Leben in der neutralen Zone.

Vor einigen Tagen habe ich mit einer engen Freundin darüber geredet, wie unwohl ich mich im Moment mir und meinen Lebensumständen gegenüber fühle. Als sie mich fragte, warum das so ist, kam die Antwort auch für mich ziemlich überraschend. Als hätte jemand anderes die Wahrheit mit meiner Stimme ausgesprochen. „Weil ich mit extremen Gefühlen nicht umgehen kann. Egal, ob sie positiv oder negativ sind.“ Uff. Das ist eine harte Ansage, aber je länger ich inzwischen darüber nachgedacht habe, desto bewusster wurde mir, dass es wirklich so ist.

Schon immer konnte ich schlecht mit ungeklärten Situationen umgehen. Während andere zum Beispiel mit Schmetterlingen im Bauch an ihren Liebsten denken und gerade in der Anfangsphase, in der man noch nicht sicher ist, ob sich da überhaupt etwas entwickeln kann, sehr euphorisch sind und von innen heraus strahlen, fange ich sofort an, einen Krieg gegen mich zu führen. Wie kann mich überhaupt jemand mögen, ich bin dick und hässlich und nicht intelligent genug, ich schleppe zu viel Ballast mit mir herum, wer will sich das antun? Und so sehr ich mich auch bemühe, ich schaffe es nicht, das abzustellen. Ich will gesehen werden, aber ich denke auch, dass ich es nicht wert bin, gesehen zu werden. Und wenn ich jemanden mag, dann verstärkt sich dieses Gefühl tausendfach. Ständig schwanke ich zwischen Euphorie („Er hat mich angesehen, oh mein Gott!“) und totalem Absturz („Wieso beachtet er mich nicht, was habe ich falsch gemacht, wieso bin ich so furchtbar?“). Das ist ungeheuer anstrengend und entzieht mir Energie und Lebenslust.

Ähnliches passiert bei Situationen, die ich als negativ empfinde. Auf der Arbeit habe ich seit Monaten Stress. Meine Abteilung versucht gegen den Berg an Arbeit anzukommen und auch wenn wir inzwischen zwei Personen mehr haben, die uns unterstützen, ist da immer noch so viel zu tun, dass ich oft nicht weiß, wie wir das schaffen sollen. Und wenn eine Deadline ansteht und die Dinge nicht erledigt sind, dann nehme ich Arbeit mit nach Hause und sitze mitunter bis 23 Uhr vor dem PC. Ja, das sollte ich nicht tun. Ich weiß, dass ich mich damit kaputt mache. Meine Ärztin riet mir bereits, mich krank schreiben zu lassen und einfach mal eine Zeit lang nicht an die Arbeit zu denken. Aber das verursachte bei mir noch mehr Druck, denn ich fühlte mich wie eine Versagerin, die nicht in der Lage ist, die einfachsten Anforderungen zu erfüllen. Und schon setzt die Scham ein, denn wieder geht es darum, nicht gut genug zu sein.

Und so setzt sich das in meinem ganzen Leben fort: Aufregung wegen bevorstehender Termine oder Verabredungen? Nervosität wegen Ausflügen oder Reisen? Vorfreude auf eine Überraschung? Unfassbar gute Laune wegen eines tollen Tages? All das ist oft zu viel für mich. Entweder ziehe ich mich dann zurück oder ich reagiere mit Panik.

Warum das so ist, das kann ich nur vermuten. Ich denke, die Neutralität gegenüber meinem Leben und meiner eigenen Emotionen gibt mir Sicherheit. Wenn ich nur bedingt auf etwas reagiere oder eben so wie ich es bereits gewohnt bin, dann muss ich mich oft nicht um Ablehnung sorgen, um Kritik und Konfrontationen. Extreme Gefühle bedeuten immer ein Risiko für negative Reaktionen der Außenwelt und auch ein Risiko für Dinge, die einfach schief laufen können. Ich fürchte mich davor, denn ich definiere mich zu einem großen Teil darüber, ob mich die Menschen mögen oder nicht. Tun sie das nicht, kann ich das nur einigermaßen gut wegstecken, wenn ich die Person selber nicht mag.

