Stiller Sommer

Ich bin müde. So verflucht müde, dass ich manchmal meine Beine kaum noch spüre und nur mühsam genug Kraft aufbringen kann, um mich vorwärts zu schleppen. Diese Müdigkeit geht tiefer als Kaffee oder Energydrinks und ist einfach durch nichts zu bekämpfen. Das Schlimme ist, dass sie auch in meinen Kopf vordringt und mich geistig lahm legt. Ich kann und will mich mit nichts befassen, was weiter reicht als die täglichen Notwendigkeiten. Es ist mir alles zu viel und jedes bißchen mehr Information, jeder Tanz aus der Reihe überfordert mich komplett. Das ständige Lächeln, die stete Aufmerksamkeit und die Schnelligkeit, mit der ich jeden Tag agieren muss, saugen mich aus. Sobald ich abends nach Hause komme, bin ich nur noch eine leere Hülle, die sich ein wenig Leben zurück eratmen muss. Am Wochenende ist es noch schlimmer. Wann konnte ich diese beiden freien Tage zum letzten Mal genießen? Wann habe ich nicht beinahe 24 Stunden durchgeschlafen?

Es ist still geworden. In mir und um mich herum. Treffen mit Freunden scheinen mir die meiste Zeit über unmöglich. Wie soll ich das aushalten? Wie den Lärm und dieses Leben ertragen? In meiner Wohnung ist es leise und ich kann mich in der Stille verstecken. Da gibt es niemanden, der etwas von mir erwartet, niemanden, der mir Dinge vorschreibt. Da bin nur ich. Ein Abbild meines Lebens.

Ab und zu dringen unerwartet Dinge zu mir vor. Kleine Nadelspitzen, die durch das Telefon kommen. Messer, die im Briefkasten auf mich lauern. Worte, die durchs Fenster fliegen. Sie hinterlassen Wunden auf meiner Haut und Wunden in meiner Seele, aber ich versuche das zu verstecken. Zum Schreien fehlt mir die Kraft. Ich kann mich nicht wehren, aber niemand sieht das, denn wenn ich nach draußen gehe, ziehe ich meinen sonnenscheingelben Ganzkörperanzug an, der die Menschen blendet. Wer oder was darin steckt, sehen sie nicht. Und ich finde das gut, denn dann muss ich mich nicht erklären, muss mich nicht aus meiner inneren Höhle bewegen und die Karten auf den Tisch legen.

 

Werbeanzeigen

Gruß aus der Vergangenheit

Am Wochenende hatte ich Besuch von meiner Freundin Anna. Wir haben darüber geredet, dass mir die Aufgabe des Hobbies Cosplay etwas zu schaffen macht, denn plötzlich ist da ein Loch, das ich nicht gefüllt bekomme. Auch wenn ich seit Jahren nicht mehr wirklich was Großes oder Gutes produziert habe, hatte ich immer noch das Gefühl, es könnte sich ja mal wieder in die Richtung entwickeln. Tat es nicht. Also habe ich den Schritt gewagt und inzwischen alle Cosplays (bis auf zwei, von denen ich mich nicht trennen mag) weggeworfen. Als nächstes ist der Utensilienschrank dran, in dem mein ganzer Näh- und Bastelkram schlummert. Wie auch immer, jedenfalls habe ich Anna erzählt, dass ich mich fühle als hätte ich gar kein Hobby mehr und dass mich das etwas ziellos zurücklässt. Als wäre plötzlich keine Aufgabe mehr da. Und im Laufe dieses Gesprächs kamen wir darauf, dass ich mich doch wieder dem Schreiben widmen könnte. Das ist ja durch Cosplay komplett nach hinten weggefallen, denn zwei so zeitaufwendige Sachen gehen einfach nicht zusammen. Ich fing natürlich wieder sofort an mit meiner Litanei. „Mimimi, ich bin zu schlecht. Mimimi, ich habe keine guten Ideen. Mimimi, ich werde nie so gut sein wie XYZ.“ Und Annas Antwort war: „Fang doch einfach mal wieder an.“ Darüber habe ich mir gestern den ganzen Tag Gedanken gemacht und mir ging auf, dass sie vollkommen recht hat. Wenn ich nicht anfange, wird sich auch nichts ändern. Also habe ich heute – weil ich frei habe – meine alten Kladden rausgeholt, in denen ich Ideen und Charakterentwürfe aufgeschrieben hatte, und alles mal komplett in mein Schreibprogramm sortiert. Außerdem hatte ich noch einige Dateien auf dem PC, in denen ich Szenenentwürfe gespeichert habe. Auch die habe ich durchgestöbert und dabei etwas gefunden, was mich sehr lachen ließ.

