Das liegt ja an dir.

Ich bin kein großartiger Familienmensch. Ich liebe meine Eltern, ich liebe meinen Bruder, meine Schwägerin und meinen Neffen. Gerade lerne ich zwei meiner Tanten langsam (wieder) kennen. Von vielen anderen habe ich mich schon lange entfernt. Das geschah nicht willentlich. Ich habe das nicht mit Absicht getan, aber ich merkte einfach immer mehr, dass ich nicht dazugehörte. Ich ticke anders oder bilde mir vielleicht nur ein, anders zu ticken. Es ist nicht so, dass ich den Rest meiner Familie nicht mögen würde. Nein, das kann ich nicht behaupten. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und ich hege keinen Groll gegen sie. Sie sind nur einfach… nicht mit mir auf einer Wellenlänge. Meistens weiß ich nicht, worüber ich mich mit ihnen unterhalten soll. Oft habe ich das Gefühl, mich für mein Leben und meinen Charakter rechtfertigen zu müssen. Und ich fürchte, zu einem Teil ist man auch enttäuscht von mir. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich werde aus dieser Rolle wohl niemals heraus finden. Aber das ist okay. Jede Familie braucht ein schwarzes Schaf, oder? Das bin dann wohl ich. Ich bin die Überempfindliche. Die, die alles persönlich nimmt und dramatisiert. Die keine Kränkung und keine Verletzung vergessen kann. Die immer mit sich selbst hadert und sich fehl am Platz fühlt. So sollte es nicht sein, aber das ist nun mal die Realität.

Selbst in dem kleinen Kreis meiner Familie, in dem ich mich relativ akzeptiert fühle, bin ich oft unsicher. Innerlich konkurriere ich sehr mit meinem Bruder, den ich aber dennoch abgöttisch liebe. Nachdem wir uns lange Jahre furchtbare Kämpfe geliefert hatten, haben wir doch irgendwann zueinander gefunden. So unterschiedlich sind wir gar nicht. Bis auf die Tatsache, dass er mir sehr viel mehr bedeutet als ich ihm. Und da ich das weiß, versuche ich mich weitgehend aus seinem Leben raus zu halten. Wenn man die Hintergründe nicht kennt, dann kann man das sicher als Desinteresse werten. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht. Oft frage ich mich, ob mein Bruder nicht eine viel wertvollere Person ist als ich. Das ist ein dummer Gedanke und besonders meine Mutter würde mir den Kopf abreißen, wenn sie davon wüsste. Was sie jetzt vermutlich tut. Hallo, Mamschi. Diese Selbstzweifel bei allem, was ich tue oder auch nicht tue, sind so tief in mir verwurzelt, dass ich mich ohne sie wohl unvollständig fühlen würde. Ich sollte wohl aufhören, gegen sie zu kämpfen. Ist Akzeptanz das Zauberwort?

Im Januar war ich mit meinem Vater und meiner Stiefmutter bei meinem Bruder zu Besuch. Seit langen Jahren das erste Mal. Sonst sehen wir uns eigentlich nur beim gemeinsamen Familienurlaub oder wenn wir zur gleichen Zeit bei meinem Vater zu Besuch sind. Mein Bruder lebt mit seiner Familie in einem Haus auf dem Land und in der Küche gibt es eine Wand, an der gefühlt 200 Fotos von Freunden und Familie hängen. Alle sind sie dort vertreten. Alle. Nur ich nicht. Keine Spur von mir. Das tat mir weh und ich konnte nicht recht damit umgehen. Also habe ich meine Entdeckung am Abend meinem Vater mitgeteilt. „Papschi, in der Küche hängen echt alle Menschen, die dieser Familie wichtig sind. Aber ich bin nicht dabei.“ Seine Antwort war: „Das liegt ja an dir.“ Mir hat das den Boden unter den Füßen weggezogen. Für einen Moment fühlte ich mich wie ein trotziges Kind, das sich zwei Wochen lang weigert, mit den Eltern zu reden. Aber dann fragte ich mich sofort: Stimmt das? Bin ich schuld daran, dass ich im Leben meines Bruders keine Rolle spiele?