Vermutlich ist dieser Wunsch nach Anerkennung und nach „gesehen werden“ auch ein Grund, warum ich meist über sehr persönliche Dinge schreibe. Es ist wohl so, dass ich einfach verstanden werden möchte. Das, was ich den Menschen oft nicht ins Gesicht sagen kann, wofür mir gegenüber mit den Augen gerollt wird oder was ich aus Schüchternheit oder Scham nicht sagen kann, das lasse ich hier. Genau so würde ich es auch gern mit meinen Gefühlen handhaben. Falls jemand mal etwas erfinden sollte, das mir den Umgang mit meinen Emotionen leichter macht, dann würde ich zumindest Interesse daran bekunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Nicht jede Krankheit kann man sehen.

Ich habe wirklich lange überlegt, ob ich in diesem Blog, der ja kreuz und quer durch meine Gedanken und Interessen geht, ein für mich sehr wichtiges und immer präsentes Thema zur Sprache bringen soll oder nicht: psychische Krankheiten. Generell bin ich sehr an Psychologie und menschlichem Verhalten interessiert. Daher würde es sich anbieten, auch mal darüber zu schreiben. Doch da es eben auch so ist, dass ich selbst betroffen war – oder es immer noch bin, aber inzwischen eher latent -, berührt mich dieses Thema auf einer so tiefen Ebene, dass ich es nicht einfach sachlich mit ein oder zwei Sätzen abtun kann.

Obwohl ich in der letzten Zeit wenig Muße zum Schreiben habe, lese ich doch immer noch fleißig in meiner Blogroll. Ich verfolge die unterschiedlichsten Themen und es stecken sehr verschiedene Menschen dahinter, doch mir ist aufgefallen, dass sich über kurz oder lang viele mit psychischen Erkrankungen auseinander setzen oder das Thema zumindest anreißen. Wieso das so ist? Ich kann es mir nur so erklären, dass einerseits die Sensibilität dafür steigt, andererseits aber auch der Druck in der Gesellschaft und sich darum viele Menschen irgendwann persönlich mit der Problematik konfrontiert sehen. Gesteigerte Erwartungshaltung, Versagensangst, Erfolgsdruck und auch die neuen Medien belasten den menschlichen Geist oft über die Maßen und sind sicher ein großer Faktor für die zunehmenden psychischen Probleme in unserem Land. Es ist beängstigend, wie uns inzwischen schon von Kindesbeinen an eingetrichtert wird, dass wir funktionieren und etwas leisten müssen, dass unser Selbstwertgefühl an unser Aussehen und unsere Finanzen geknüpft ist und wir am besten auch mit 55 Jahren noch genau so aussehen und so aktiv sind wie mit 20. Wir sind eine Nation von Nummern, von austauschbaren Arbeitern, die denen, die durch ihren Erfolg aus der Masse heraus stechen, vollkommen egal geworden sind. Wir entfremden uns, wir leben einsam zwischen unseren Nachbarn, Menschlichkeit rückt immer mehr in den Hintergrund und wir haben keine Zeit mehr, den Kopf auszuschalten und los zu lassen.

Ist es also ein Wunder, dass wir irgendwann unter dem Trommelfeuer unserer Umwelt zusammenbrechen?

Schleichend aber stetig hat sich die Depression zu einer Volkskrankheit entwickelt. Auch wenn viele lieber den Begriff „Burn-out“ benutzen, weil der positiv besetzt ist und impliziert, dass man einfach so viel geackert hat, dass jetzt mal Schluss ist: Eine Depression bleibt eine Depression. Egal, wie man sie bezeichnet. Und sie kann unterschiedlichste Auslöser haben. Weithin scheint sich der Irrglaube zu halten, dass eine Depression bedeutet „einen an der Klatsche zu haben“, „nicht mehr ganz dicht zu sein“ oder – ganz simpel gesagt – eben einfach verrückt zu sein. Dass es aber eben um Überlastung geht, um Traumata oder auch um eine Stoffwechselstörung, die gewisse chemische Prozesse im Gehirn verändert oder stört, ist vielen Nicht-Betroffenen nicht klar. Oder sie wollen es gar nicht wissen. Sich mit dieser Thematik zu beschäftigen bedeutet nämlich oft, sich aus seiner sicheren Umwelt hinaus zu wagen und die Welt anders zu begreifen. Mit anderen Augen zu sehen. Und dabei kann man mitunter auch Dinge entdecken, die einem nicht gefallen.

Ich gehe mit dem, was mir passiert ist und wie ich die letzten Jahre erlebt habe, sehr offen um. Wozu soll ich ein Geheimnis daraus machen? Alle Höhen und Tiefen, die ich erfahren habe, haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Sie haben mich an den Ort gebracht, an dem ich nun mein Leben führe. Und sie haben einen großen Anteil an meiner jetzigen Sicht auf die Welt und die Menschen. Und weil das so ist und ich denke, dass es anderen Menschen vielleicht auch Mut machen oder ihre Fragen beantworten kann, möchte ich in Zukunft auch darüber reden. Ich denke, wir brauchen mehr Menschen, die einfach mal reden.