Im August 2013 habe ich auf diesem Blog einen Eintrag über meine damalige Arbeitsstelle geschrieben. Der war sehr ernst und man konnte meinen Frust deutlich herauslesen. Aber anscheinend gab es eine erste Version dieses Textes und ich frage mich heute, warum ich die nicht veröffentlicht habe. Im Nachhinein finde ich sie viel besser und vor allem lustiger! Wen es interessiert, der kann sich gern zunächst „Verflixt und zugewuffelt“ durchlesen und das dann mit dem folgenden Schreiberguss vergleichen.

***

Stefanie – Die Geschichte einer zerrissenen Frau

Wow. So sollte ich einen Roman nennen. Am besten so was im Rosamunde Pilcher-Stil. Mit unglücklichem Liebespaar an windumtosten Klippen. Der Sturm zerrt an ihrem Kleid, während der Liebhaber sie mit seinen tiefblauen Augen taxiert. Sie wollen zueinander, aber sie können nicht, denn ihre Hand ist Graf Reginald von Schlunzhausen versprochen, der seine jagderprobten Yorkshire-Terrier auf den blauäugigen Mann loslassen wird. Vielleicht verliert er dadurch nicht nur seine Ehre, sondern auch seine Hosenbeine! Und ohne ordentliche Hose holt er sich auf den Klippen ja den Tod!

Aber nein, es geht nicht um einen Roman. Mal abgesehen davon, dass ich so einen Schund gar nicht schreiben wollen würde. Es geht so ganz grob gesagt um die letzte Woche meines Lebens und um die Dinge, die mir (mal wieder) klar geworden sind, und mit denen ich jetzt in den Ring gestiegen bin. Wir hauen uns gegenseitig ganz schön auf die Nase, ich und meine Probleme/Sorgen/Komplexe/Schweinehunde/etc. Ich habe noch keine Ahnung, wer da als Sieger hervorgehen wird, aber ich hoffe natürlich, dass ich es sein werde. An meiner Seite der gesunde Menschenverstand, der sich während des Kampfes auch gerne mal verpisst, aber letztendlich immer wieder zurückkommt. Der Gute.

Was passiert ist. Letzte Woche Montag habe ich meinen neuen Job angetreten. Sachbearbeiterin im Bereich Logistik. So weit ganz okay. Dass ich direkt am ersten Tag geheult habe, weil der Chef mich angemault hat, warum ich denn nicht wisse, welche Kunden in seinem Ablagesystem wo liegen, war natürlich erstmal unschön. Als Resultat daraus traue ich mich jetzt nicht mehr wirklich in sein Büro, wenn er zugegen ist. Und ich muss öfter mal da rein, denn da das Ablagesystem der Firma von Anno 19hundertscheißdiewandan ist, verteilt man fröhlich haufenweise Zettel in den Büros. Ich blicke da nicht wirklich durch und das macht mir ziemlich zu schaffen. Welche Zettel trage ich denn am besten wohin? Und wenn ich sie getragen habe, was mache ich dann damit? Ich glaube, das letzte Mal habe ich ein solches Ablagesystem in meiner Ausbildung gesehen. Da das schon ein paar Jährchen her ist, kann ich mich natürlich auch nicht mehr wirklich dran erinnern. Aber ich gebe mein Bestes! Sehr nervig ist natürlich die tägliche Fahrtzeit von 3,5 Stunden. Und an so Tagen wie den letzten beiden kotzt mich das sogar richtig an. Ja mei, dann steht man halt rum und wartet auf seine Anschlüsse. Ist schon okay. Aber wenn man dann im Büro auch nur rumsitzt, weil einfach nichts zu tun ist, wird es kritisch. Mich macht so was nämlich aggressiv. Wenn ich schon so einen Aufwand auf mich nehme, dann will ich das nicht völlig umsonst machen. Denn ich empfinde es als Verschwendung meiner Zeit, wenn ich 12 Stunden am Tag nichts anderes mache als durch die Gegend zu fahren und dumm aus der Wäsche zu gucken. Ja klar, ich werde dafür bezahlt. Aber fühlt es sich gut an? Nein.

Ich will ja nicht nur jammern, es ist durchaus auch ganz schön, sein eigenes Büro zu haben. So ganz für sich allein. Hatte ich ja bisher noch nie und das ist schon ein Privileg. Etwas einsam zwar manchmal, weil man nicht mal eben ein bisschen quatschen kann. Aber dafür geht einem auch niemand auf die Nerven. Ohnehin ist die Firma so klein, dass man auch nicht so viele Möglichkeiten hat, einem homo nervus über den Weg zu laufen. In der Verwaltung sind wir gerade mal zu viert. Wenn allerdings einer dabei ist, kann man ihm kaum aus dem Weg gehen.