In den letzten Monaten habe ich oft darüber nachgedacht, das Thema aber nicht mehr angesprochen. Die Schuld hatte sich an mein Herz geklammert und sich dort bereits häuslich niederzulassen begonnen. Bis mir letzte Woche etwas auffiel.

Bereits vor einigen Monaten hatte ich mit meinem Bruder darüber gesprochen, dass er und seine Familie mich im Sommer besuchen kommen möchten. Ich habe mich riesig gefreut, aber es stand noch kein genaues Datum. Vor ein paar Tagen haben wir dann noch einmal darüber gesprochen und in drei Wochen werden wir zumindest einen Tag zusammen verbringen. In meiner Stadt. Und da fiel es mir auf. Seit ich nicht mehr zuhause wohne – und das ist schon verdammt lange -, hat mein Bruder mich nur einmal besucht. Zu meinem Geburtstag. In meiner allerersten Wohnung. Da muss ich 22 oder 23 Jahre alt geworden sein. Wirklich, es fällt mir keine andere Gelegenheit ein. Meine Wohnungen hat er, wenn überhaupt, nur mal im Zuge eines Umzugs gesehen. Dabei hatte er im Grunde mehr Möglichkeiten als ich. Er hat immer ein Auto besessen, war finanziell immer besser dran als ich und hatte vor allem auch nie eine Erkrankung, die ihm das Reisen in jeglicher Form schwer machte. Anders als ich. Dennoch war er im Grunde nie bei mir. Es hat ihn nicht interessiert. Was okay ist. Das war seine Entscheidung.

Aber was diese Feststellung nun unweigerlich mit sich bringt, ist die Frage: Wieso bin ICH dann schuld daran, dass ich für das Leben meines Bruders nicht wichtig bin? Warum stehe ICH in der Verantwortung? Warum allein? Ich verstehe nicht, warum mir etwas angekreidet wird, was irgendwie bei uns beiden schief zu laufen scheint. Aus welchen Gründen auch immer. Das enttäuscht mich auf so einer tiefen Ebene, dass ich kaum Worte dafür finde. Und gleichzeitig fühlt es sich an, als würden mein Vater und mein Bruder eine Mauer vor mir hochziehen, vor der sie sich gegenseitig davon erzählen, was für ein schlechter Mensch ich bin und wie unzuverlässig und enttäuschend.

Es heißt, man solle sich selbst lieben, dann käme alles andere schon von ganz allein. Aber ist es zu viel verlangt, auch bedingungslos von anderen geliebt zu werden? Muss immer nur ich mir Mühe geben? Kann ich nicht auch einfach als der Mensch akzeptiert und gemocht werden, der ich bin? Vielleicht nicht. Und vielleicht liegt das auch wieder nur an mir.

Advertisements

Zwei Welten.

Ich liebe meinen Job. Das habe ich sicherlich schon mal erwähnt. Auch wenn er oft stressig ist, man ständig von Menschen umgeben ist und es dabei einfach völlig egal ist, ob es einem gerade gut geht oder nicht, ob man schlechte Laune hat oder todtraurig ist… Man muss lächeln und das Gefühl vermitteln, am richtigen Ort angekommen zu sein. Das ist mitunter nicht ganz einfach, aber die meiste Zeit über gibt es kein Problem. Denn auch wenn ich morgens mal wirklich genervt bin von der Aussicht auf einen langen Arbeitstag und mich die Menschen im Zug und vor allem am Düsseldorfer Hauptbahnhof bereits übelst nerven: Sobald ich in der Schule angekommen bin, die Kollegen und die Schüler sehe, die ersten Scherze austausche oder umarmt werde, geht es mir besser. Ich habe so ein unglaubliches Glück, in meinem Job aufzugehen und eine Art Familie in meinen Kollegen gefunden zu haben. Ich weiß nicht, bei wem ich mich dafür bedanken müsste, aber ich würde es gern mal tun.

Da ich mich privat ja ziemlich schwer damit tue, neue Menschen kennenzulernen, ist es für mich eine tägliche Herausforderung, mit Menschen aller Couleur zusammenzukommen und mit ihnen zu interagieren. Man könnte es als eine immerwährende Expositionsübung betrachten, die ich da durchlaufe. Aber das ist gut, das brauche ich. Ich darf mich nicht verstecken, darf nicht beginnen, mich vor anderen zu fürchten. Täglicher Kontakt mit Menschen ist anstrengend, aber auch so bereichernd und schön, dass ich darüber oft vergesse, wie unsicher ich anderen gegenüber sein kann.