Mit Google Earth in die Vergangenheit.

Das Gehirn ist ziemlich erstaunlich. Es hält sich ja hartnäckig der Mythos, wir würden nur 10% unserer Hirnkapazität nutzen, und die Welt wäre eine andere, wenn wir einen größeren Teil aktivieren könnten. Das stimmt so natürlich nicht, aber ich bin nicht klug genug, um darüber zu referieren. Ich finde es nur immer wieder faszinierend, welche „Daten“ – Erinnerungen, Gefühle, Gerüche, Melodien, etc. – man noch nach Jahren abrufen kann. Irgendwie wird alles gespeichert, was man erlebt, denkt und fühlt. Auch wenn wir glauben, wir hätten vieles vergessen oder verdrängt. Es ist alles da. In uns. Ich habe das neulich erst wieder gemerkt und war etwas überrumpelt von dem, was mein Köpfchen mit mir anstellen kann.

Ab und zu logge ich mich bei Google Earth ein und schaue mir die Welt an. Das klingt sicher etwas komisch, aber ich bin noch nicht so weit rumgekommen und finde es ganz schön, mir Orte, die mich interessieren, aus der Luft anzusehen. (Dazu zählen vor allem auch archäologisch interessante Flecken, doch darum geht es jetzt nicht.) Manchmal komme ich auf die Idee, die Plätze meiner Vergangenheit zu betrachten. Wo ich gelebt habe, wo mich etwas besonders beeindruckt hat. Und dann sehe ich das alles mit dem Abstand von zwei oder sogar beinahe drei Jahrzehnten und entdecke Erinnerungen in meinem Kopf, die dort ewig nicht mehr aufgetaucht sind.

Rotenburg/Wümme. Dort habe ich etwa viereinhalb Jahre meines Lebens verbracht. Das ist nun ziemlich genau zwanzig Jahre her und beim Betrachten der Satellitenbilder kam tatsächlich einiges wieder hoch. Unsere Straße… Die Hochhäuser, die eigentlich immer ein wenig deplatziert wirkten, stehen noch immer da. Es scheint sich an diesem Areal nicht viel verändert zu haben. Aber vorn an der Kreuzung, da ist jede Menge passiert. Der Baumarkt ist weg. Seit wann? Und wieso gibt es meine ehemalige Schule nicht mehr? Da gab es doch diesen kleinen Teich, auf dem wir im Winter Schlittschuh gefahren sind. Da! Aber wo kommt das Neubaugebiet her? Und gab es da nicht ein rundes Haus irgendwo an den Gleisen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass… Da ist es! Viel kleiner als ich es in Erinnerung hatte.

Wie Blasen aus einem trüben Sumpf stiegen immer mehr Erinnerungen an die Oberfläche. Und mit ihnen kamen nicht nur Bilder, sondern auch Gefühle. Ich saß an meinem PC, etwa 400 km von diesem Ort entfernt, und fühlte mich plötzlich wieder genau so unsicher und verloren wie vor zwanzig Jahren. Ich konnte regelrecht nach meiner Kindheit greifen und ich war mir gar nicht so sicher, ob ich das wollte. Ich habe das Programm geschlossen und die Erinnerungen wieder zurück in die Dunkelheit geschickt, wo sie bisher auch gut aufgehoben waren.

Das Gehirn merkt sich alles. Aus der Summe des Erlebten bildet sich der Mensch, der wir sind. Jeden Tag kommen neue Informationen hinzu, jeden Tag verändern wir uns – auch wenn wir es nicht immer merken. Unser Leben, unsere Persönlichkeit befindet sich in einem steten Fluss. Und das ist auch gut so. Ist es wirklich erstrebenswert, sich an alles zu erinnern? Sollte es ein Ziel sein, sein Gehirn zu Höchstleistungen anzuspornen? Ich weiß es nicht. Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist es wohl besser, Dinge zu vergessen oder sie zumindest nicht immer präsent zu haben. Ich weiß, wer ich bin. Dafür brauche ich keinen genauen Blick in die Vergangenheit. Einen flüchtigen Moment der melancholischen Betrachtung, vielleicht. Ab und zu. Doch zu mehr bin ich nicht bereit. Zu sehr in der Vergangenheit leben hindert uns an der Eroberung unserer Zukunft. Das war jahrelang mein Problem. Heute nicht mehr. Find ich gut.