Jedenfalls bin ich derzeit nicht ganz im Einklang mit mir selbst, was meine berufliche Situation angeht. Natürlich, ich verdiene Geld. Nicht gerade viel, aber immerhin. Und wirklich stressig ist der Job auch nicht. Dennoch gibt es bereits jetzt die Tage, an denen ich das Internet nach anderen Stellen durchforste. Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht, weil ich nun mal mit dieser Stelle eine Verantwortung übernommen habe. Wenn mir also nun alles erklärt und auf mich ausgerichtet wird und ich verdrücke mich einfach, lasse ich Menschen hängen, die sich auf mich verlassen. Und nicht nur das. Ich flüchte auch vor einer Situation, die mir unangenehm ist und mir nicht vollkommen behagt. Und habe ich nicht jahrelang gelernt, dass ich ausgerechnet das nicht tun darf? Während ich heute Morgen neben Hintern kratzen und in der Nase bohren damit beschäftigt war, gedanklich schon alles hinzuschmeißen und mir was anderes zu suchen, bin ich nun schon wieder versöhnt mit der ganzen Sache und will weitermachen.

Na? Macht der Titel dieses Eintrags jetzt Sinn? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir Denis im Moment ziemlich leid tut, weil er sich den ganzen Dreck jeden Tag anhören muss. Ich kann mich nicht entscheiden und finde für mich keine befriedigende Lösung, darum muss er das Auf und Ab meiner Laune ertragen. Vermutlich stürzt er sich demnächst voller Elan vom Balkon.

Niemand bleibt für immer.

Ich habe wirklich lange gebraucht, um Beziehungen nicht mehr als ultimative Romanzen zu sehen und als potentielle Garantie einer lebenslangen Bindung. Diese Vorstellung von der durchweg romantischen Liebe, die in Literatur und Film gefeiert wird, ist doch eigentlich gar nicht das, worum es (einzig) geht. Natürlich wünschen wir uns das alle und wir wollen den einen Partner finden, der uns für immer glücklich macht und uns in den siebten Himmel erhebt. Aber mal ehrlich: Wie oft geschieht so etwas? Wir klammern uns an Ausnahmebeispielen fest, wir wollen Liebe wie im Film, keine Probleme, keine Arbeit an sich selbst und der Partnerschaft. Wir wollen, dass es perfekt ist.

Meiner Meinung nach ist das Wichtigste, was wir irgendwann lernen müssen, dass kein Mensch für immer bleibt und dass auch niemand dafür verantwortlich ist, dass wir uns gut fühlen. Gegenseitige Zuneigung ist nicht Lebenszeit-exklusiv und verpflichtet zu nichts. Gefühle ändern sich, Einstellungen und Vorlieben ändern sich. Manchmal sinkt eine Toleranzgrenze, von der wir zuvor gar nicht wussten, dass sie überhaupt existierte. Es kommt vor, dass wir morgens aufwachen und uns fragen, ob der Mensch neben uns im Bett wirklich mehr als freundschaftliche Gefühle auslöst. Und das ist okay.

Es ist okay, mit sich selbst in Diskussion zu treten, seine Bedürfnisse herauszufinden und sein Leben und sein Umfeld entsprechend anzupassen. Eigentlich ist es nicht nur okay. Es ist das, was wir tun sollten, um ein zufriedenes Leben zu führen. Sich mit Menschen zu verbinden, ob freundschaftlich oder auf der Basis einer Beziehung, ist eines der wichtigsten Dinge im Leben. Aber nicht minder wichtig ist es, Menschen auch aus seinem Leben zu streichen. Oder zumindest die Beziehung zu ihnen neu zu definieren.

Problematisch ist der Zeitpunkt, an dem aussprechen muss, dass es nicht mehr läuft. Dann steht der sprichwörtliche Elefant im Raum, es wird verkrampft und unentspannt und man will eigentlich nur noch raus aus diesem Zustand. Augen zu und durch! Sprecht es aus! Das macht alles so viel einfacher und die Situation entspannt sich. Kommunikation ist so wichtig, aber wir alle tun uns oft damit schwer. Und das Leben besteht nun mal aus Abschieden und Trennungen, genau so wie es aus neuen Begegnungen besteht. Niemand bleibt für immer. Auch wir nicht.