Doch von Zeit zu Zeit erinnere ich mich.

Grundsätzlich komme ich eigentlich mit all unseren Schülern aus. Mit dem ein oder anderen besser, mit anderen habe ich kaum Kontakt, doch in den drei Jahren meiner Tätigkeit gab es nur eine Handvoll Leute, die ich direkt an die Wand hätte klatschen mögen. Die ignoriere ich dann so weit es geht. Manchmal treffe ich aber auch Leute, von denen ich mich sehr angezogen fühle. Es geht mir gut in ihrer Gegenwart, ich mag ihren Witz und Charme, ihre Art zu reden oder zu denken. Und ich wünsche mir dann, sie würden mich bemerken und vielleicht Zeit mit mir verbringen wollen, doch wir sprechen immer nur kurz in den Pausen oder nach dem Ende eines Kurses und dann verschwinden sie wieder. Bis zum nächsten Tag.

Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass dieses Geständnis ziemlich erbärmlich klingt. So als wäre ich ein kleiner Welpe, der um Aufmerksamkeit ringt. Ja, verdammt, ich gebe es zu: Ich winsle innerlich auch mal vor mich hin und will einfach nur geliebt werden und dazu gehören. Das ist nicht besonders professionell, klar, aber so bin ich nun mal. Nach außen sieht man mir das wohl nicht an, zumindest nicht wenn ich den Aussagen derer glauben kann, die mich täglich erleben. Und das beruhigt mich etwas, denn wie peinlich ist es bitte, die um Zuneigung bettelnde Frau am Empfang zu sein? Ich würde mal sagen: Trolololol!!!11elf!!!

Aber es versetzt mir jedes Mal einen Stich, wenn ich gerne fragen würde, ob man Lust hätte, gemeinsam etwas zu unternehmen, es aber dann doch nicht tue, weil es nicht angemessen ist. Und weil ich weiß, dass ich in einer anderen Welt lebe als die, die ich so bewundere. Die Klassen sind eingeschworene Gemeinschaften, dort entstehen Freundschaften, ich bin aber nur die Frau hinter dem Tresen, die ein paar aufmunternde Worte parat hat oder die Hilfe im Dschungel der Bürokratie anbietet. Und immerhin habe ich ja auch schon gelernt, dass ein Interesse nicht meiner Person gilt, sondern nur dem, was ich bieten kann. Diejenigen, die Kontakt wollten, erhofften sich davon meist nur Vorteile oder haben mich immer um Gefallen gebeten. Hatten sie, was sie wollten, ist der Kontakt schnell beendet gewesen. Ich gebe mir dafür die Schuld. Ich hätte es besser wissen müssen. Aber man lernt schließlich sein ganzes Leben lang dazu.

Wir leben in verschiedenen Welten. Auf der anderen Seite des Tresens befindet sich ein Kosmos, in den ich nicht eindringen kann.

Es ist ein bißchen traurig, dass ich einen Beruf habe, in dem ich Unmengen von überaus interessanten Menschen kennenlerne, aber dennoch die meiste Zeit in meinem Leben allein verbringe. Ironie des Schicksals. Ich darf einfach nicht so viel darüber nachdenken.

Männer, die auf Straßen rotzen.

Es passiert mir eigentlich täglich: Ich gehe arglos meines Weges, schaue mal nach links und mal nach rechts, denke über dies und das nach und blicke versonnen auf den Rücken meines Vordermannes. Vor mir geht ein Kerl, der von hinten völlig normal aussieht. Was in diesem Fall bedeutet: Adrett gekleidet, gewaschen, nicht besoffen rumschwankend. Eben ein durchschnittlicher Mann. Während ich also fröhlich durch die Weltgeschichte laufe, passiert es plötzlich. Der Mann vor mir hebt einen Finger an sein Nasenloch und bläst einen fetten Klumpen Rotz auf die Straße. Also, auf den Fußweg. Dahin, wo ich soeben meinen Fuß setzen wollte.

Iiiiiiiiiih!

