiskussionen. Ich sollte es einfach nicht tun. Und dennoch… Immer wieder stolpere ich über Menschen, die ihre Meinung in den Äther spucken wie giftige Schlacke. Und immer öfter ist darunter diese braune Einheitssoße, die mich so anekelt und vor der es mir graust.

Heute las ich in der Mittagspause einen Artikel über das Unternehmen Continental, das Flüchtlingen die Möglichkeit gibt, eine Ausbildung zu machen. Wen es interessiert, hier ist der Link zum Artikel: http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Wirtschaft/d/9100282/worin-fluechtlinge-deutsche-azubis-uebertreffen.html

Okay, die Überschrift ist schon ein wenig reißerisch. Aber der Artikel an sich ist recht klar und sachlich. Was allerdings in den Kommentaren auf Facebook geschrieben wurde, das war alles, aber nicht mehr sachlich! Und – man entschuldige die Wortwahl – bei solchen Ergüssen wie „Da kommt einem das Kotzen! Deutsche Auszubildende werden 100% durchleuchtet und gesiebt und wenn Flüchtlinge kommen ist das alles egal.“, „Unglaublich das die eigenen Bürger so denonziert werden.“ oder „Die sollen das Geld mal in die Jugend investieren damit die wieder eine Zukunft haben!“ kommt mir ein wenig Kotze hoch. (Rechtschreibfehler habe ich übrigens nicht korrigiert. So viel Zeit verschwende ich auf diese Äußerungen nicht.) Worüber sich da übrigens aufgeregt wird: 28% der ausländischen Bewerber konnten sich in ihrer Landessprache beim Eignungstest für einen Job qualifizieren. Das war jeder vierte der Bewerbergruppe. Bei deutschen Bewerbern qualifiziert sich nur jeder zehnte.

Um Himmels Willen, sie haben die Deutschen beleidigt! Verfolgt sie, verbrennt sie, piekst sie mit Mistgabeln! Meine Güte. Wie die Wilden stürzen sich diese Leute auf jeden noch so kleinen Satzteil, an dem sie sich so richtig schön austoben können. Sie springen auf die Wörter, sie bearbeiten, drehen und wenden sie bis nichts mehr von der eigentlichen Aussage bleibt. Hauptsache, es passt irgendwie in ihren Kopf und ihr Weltbild. Und gleichzeitig schimpfen sie auf die „dummen Journalisten“, die anscheinend ihren Job nicht beherrschen.

Leider, leider konnte ich mich dieses eine Mal nicht zurückhalten und bin in die braune Suppe gesprungen. Diese Wut in meinem Bauch musste einfach raus. Es musste einfach mal jemand den Mund aufmachen und dagegen reden. Natürlich bringen solche Diskussionen erfahrungsgemäß gar nichts. Weder mir noch anderen Menschen. Aber dennoch… Kann ich einfach nur kopfschüttelnd daneben sitzen und zusehen, wie Fakten verdreht werden? Kann ich einfach wegsehen, wenn gehetzt wird und Dummheit so offensichtlich dargestellt wird?

Es ist ja nicht so, als könnte ich gewisse Bedenken und Ängste nicht nachvollziehen. Klar ist es gut, nicht alles blauäugig hinzunehmen und die ganze Welt zu umarmen. Den Dingen kritisch gegenüberstehen, aber um Himmels Willen auch mal den Verstand und ein bisschen Herz einschalten – das wäre wirklich wünschenswert. Dann wäre vielleicht auf so eine blöde Frage an mich, wieso ich denn noch in Deutschland lebe und nicht in Saudi-Arabien, wenn alle Menschen gleich sind, gar nicht folgende Antwort nötig: „Ich fühle mich aber nicht bemüßigt, eine weiterführende Diskussion mit Ihnen einzugehen, da einerseits meine Mittagspause gleich vorbei ist und andererseits diese (Verzeihung) dumme Frage jeglicher Antwort entbehrt.“ 

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Links – Mitte – Rechts – Oben – Unten?

Heute Morgen auf Twitter stieß ich in meiner Timeline auf diesen Artikel der Wochenzeitung. Kurze Zusammenfassung: Vor einiger Zeit hat Andreas Glarner von der Schweizer Partei SVP einen Post auf Facebook verfasst, der nicht nur gegen Frauen (der linken Parteien) geschossen hat sondern der außerdem noch eine Flut von abwertenden, beleidigenden, sexistischen und rassistischen Kommentaren nach sich gezogen hat. Einer dieser Kommentatoren hat sich mit den Journalisten der Wochenzeitung zu einem Interview verabredet und dort seine rechts gerichtete Denkweise erklärt.