Twitter-Energie

So sehr ich den sozialen Medien auch verbunden bin und so gerne ich mich in ihnen bewege: Manchmal bin ich es leid. Manchmal bin ich es so leid, dass ich innerhalb von 10 Sekunden zum Misanthropen mutiere und mich einfach nur von allen Menschen entfernen und abkapseln möchte. Ich weiß, dass soziales Miteinander zu den schwierigsten Dingen im Leben gehört, dass es mitunter eine Gratwanderung sein kann und immer wieder auch Empathie und Diplomatie erfordert. Niemand kann dieses Minenfeld unbeschadet überqueren. Es wird immer mal wieder eine Bombe explodieren, die dich oder andere verletzt. Aber das gehört dazu und mit diesem Risiko leben wir alle. Und jede Äußerung, jedes Verhalten eines Menschen im persönlichen Umfeld platziert einen neuen Sprengkörper auf dem Schlachtfeld. Für irgendjemanden wird das zu einem Problem werden, aber eben nicht für alle. Und nur wenn jeder von uns aufhört, mit anderen zu interagieren, können wir bombenfrei durchs Leben kommen. Dass das nicht möglich ist, sollte jedem klar sein. Wir alle sind auf Kommunikation und Miteinander angewiesen. Dazu gehört auch, seine Ansichten und Meinungen zu teilen und die von anderen Menschen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Wir müssen nicht alle einer Meinung sein, aber wir sollten konstruktiv mit anderen Einstellungen umgehen können oder wenigstens versuchen, dies zu lernen. Aufforderungen, die dazu anhalten, sich zu nichts zu äußern und seine Ansicht nicht kundzutun, sind hier nicht förderlich.

Vorgestern habe ich mal wieder gemerkt, wie schnell man zum Buhmann mutieren kann und wie sehr sich andere Menschen an ein paar Worten aufhängen können. Auslöser dafür war meine Äußerung zum Brand von Notre Dame in Paris. Ich habe meine Ansicht zu dieser Sache getweetet. Und ich kann nicht behaupten, dass die nun besonders kontrovers oder anstößig gewesen wäre. Mein Text las sich folgendermaßen:

Fühle mich wie ein schlechter Mensch, weil alle wegen Notre Dame weinen und geschockt sind und ich es halt schade finde, mir aber denke: „Es ist eben doch nur ein Gebäude.“

Schaue ich mir diese Äußerung an, kann ich folgende klare Aussage darin erkennen: „Es ist schade, dass das passiert.“ Wenn man noch zwei Sekunden länger darüber nachdenkt, kommt man vielleicht auch auf „Es ist ein Gebäude und es brennt, aber es ist eben nur Material und (zum Glück) kein Mensch.“ Vielleicht übersehe ich noch etwas Fundamentales, aber… Nein, ich denke, eigentlich nicht.

Was mir dann auf Twitter entgegen schlug, war… Sagen wir mal, es war interessant. Die öffentlich sichtbaren Antworten waren ja noch zivilisiert und reichten von „Ich akzeptiere deinen Standpunkt, aber ich bin halt wirklich fertig deswegen.“ über „Aber das ist eben nicht nur ein Gebäude, es ist so viel mehr.“ bis zu „Du bist ignorant!“. Über letzteres konnte ich wirklich nur den Kopf schütteln. Da teile ich auch gerne mal den Inhalt dieses Tweets und sage vorher dazu, dass ich diese Person nicht kenne und auch wirklich noch niemals in irgendeiner Form Kontakt herrschte.

Ignorant. Dann stört es dich nicht, wenn Menschen sterben? Korallenriffe absterben? Tiere getötet werden? Same energy, my dear. Davon gibt es auch viel. Solche Aussagen sollte man nicht auf Twitter teilen. Wundert mich nicht, wenn Nachrichten den falschen Ton treffen. Es sind eben auch nur Menschen.

Think about it!

Okay. Warte. Was? Ich würde ja gerne wissen, wo ich eine Verbindung zwischen einem Kirchenbrand, dem Klimawandel und Tierquälerei gezogen habe, aber ich kann beim besten Willen nichts finden. Keinen Hinweis darauf. Und wieso vergleicht man diese Dinge überhaupt? Das Beste an der Sache ist, dass mich dieser Typ nicht kennt, dass er keine Ahnung hat, was für ein Mensch ich bin, und dass er da einen Charakter beschreibt, der kaum weiter von mir entfernt sein könnte. Ich musste erstmal lachen, weil sich das so unglaublich surreal und falsch anfühlte.

Es ist einfach total anmaßend, sich anhand von ein paar Wörtern, anhand von einer einzigen Meinungsäußerung ein komplettes Bild eines Menschen zu basteln und das als Wahrheit zu verkaufen. Ich meine, gerade die Sache mit den Tieren… Ja, vielleicht sind mir Menschen zu einem großen Teil egal. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber gerade Tiere. Ich rette jeden kleinen Regenwurm, ich bin im Tierschutz aktiv und komme oft an den Rand meiner nervlichen Belastbarkeit, wenn es um gequälte oder getötete Tiere geht. Aber wie wir gerade gelernt haben, stimmt das anscheinend gar nicht, denn ich bin wohl ein ganz anderer Mensch als ich bisher dachte! Oh man… Wer meint, mir mit solchen Behauptungen eine Form von Ignoranz vorwerfen zu können, der sollte sich mal ganz dringend über seine eigene Energie Gedanken machen.

