Triggerpunkte

Es gibt sie selten, diese Momente im Leben, in denen ich merke: „Oh, dadurch wird jetzt gerade etwas in mir ausgelöst. Das wird sich zu einer Panikattacke auswachsen.“ Meistens habe ich dafür kein Bewusstsein, keinen Blick. Ich renne hektisch durchs Leben und schiebe alles, was unangenehm ist, möglichst weit von mir weg. Natürlich erreicht es mich trotzdem, aber ich bilde mir ein, das nicht mitzubekommen. Mein letzter Beitrag hier hat so eine Situation beschrieben und dieser hier wird das noch einmal tun. Bin ich empfänglicher geworden dafür? Nein, ich denke nicht. Aber ich versuche seit einiger Zeit, mehr auf mich und auf das, was ich brauche, zu hören. Vermutlich ist das der Grund dafür, warum ich Auslöser leichter wahrnehmen und im Nachgang besser einordnen kann. Ich finde das gut, denn so zeigen sich gewisse Muster und unverarbeitete Dinge aus der Vergangenheit. Das macht die Arbeit mit mir selbst sehr viel leichter.

Am letzten Wochenende habe ich meiner Agoraphobie den Mittelfinger gezeigt und bin gereist. Jedes Mal ein großer Akt, weil es mir vorher nicht so gut geht und die Katastrophengedanken gern mächtiger werden. Doch da ich das bereits kenne, habe ich hierfür Strategien entwickelt. Einzig und allein das Packen meines Koffers ist immer noch mit großen Problemen behaftet. Ich brauche immer Ewigkeiten dafür, denn sobald der Koffer gepackt im Flur steht, ist es einfach real, dass ich für einige Tage nicht zuhause sein werde. Nun gut, die Hürde hatte ich genommen, mein Nachbar hat auf meine Dickies aufgepasst und ich konnte relativ beruhigt die Tür hinter mir schließen.

Ich habe mich also zusammen mit meinen Besties auf den Weg nach Paris gemacht, wo wir das Final Fantasy XIV Fan Festival besuchen wollten. Und es war super. Wirklich, ich hätte es bereut, wenn ich nicht mitgefahren wäre. Ich habe einige Leute, die ich bisher nur aus dem Spiel kannte und mit denen ich nur online Kontakt hatte, endlich persönlich treffen können. Es gab zwei tolle Konzerte, die ich unheimlich genossen habe. Wir haben den Pariser Straßenverkehr überlebt, was wirklich nicht ganz einfach war. Und ich habe vier Tage Dauerbeschallung, ununterbrochenen menschlichen Kontakt und unbekannte Orte ohne Panik erlebt.

Das einzige Problem, das aufgetaucht ist, zeigte sich am Morgen unserer Abreise in Form von zwei jugendlichen Franzosen, die beim Frühstück neben uns saßen. Wir haben sehr traditionell den Genüssen der regionalen Küche gefröhnt (sprich: Wir haben bei McDonald’s gegessen.), uns abwechselnd auf Deutsch und Englisch unterhalten und hatten Spaß. Die Mädels neben uns hatten aber anscheinend irgendein Problem damit. Am Anfang hat es mich nur genervt, dass sie extrem laut irgendwelche Videos auf ihren Handys geschaut haben. Okay, kann man irgendwie ignorieren. Dann haben sie ausdauernd und falsch zu einem Lied mitgesungen. Auch noch ignorierbar. Allerdings fiel ihnen wohl irgendwann ein, dass wir ganz gute Opfer abgeben könnten, denn sie fingen an, uns nachzumachen, irgendwas auf französisch zu rufen, was wir natürlich nicht verstehen konnten, und schließlich kramten sie die fünf Brocken Englisch und Deutsch hervor, derer sie mächtig waren. Ich weiß, dass sie uns nur provozieren wollten, da ihnen wohl langweilig war. Und außer mir und Heike hat davon anscheinend auch niemand etwas mitbekommen. Letztendlich wurde es ihnen wohl zu dumm, denn sie sind aufgestanden und gegangen.

Das klingt alles sehr harmlos und das war es eigentlich auch. Niemand hat sich geprügelt, niemandem ist weh getan worden. Dennoch war mir am Ende dieser Begegnung extrem schlecht und ich hatte das Gefühl, mich nicht mehr auf meinem Stuhl halten zu können. Warum? Weil mich dieses Verhalten getriggert hat. Generell habe ich ein Problem mit Jugendlichen. Ich kann sie nicht ansehen, ich gehe ihnen aus dem Weg, ich fürchte mich manchmal sogar vor ihnen. Vermutlich werden viele Menschen, die wie ich in der Schule Außenseiter waren oder gemobbt wurden, ähnlich empfinden. Diese Gefühle graben sich einfach ein. Man vergisst das nicht. Und genau so ein Verhalten wie das der zwei mutmaßlichen Schulschwänzerinnen (Was hat man um diese Zeit im McDonald’s zu suchen?) triggert mich. Ich fühle mich hilflos, angegriffen, abgewertet, hässlich und wertlos. Und das wiederum löst in mir die körperlichen Symptome aus, die einer Panikattacke vorangehen. Übelkeit, Schwindel, Kreislaufschwäche, Herzrasen, schwitzige Hände und je nach Intensität gern auch noch ein paar mehr. Hätte ich diese Situation in Deutschland gehabt, hätte ich mich mit den beiden vielleicht sogar angelegt, denn irgendwann gesellt sich Wut zu meinen Empfindungen. Wut darüber, dass ich mich immer noch so fühle wie das 15jährige Mädchen, das sich in den Pausen in der Toilette versteckt, um nicht von den anderen fertig gemacht zu werden. Wut auf die Menschen, die sich anderen gegenüber so respektlos verhalten. Wut auf meine alten Mitschüler, die so schöne Dinge getan haben, wie mich am ersten Tag in der neuen Schule zu fragen, ob ich behindert wäre, denn ich würde so aussehen.