In mir zieht sich alles zusammen. Ist ja widerlich! Aber gut, vielleicht ist der einfach nur fies erkältet und hat gerade kein Taschentuch dabei. Ich setze also meinen Weg fort und versuche, nicht mehr all zu viel an das Bild zu denken, dass sich mir eben bot. Ein paar hundert Meter weiter kommt mir ein anderer Kerl entgegen. Jung, sportlich, hippe Straßenkleidung. Als er beinahe auf meiner Höhe ist, zieht er unter größter Anstrengung und sehr lautstark etwas aus den tiefsten Tiefen seines Halses nach oben: Rotz! Und schon spuckt er mir den auch genau vor die Füße.

Baaaaaah!!!

Mir wird jetzt wirklich langsam übel, es kann doch nicht sein, dass hier jeder seine Körperflüssigkeiten auf der Straße verteilen muss! Es ist nicht mehr weit bis zu meinem Ziel und ich halte nun den Blick gesenkt. Mir ist nämlich etwas aufgefallen. Überall auf dem Fußweg sind Rotzflecken verteilt. Man muss schon beinahe hüpfen, um nicht hinein zu treten.

Wäääääh!!

Warum machen Leute so etwas? Vor allem die Männer? Ich glaube, ich habe bisher nur einmal eine Frau beziehungsweise ein Mädchen gesehen, das auf die Straße gespuckt hat. Sonst waren das wirklich nur Typen und ich überlege, ob es einen tieferen Sinn dahinter gibt. Ist das Revierverhalten? Muss irgendwas markiert werden und ich verstehe das nur nicht? Sind das alles Hardcorekiffer, die Unmengen an Speichel produzieren? Oder gibt es so einen geheimen Kodex unter Männern, der besagt, dass man als Kerl nun mal rumzurotzen hat? Was auch immer es ist, es ist einfach nur widerlich. Wenn ich einen Mann, der eigentlich attraktiv ist und nett erscheint, dabei beobachte, wie er seinen Speichel auf die Straße flaggt, finde ich ihn auch sofort hässlich. Das ist doch auch kein Benehmen. Und überall diese widerlichen Pfützchen… Da mache ich mir keine Sorgen mehr um Hundescheiße auf dem Fußweg, sondern um Rotzklumpen unter meinem Schuh.

Kann ja sein, dass ich einfach zu empfindlich bin. Aber gibt es wirklich jemanden da draußen, den das überhaupt nicht stört? Oder der das normal findet? Kann man mir das zumindest mal erklären? Ich möchte die Welt um mich herum ja wirklich gerne verstehen, es fällt mir bei diesem Thema nur verdammt schwer. Wenn es nach mir ginge: Männer, lasst das Rotzen sein!

Es lebe die Aufklärung!

Es ist Samstag und es regnet in Strömen. Langsam hält der Herbst Einzug im Bergischen Land und ich freue mich darüber. Auch wenn ich heute einkaufen gehen muss. Nur ein paar Kleinigkeiten, doch dafür den Berg hinunter und das im Regen. Schön! Und das ist nicht ironisch gemeint. Etwas anstrengend ist dabei der Kontakt mit Menschen. Am Wochenende rede ich so gut wie gar nicht und bin auch nicht darauf eingestellt, mich in einem sozialen Umfeld zu bewegen. Aber was soll‘s, einkaufen ist okay, da sagt man nur „Hallo“, „Bitte“, „Danke“ und „Tschüss“. Ich gehe also los, verzichte sogar auf Musik in den Ohren, weil das Geräusch des Regens auf meinem Schirm und in der Umgebung einfach zu schön klingt.

Im Supermarkt husche ich schnell durch die Gänge. Brot, Käse, Brokkoli und Kosmetiktücher, mehr brauche ich nicht. Also ab zur Kasse. Vor mir legen eine Frau und ihre Tochter, die vielleicht 5 Jahre alt ist, ihre Waren auf das Band. Das Mädchen singt sehr laut und sehr schief vor sich hin. Ich bin schon kurz davor, die Augen zu verdrehen, da sagt ihre Mutter: „Ich komme gleich wieder.“ Sie lässt ihr Kind mit den Einkäufen zurück und hechtet in den nächsten Gang. Ich schaue das Mädchen an, sie schaut zurück und seufzt: „Na, das war ja ganz toll von ihr.“