Noch viel erschreckender ging es aber in meinem privaten Nachrichtenfach zu. Ich bekam drei Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne und von denen ich auch einfach mal behaupte, sie nicht kennenlernen zu wollen. Und alle drei waren… eher unfreundlich. Da ich die Nachrichten sofort gelöscht und die Verfasser blockiert habe, kann ich den genauen Wortlaut nicht wiedergeben, also sind sie hier frei aus meiner Erinnerung:

Was bist du für eine dumme Kuh? Bist du zu blöd, um zu verstehen, was da gerade passiert?

Am besten sollte man dich anzünden, damit du mal siehst wie das so ist.

Wenn ich so dumme Sachen lese, könnte ich kotzen.

Hach ja. Danke, Twitter! Da möchte ich ein wenig applaudieren. Wegen so einer Lappalie, wegen so einem unwichtigen Kleinscheiß kommen die Leute aus ihren Höhlen gekrabbelt und machen Radau? Eigentlich spricht so ein Verhalten für sich selbst, eigentlich sollte es mir herzlich egal sein und ich sollte drüber lachen. Aber an dem Abend haben mir diese Reaktionen wirklich weh getan. Ich konnte kaum einschlafen, ich habe geweint und fühlte mich komplett missverstanden. Am nächsten Morgen hatte ich schon einen anderen Blick darauf, so dass ich fast Mitleid mit diesen armen Würstchen empfunden habe. Fast. Ein paar fiese Nadelstiche spüre ich immer noch.

Mal ehrlich: Muss so ein Verhalten untereinander sein? Ist es so schwer, andere Meinungen zu akzeptieren, gerade wenn sie nicht radikal sind? Bei extremen Aussagen verstehe ich gewisse Reaktionen ja noch, aber in diesem Fall…? Es hat mich wirklich erschreckt, wie schnell einen die Leute angehen und wie unverschämt dabei vorgegangen wird. Natürlich werde ich mich jetzt nicht heulend von Twitter abmelden, denn für mich überwiegt weiterhin das Gute, und ich möchte mich in Zukunft auch nicht an andere anpassen, denen meine Meinung nicht gefallen könnte. Aber ein komisches Gefühl wird mich wohl eine Zeitlang begleiten.

 

Wann ist ein Heim ein Heim?

Neulich habe ich einen Teil meiner Unterlagen sortiert und dabei ist mir mein Mietvertrag in die Hände gefallen. Schön! Ich wusste gar nicht, wo der geblieben war. Meine Ordnung, was Dokumente angeht, ist seit Jahren „Schublade auf, Papiere rein, Schublade zu.“ und das war’s. Bei jedem Umzug gibt es so ein oder zwei Kartons, in denen wirklich nur Dokumente gelagert und durch die Gegend getragen werden. Ich hasse es, aber ich bin auch grundlegend faul, was Papierkram angeht. Jedenfalls versuche ich das anzugehen und dabei stieß ich eben auf meinen Mietvertrag. Ich saß in meinem Wohnzimmer, die Sonne schien durch die Fenster, neben mir schnarchten die Kater im Tiefschlaf auf dem Kratzbaum. Alles war ruhig und friedlich und doch… Während ich mich umsah, dachte ich darüber nach, was in den letzten zwei Jahren so alles in diesen Räumen geschehen war und welche persönliche Entwicklung ich durchgemacht habe. Und ich fragte mich, ob ich diese Wohnung, in der ich mich selbst am Anfang so schwer akzeptieren konnte, inzwischen eigentlich liebe oder nicht.

Für mich ist das Thema „Zuhause“ einerseits sehr emotional, andererseits auch relativ egal. Das ist schwer zu erklären, denn dieses Wissen ist eher ein Empfinden. So ein Gefühl ganz hinten in meinem Herzen, das man nur dumpf erspüren kann. Ich bin in meinem Leben so oft umgezogen, dass ich gar nicht mehr glaube, irgendwo ein Zuhause zu besitzen. Heimat, ja, das ist für mich Norddeutschland, die Gegend zwischen Bremen und Hamburg, die Gefilde meiner Kindheit. Dort, wo mir der Wind um die Nase weht, wo man immer ein wenig Salz in der Luft schmecken kann und wo der Blick in die Ferne schweift. Aber mein Zuhause? Wo ist das? Wirklich dort, wo ich nun lebe?