So hab ich mir das nicht vorgestellt.

Achtung! Wer kein Gejammer und Gemotze lesen will, klickt bitte JETZT weg. Danke!

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Ding Dong! Hört ihr die Glocken bimmeln? Die Engel auf ihren Harfen klimpern? Die schönste Zeit des Jahres wird eingeläutet! Die Arbeitslosigkeit! Schmeisst ne Party, freut euch ein zweites Popoloch, tanzt das Brot! Zuhause sitzen, Bewerbungen schreiben, mit den Finanzen hadern und genau wissen: Das wird doch wieder nur Zeitarbeit. Wenn überhaupt. Es ist zum Heulen. Seit ich hier wohne läuft es beruflich nicht wirklich rund. Entweder verletze ich mich zu Beginn einer Tätigkeit bereits so schwer, dass ich zwei Wochen lang ausfalle und direkt gekündigt werde, oder mein Chef ist ein Widerling, den ich nicht aushalten kann (und schon gar nicht eine Woche lang zu zweit in einer Messewohnung), oder der Einsatz über die Zeitarbeit geht halt zuende und ich werde deswegen „entsorgt“. So langsam bekomme ich ernsthafte Zweifel an mir selbst. An meinem Können, meiner Kompromissbereitschaft und sogar an meiner Persönlichkeit! Inzwischen habe ich auch schon Angst, überhaupt wieder irgendwo neu anzufangen, weil ich ja schon weiß, wie es nach einiger Zeit enden wird. Und ohne Zeitarbeit hat man ja eh kaum noch eine Chance. Vor allem nicht mit einem Lebenslauf wie meinem, hm? Wo man in Vorstellungsgesprächen schon gefragt wird, wieso so viele Firmen pleite gegangen sind, bei denen ich gearbeitet habe. Ja, Himmel, keine Ahnung! Vielleicht griff da jemand gern in die Portokasse oder jemand ist auf Firmenkosten nach Honolulu geflogen, um in Frührente zu gehen oder vielleicht war die Wirtschaftslage einfach kacke…? In solchen Momenten möchte ich Bewerbungsgespräche gern abbrechen und meinem Gegenüber mit dem nackten Arsch ins Gesicht springen. Würde sicher meine Chancen auf eine Einstellung zerstören, aber wäre eine Genugtuung für mich. Leider befinde ich mich in einer Realität, in der ich so etwas nie tun würde. Allein schon aus dem Grund, dass ich mir gar nicht so schnell die Hose runter ziehen und über den Tisch hüpfen könnte, wie der Sicherheitsdienst (oder wahlweise die Polizei) mich aus der Firma gezerrt hätte. Schon scheiße, wenn man fett ist.

Aber es ist ja nicht nur das Rumhocken in der heimischen Bude und der tägliche Bewerbungswahnsinn. Nein. Es ist auch das unangenehme Gefühl, eine Enttäuschung für meinen Freund und unfähig zu sein, uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Ständig Jobs über Zeitarbeit zu haben ist ohnehin schon eine Belastung für die Finanzen. Und wenn aus dieser miesen Bezahlung auch noch Arbeitslosengeld berechnet wird… Hahaha. Es ist ja nicht so, als würde mein Freund übermäßig viel verdienen und könnte uns mit einem guten Puffer über Wasser halten. Ganz im Gegenteil. Ich sag’s mal so wie es ist: Wir sind arme Würste. Und ich auf jeden Fall das ärmere von uns beiden. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte einfach ein moderates Gehalt beisteuern, wir müssten nicht am Ende des Monats so knapsen und ich bräuchte keine Angst mehr zu haben, dass ich irgendwann nach Hause komme und meine Koffer vor der Tür stehen, weil mein Freund die Schnauze voll hat von mir. Niemand mag Versager. Und man mag sie noch weniger, wenn man mit ihnen zusammen lebt. Punkt.

