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Wie ätzend ich es finde, wenn die Leute jammern, dass man sich nicht über das, was in Paris geschehen ist, so mokieren soll, weil es anderswo auch schlimm ist. Ist man geschockt über Paris, ist man doof, weil woanders auch Krieg und Hunger herrschen. Ist man gegen den Krieg in Syrien, hat man nicht genug Mitleid mit den Dritte Welt-Ländern, in denen Hungersnöte herrschen. Regt man sich über Kinderschänder auf, vergisst man die Tierquäler.

Ich persönlich kann und will mich nicht jeden Tag mit allem Bösen, das auf der Welt herrscht, befassen. Dann müsste ich meinen Job aufgeben, weil ich keine Zeit mehr zum Arbeiten hätte. Ich würde nur noch depressiv rumlaufen,weil ich dem Leid anderer Menschen so viel Raum in meinem Leben gäbe. Ich hätte ständig Angst vor Terror, würde mich in Katastrophengedanken über Kriege und Krankheiten verlieren. Ist es selbstsüchtig, wenn ich sage, dass ich das nicht will? Ja. Und das ist gut so. Denn diese Selbstsucht bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren und in einer immer verrückter werdenden Welt handlungsunfähig zu werden.

Soll ich einfach mal sagen, wie es bei mir aussieht? Ich empfinde Krieg und Terror als extrem beängstigend. Ich fürchte mich vor der Grausamkeit der Menschen, vor blindem Fanatismus, vor den Waffen, die genutzt werden und noch mehr vor denen, die (noch) nicht genutzt werden. Ich meide die Nachrichten, weil ich in den Bildern, die in mein warmes und sicheres Wohnzimmer übertragen werden, das Leid und die Verzweiflung derer sehe, die sicherlich am wenigsten mit Kriegstreibern und Ausbeutern zu tun haben wollten, jetzt aber ihre Opfer sind. Ich schäme mich ständig dafür, in einem relativ sicheren Land zu leben, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Luxusgüter besitze, teure Hobbies habe und solche Dinge tun kann wie z. B. Videospiele spielen.

Vor einigen Wochen habe ich aus Versehen eine Schnecke zertreten. Ich habe geweint, weil ich ein Leben beendet habe. Ohne es zu wollen. Und ich konnte nichts dagegen tun. Noch heute denke ich oft an dieses kleine Wesen. Wenn ich über die Straße gehe, muss ich die Gedanken an Käfer, Ameisen und Co. ausblenden, weil ich mich sonst kaum noch in der Welt bewegen könnte.

Wenn ich mich all diesen Gedanken, all diesen Gefühlen täglich aussetzen würde, dann wäre ich ein Wrack. Ich könnte damit nicht umgehen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit dem befasse, was in der Welt vor sich geht. Allein durch meinen Beruf bekomme ich sehr viel aus den Heimatländern unserer Schüler mit, weil sie mit mir darüber reden. Aber ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, mich selbst gefühlsmäßig allem Leid der Welt auszuliefern, denn es ändert ja auch nichts für die Menschen, die akut betroffen sind. Ich kann nicht hingehen und ein Flüchtlingscamp bauen. Ich kann nicht nach Syrien fliegen und den Krieg durch gute Gedanken stoppen. Egal, ob ich gerade um die Opfer in Paris trauere oder nicht: Das bedeutet nicht, dass mir alles andere egal ist. Wenn ich für Frieden bete, gilt das nicht nur für unser Nachbarland. Es gilt für Naomi aus Uganda, die auf der Straße lebt. Es gilt für Mohamed aus Syrien, der vor dem Krieg flieht. Es gilt für Vladimir aus Russland, der wegen seiner Homosexualität verfolgt wird. Für alle Menschen und Tiere, die auf diesem schönen Planeten leben.

Nein, ich möchte kein schlechtes Gewissen haben, weil mich der Terror in Paris gerade akut beschäftigt. Und sicherlich möchte auch jemand aus Beirut kein schlechtes Gewissen haben, weil ihm die Raketenangriffe in seiner Stadt näher gehen als Selbstmordanschläge in Paris. Es kommt auf den Blickwinkel an und auf das, was man für sich und sein Leben entscheidet. Ich entscheide mich für eine gewisse Form von Distanz und möchte, dass man das respektiert.

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