Ja, natürlich ist es dort, wo ich meinen Wohnsitz angemeldet habe. Auf dem Papier. Rein verstandesmäßig. Ich fühle mich wohl in meinen vier Wänden, zumindest meistens. (Im Moment nicht, weil ich mit meinem Haushalt kaum noch hinterher komme, was eine neue Beziehung bei mir wohl irgendwie immer mit sich bringt. Die Ruhephasen, die ich brauche, schiebe ich auf die Wochentage und an den Wochenenden bin ich entweder in Essen oder mein Freund ist bei mir. Ich weiß noch nicht so ganz, wie ich das lösen soll.) Ja, meine Einrichtung könnte mir selbst mehr entsprechen, ich habe viel zu viel Kram und muss das alles mal ausmisten, es gibt Baustellen in der Wohnung, wo dringend mal etwas ausgebessert werden müsste, aber im Großen und Ganzen ist doch alles in Ordnung. Die Hausgemeinschaft ist nett und ruhig, die Umgebung ist angenehm und die Verkehrsanbindungen sowie die Einkaufsmöglichkeiten im Umkreis sind super. Dennoch denke ich manchmal, dass die Stadt, in der ich lebe, mir seltsam fremd und distanziert erscheint. Selbst wenn ich mich mit ihr befasse, etwas zur Geschichte oder zum Stadtbild lese, mich durch die Straßen bewege, neue Dinge kennenlerne… Mir bleibt das alles immer so fern und fremd. Nicht, weil ich Wuppertal hassen würde. Nein, das ist es gar nicht. Es ist eher so ein Gefühl von „Ich gehöre hier nicht her.“, das ich nicht überwinden kann. Ich lebe in dieser Stadt, ich bewege mich durch sie hindurch, aber dennoch empfinde ich es nicht so, dass ich wirklich in ihr lebe. Wie soll ich das nur erklären?

Irgendwie warte ich immer auf den Moment, in dem ich mich angekommen fühle. Dabei weiß ich nicht mal, wie diese Empfindung sich äußern sollte. Ruhe ich dann von einer Sekunde auf die andere in mir selbst? Oder fühle ich plötzlich die Liebe zum Bergischen Land in mir aufwallen? Werde ich nie wieder aus meiner Wohnung ausziehen wollen? Ich bin gespannt, ob sich in dieser Richtung etwas tun wird oder ob ich mich einfach immer weiter innerlich zuhause, aber niemals richtig daheim fühlen werde.

Triggerpunkte

Es gibt sie selten, diese Momente im Leben, in denen ich merke: „Oh, dadurch wird jetzt gerade etwas in mir ausgelöst. Das wird sich zu einer Panikattacke auswachsen.“ Meistens habe ich dafür kein Bewusstsein, keinen Blick. Ich renne hektisch durchs Leben und schiebe alles, was unangenehm ist, möglichst weit von mir weg. Natürlich erreicht es mich trotzdem, aber ich bilde mir ein, das nicht mitzubekommen. Mein letzter Beitrag hier hat so eine Situation beschrieben und dieser hier wird das noch einmal tun. Bin ich empfänglicher geworden dafür? Nein, ich denke nicht. Aber ich versuche seit einiger Zeit, mehr auf mich und auf das, was ich brauche, zu hören. Vermutlich ist das der Grund dafür, warum ich Auslöser leichter wahrnehmen und im Nachgang besser einordnen kann. Ich finde das gut, denn so zeigen sich gewisse Muster und unverarbeitete Dinge aus der Vergangenheit. Das macht die Arbeit mit mir selbst sehr viel leichter.

Am letzten Wochenende habe ich meiner Agoraphobie den Mittelfinger gezeigt und bin gereist. Jedes Mal ein großer Akt, weil es mir vorher nicht so gut geht und die Katastrophengedanken gern mächtiger werden. Doch da ich das bereits kenne, habe ich hierfür Strategien entwickelt. Einzig und allein das Packen meines Koffers ist immer noch mit großen Problemen behaftet. Ich brauche immer Ewigkeiten dafür, denn sobald der Koffer gepackt im Flur steht, ist es einfach real, dass ich für einige Tage nicht zuhause sein werde. Nun gut, die Hürde hatte ich genommen, mein Nachbar hat auf meine Dickies aufgepasst und ich konnte relativ beruhigt die Tür hinter mir schließen.