Irgendwie war mein Gefühl vor einem Jahr noch anders. Als ich hierher kam, da dachte ich, ich könnte beruflich vielleicht sogar was ändern. In eine Richtung gehen, die mir in Hamburg nicht offen stand. Ich hatte so ein unterschwelliges Gefühl von positiver Veränderung. Keine Ahnung, ob ich mich da irgendwie verrannt habe. Ob ich mich habe täuschen lassen von dem „Ich habe alles hinter mir gelassen und fange neu an.“-Phänomen, das Umzügen oft anhaftet. (Obwohl ich das nicht bewusst so empfand, aber ich kenne das noch von früher. Bin ja oft genug umgezogen…) Jedenfalls ist nichts „besser“ geworden. Nur… komplizierter. Weil ich nicht mehr allein für mich verantwortlich bin. Wenn mir Scheiße passiert, dann passiert sie eben nicht nur mir, sondern sie betrifft nun auch meinen Freund. Ich kann nicht mehr einfach sagen: „Ja, Pech, irgendwie komme ich klar.“ Nein, ich bin nun dafür verantwortlich, dass wir beide irgendwie klar kommen. Und unsere Tiere. Das stresst mich ziemlich, denn diese Verantwortung ist für mich okay so lange alles läuft. Doch wenn es so lustig schlingernd nach unten geht, dann schreit mir mein Hirn zu, dass ich einfach eine Versagerin bin und dem Leben nicht gewachsen und ich denke, ich muss mich beweisen… Irgendwie. Damit ich es wert bin, weiter normal behandelt zu werden. Klingt schräg? Willkommen im meinem Kopf!

Was mir dann natürlich arg hilft, ist Akzeptanz. Und Zuneigung. So zum Beispiel wenn ich ganz liebe Freunde frage, ob sie mich nicht mal besuchen kommen möchten…? Ich sage euch, es verdirbt einem schon den Tag, wenn man als Antwort erhält, man wäre ja schließlich freiwillig an den Arsch der Welt gezogen, da würde man mir nicht hinterher laufen. Na, das erklärt auch, warum andere Leute auf meine Nachfragen und Einladungen gar nicht erst reagieren. Weil man mir nicht hinterher laufen will. Okay, wäre das auch geklärt. „Hier, ein Messer, ganz neu und aus rostfreiem Edelstahl! Gleitet durch Fleisch wie durch Butter. Probier’s doch gleich mal an meinem Herzen aus!“

Ich weiß gar nicht, was mein Umzug mit meinen Freundschaften zu tun hat. Ich habe es neulich zu meinem Freund gesagt und ich sage es gern wieder: Das war eine der besten Entscheidungen, die ich in den letzten Jahren getroffen habe. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, dann wäre ich gern im Norden geblieben. Aber ich bin nun mal hier, weil ich einen Mann gefunden habe, mit dem ich gern mein Leben teilen möchte. Und zwar nicht nur für ein paar Monate, sondern gern erheblich länger. Weil ich ihn liebe. Da muss man auch mal Entscheidungen treffen, die nicht so leicht sind, aber mit denen man dann leben muss. Nicht nur man selbst, sondern auch die Menschen, die einem nahe stehen. Ich mache so was nicht, um jemanden zu verletzen. Wie krank wäre das? Ich hab zwar ein paar psychische Probleme, aber so wild ist es nun auch wieder nicht. Durch die neue Situation und die neue Umgebung war ich plötzlich wieder mehr auf mich allein gestellt. Ich hatte keine „Anker“ mehr, an denen ich mich festhalten konnte. Dadurch habe ich gelernt, mir selbst wieder mehr zu vertrauen. Was ich inzwischen wieder mache – Bahn fahren, weite Strecken allein mit dem Auto fahren, angstfrei in Urlaub fahren -, das war seit Jahren nicht mehr so locker möglich. Und ich bin verdammt dankbar dafür. Also ja: Ich fühle mich hier wohl. Ich habe es nicht nötig, mich wie ein bockiges Kind gegen alles zu stellen, was mich umgibt, auch wenn Solingen eher… nun ja, mittelmäßig geil ist. So als Stadt gesehen. Aber scheiss drauf. Ist halt der Arsch der Welt. Schade, dass das mehr zu zählen scheint als der Mensch, der da wohnt.

So. Und nachdem ich mich jetzt mal so richtig ausgekackt habe, geht’s mir etwas besser. Ich denke, dass jetzt sicherlich einige Leute leicht angepieselt sind oder genervt von meinem Genöle. Aber hey, seht’s mal so: Ich höre mir euer Gemaule auch an. Und das ist manchmal gar nicht so wenig. 🙂

In diesem Sinne…

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Der seltsame Moment…

Es gibt so Sachen, die belasten mich oft mehr, als mir lieb ist. Weil sie mich immer verfolgen. Das ist nicht nur lästig, sondern auch sehr anstrengend. Zeitweise kann ich damit ganz gut umgehen. Und in anderen Momenten droht mich manches fast zu Boden zu drücken. Heute Morgen zum Beispiel. Da traf mich nur ein Blick und ich wusste direkt, was die Stunde geschlagen hat. Und gleichzeitig kam so viel wieder hoch, auch wenn ich dieses Mal auf der anderen Seite stand. Aber von vorn.

