Jahreswechsel-TV

Zu jeder Jahreszeit gibt es ganz bestimmte Werbekampagnen im Fernsehen, die auf saisonale Zielgruppen gemünzt sind. Im Frühjahr läuft verstärkt Werbung für Heuschnupfenpräparate, im Sommer für Sonnencreme und Mückenspray, im Herbst knöpft man sich die Erkältungsopfer vor und schleudert ihnen aus der Glotze Vorschläge für Medikamente um die Ohren. Ihr wisst, wie es läuft. Eigentlich bin ich nicht so der Fernsehgucker und wenn doch, dann läuft irgendwelcher Kram nebenbei (wenn ich aufräume etwa) oder ich bin auf Netflix unterwegs. Im Winter ändert sich das aber für einige Wochen. Nämlich genau für die Zeit um Weihnachten und um Silvester herum. Ich habe keine Ahnung, warum genau das so ist. Die kitschigen Filme und die Serien mit Weihnachts- oder Silvesterfolgen könnte ich mir auch auf Netflix anschauen. Aber nein, ich tue mir das Fernsehprogramm an. Und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber im Grunde und vollkommen nüchtern betrachtet ist der Fernseher über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel eines der nervigsten Dinge im Alltag.

Das Schlimmste ist für mich wirklich die Werbung. Oh mein Gott, diese Werbung! Selbst wenn man keine Ahnung hätte, wann Weihnachten stattfindet, könnte man es an der Werbung erkennen. Drei bis vier Wochen vor dem Fest schaffen es beinahe ausschließlich Parfum, Schmuck und Schokolade während der Werbepause auf den Bildschirm. Ich kann kaum beschreiben, wie sehr mir das auf den Keks geht. Als würde sich die ganze Welt plötzlich nur noch darum drehen, möglichst viel zu konsumieren, vor allem Geschenke, denn ohne Geschenke geht ja gar nichts, weil Weihnachten schließlich nur für die Geschenke erfunden wurde, oder nicht? Kurz vor Heilig Abend überbieten sich dann die verschiedenen Lebensmittelketten mit super Angebotspreisen und tollen festlichen Aktionen und es beschleicht einen langsam das Gefühl, es wäre nicht okay, über Weihnachten weniger zu essen als eine 40köpfige Großfamilie in Russland. Selbst wenn man alleine ist. Egal! Vollstopfen lautet die Devise!

Ist Weihnachten vorbei, geht es weiter mit den obligatorischen Silvesterwerbespots. Böller, Knaller und Raketen zum Vorzugspreis. Und natürlich Alkohol. Wenn das neue Jahr doch so toll werden soll, warum ist dann jeder scharf darauf, es komplett besoffen und vernebelt zu beginnen? Vermutlich, damit man die Werbung der ersten zwei Januarwochen nicht mitbekommt. Denn da geht es vorrangig ums Abnehmen. Fitnessstudios, Schlankheitskuren, Diätgurus und sonstiges aus der Richtung tummeln sich auf den TV-Bildschirmen der Nation und bieten ihre Wundermittel, -heilung, -waffen an.

Erst Mitte Januar wird der ganze Zirkus etwas weniger und man kann mal wieder gedanklich zur Ruhe kommen, ohne ständig mit der Nase auf alles gestoßen zu werden, was mit Neujahrsvorsätzen zusammenhängt. Zum Glück befinde ich mich zu diesem Zeitpunkt dann bereits wieder im Netflix- oder Dokumentationsland. Keine Werbung, keine nervigen Konsumanweisung, keine Nackenschmerzen vom ewigen Kopfschütteln. Und die Hoffnung bleibt, nächstes Jahr nicht wieder in meine Jahreswechsel-Fernsehgewohnheiten zu verfallen.