Ich habe mich also zusammen mit meinen Besties auf den Weg nach Paris gemacht, wo wir das Final Fantasy XIV Fan Festival besuchen wollten. Und es war super. Wirklich, ich hätte es bereut, wenn ich nicht mitgefahren wäre. Ich habe einige Leute, die ich bisher nur aus dem Spiel kannte und mit denen ich nur online Kontakt hatte, endlich persönlich treffen können. Es gab zwei tolle Konzerte, die ich unheimlich genossen habe. Wir haben den Pariser Straßenverkehr überlebt, was wirklich nicht ganz einfach war. Und ich habe vier Tage Dauerbeschallung, ununterbrochenen menschlichen Kontakt und unbekannte Orte ohne Panik erlebt.

Das einzige Problem, das aufgetaucht ist, zeigte sich am Morgen unserer Abreise in Form von zwei jugendlichen Franzosen, die beim Frühstück neben uns saßen. Wir haben sehr traditionell den Genüssen der regionalen Küche gefröhnt (sprich: Wir haben bei McDonald’s gegessen.), uns abwechselnd auf Deutsch und Englisch unterhalten und hatten Spaß. Die Mädels neben uns hatten aber anscheinend irgendein Problem damit. Am Anfang hat es mich nur genervt, dass sie extrem laut irgendwelche Videos auf ihren Handys geschaut haben. Okay, kann man irgendwie ignorieren. Dann haben sie ausdauernd und falsch zu einem Lied mitgesungen. Auch noch ignorierbar. Allerdings fiel ihnen wohl irgendwann ein, dass wir ganz gute Opfer abgeben könnten, denn sie fingen an, uns nachzumachen, irgendwas auf französisch zu rufen, was wir natürlich nicht verstehen konnten, und schließlich kramten sie die fünf Brocken Englisch und Deutsch hervor, derer sie mächtig waren. Ich weiß, dass sie uns nur provozieren wollten, da ihnen wohl langweilig war. Und außer mir und Heike hat davon anscheinend auch niemand etwas mitbekommen. Letztendlich wurde es ihnen wohl zu dumm, denn sie sind aufgestanden und gegangen.

Das klingt alles sehr harmlos und das war es eigentlich auch. Niemand hat sich geprügelt, niemandem ist weh getan worden. Dennoch war mir am Ende dieser Begegnung extrem schlecht und ich hatte das Gefühl, mich nicht mehr auf meinem Stuhl halten zu können. Warum? Weil mich dieses Verhalten getriggert hat. Generell habe ich ein Problem mit Jugendlichen. Ich kann sie nicht ansehen, ich gehe ihnen aus dem Weg, ich fürchte mich manchmal sogar vor ihnen. Vermutlich werden viele Menschen, die wie ich in der Schule Außenseiter waren oder gemobbt wurden, ähnlich empfinden. Diese Gefühle graben sich einfach ein. Man vergisst das nicht. Und genau so ein Verhalten wie das der zwei mutmaßlichen Schulschwänzerinnen (Was hat man um diese Zeit im McDonald’s zu suchen?) triggert mich. Ich fühle mich hilflos, angegriffen, abgewertet, hässlich und wertlos. Und das wiederum löst in mir die körperlichen Symptome aus, die einer Panikattacke vorangehen. Übelkeit, Schwindel, Kreislaufschwäche, Herzrasen, schwitzige Hände und je nach Intensität gern auch noch ein paar mehr. Hätte ich diese Situation in Deutschland gehabt, hätte ich mich mit den beiden vielleicht sogar angelegt, denn irgendwann gesellt sich Wut zu meinen Empfindungen. Wut darüber, dass ich mich immer noch so fühle wie das 15jährige Mädchen, das sich in den Pausen in der Toilette versteckt, um nicht von den anderen fertig gemacht zu werden. Wut auf die Menschen, die sich anderen gegenüber so respektlos verhalten. Wut auf meine alten Mitschüler, die so schöne Dinge getan haben, wie mich am ersten Tag in der neuen Schule zu fragen, ob ich behindert wäre, denn ich würde so aussehen.

Nachdem die beiden gegangen waren, hat es tatsächlich noch einige Zeit gedauert, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Dennoch ließ mich dieses Erlebnis bisher nicht so richtig los. Auch weil ich gemerkt habe, dass die Selbstsicherheit, die ich in den Tagen davor erlebt habe, innerhalb weniger Minuten komplett in sich zusammengebrochen ist und ich mich sofort wieder gefragt habe, was mit mir nicht stimmt. Wieso werde ich so seltsam von der Seite angemacht? Was ist mit mir falsch, dass man mich nicht einfach in Ruhe lassen kann? Diese Fragen tauchen auf und verfolgen mich dann so lange, bis sie sich einen netten Platz in meinem Hinterkopf sichern konnten. Dort wird dann gehockt bis sich die nächste Chance zum Angriff bietet.