Zum Inhalt des Interviews und zu meiner Ansicht diesbezüglich möchte ich gar nicht großartig viel sagen. Es reicht ein einziger Satz: Ich teile die Ansichten dieses Menschen nicht, kann aber in Grundzügen verstehen, was er meint. Das Lesen hat bei mir Unbehagen ausgelöst und das nicht nur wegen seiner für mich widersprüchlichen Argumentation sondern auch aufgrund der Aussage, dass er als Schweizer alle Deutschen hasst.

Ich liebe die Schweiz. Einige meiner besten Freunde wohnen dort und ich finde das Land einfach wunderschön. Das heißt nicht, dass ich unbedingt dort leben möchte, und wenn ich zu Besuch bin, dann versuche ich mich anständig zu benehmen und den Einheimischen respektvoll zu begegnen. Natürlich ist mir bewusst, dass viele Schweizer nicht gerade besonders gut auf die Deutschen zu sprechen sind. Das hat vor allem wirtschaftliche Hintergründe, denke ich. Ich habe nie besonders viel darauf gegeben, immerhin ist jeder Mensch doch individuell nach seinen Taten, Worten und seiner Lebenssituation zu beurteilen. Oder nicht? Heute habe ich gemerkt, dass es sich durchaus schmerzvoll anfühlen kann als Deutsche erstmal pauschal gehasst zu werden. Man hat nichts verbrochen, sieht sich selbst als relativ aufgeschlossenen und angenehmen Menschen und dann so was.

Vielleicht ist das ein Bruchteil des Gefühls, das Menschen empfinden müssen, wenn sie nicht willkommen sind. Wenn sie der „falschen“ Religion angehören. Wenn sie Staatsbürger eines Landes sind, in dem Krieg herrscht, vor dem sie flüchten. Pauschale Ablehnung ist generell Mist. Ähnlich wie die typische Nazi-Keule, die immer wieder gegen uns geschwungen wird. „Du bist Deutsche? Du Nazi!“ – „Hitler ist seit 70 Jahren tot und was die Leute damals getan haben, gilt für mich nicht mehr.“ – „Egal. Nazi!“ Danke für das Gespräch.

Für mich lautet die Frage im Moment: Wo stehe ich denn? In den ganzen politischen Diskussionen, die gerade lauter und lauter werden, vertrete ich bitte schön welchen Standpunkt? Keine Ahnung. Ich weiß, ich bin nicht rechts. Schaue ich mir das Wahlprogramm der AfD an, weiß ich nicht genau, ob ich lachen oder weinen soll. Ich bekomme das Gefühl, die Partei möchte ganz Deutschland am liebsten zurück in die 1930er Jahre schießen. Und „Der III. Weg“ ist noch radikaler. Da rollen sich mir die Fußnägel hoch. So etwas könnte ich nie unterstützen. Bin ich denn aber links? Oder tendiere ich zur Mitte? Und was ist eigentlich mit allem dazwischen? Und wieso lässt man Oben und Unten außer Acht, wenn man doch eigentlich schon mal dabei ist? Muss man sich überhaupt festlegen?

Wie sehr sehne ich mich manchmal nach den Tagen, in denen ich mir über Politik so gar keine Gedanken machen musste. Die Kinderzeit, ohne nennenswerte Verantwortung und ohne Angst vor der Zukunft dieses Landes und der Welt im Allgemeinen, scheint im Rückblick wieder sehr verlockend. Noch einmal dahin flüchten… Wie schön wäre das. Aber es ist nicht möglich und ich darf die Augen nicht vor dem verschließen, was aktuell passiert. Auch wenn mich das im Moment das Fürchten lehrt. Mehr als jeder Horrorfilm es könnte.

 

Bitte helft mir, meine Familie wiederzufinden-Please help me find my family again! هل تستطيع ان تساعدني بان اجد عائلتي

Nicht nur Menschen flüchten vor dem IS, sondern auch ihre Tiere, die sie manchmal mit sich nehmen. „Dias“ ist auf der Flucht verloren gegangen, als ihre Familie mit dem Schlauchboot auf der Insel Lesbos ankam. Glücklicherweise wurde sie gefunden un d es kümmern sich liebe Menschen um sie, aber es wäre wundervoll, wenn sie ihre Familie wiederfinden könnte, die sie so sehr geliebt hat, dass sie nicht allein in ihrer Heimat zurückgelassen wurde.