Nachdem die beiden gegangen waren, hat es tatsächlich noch einige Zeit gedauert, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Dennoch ließ mich dieses Erlebnis bisher nicht so richtig los. Auch weil ich gemerkt habe, dass die Selbstsicherheit, die ich in den Tagen davor erlebt habe, innerhalb weniger Minuten komplett in sich zusammengebrochen ist und ich mich sofort wieder gefragt habe, was mit mir nicht stimmt. Wieso werde ich so seltsam von der Seite angemacht? Was ist mit mir falsch, dass man mich nicht einfach in Ruhe lassen kann? Diese Fragen tauchen auf und verfolgen mich dann so lange, bis sie sich einen netten Platz in meinem Hinterkopf sichern konnten. Dort wird dann gehockt bis sich die nächste Chance zum Angriff bietet.

Ich bin mir etwas unsicher, wie ich solche Situationen in Zukunft angehen soll. Ich bin jetzt erst einmal froh, dass ich einen Triggerpunkt entlarvt habe, den ich meiner Liste hinzufügen kann. Vermutlich hilft auch hier mehr Selbstbewusstsein. Ich übe noch an dem Fingerschnipsen, das mir dazu verhilft.

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Wie ätzend ich es finde, wenn die Leute jammern, dass man sich nicht über das, was in Paris geschehen ist, so mokieren soll, weil es anderswo auch schlimm ist. Ist man geschockt über Paris, ist man doof, weil woanders auch Krieg und Hunger herrschen. Ist man gegen den Krieg in Syrien, hat man nicht genug Mitleid mit den Dritte Welt-Ländern, in denen Hungersnöte herrschen. Regt man sich über Kinderschänder auf, vergisst man die Tierquäler.

Ich persönlich kann und will mich nicht jeden Tag mit allem Bösen, das auf der Welt herrscht, befassen. Dann müsste ich meinen Job aufgeben, weil ich keine Zeit mehr zum Arbeiten hätte. Ich würde nur noch depressiv rumlaufen,weil ich dem Leid anderer Menschen so viel Raum in meinem Leben gäbe. Ich hätte ständig Angst vor Terror, würde mich in Katastrophengedanken über Kriege und Krankheiten verlieren. Ist es selbstsüchtig, wenn ich sage, dass ich das nicht will? Ja. Und das ist gut so. Denn diese Selbstsucht bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren und in einer immer verrückter werdenden Welt handlungsunfähig zu werden.

Soll ich einfach mal sagen, wie es bei mir aussieht? Ich empfinde Krieg und Terror als extrem beängstigend. Ich fürchte mich vor der Grausamkeit der Menschen, vor blindem Fanatismus, vor den Waffen, die genutzt werden und noch mehr vor denen, die (noch) nicht genutzt werden. Ich meide die Nachrichten, weil ich in den Bildern, die in mein warmes und sicheres Wohnzimmer übertragen werden, das Leid und die Verzweiflung derer sehe, die sicherlich am wenigsten mit Kriegstreibern und Ausbeutern zu tun haben wollten, jetzt aber ihre Opfer sind. Ich schäme mich ständig dafür, in einem relativ sicheren Land zu leben, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Luxusgüter besitze, teure Hobbies habe und solche Dinge tun kann wie z. B. Videospiele spielen.

Vor einigen Wochen habe ich aus Versehen eine Schnecke zertreten. Ich habe geweint, weil ich ein Leben beendet habe. Ohne es zu wollen. Und ich konnte nichts dagegen tun. Noch heute denke ich oft an dieses kleine Wesen. Wenn ich über die Straße gehe, muss ich die Gedanken an Käfer, Ameisen und Co. ausblenden, weil ich mich sonst kaum noch in der Welt bewegen könnte.

Wenn ich mich all diesen Gedanken, all diesen Gefühlen täglich aussetzen würde, dann wäre ich ein Wrack. Ich könnte damit nicht umgehen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit dem befasse, was in der Welt vor sich geht. Allein durch meinen Beruf bekomme ich sehr viel aus den Heimatländern unserer Schüler mit, weil sie mit mir darüber reden. Aber ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, mich selbst gefühlsmäßig allem Leid der Welt auszuliefern, denn es ändert ja auch nichts für die Menschen, die akut betroffen sind. Ich kann nicht hingehen und ein Flüchtlingscamp bauen. Ich kann nicht nach Syrien fliegen und den Krieg durch gute Gedanken stoppen. Egal, ob ich gerade um die Opfer in Paris trauere oder nicht: Das bedeutet nicht, dass mir alles andere egal ist. Wenn ich für Frieden bete, gilt das nicht nur für unser Nachbarland. Es gilt für Naomi aus Uganda, die auf der Straße lebt. Es gilt für Mohamed aus Syrien, der vor dem Krieg flieht. Es gilt für Vladimir aus Russland, der wegen seiner Homosexualität verfolgt wird. Für alle Menschen und Tiere, die auf diesem schönen Planeten leben.

Nein, ich möchte kein schlechtes Gewissen haben, weil mich der Terror in Paris gerade akut beschäftigt. Und sicherlich möchte auch jemand aus Beirut kein schlechtes Gewissen haben, weil ihm die Raketenangriffe in seiner Stadt näher gehen als Selbstmordanschläge in Paris. Es kommt auf den Blickwinkel an und auf das, was man für sich und sein Leben entscheidet. Ich entscheide mich für eine gewisse Form von Distanz und möchte, dass man das respektiert.