In diesem Moment erinnere ich mich daran, wie schrecklich ich es als Kind fand, wenn meine Mutter noch schnell etwas holen wollte und ich allein mit den noch unbezahlten Sachen zurück blieb. Ich hatte immer Angst, dass mich die Kassiererin oder die Leute in der Schlange beschimpfen würden, wenn sie nicht rechtzeitig zurück käme, bevor wir an der Reihe wären. Ich hatte ja kein Geld und wie sollte ich das alles bezahlen? Ich überlege, ob das Mädchen sich wohl genau so fühlt und entgegne: „Sie kommt bestimmt zurück, bevor du dran bist. Du wirst das nicht allein bezahlen müssen.“ Mit großen Augen erwidert sie: „Ich habe ja auch gar kein Geld hier. Nur zuhause.“ Jetzt finde ich sie doch wirklich niedlich. Sie turnt am Kassenband herum und hält Ausschau nach ihrer Mutter. „Und nach Hause kann ich jetzt nicht. Ich kann ja gar nicht Auto fahren.“ Ich muss ein wenig lachen. „Du kannst ja auch zu Fuß gehen.“ Sie ist entsetzt. „Aber es regnet doch!“

In diesem Augenblick kommt ihre Mutter zurück. Das Mädchen strahlt und dreht sich zu ihr um. „Mama, ich habe mich getraut, mit der Frau zu sprechen!“ Ein Blick der Mutter, die taxiert mich möglichst unauffällig. „Das ist super, mein Schatz.“ Ein Kuss auf das Haupt ihrer Tochter, woraufhin die Kleine meint: „Und sie ist total nett und hat gar nichts Böses gesagt.“ Während ich noch denke, wie süß das ist, geht die Mutter in die Hocke und nimmt das Mädchen bei der Hand. „Du kannst mit Fremden sprechen, aber egal, wie nett sie sind, du gehst niemals mit ihnen mit, ja? Nie, nie, niemals. Auch wenn sie dir tolle Spielzeuge oder Süßigkeiten anbieten. Das machst du nicht. Versprochen?“ Ihr Kind verspricht es ihr.

Ich bin etwas irritiert. Habe ich jetzt tatsächlich dieses Aufklärungsgespräch ausgelöst? Wirke ich wie jemand, der sich ein Kind unter den Arm klemmt und damit verschwindet? Oder war die Gelegenheit gerade günstig, es dem Nachwuchs mal zu sagen? Ich versuche, Augenkontakt mit der Mutter aufzubauen, aber sie ignoriert mich. Das Mädchen hingegen starrt mich an und scheint sich nicht sicher zu sein, was sie nun von mir denken soll. Ich lächle ihr zu. „Deine Mutter hat recht, weißt du?“ Die beiden packen zusammen und verlassen den Laden.

Auf dem Weg nach Hause bin ich etwas nachdenklich. Auch mir hat man als Kind diese Ansprache gehalten. Ich weiß das, auch wenn ich mich nicht bildhaft daran erinnern kann. Aber gab es dafür einen Auslöser? Eine bestimmte Situation? Und ist man heutzutage überempfindlicher und ängstlicher in Bezug auf seine Kinder? Ich kann das nicht beurteilen, ich bin keine Mutter und werde es in diesem Leben wohl auch nicht mehr. Aber interessant ist diese Frage dennoch, spiegelt sie doch die Entwicklung unserer Gesellschaft wider.

Links – Mitte – Rechts – Oben – Unten?

Heute Morgen auf Twitter stieß ich in meiner Timeline auf diesen Artikel der Wochenzeitung. Kurze Zusammenfassung: Vor einiger Zeit hat Andreas Glarner von der Schweizer Partei SVP einen Post auf Facebook verfasst, der nicht nur gegen Frauen (der linken Parteien) geschossen hat sondern der außerdem noch eine Flut von abwertenden, beleidigenden, sexistischen und rassistischen Kommentaren nach sich gezogen hat. Einer dieser Kommentatoren hat sich mit den Journalisten der Wochenzeitung zu einem Interview verabredet und dort seine rechts gerichtete Denkweise erklärt.