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Mitteilungszweifel

Es ist ein wenig lächerlich, dass ich mich davor scheue, meinem Blog neue Einträge hinzuzufügen. Ich habe in den letzten Wochen oft angefangen zu schreiben und dann wieder aufgehört, die Worte als Entwurf gespeichert und das Ganze schließlich nicht mehr angerührt. Warum? Weil es mir im Moment nicht gut geht und ich in solchen Situationen immer an das denken muss, was mir vor Jahren einmal dazu gesagt wurde. „Du jammerst nur rum, deine Beiträge sind immer negativ. Das nervt.“ Damals hatte ich mir vorgenommen, mehr darauf zu achten, vorwiegend positive und lustige Dinge zu schreiben. Auf Twitter habe ich mir einen extra Account angelegt für alles, worüber ich mich gerade aufrege oder was irgendwie negativ im persönlichen Kontext ist. Das Konto ist auch geschützt und ich kontrolliere ziemlich genau, wer darauf zugreifen darf. Ich möchte meine Umwelt nicht mit unnötigem Mist belasten, doch ab und zu möchte ich mich einfach auch mal auskotzen können. Ohne dass mir das vorgehalten wird.

Aber hier, wo ich ausführlicher schreibe – auch wenn es mein Bereich ist, in dem ich bestimme und den jeder sofort wieder verlassen kann, wenn er möchte – hier befallen mich oft Zweifel, ob ich sagen darf, was mir auf der Seele brennt. Ob ich zeigen kann, wie es mir geht. Und das dass eigentlich purer Blödsinn ist und wieder nur meinem Wunsch nach Annahme entspricht und der Angst vor Ablehnung, ist mir vollkommen klar. Aber ich möchte einfach nicht hören, dass ich anderen auf den Geist gehe und dass sie es leid sind, meinen ganzen Müll abzubekommen. Und noch mehr als das möchte ich es nicht nur nicht hören, sondern ich will mich auch nicht so verhalten. Ich möchte nicht diejenige sein, mit der man sich nicht mehr unterhalten will, weil ja doch immer nur das gleiche Blabla dabei rum kommt. Ich möchte nicht diejenige sein, mit der sich niemand mehr treffen möchte, selbst wenn ich im Moment nicht weiß, ob ich Gesellschaft überhaupt aushalte.

Es geht um Akzeptanz. Selbstakzeptanz und Fremdakzeptanz und immer noch ist mir das fremde Akzeptieren, das der anderen, so viel wichtiger als das eigene. Als wäre ich nicht wertvoll genug, als würde es sich nicht lohnen, den Kopf hoch zu halten und zu sagen: „So bin ich, so geht es mir, leb damit.“

Was mache ich jetzt mit dem verworrenen Gedankenknoten in meinem Kopf? Gehe ich der Situation aus dem Weg, indem ich die Beiträge geschützt hochlade, so dass niemand sie lesen und sich belästigt fühlen muss? Das bewahrt auch wieder ein Bild von mir, das ich im Grunde gar nicht mehr malen möchte. Oder behalte ich das Geschriebene als Entwurf, veröffentliche es überhaupt nicht und kaue für mich allein darauf herum? Tippe ich mir einfach gar nichts von der Seele und warte auf bessere Zeiten, um wieder etwas belangloser und heiterer schreiben zu können?

Mir juckt es in den Fingern, nach Meinungen zu fragen. Aber im Grunde möchte ich auch gar keine hören, weil das meine Sache ist und mein Kampf und letztendlich möchte ich ja nicht mehr abhängig sein von den Äußerungen anderer.

Der gute Mensch in mir.

Ich stehe am Düsseldorfer Hauptbahnhof und komme mir vor wie ein Idiot. Ich spüre die Blicke der Menschen um mich herum, wie sie auf mir ruhen und ich höre förmlich die Gedanken, die durch ihre Köpfe rauschen. Es klingt wie das leise Gemurmel eines Baches, aber so viel unmelodischer und bösartiger. Wieso macht sie das? – Ist die denn total naiv? – Wie kann sie mit so jemandem reden? – Die lässt sich doch total ausnehmen. – Sie hätte ihn doch einfach ignorieren können. Nur ganz wenige Stimmen äußern sich erfreut, wundern sich darüber, dass sie selbst nicht auf die Idee gekommen sind. Schön, dass es noch Menschen gibt, die sich nicht wegdrehen. – Sicher freut er sich über das Essen. – Warum habe ich ihn eigentlich nicht beachtet? Und eine einzige Stimme sagt laut über das Rauschen und Knistern hinweg: „Danke.“