Ich bin mir etwas unsicher, wie ich solche Situationen in Zukunft angehen soll. Ich bin jetzt erst einmal froh, dass ich einen Triggerpunkt entlarvt habe, den ich meiner Liste hinzufügen kann. Vermutlich hilft auch hier mehr Selbstbewusstsein. Ich übe noch an dem Fingerschnipsen, das mir dazu verhilft.

Selbst nach einem Jahrzehnt…

… hängen manche Dinge immer noch so in Herz und Hirn fest, dass sie sich auf die Gegenwart auswirken. Ich hatte bisher nie etwas mit Flashbacks zu tun oder mit plötzlichen Gefühlsausbrüchen, die allein auf Erinnerungen fußen. Gestern Nacht musste ich das aber zum ersten Mal erleben und es war nicht schön.

Dieses Wochenende war das erste, das ich komplett mit meiner neuen Bekanntschaft verbracht habe. Ich denke, es ist auch ganz gut gelaufen, denn wir verstehen uns gut, interessieren uns für ähnliche Dinge, haben einen kompatiblen Humor und finden uns sympathisch. Ich bin verhalten optimistisch und mir auch bewusst darüber, dass ich mir bei dieser Sache selbst mehr als alles andere im Weg stehe. Ständig zweifle ich an irgendwas (sprich: mir), mache mir Sorgen um irgendwas (sprich: mich) oder denke, etwas (sprich: ich) stimmt nicht. Dieses blöde Selbstbewusstsein lässt mich hängen und ich bin enttäuscht von mir selbst, weil ich dadurch das Gefühl habe, nicht zu genügen.

Gestern Nacht wurde es dann wirklich schlimm. Ich lag im Bett, der Mann schlafend neben mir, und plötzlich schoss mir durch den Kopf, wie sich die Beziehung zu P. damals verhalten hat. Wie klein ich mich da habe machen lassen, wie sehr ich nach seiner Zuneigung gehungert habe, wo ich doch eigentlich nur ein Notnagel für ihn war. Ich hatte auf einmal alles wieder in den Ohren und vor Augen. Seine Forderung, mich anders anzuziehen, weil er meinen Stil nicht mochte. Die Weigerung, mir seine Freunde vorzustellen, und die Ausreden diesbezüglich. Die Aussage, ich dürfe auf keinen Fall mehr zunehmen, da er sich sonst von mir trennen würde, und das Gespräch mit meiner Freundin, die damals noch eine reine Internetbekanntschaft war. Sie solle sich nicht erschrecken, wenn sie mich zum ersten Mal sieht, weil ich wirklich dick und unattraktiv sei. Die Weigerung, mir über die gesamte Zeit unserer Beziehung körperlich näher zu kommen. Das Ende unserer gemeinsamen Zeit, als er sich einfach gar nicht mehr meldete. Als ich mit mir selbst Schluss machen musste, weil er es nicht konnte. Die Verzweiflung, die ich fühlte, als sich herausstellte, dass er hinter meinem Rücken mit einer Bekannten von mir angebandelt hatte. Der Hass, den ich entwickelte, weil beide mich auslachten und verspotteten, mir sagten, ich sei eine Psychopathin, und dann versuchten, die gemeinsamen Freunde gegen mich aufzuhetzen. Und die absolute Zerstörung, die das in mir hinterlassen hat.

Ich habe wirklich lange keine Tränen mehr vergossen wegen dieser Sache. All das habe ich tief unter einer Schicht aus Sarkasmus verborgen und versuche, es möglichst selten auszugraben. Gestern aber kam all das mit einer Heftigkeit zurück, dass es mich erschrocken hat. Ich bin aufgestanden und ins Bad gegangen, wo ich gute zehn Minuten einfach nur geweint habe. Die Erinnerung hat mein Herz zerdrückt und die Angst, einem Menschen noch einmal zu vertrauen und dafür so kaputt gemacht zu werden, aus meinen Adern gepresst. Es war schwer, mich wieder zu beruhigen und selbst jetzt noch fühle ich mich meinen Gedanken schutzlos ausgeliefert.

Natürlich muss es nicht wieder so sein. Ich darf es nicht einem schlechten Menschen erlauben, selbst nach einem Jahrzehnt noch so über mein Inneres zu herrschen. Aber das ist leider leichter gesagt als getan. Kommunikation wäre der Schlüssel zu einem leichteren Herz, doch ich fürchte mich davor, das Thema anzusprechen. Für Außenstehende wirkt es sicher albern und hat etwas von fishing for compliments. Ich muss also noch überlegen, wie ich damit umgehe. Hoffentlich komme ich zu einer Lösung, bevor ich einen guten Mann von mir stoße, der mir im Grunde nichts getan hat und der nichts für die Taten eines Arschlochs kann.