Nehmen Sie einfach ab.

Wenn man mich anschaut, dann sieht man es ziemlich deutlich: Ich bin zu dick. Das finde ich jetzt nicht besonders prickelnd und an manchen Tagen hadere ich wirklich sehr damit, aber es ist eben so. Von Zeit zu Zeit würde ich mir mein Fett gern mit einer Kettensäge entfernen. Wrumm, wrumm! Und abschneiden! Shaping mittels Kettensägen-Diät. Ein Knaller. Wenn es doch nur funktionieren würde…

Als Teenager war ich wirklich schlank, auch wenn ich mich nicht so gesehen habe. Aber Teenager halt, die finden sich ja immer zu dick, zu hässlich, zu dumm und was weiß ich nicht alles. Als ich dann gerade anfing, mich in meiner Haut wohler zu fühlen, musste ich Medikamente nehmen, dann startete das Frustfressen und ich ging immer weiter auf. Wie der berühmt-berüchtigte Hefekuchen. Heute nenne ich mich Blob. Und ich glaube, mein Hintern entwickelt ein eigenes Gravitationsfeld. Auch wenn ich bereits wieder 10 kg weniger auf die Waage bringe als noch vor zwei Jahren.

Mal abgesehen davon, dass mich das auf der ästhetischen Ebene stört, komme ich so langsam in ein Alter, in dem sich erhöhtes Gewicht auch gesundheitlich bemerkbar macht. Mit disziplinierter Gewichtsabnahme könnte ich meine Zipperlein sicher deutlich mindern oder sogar ganz loswerden. Aber Disziplin, was ist das? Ich bin einfach so unheimlich faul, nicht nur in puncto Bewegung, sondern auch was das Kochen angeht oder überhaupt das Essen. Ich mag mir darüber keine Gedanken machen. Ich beschäftige mich nicht gern mit Essen, mit Kochen oder mit dem Einkauf von Lebensmitteln. Das ist ein notwendiges Übel, aber nichts, was mir Spaß macht oder mich auf irgendeiner Meta-Ebene befriedigt. Ich weiß, dass das schlecht ist. Ich weiß, dass ich mich besser um mich kümmern müsste, wenn ich noch ein paar glückliche Jahre auf dieser Erde verleben möchte. Aber es ist verdammt schwer.

Gestern unterhielt ich mich mit einer ebenfalls molligen Freundin darüber, dass sie mal zum Arzt gehen müsse, sie aber auch genau wisse, dass der eh nur sagt, sie solle halt abnehmen. Und das ist so eine Aussage, die leider wahr ist und die mich total wütend macht. Ich habe das Gefühl, dass man als dicker Mensch besonders von Ärzten oft nicht für voll genommen wird. Die Beschwerden werden meist direkt auf das Gewicht geschoben, oft wird man noch nicht mal richtig untersucht. Ich will gar nicht abstreiten, dass es natürlich gesünder wäre, abzunehmen und seinen Körper damit zu entlasten. Und natürlich sind viele Krankheiten dem Übergewicht zuzuschreiben. Aber einfach pauschal zu sagen „Nehmen Sie einfach ab und dann geht es Ihnen besser.“ ist einfach total dämlich. Weil es unwahr ist. Wenn ich mit starken Kopfschmerzen zum Arzt komme, weil mir eine Dachpfanne auf den Kopf gefallen ist, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. Wenn ich total verrotzt und mit hohem Fieber vor dem Doktor sitze, hat das nichts mit meinem Gewicht zu tun. In solchen Fällen bekomme ich meine Diagnose, ich bekomme Medikamente, mir wird geholfen. Aber sobald eher unspezifische Sachen im Spiel sind wie Schmerzen, welche die Bewegung einschränken, oder Probleme beim Atmen, Herzrasen oder auch Stimmungsschwankungen, wird sofort die Dicken-Keule rausgeholt. Muss das sein? Was ist denn, wenn eine chronische Erkrankung vorliegt oder vielleicht ein akutes Problem, das behandelt werden muss? Ohne genaue Diagnose weggeschickt zu werden mit so einem blöden Spruch, das finde ich fahrlässig.