Immer wenn ich mir auf dem Weg zur Arbeit etwas beim Bäcker hole, stecke ich das Wechselgeld in meine Hosentasche. Es ist nur Kleingeld, aber ich habe es gern direkt zur Hand, wenn mich jemand um ein paar Cent bittet. Und ich werde oft gebeten. Vermutlich sieht man es den Menschen irgendwann an, ob man sie fragen kann oder nicht. Ob sie sich verschlossen geben oder hilfsbereit. Ich muss zugeben, es kommt bei mir stark darauf an, wie man auf mich zugeht. Ob man überhaupt auf mich zugeht. Und vor allem schaue ich den Menschen in die Augen. Ich bilde mir ein, Spuren eines Lebens auf der Straße in den Augen sehen zu können. Manchmal lehne ich ab. Dann verneine ich. Das passiert entweder dann, wenn ich am Ende des Monats selber kaum noch genug Geld habe, um noch einmal einkaufen zu gehen, oder dann, wenn man unfreundlich zu mir ist oder stark nach organisiertem Betteln aussieht. Ich bin natürlich kein Profi. Ich kann nicht unbedingt erkennen, wer mich anlügt und wer nicht. Dennoch sortiere ich. Vielleicht ist das falsch. Keine Ahnung.

Heute hat man mich nach etwas zu essen gefragt. Ein Obdachloser in einem Rollstuhl hat mich angesprochen als ich auf dem Heimweg ein Brötchen kaufen wollte. Er wolle kein Geld, aber er hätte so Hunger, ob ich ihm helfen könne? Ich war schon spät dran und dachte eigentlich daran, die Schlange vor der Kasse zu verlassen, da ich meinen Zug nicht verpassen wollte. Aber dann wiederum wollte ich auch nicht einfach weggehen und ihn dort stehen lassen. Er hat um Hilfe gebeten. Das kostet so viel Überwindung und ich weiß das. Also habe ich mein Brötchen gekauft und ihm ebenfalls eines. Mein Zug war abgefahren, ich habe ihm das Essen gereicht und ihm einen guten Appetit gewünscht, habe ihn angelächelt und bin gegangen. Die Blicke der Menschen um mich herum haben mich förmlich durchbohrt. Auf meinen nächsten Zug musste ich 30 Minuten lang warten. Während dieser Zeit wurde ich noch von zwei Obdachlosen am Bahnsteig angesprochen. Jedes Mal habe ich ihnen etwas gegeben und jedes Mal haben die Umstehenden mich angestarrt wie eine Aussätzige.

Was ich mich frage: Wann ist es verwerflich geworden, jemandem etwas Gutes zu tun? Immer wenn ich das tue, fühle ich mich zurückversetzt in meine Schulzeit. Dann bin ich wieder die Außenseiterin, die Spinnerin, die Gemobbte. Ich schrumpfe innerlich zusammen und möchte verschwinden, aber gleichzeitig rebelliert mein Inneres und schreit mich an. Du hast nichts Falsches getan! 

Ist es denn der richtige Weg, Elend auszublenden und Hilfe zu verweigern? Wie kam es dazu, jeden Menschen unter Generalverdacht zu stellen, zu verurteilen, abzustrafen mit Ignoranz? Hat nicht jeder von uns zumindest ein bißchen Respekt verdient? Und selbst wenn ich nichts tun will, kann ich doch wenigstens ein „Nein, tut mir leid.“ von mir geben. Nicht einfach wegsehen. Als wäre der andere gar nicht existent. Das ist die schlimmste Form von Strafe, Rache, Abschätzigkeit und Missgunst. Wenn du für die Welt nicht existierst, dann bist du nicht mal so viel wert wie der Dreck unter den Schuhen der anderen. Niemand sollte sich jemals so fühlen müssen.

Ich werde mich weiterhin anstarren lassen. Werde weiterhin Kleingeld in meiner Hosentasche mit mir tragen. Vielleicht ist das dumm, vielleicht naiv. Aber vielleicht macht es den Tag eines Menschen einfach ein bißchen besser.