 

Quelle: Bitte helft mir, meine Familie wiederzufinden-Please help me find my family again! هل تستطيع ان تساعدني بان اجد عائلتي

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Wie ätzend ich es finde, wenn die Leute jammern, dass man sich nicht über das, was in Paris geschehen ist, so mokieren soll, weil es anderswo auch schlimm ist. Ist man geschockt über Paris, ist man doof, weil woanders auch Krieg und Hunger herrschen. Ist man gegen den Krieg in Syrien, hat man nicht genug Mitleid mit den Dritte Welt-Ländern, in denen Hungersnöte herrschen. Regt man sich über Kinderschänder auf, vergisst man die Tierquäler.

Ich persönlich kann und will mich nicht jeden Tag mit allem Bösen, das auf der Welt herrscht, befassen. Dann müsste ich meinen Job aufgeben, weil ich keine Zeit mehr zum Arbeiten hätte. Ich würde nur noch depressiv rumlaufen,weil ich dem Leid anderer Menschen so viel Raum in meinem Leben gäbe. Ich hätte ständig Angst vor Terror, würde mich in Katastrophengedanken über Kriege und Krankheiten verlieren. Ist es selbstsüchtig, wenn ich sage, dass ich das nicht will? Ja. Und das ist gut so. Denn diese Selbstsucht bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren und in einer immer verrückter werdenden Welt handlungsunfähig zu werden.

Soll ich einfach mal sagen, wie es bei mir aussieht? Ich empfinde Krieg und Terror als extrem beängstigend. Ich fürchte mich vor der Grausamkeit der Menschen, vor blindem Fanatismus, vor den Waffen, die genutzt werden und noch mehr vor denen, die (noch) nicht genutzt werden. Ich meide die Nachrichten, weil ich in den Bildern, die in mein warmes und sicheres Wohnzimmer übertragen werden, das Leid und die Verzweiflung derer sehe, die sicherlich am wenigsten mit Kriegstreibern und Ausbeutern zu tun haben wollten, jetzt aber ihre Opfer sind. Ich schäme mich ständig dafür, in einem relativ sicheren Land zu leben, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Luxusgüter besitze, teure Hobbies habe und solche Dinge tun kann wie z. B. Videospiele spielen.

Vor einigen Wochen habe ich aus Versehen eine Schnecke zertreten. Ich habe geweint, weil ich ein Leben beendet habe. Ohne es zu wollen. Und ich konnte nichts dagegen tun. Noch heute denke ich oft an dieses kleine Wesen. Wenn ich über die Straße gehe, muss ich die Gedanken an Käfer, Ameisen und Co. ausblenden, weil ich mich sonst kaum noch in der Welt bewegen könnte.

Wenn ich mich all diesen Gedanken, all diesen Gefühlen täglich aussetzen würde, dann wäre ich ein Wrack. Ich könnte damit nicht umgehen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit dem befasse, was in der Welt vor sich geht. Allein durch meinen Beruf bekomme ich sehr viel aus den Heimatländern unserer Schüler mit, weil sie mit mir darüber reden. Aber ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, mich selbst gefühlsmäßig allem Leid der Welt auszuliefern, denn es ändert ja auch nichts für die Menschen, die akut betroffen sind. Ich kann nicht hingehen und ein Flüchtlingscamp bauen. Ich kann nicht nach Syrien fliegen und den Krieg durch gute Gedanken stoppen. Egal, ob ich gerade um die Opfer in Paris trauere oder nicht: Das bedeutet nicht, dass mir alles andere egal ist. Wenn ich für Frieden bete, gilt das nicht nur für unser Nachbarland. Es gilt für Naomi aus Uganda, die auf der Straße lebt. Es gilt für Mohamed aus Syrien, der vor dem Krieg flieht. Es gilt für Vladimir aus Russland, der wegen seiner Homosexualität verfolgt wird. Für alle Menschen und Tiere, die auf diesem schönen Planeten leben.

Nein, ich möchte kein schlechtes Gewissen haben, weil mich der Terror in Paris gerade akut beschäftigt. Und sicherlich möchte auch jemand aus Beirut kein schlechtes Gewissen haben, weil ihm die Raketenangriffe in seiner Stadt näher gehen als Selbstmordanschläge in Paris. Es kommt auf den Blickwinkel an und auf das, was man für sich und sein Leben entscheidet. Ich entscheide mich für eine gewisse Form von Distanz und möchte, dass man das respektiert.