Sicher ist mir klar, dass nicht alle Ärzte so sind. Aber ich musste das selber so oft erleben und dabei bin ich „nur“ dick und bewege mich nicht in einem sehr extremen Bereich der Adipositas. Ich will wirklich nicht wissen, wie es anderen damit geht, die noch mehr Kilos drauf haben als ich. Mein Bandscheibenvorfall wurde etwa ein Jahr lang nicht erkannt und nicht behandelt, weil sich niemand bemüßigt gefühlt hat, mal eine vernünftige Untersuchung zu machen. Es hieß immer nur: „Sie sind halt dick, da bekommt man eben Rückenschmerzen.“ Als ich dann schließlich doch ins MRT durfte, sagte meine Orthopädin: „Oh ja… Die Verletzung ist nicht neu, die ist da schon eine ganze Weile.“ Ach was?? Bei meiner ehemaligen Hausärztin habe ich drei Jahre lang drum gebeten, eine Untersuchung meiner Schilddrüse machen zu lassen, weil ich das Gefühl hatte, etwas stimmt nicht. Ihr Kommentar unter anderem: „Sie können Ihre Gewichtszunahme nicht auf die Schilddrüse schieben, daran sind Sie schon selbst schuld.“ Herzlichen Dank für diese qualifizierte Aussage. Da wäre ich allein gar nicht drauf gekommen. Dass meine neue Hausärztin dann allerdings einen einwandfreien Fall von Hashimoto bei mir diagnostizierte, ist bestimmt nur ein dummer Zufall.

Wie gesagt ist das Gewicht sicher mit Schuld an vielen Erkrankungen. Aber ehrlich, es hilft einfach gar nicht, die Dicken von vornherein als „selbst schuld“ abzustempeln und sie nicht ernst zu nehmen. Das ist für uns total entwürdigend und spricht auch nicht gerade für die Professionalität vieler Ärzte. Ich glaube, wenn ich so einen Spruch noch einmal in meinem Leben hören muss, werde ich einfach mal unverschämt dem Menschen gegenüber, der mir so was ins Gesicht sagt. Mal sehen, wie gut dem das dann gefällt.

 

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Dem Fußboden so nah!

Der junge Radiologie-Assistent sieht mich interessiert an und beugt sich vertraulich vor. „Haben Sie ein Problem mit Nadeln?“ Nein, habe ich nicht. Ich bin Cosplayerin, ich nähe und daher sind mir Nadeln vertraut. Auch das Stechen damit. Ich ramme mir die spitzen Dinger ständig irgendwo hinein. Auch beim Blutabnehmen: Kein Ding. Ich darf nicht hinschauen, weil ich es eklig finde, Blut aus mir heraus sickern zu sehen. Aber würde ich das als Problem bezeichnen? Nein. Als schüttle ich den Kopf und lächle selbstbewusst. „Nein, die machen mir keine Angst.“ Er nickt kurz und packt routiniert ein Spritzbesteck aus. „Gut, dann legen wir den Zugang schon vorher.“

Seit gut einer Stunde bin ich in den Räumlichkeiten der örtlichen Nuklearmedizin, habe diverse Formulare ausgefüllt und mit meinem Freund, der mich netterweise begleitet, Small Talk im Wartezimmer betrieben. Es soll ein Schädel-MRT bei mir durchgeführt werden. Nicht mein erstes, aber sicher keine Routine für mich. Die Gedanken an die enge Röhre habe ich bisher recht erfolgreich verdrängt. Mehr Angst macht mir das Spritzen des Kontrastmittels.

Ich bin kein Freund von Medikamenten. Klar, ich muss regelmäßig welche nehmen und das mache ich auch brav, weil ich weiß, dass ich sie brauche. Wenn man mir jedoch etwas Neues andrehen will, macht mich das immer nervös. Früher war es ganz schlimm. Da fing ich an zu weinen, sobald ich auch nur eine Tablette nehmen sollte. Die Angst vor den Nebenwirkungen ließ mein Gehirn auf Standby gehen und ich empfand nur noch Panik. Inzwischen hat sich das sehr gebessert, doch ein gewisses Unbehagen ist geblieben.

Mein Gegenüber ist sehr nett, unterhält sich angeregt mit mir und klebt währenddessen die Braunüle in meiner Armbeuge fest. Es ist seltsam. Ich habe keine Schmerzen, aber ich spüre die Nadel. Sie wackelt in meiner Vene hin und her. Und wie groß ist das Ding eigentlich? Ich könnte schwören, gleich schiebt sich etwas neben meinem Ellenbogen aus meinem Arm heraus. Mh. Nun wird mir doch ein wenig komisch. Die Nadel wackelt weiter. Mein Magen zieht sich zusammen und mir wird schlecht.

