Work-Life Balance oder Worklife-Balance?

In den letzten Monaten ist etwas Seltsames passiert. Mein Leben hat Fahrt aufgenommen und an Tempo zugelegt, während es gleichzeitig in eine Art Stasis gefallen ist. Klingt komisch? Stellt euch vor, ihr habt eine ganz gute Balance im Leben gefunden und plötzlich bringt euch etwas vom Weg ab oder sorgt dafür, dass ihr eine Richtung einschlagen müsst, die so nicht vorgesehen war. Dadurch geratet ihr ins Schlingern. Erst unmerklich, dann aber immer stärker und stärker und irgendwann müsst ihr alle Kraft aufwenden, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Dafür vernachlässigt ihr alles andere, für das ihr gern noch Zeit oder Energie aufwenden würdet. Und so fällt ein Teil von euch in Winterschlaf, während ein anderer sich abstrampelt, um auf Kurs zu bleiben. Das ist ein ziemlich fieses Gefühl, weil die innerliche Zerrissenheit wächst und wächst, bis man schließlich wie ein gespanntes Gummiband kurz vor der Zerstörung steht. 

Ich habe das Band stetig weiter auf Spannung gebracht, ohne es wirklich zu merken. Ich habe gearbeitet und dabei Überstunden geschoben, die mir eigentlich nicht viel ausmachten, weil ich den Job gern mache. Mittagspause? Nie gemacht, höchstens mal, wenn meine Chefin mich dazu verdonnerte. Immer erreichbar, immer auf Abruf – auch mental. Die Arbeit wurde zu meiner höchsten Priorität, was auch einem gewissen Grad an Perfektionismus geschuldet ist, denn es musste nicht nur irgendwie laufen, sondern es musste perfekt laufen! So lief das über Monate, denn ich wollte mich beweisen. Ich wollte für andere wertvoll sein. Dass ich mir selbst und meinem Wohlergehen dabei kaum Bedeutung zugestanden habe, ist mir erst in den letzten Wochen aufgegangen. Mit manchmal sechs bis acht Überstunden an einem Tag (Nämlich freitags, wenn ich eigentlich nur bis mittags arbeiten sollte…) habe ich mir selbst die Möglichkeit genommen, mich zu erholen. Ich habe im Gegenteil versucht, mich noch mehr abzustrampeln. Schließlich muss ja alles schaffbar sein. Sicher, mir war bewusst, dass ich für zwei arbeite, aber ändern ließ es sich ja eh nicht. Oder? 

Doch, es lässt sich ändern. Aber das wird niemand anders für mich tun. Da muss ich selbst meinen Hintern hoch kriegen. Klar, das ist nicht unbedingt einfach, aber ich möchte auch nicht die Situation von vor 9 Jahren wiederholen, als ich so überlastet war, dass ich komplett handlungsunfähig wurde. Also muss ich die Notbremse ziehen, Grenzen setzen und vor allem einsehen, dass ich nicht nur geschätzt werde, wenn ich mir den Hintern so dermaßen aufreiße, dass ich in dem Loch selbst versinken kann. 

In den vergangenen zwei Wochen hatte ich Urlaub. Zeit, um wieder etwas mehr auf mich zu hören und zur Ruhe zu kommen. Während dieser Zeit habe ich gemerkt, was ich alles vermisst habe in den letzten Monaten. Freunde treffen, Cosplay, bloggen, kreatives Schreiben, Videospiele oder auch einfach nur mal abends mit meinem Freund einen Film schauen… Das fand im Grunde gar nicht mehr statt. Und das kann’s ja nicht sein! 

Ich weiß, dass es nicht einfach wird. Ich muss lernen, mich (auch gegen mich selbst) mehr durchzusetzen. Nicht immer andere an erste Stelle rücken. Egoismus ist nämlich nicht immer schlecht, sondern kann auch eine Form von Selbstachtung und vor allem Selbstschutz sein! 

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