Zum Inhalt des Interviews und zu meiner Ansicht diesbezüglich möchte ich gar nicht großartig viel sagen. Es reicht ein einziger Satz: Ich teile die Ansichten dieses Menschen nicht, kann aber in Grundzügen verstehen, was er meint. Das Lesen hat bei mir Unbehagen ausgelöst und das nicht nur wegen seiner für mich widersprüchlichen Argumentation sondern auch aufgrund der Aussage, dass er als Schweizer alle Deutschen hasst.

Ich liebe die Schweiz. Einige meiner besten Freunde wohnen dort und ich finde das Land einfach wunderschön. Das heißt nicht, dass ich unbedingt dort leben möchte, und wenn ich zu Besuch bin, dann versuche ich mich anständig zu benehmen und den Einheimischen respektvoll zu begegnen. Natürlich ist mir bewusst, dass viele Schweizer nicht gerade besonders gut auf die Deutschen zu sprechen sind. Das hat vor allem wirtschaftliche Hintergründe, denke ich. Ich habe nie besonders viel darauf gegeben, immerhin ist jeder Mensch doch individuell nach seinen Taten, Worten und seiner Lebenssituation zu beurteilen. Oder nicht? Heute habe ich gemerkt, dass es sich durchaus schmerzvoll anfühlen kann als Deutsche erstmal pauschal gehasst zu werden. Man hat nichts verbrochen, sieht sich selbst als relativ aufgeschlossenen und angenehmen Menschen und dann so was.

Vielleicht ist das ein Bruchteil des Gefühls, das Menschen empfinden müssen, wenn sie nicht willkommen sind. Wenn sie der „falschen“ Religion angehören. Wenn sie Staatsbürger eines Landes sind, in dem Krieg herrscht, vor dem sie flüchten. Pauschale Ablehnung ist generell Mist. Ähnlich wie die typische Nazi-Keule, die immer wieder gegen uns geschwungen wird. „Du bist Deutsche? Du Nazi!“ – „Hitler ist seit 70 Jahren tot und was die Leute damals getan haben, gilt für mich nicht mehr.“ – „Egal. Nazi!“ Danke für das Gespräch.

Für mich lautet die Frage im Moment: Wo stehe ich denn? In den ganzen politischen Diskussionen, die gerade lauter und lauter werden, vertrete ich bitte schön welchen Standpunkt? Keine Ahnung. Ich weiß, ich bin nicht rechts. Schaue ich mir das Wahlprogramm der AfD an, weiß ich nicht genau, ob ich lachen oder weinen soll. Ich bekomme das Gefühl, die Partei möchte ganz Deutschland am liebsten zurück in die 1930er Jahre schießen. Und „Der III. Weg“ ist noch radikaler. Da rollen sich mir die Fußnägel hoch. So etwas könnte ich nie unterstützen. Bin ich denn aber links? Oder tendiere ich zur Mitte? Und was ist eigentlich mit allem dazwischen? Und wieso lässt man Oben und Unten außer Acht, wenn man doch eigentlich schon mal dabei ist? Muss man sich überhaupt festlegen?

Wie sehr sehne ich mich manchmal nach den Tagen, in denen ich mir über Politik so gar keine Gedanken machen musste. Die Kinderzeit, ohne nennenswerte Verantwortung und ohne Angst vor der Zukunft dieses Landes und der Welt im Allgemeinen, scheint im Rückblick wieder sehr verlockend. Noch einmal dahin flüchten… Wie schön wäre das. Aber es ist nicht möglich und ich darf die Augen nicht vor dem verschließen, was aktuell passiert. Auch wenn mich das im Moment das Fürchten lehrt. Mehr als jeder Horrorfilm es könnte.

 

Nicht jede Krankheit kann man sehen.

Ich habe wirklich lange überlegt, ob ich in diesem Blog, der ja kreuz und quer durch meine Gedanken und Interessen geht, ein für mich sehr wichtiges und immer präsentes Thema zur Sprache bringen soll oder nicht: psychische Krankheiten. Generell bin ich sehr an Psychologie und menschlichem Verhalten interessiert. Daher würde es sich anbieten, auch mal darüber zu schreiben. Doch da es eben auch so ist, dass ich selbst betroffen war – oder es immer noch bin, aber inzwischen eher latent -, berührt mich dieses Thema auf einer so tiefen Ebene, dass ich es nicht einfach sachlich mit ein oder zwei Sätzen abtun kann.