„Sie können jetzt schon mal in die Kabine gehen.“ Der Assistent sieht mich erwartungsvoll an. Ich starre zurück. In meinem Bauch steigt gerade eine Party, zu der ich sicherlich kein Einverständnis gegeben habe. „Ich glaube“, bringe ich mühsam hervor, „ich vertrage das doch nicht.“ Mein Blick irrt in dem kleinen Zimmer umher. Gibt es hier eigentlich keine Liege, verdammt? Wieso sitze ich auf so einem blöden Stuhl? Ich kann mich kaum noch aufrecht halten, die Übelkeit verstärkt sich und in meinen Ohren dröhnt das Blut. „Soll ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“ Er ist die Ruhe selbst. Bewundernswert, denn ich bin das nun nicht mehr. Insgeheim denke ich, dass er nicht lange quatschen, sondern irgendwas tun soll! „Kann ich mich vielleicht hinlegen?“

Etwas scheint in meinem Gesicht zu passieren, denn plötzlich reißt der Kerl die Tür auf und ruft nach einer Liege. Von irgendwo kommt noch ein Mann gelaufen. Ich registriere, dass er ein blaues Shirt trägt. Er sagt mir, ich solle noch nicht aufstehen. Ist der verrückt? Ich muss aufstehen, denn ich sehe im Flur die Liege, die gerade gebracht wurde, und das ist mein Ziel. Da will ich hin. Jetzt! Vier Arme ziehen mich nach oben. Auf jeder Seite zwei. Laufe ich noch selber? Ich fühle nichts mehr und das Dröhnen in meinen Ohren ist einer dumpfen Stille gewichen. Ich bin in Watte gepackt. Seltsam schwerelos in meinem kraftlosen Körper. Abgeschottet von allem, was um mich herum geschieht. Meine Beine geben nach. „Verdammt“, denke ich noch, „jetzt stehe ich vor dieser blöden Liege und ende trotzdem auf dem Fußboden!“ Doch die Arme halten mich fest und das nächste, was ich mitbekomme, ist ein Gesicht über mir. „Geht es Ihnen gut?“

Ich liege. Endlich. Unter meine Füße werden zwei Kissen geschoben. Ich kann die Beine kaum heben, weil sie sich anfühlen wie zwei abgehangene Schinken und nicht wie meine Gliedmaßen. Von rechts beugt sich ein Arzt über mich. „Haben Sie das öfter?“ Er wirkt arrogant und gehetzt und ich finde ihn sofort unsympathisch. „Heute noch nicht“, nuschle ich trotzig. Blöder Kerl. Er kneift die Augen zusammen. „Sie sind ganz schön blass. Und sie schwitzen sehr stark.“ Spricht’s und verschwindet. Tja, dann mal danke für die tolle Info. Hilft mir ungemein weiter. Meine Liege wird in eine Ecke des MRT-Schaltraums geschoben. Keine 30 Sekunden später steht mein Freund vor mir. „Was machst du denn für Sachen?“ Wie lieb, man hat ihn zu mir rein geholt! Ich fühle mich gleich etwas besser und entspanne mich, während wir über belangloses Zeug reden.

Nach vielleicht zwanzig Minuten geht es mir wieder gut. Ich kann aufstehen und komme sofort an die Reihe. Das Team ist sehr bemüht, mir die Angst zu nehmen, doch nervös bin ich jetzt gar nicht mehr. Kann es denn noch schlimmer werden? An eine Panikattacke in der Röhre glaube ich nicht. Mein Kopf wird fixiert, man drückt mir einen Notfallknopf in die Hand und ich schließe die Augen. Der Scan dauert lange, doch ich lenke mich ab, indem ich aus den irrsinnigen lauten Geräuschen um mich herum eine Melodie zu formen versuche. Die Augen lasse ich die ganze Zeit über geschlossen. Man muss sich ja nicht unnötig triggern, wenn man unter Platzangst leidet.

Am Ende ist alles gut: In meinem Kopf sieht alles gut aus, in meiner Armbeuge scheint kein Bluterguss zu entstehen und das Team wünscht mir grinsend ein schönes Wochenende. Und erst beim Verlassen des Gebäudes fällt mir auf, dass ich gerade eines meiner persönlichen Horrorszenarien durchlebt habe und es gar nicht mal so schlimm war.