Schmusekater

Es ist Herbst geworden. Nach dem langen und heißen Sommer hat nun endlich meine liebste Jahreszeit begonnen und ich kann mich wieder einkuscheln in Decken, Pullover, Jacken, Schals… Ich fühle mich langsam wieder wohler in meiner Haut, in meiner Umgebung und mit den Entscheidungen, die ich in den letzten Wochen getroffen habe. Dazu trägt noch etwas bei, das mich so glücklich macht, wie lange nichts mehr.

Das klingt jetzt vielleicht etwas blöd, aber… Jahrelang hat Tabby immer nur sporadisch schmusen wollen, war zwar der liebste und offenherzigste Kerl, den man sich vorstellen konnte, aber eben nicht wirklich verkuschelt. Während Snorre sich öfter mal auf meinen Bauch oder Rücken gelegt hat oder eben immer bei mir lag, wenn ich auf dem Sofa gelümmelt habe, war Tabby stets etwas auf Abstand. Seit einigen Wochen aber ist er der reinste Schmusekater geworden. Immer noch unabhängig, aber er fordert öfter seinen Platz auf meinem Bauch ein, kuschelt sich in meine Armbeuge, legt sich sogar auf meinen Schoß, während ich vor dem Fernseher sitze und Videospiele spiele. Ich bin völlig überwältigt davon, weil er meine Nähe nie so gesucht hat. Und das macht mich einfach so unheimlich glücklich, dass ich gar nicht genau weiß, wohin mit dieser Freude. Und darum muss ich sie heute hier teilen. Egal, wie albern das sein mag.

Die Jagd

Ich glaube, das interessanteste am ganzen Dating-Geschiss ist die Jagd nach dem Gegenüber. Das langsame Anschleichen, die leisen Andeutungen eines Angriffs, das Beobachten und Beurteilen der Opferreaktion und dann letztendlich der Angriff und der Todesbiss. All das trägt in sich einen solchen Nervenkitzel, dass es schwer ist, nicht immer und immer danach zu suchen.

Aber ehrlich gesagt: Ich bin es leid. Ich will kein Jäger sein und auch keine Beute. Ich will mich im Moment nicht darum scheren müssen, wer einen eventuell aus welchen Gründen toll finden könnte oder aus welchen nicht. Das ist mir zu anstrengend, zu verkorkst und auch zu unehrlich. Wenn ich eines in den letzten anderthalb Jahren gelernt habe, dann dass ich fürs Bett gut genug bin, für alles andere aber nicht in Frage komme. Dafür bin ich mir zu schade. Ich möchte keine Notlösung sein und auch nicht die immer verfügbare Frau ohne Ansprüche.

Vor ein paar Tagen wurde ich gefragt, was ich mir denn wünschen würde. Die Antwort ist sehr simpel: Ich möchte jemandem wichtig sein. Jemandem, der mir auch wichtig ist. Ob dabei eine Beziehung bis ans Ende des Lebens entsteht oder nicht, das ist mir jetzt gerade piepegal. Woher soll ich wissen, was morgen oder nächste Woche sein wird? Es geht mir nicht darum, jemanden an mich fesseln zu wollen. Ich möchte nicht an einen Mann gekettet sein, der mich meiner Freiheit beraubt. Aber – und das ist wichtig – dabei rede ich von meiner geistigen Freiheit, nicht von einem Freifahrtschein zum Rumvögeln. Da mache ich nicht mit. Ich will nicht die eine aus zwanzig sein, die man nur anruft, wenn man es gerade mal wieder nötig hat. Ich will die Eine sein.

Da ich das nicht bekommen kann, ziehe ich mich aus der Jagd zurück. Aus diesem Spiel, das bis aufs Blut geht. Meine letzte Begegnung mit einem flirtwilligen Mann hat mich aller Lust auf dieses Hin und Her beraubt. Ich bin nicht wütend deswegen. Nicht mal enttäuscht. Ich fühle diesbezüglich gar nichts. Man sagte mir, ich solle doch froh sein, dass man mich sexy findet. Das müsse meinem Selbstbewusstsein gut tun. Vielleicht ist das schwer zu verstehen, aber eigentlich macht es genau das Gegenteil mit mir. Auf lange Sicht. Im ersten Moment fühlt man sich natürlich geschmeichelt, aber wenn die Richtung klar wird und man es wieder nur bis ins Schlafzimmer schafft, dann fällt das Ego in sich zusammen. Weil man merkt, dass man nur benutzt wird. Das Innere, das eigene Wesen… Das zählt nicht. Und das ist es doch eigentlich, wofür wir geliebt werden wollen.