Obwohl ich in der letzten Zeit wenig Muße zum Schreiben habe, lese ich doch immer noch fleißig in meiner Blogroll. Ich verfolge die unterschiedlichsten Themen und es stecken sehr verschiedene Menschen dahinter, doch mir ist aufgefallen, dass sich über kurz oder lang viele mit psychischen Erkrankungen auseinander setzen oder das Thema zumindest anreißen. Wieso das so ist? Ich kann es mir nur so erklären, dass einerseits die Sensibilität dafür steigt, andererseits aber auch der Druck in der Gesellschaft und sich darum viele Menschen irgendwann persönlich mit der Problematik konfrontiert sehen. Gesteigerte Erwartungshaltung, Versagensangst, Erfolgsdruck und auch die neuen Medien belasten den menschlichen Geist oft über die Maßen und sind sicher ein großer Faktor für die zunehmenden psychischen Probleme in unserem Land. Es ist beängstigend, wie uns inzwischen schon von Kindesbeinen an eingetrichtert wird, dass wir funktionieren und etwas leisten müssen, dass unser Selbstwertgefühl an unser Aussehen und unsere Finanzen geknüpft ist und wir am besten auch mit 55 Jahren noch genau so aussehen und so aktiv sind wie mit 20. Wir sind eine Nation von Nummern, von austauschbaren Arbeitern, die denen, die durch ihren Erfolg aus der Masse heraus stechen, vollkommen egal geworden sind. Wir entfremden uns, wir leben einsam zwischen unseren Nachbarn, Menschlichkeit rückt immer mehr in den Hintergrund und wir haben keine Zeit mehr, den Kopf auszuschalten und los zu lassen.

Ist es also ein Wunder, dass wir irgendwann unter dem Trommelfeuer unserer Umwelt zusammenbrechen?

Schleichend aber stetig hat sich die Depression zu einer Volkskrankheit entwickelt. Auch wenn viele lieber den Begriff „Burn-out“ benutzen, weil der positiv besetzt ist und impliziert, dass man einfach so viel geackert hat, dass jetzt mal Schluss ist: Eine Depression bleibt eine Depression. Egal, wie man sie bezeichnet. Und sie kann unterschiedlichste Auslöser haben. Weithin scheint sich der Irrglaube zu halten, dass eine Depression bedeutet „einen an der Klatsche zu haben“, „nicht mehr ganz dicht zu sein“ oder – ganz simpel gesagt – eben einfach verrückt zu sein. Dass es aber eben um Überlastung geht, um Traumata oder auch um eine Stoffwechselstörung, die gewisse chemische Prozesse im Gehirn verändert oder stört, ist vielen Nicht-Betroffenen nicht klar. Oder sie wollen es gar nicht wissen. Sich mit dieser Thematik zu beschäftigen bedeutet nämlich oft, sich aus seiner sicheren Umwelt hinaus zu wagen und die Welt anders zu begreifen. Mit anderen Augen zu sehen. Und dabei kann man mitunter auch Dinge entdecken, die einem nicht gefallen.

Ich gehe mit dem, was mir passiert ist und wie ich die letzten Jahre erlebt habe, sehr offen um. Wozu soll ich ein Geheimnis daraus machen? Alle Höhen und Tiefen, die ich erfahren habe, haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Sie haben mich an den Ort gebracht, an dem ich nun mein Leben führe. Und sie haben einen großen Anteil an meiner jetzigen Sicht auf die Welt und die Menschen. Und weil das so ist und ich denke, dass es anderen Menschen vielleicht auch Mut machen oder ihre Fragen beantworten kann, möchte ich in Zukunft auch darüber reden. Ich denke, wir brauchen mehr Menschen, die einfach mal reden.

Ich mag nicht jeden Menschen. Das ist okay.