Ich arbeite seit zwei Wochen über Zeitarbeit in einer Firma in Solingen. Es ist ganz okay dort, wenn auch ziemlich chaotisch und etwas heruntergekommen. Eingestellt wurde ich als eventuelle Nachfolgerin einer Kollegin, die seit längerem krankgeschrieben ist.  Das war aber eine Info, die nur meine Zeitarbeitsfirma und ich erhalten haben. Sonst niemand. Klar, die Kollegen sind ja nicht blöd und denken sich da sicherlich auch ihren Teil. Aber ich habe mich nie dazu geäußert. Gerade auch, weil ich mir alles andere als sicher bin, ob ich in einem so unterbesetzten Team, in dem die Halbtagskraft täglich mindestens 3 Überstunden kloppen muss, damit die Arbeit nicht vollends liegen bleibt, übernommen werden will. Ich weiß, ich weiß, ich darf keine hohen Ansprüche stellen. Doch wenn mir schon vorher klar ist, dass es nur um Stress geht und um Ausbeutung, möchte ich nicht lachend ins Messer laufen. Kein Bedarf. Und die kranke Kollegin ist wegen Überforderung und Depressionen ausgefallen. Da klingelt schon jedes Glöckchen bei mir. Gerade weil ich da so vorbelastet bin, bin ich sehr vorsichtig.

Jedenfalls war die Situation heute Morgen wie folgt: Frau G. sollte wieder da sein. Ich bin also extra nicht ganz so früh gekommen, weil ich ihr erst mal Zeit geben wollte, sich wieder etwas zu orientieren. Als ich ankam, habe ich sie angelächelt und ihr die Hand gegeben, mich vorgestellt… Und sie hat mich total entsetzt angesehen und mir nicht mal geantwortet. Und das hat auch gereicht. Ihr Blick war so voll von allem, was ich auch schon durchgemacht habe, dass ich es fast körperlich spüren konnte. Schlagartig war alles wieder da. Die schlaflosen Nächte, die Anspannung, die Angst, das Herzrasen, die wilden und wirren Gedanken, die man nicht mehr los wird. Ich kam mir vor, als würden mich die letzten 12 Jahre innerhalb einer Sekunde überrollen. Das war eine fiese Erfahrung. Die nächsten zehn Minuten neben ihr kamen mir vor wie Stunden. Es war, als würde ich neben einem anderen Ich von mir sitzen, dass im Jahr 2006 so überfordert war mit sich und seiner Arbeit, dass es einen Nervenzusammenbruch erlitt und danach arbeitsunfähig wurde. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, wie andere mich sehen mochten. Und nun sitze ich selbst auf der anderen Seite. Nur mit dem gravierenden Unterschied, dass ich genau weiß, was in meinem Gegenüber vorgeht.

Der entsetzte Blick resultierte übrigens daraus, dass ihr niemand erzählt hat, dass es mich gibt. Strengstes Verbot vom Chef. Da frage ich mich doch, was so was soll. Natürlich denkt man in ihrer Situation sofort daran, dass man ersetzt werden soll. Und natürlich ist das nicht gerade förderlich für die Psyche. Ich war zutiefst erschrocken über diese Haltung und wusste gar nicht genau, wie ich damit umgehen sollte. Frau G. ist bereits nach einer halben Stunde in der Firma wieder gegangen. Es war zu früh, zu frisch und sie konnte wohl mit der Situation nicht umgehen. Ich kann das verdammt gut nachvollziehen. Das ändert aber nichts daran, dass ich mich wie der Buh-Mann in diesem Büro fühle. Mein Verstand sagt mir, dass es nicht so ist, denn ich bin definitiv nicht daran interessiert, irgendwem die Arbeit oder den Platz streitig zu machen. Doch mein Gefühl ist intensiver als mein rationales Denken. Auch angefeuert durch die Wut, die in mir hoch kommt, wenn ich aus dem Nachbarbüro Sprüche höre wie: „Wieso ist sie denn wieder gegangen? Ihr kamen die Tränen? Die kommen mir auch jeden Morgen wenn ich hierher muss, aber ich bin trotzdem da.“