Wenn mich also niemand um meinetwillen lieben kann oder will, dann muss ich das selber tun. Dafür muss ich allein sein mit mir. Ich will allein sein mit mir. Kein Geifern, kein Lauern, keine Jagd. Stattdessen Fellpflege und Winterschlaf. Darauf freue ich mich.

Das liegt ja an dir.

Ich bin kein großartiger Familienmensch. Ich liebe meine Eltern, ich liebe meinen Bruder, meine Schwägerin und meinen Neffen. Gerade lerne ich zwei meiner Tanten langsam (wieder) kennen. Von vielen anderen habe ich mich schon lange entfernt. Das geschah nicht willentlich. Ich habe das nicht mit Absicht getan, aber ich merkte einfach immer mehr, dass ich nicht dazugehörte. Ich ticke anders oder bilde mir vielleicht nur ein, anders zu ticken. Es ist nicht so, dass ich den Rest meiner Familie nicht mögen würde. Nein, das kann ich nicht behaupten. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und ich hege keinen Groll gegen sie. Sie sind nur einfach… nicht mit mir auf einer Wellenlänge. Meistens weiß ich nicht, worüber ich mich mit ihnen unterhalten soll. Oft habe ich das Gefühl, mich für mein Leben und meinen Charakter rechtfertigen zu müssen. Und ich fürchte, zu einem Teil ist man auch enttäuscht von mir. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich werde aus dieser Rolle wohl niemals heraus finden. Aber das ist okay. Jede Familie braucht ein schwarzes Schaf, oder? Das bin dann wohl ich. Ich bin die Überempfindliche. Die, die alles persönlich nimmt und dramatisiert. Die keine Kränkung und keine Verletzung vergessen kann. Die immer mit sich selbst hadert und sich fehl am Platz fühlt. So sollte es nicht sein, aber das ist nun mal die Realität.

Selbst in dem kleinen Kreis meiner Familie, in dem ich mich relativ akzeptiert fühle, bin ich oft unsicher. Innerlich konkurriere ich sehr mit meinem Bruder, den ich aber dennoch abgöttisch liebe. Nachdem wir uns lange Jahre furchtbare Kämpfe geliefert hatten, haben wir doch irgendwann zueinander gefunden. So unterschiedlich sind wir gar nicht. Bis auf die Tatsache, dass er mir sehr viel mehr bedeutet als ich ihm. Und da ich das weiß, versuche ich mich weitgehend aus seinem Leben raus zu halten. Wenn man die Hintergründe nicht kennt, dann kann man das sicher als Desinteresse werten. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht. Oft frage ich mich, ob mein Bruder nicht eine viel wertvollere Person ist als ich. Das ist ein dummer Gedanke und besonders meine Mutter würde mir den Kopf abreißen, wenn sie davon wüsste. Was sie jetzt vermutlich tut. Hallo, Mamschi. Diese Selbstzweifel bei allem, was ich tue oder auch nicht tue, sind so tief in mir verwurzelt, dass ich mich ohne sie wohl unvollständig fühlen würde. Ich sollte wohl aufhören, gegen sie zu kämpfen. Ist Akzeptanz das Zauberwort?