„Es tut mir leid, ich werde mit ihr einfach nicht warm. Sie hat mir nichts getan, nein, aber sympathisch finde ich sie trotzdem nicht.“ Die Reaktion meines Freundes auf diesen Satz war fast so etwas wie Bestürzung. Ich konnte Unverständnis in seinem Blick entdecken und ein stummes „Stell dich nicht so an.“ Das hat mich nicht geärgert, denn immerhin handelt es sich bei besagter Person um eine langjährige Freundin meines Goldjungen. Und irgendwie möchte man ja immer, dass der Partner die eigenen Freunde mag.

Die allgemeine Wunschvorstellung in Beziehungen ist, dass alle gut miteinander auskommen. Die Realität sieht aber eben anders aus. Für mich ist das auch gar nicht schlimm, denn immerhin liebt man den Menschen, mit dem man zusammen ist. Die Freunde sind Beiwerk, das man gratis dazu bekommt. Aber sie haben per se nicht viel mit dem Kern der Beziehung zu tun. Sie sind das gewachsene Umfeld des Partners. Nicht das eigene.

In meinem Fall sieht das etwa so aus: Mein Freund und ich haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Er steht auf Black Metal, hat einen sehr schwarzen und teilweise auch recht flachen Humor (Sorry, Schatz! ;D), redet nicht gern über Gefühle, ist sportlich und am liebsten immer auf Achse. Ich bin ein Nerd, mag Anime und Cosplay, interessiere mich für Psychologie, bin ziemlich sensibel und ein wahrer Couch Potato. Irgendwie haben wir aber dennoch zusammengefunden und ja, es gibt durchaus Dinge, die wir zusammen machen und bei denen sich unsere Interessen überlagern. Ansonsten wären wir nicht seit vier Jahren ein Paar. Aber ebenso wie er sich nicht vorstellen kann, jemals mit mir auf eine Convention zu gehen oder sich weigert, auch nur einen Anime mit mir zu schauen (Neulich saß er in sein Handy vertieft auf der Couch, während einer lief, das war schon ein kleines Wunder!), könnte ich mich nicht überwinden, ihn auf ein Metal Konzert zu begleiten oder mit ihm klettern oder Mountain biken zu gehen. Und Achtung, das klingt jetzt fieser als es gemeint ist: Dafür sind seine Freunde da.

Wir suchen uns die Menschen aus, die zu uns passen. Sie teilen ähnliche Interessen, begleiten uns auf Konzerte, ins Kino, vielleicht auch in den Urlaub. Wir können mit ihnen über das reden, was uns bewegt, weil wir ähnlich ticken. Unsere Freunde müssen nicht einer Meinung mit uns sein. Sie müssen nicht alles toll finden, was wir sagen oder tun. Aber generell schwimmen sie mit uns auf einer Welle und in die gleiche Richtung. Und das muss nicht die gleiche Welle sein, auf der wir mit unserem Partner surfen. (Würde auch irgendwann echt eng werden.)

„Warum magst du sie denn nicht? Ist doch super nett!“ Das mag sein. Aber es betrifft die Maßstäbe eines anderen Menschen, nicht meine. Und ich kann es mir leisten, mich mit den Menschen zu umgeben, mit denen ich mich umgeben will. Ich muss mir niemanden antun, der eigentlich nicht an meine Seite gehört. Das ist nicht arrogant gemeint, wirklich nicht. Ich lerne gern neue Menschen kennen, aber ich habe irgendwann festgestellt, dass ich es nicht mehr haben muss, mich für andere Leute zu verrenken. Dafür bin ich mir zu schade. Ich muss nicht jeden Menschen toll finden, ebenso wie man mich nicht toll finden muss.

Die meisten Leute aus dem Bekanntenkreis meines Freundes mag ich. Einige sogar sehr gern. Ich verbringe gern Zeit mit ihnen. Andere sind halt nicht so mein Fall. Ich behandle sie trotzdem höflich und mit Respekt. Auch die ganz oben genannte Person, mit der ich nicht wirklich gut kann. Wie sie das? Keine Ahnung, doch ich habe schon das Gefühl, dass das bei uns auf Gegenseitigkeit beruht. Ob ich das ihr gegenüber thematisiere? Nein. Wozu? Die Zeit, die ich mit ihr verbringe, ist keine verschwendete Lebenszeit. Es sind immer genug andere Leute da, mit denen ich sehr gut kann. Also sehe ich da kein Problem. Und sicher wird das mein Freund auch irgendwann verstehen.