Im Januar war ich mit meinem Vater und meiner Stiefmutter bei meinem Bruder zu Besuch. Seit langen Jahren das erste Mal. Sonst sehen wir uns eigentlich nur beim gemeinsamen Familienurlaub oder wenn wir zur gleichen Zeit bei meinem Vater zu Besuch sind. Mein Bruder lebt mit seiner Familie in einem Haus auf dem Land und in der Küche gibt es eine Wand, an der gefühlt 200 Fotos von Freunden und Familie hängen. Alle sind sie dort vertreten. Alle. Nur ich nicht. Keine Spur von mir. Das tat mir weh und ich konnte nicht recht damit umgehen. Also habe ich meine Entdeckung am Abend meinem Vater mitgeteilt. „Papschi, in der Küche hängen echt alle Menschen, die dieser Familie wichtig sind. Aber ich bin nicht dabei.“ Seine Antwort war: „Das liegt ja an dir.“ Mir hat das den Boden unter den Füßen weggezogen. Für einen Moment fühlte ich mich wie ein trotziges Kind, das sich zwei Wochen lang weigert, mit den Eltern zu reden. Aber dann fragte ich mich sofort: Stimmt das? Bin ich schuld daran, dass ich im Leben meines Bruders keine Rolle spiele?

In den letzten Monaten habe ich oft darüber nachgedacht, das Thema aber nicht mehr angesprochen. Die Schuld hatte sich an mein Herz geklammert und sich dort bereits häuslich niederzulassen begonnen. Bis mir letzte Woche etwas auffiel.

Bereits vor einigen Monaten hatte ich mit meinem Bruder darüber gesprochen, dass er und seine Familie mich im Sommer besuchen kommen möchten. Ich habe mich riesig gefreut, aber es stand noch kein genaues Datum. Vor ein paar Tagen haben wir dann noch einmal darüber gesprochen und in drei Wochen werden wir zumindest einen Tag zusammen verbringen. In meiner Stadt. Und da fiel es mir auf. Seit ich nicht mehr zuhause wohne – und das ist schon verdammt lange -, hat mein Bruder mich nur einmal besucht. Zu meinem Geburtstag. In meiner allerersten Wohnung. Da muss ich 22 oder 23 Jahre alt geworden sein. Wirklich, es fällt mir keine andere Gelegenheit ein. Meine Wohnungen hat er, wenn überhaupt, nur mal im Zuge eines Umzugs gesehen. Dabei hatte er im Grunde mehr Möglichkeiten als ich. Er hat immer ein Auto besessen, war finanziell immer besser dran als ich und hatte vor allem auch nie eine Erkrankung, die ihm das Reisen in jeglicher Form schwer machte. Anders als ich. Dennoch war er im Grunde nie bei mir. Es hat ihn nicht interessiert. Was okay ist. Das war seine Entscheidung.

Aber was diese Feststellung nun unweigerlich mit sich bringt, ist die Frage: Wieso bin ICH dann schuld daran, dass ich für das Leben meines Bruders nicht wichtig bin? Warum stehe ICH in der Verantwortung? Warum allein? Ich verstehe nicht, warum mir etwas angekreidet wird, was irgendwie bei uns beiden schief zu laufen scheint. Aus welchen Gründen auch immer. Das enttäuscht mich auf so einer tiefen Ebene, dass ich kaum Worte dafür finde. Und gleichzeitig fühlt es sich an, als würden mein Vater und mein Bruder eine Mauer vor mir hochziehen, vor der sie sich gegenseitig davon erzählen, was für ein schlechter Mensch ich bin und wie unzuverlässig und enttäuschend.

Es heißt, man solle sich selbst lieben, dann käme alles andere schon von ganz allein. Aber ist es zu viel verlangt, auch bedingungslos von anderen geliebt zu werden? Muss immer nur ich mir Mühe geben? Kann ich nicht auch einfach als der Mensch akzeptiert und gemocht werden, der ich bin? Vielleicht nicht. Und vielleicht liegt das auch wieder nur an mir.

Abschiedsmelodie

Die Welt bleibt niemals stehen. Sie dreht sich weiter und weiter, zieht ihre Bahn durch die Dunkelheit des Alls und umkreist wieder und wieder ihr Zentralgestirn. Auf ihrer Oberfläche bleibt das Leben immer in Bewegung, auch wenn wir uns manchmal fühlen, als würden wir stecken bleiben. Stillstand kennen wir nicht, wir jagen immer etwas nach: Geld, Ruhm, Erfolg, Liebe… Es gibt immer etwas zu tun, immer eine neue Herausforderung. Und auch wenn wir uns in Stunden des Glücks und der Zufriedenheit wünschen, alles möge so bleiben wie es gerade ist, kann uns dieser Traum niemals erfüllt werden.

Ich mag es, dass nichts still steht und dass jeder Tag das Versprechen auf etwas Neues beinhaltet. Ich bilde mir ein, dadurch käme Bewegung in mein Leben. Dass ich mich selbst belüge, ist mir durchaus klar. Denn während sich das große Ganze immer am Laufen hält, fürchte ich die Veränderung im Kleinen. Mir ist es am liebsten, wenn es in meinem Alltag genau getaktete Abläufe gibt. Wenn nichts aus der Reihe tanzt und alles ganz vorhersehbar geschieht. Unsicherheit und Spontaneität verwirren mich, ich brauche kleine Inseln der Sicherheit, auf die ich mich flüchten kann. Bricht auch nur eine davon weg, verschwindet damit auch ein Teil meiner Welt und macht Platz für meine Ängste.

In einigen Tagen wird wieder eine Sicherheitszone wegbrechen und auch wenn ich weiß, dass es geschehen wird und dass ich nichts dagegen unternehmen kann, stemmt sich mein ganzes Wesen gegen diesen Umstand und will es einfach nicht wahr haben.

Als meine Kollegin mir vor gut einem Monat sagte, dass sie zu Ende Juli kündigen wird, tat sich unter meinen Füßen ein Loch auf. Ich hatte schon zuvor geahnt, dass sie gehen würde, da wir ein Gespräch darüber hatten, dass sie die Arbeit bei uns eigentlich gar nicht mehr leisten kann. Ihre Familie verlangt ihr einfach viel ab und ich kann verstehen, dass sie auch Zeit für sich braucht, die sie durch den Job zuletzt nicht mehr hatte. Aber zu hören, dass die Entscheidung gefallen ist und dass sie definitiv gehen wird, war für mich einfach grauenvoll. An dem Tag haben wir zusammen im Zug gesessen und geweint und ich dachte, ich muss stark sein, damit sie nicht denkt, sie würde mich im Stich lassen.

Einen Monat später empfinde ich immer noch so, aber es fällt mir schwerer und schwerer, meine Angst vor der Zeit „danach“ zu verstecken. Ich fürchte mich vor Freitag, vor ihrem Abschied und meinen Tränen. Ich fürchte mich vor Montag, wenn sie nicht mehr an ihrem Platz sitzen wird. Ich fürchte mich davor, dass ich mit der neuen Kollegin nicht gut zurecht komme oder dass sie den Job nicht bewältigen kann und wieder gehen wird. Doch am meisten macht mir der Gedanke zu schaffen, dass meine Freundin nicht mehr bei mir sein wird. Jeder Arbeitstag war für mich wie nach Hause kommen, weil ich wusste, dass ich bei Menschen bin, die mich akzeptieren und annehmen so wie ich bin. Und ich habe mich an meinem sehr exponierten Platz sicher gefühlt, weil ich diese wundervolle Frau bei mir hatte, der ich einfach alles sagen konnte und vor der ich mich nie zu verstellen brauchte. Wir haben Hand in Hand gearbeitet, wussten oft schon ohne Worte, was die andere dachte oder brauchte. Die letzten zweieinhalb Jahre hätte ich ohne sie oft nicht überstanden. Es ist egoistisch, wenn ich mir wünsche, dass sie bei mir bleiben könnte. Das ist mir klar und ich schäme mich etwas dafür. Doch der Gedanke, dass sie aus meinem Leben verschwinden wird, zumindest in der Rolle, die sie zuvor inne hatte, triggert meine Furcht vor dem Verlassenwerden.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und teilt ihn nur für eine gewisse Zeit mit jemand anderem. Das ist vollkommen normal und ich sollte das besser hinnehmen können. Aber es fällt mir verdammt schwer, auch wenn ich versuche, mit erhobenem Kopf weiterzumachen und die Zukunft nicht zu schwarz zu sehen. Was wir hatten, das werde ich einfach nie wieder so erleben.