Das moderne Tschernobyl

Vor einigen Tagen veröffentlichte einer der bekanntesten deutschen Cosplayer, Maul Cosplay, eine Galerie mit Fotos, die zu den verschiedensten Reaktionen geführt hat. Von Begeisterung und Erstaunen bis zu Empörung und wütendem Unverständnis war so ziemlich alles dabei, was man sich vorstellen kann. Vermutlich haben er und sein Fotograf (eosAndy, den ich im übrigen sehr bewundere) nicht nur öffentlich, sondern auch privat im Kreuzfeuer gestanden. Diejenigen, die nichts mit Cosplay zu tun haben oder an denen die Begebenheit komplett vorbei gegangen ist, fragen sich nun sicherlich: Hä? Wieso denn so ein Aufriss? Es geht doch nur um Fotos, also was soll daran bitte schlimm sein? Nun, es geht nicht um die Fotos an sich, denn die sind wirklich grandios und sehr stimmungsvoll. Es geht um den Ort, an dem die Bilder geschossen wurden: In der Sperrzone von Tschernobyl.

Damit ihr euch selber einen Eindruck machen könnt, verlinke ich hier zur entsprechenden Galerie, die auf Facebook erstellt wurde.

Cosplayer: Maul CosplayPhotographer: eosAndyDescriptions: Maja FelicitasNever forget and always dare to speak…

Posted by Maul Cosplay on Friday, June 9, 2017

 

Wer das Spiel „The Last of Us“ gespielt hat, der entdeckt hier zunächst einmal einen erstaunlich perfekt umgesetzten Spielecharakter, der sich in einer dystopisch anmutenden Umgebung bewegt. Alles äußerst passend und szenisch gut umgesetzt. Dass es sich bei der ganzen Sache zwar um die passende Location für dieses Shooting handelt, allerdings eben nichts davon inszeniert wurde, sondern durch die dort vor gut 30 Jahren stattgefundene Atomkatastrophe vollkommen real ist, sorgt beim Betrachten der Bilder zusätzlich für eine äußerst beklemmende Stimmung. Sicherlich auch gewollt, denn im Spiel befindet man sich immerhin ebenfalls in einem Endzeitszenario.

Es hat etwas von morbider Faszination, mit der ich die entstandenen Bilder betrachte. Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern mir erklärt haben, warum ich nicht draußen spielen durfte. Den genauen Wortlaut bekomme ich natürlich nicht mehr zusammen, aber ich habe verstanden, dass irgendwo etwas Schreckliches geschehen war, das für uns gefährlich werden könnte. Die Angst, die ich damals empfungen habe, hat sich tief in mein Herz gegraben. Seit diesem Moment hatte ich Angst vor Sirenen, vor Hubschraubern, vor Atomkraftwerken und Verseuchung. Ich habe als Teenager recherchiert, wo die Atommeiler in Deutschland stehen und wo man bei einem Unfall relativ sicher wäre. So viel sei gesagt: Das Ergebnis hat mir nicht gefallen.

Ich habe Tschernobyl also nie vergessen. Es war einfach ein zu großer Einfluss in meiner Kindheit. Es hat mich daher ziemlich erschreckt, bei den Kommentaren und Fragen zu Mauls Fotos zu lesen, dass viele nicht einmal wussten, was Tschernobyl ist und was es bedeutet. Da frage ich mich wieder einmal, wie es um die Bildung in der Welt bestellt ist.

Was mir allerdings etwas sauer aufgestoßen ist, waren die Aussagen vieler Leute, das Shooting wäre respektlos und man wäre nur geil auf Aufmerksamkeit und überhaupt könne man an jeden Ort der Welt fahren, um gute Fotos zu machen, aber extra nach Tschernobyl, wo es doch so gefährlich ist und wo man einfach nicht hin fährt…? Ich musste ein bißchen schmunzeln beim Lesen. Natürlich respektiere ich die Meinung anderer Menschen und wenn man es nicht in Ordnung findet, an so einem geschichtsträchtigen Ort Bilder zu machen, dann ist das ganz klar eine Position zu diesem Thema. Aber zu sagen, dass es respektlos wäre, obwohl ganz klar mit dem Konzept heran gegangen wurde, den ernsten Hintergrund zu nutzen und Spiel mit Realität zu vermischen, um eine Botschaft zu senden, finde ich übertrieben. Warum?

Es findet Katastrophentourismus in Tschernobyl statt. Das war nun bei weitem nicht die erste Reise, die Leute dorthin unternommen haben. Ganze Busladungen mit Menschen werden täglich in die Sperrzone gekarrt. Die Leute feiern dort Partys, sie hinterlassen ihren Müll, machen Selfies mit dem zerstörten Atommeiler im Hintergrund und schauen sich gut gelaunt und staunend die verlassenen Orte in der Umgebung an. Es werden Videos in den Ruinen inszeniert, die am Ende des Tages stolz nach Hause gemailt werden. „Guck mal, ich war in Tschernobyl!“ Reiseveranstalter verdienen ziemlich gut an den Touristen – allein im Jahr 2015 waren es um die 16.000. Und es ist ja auch nicht so, als wäre das ganze Gebiet vollkommen menschenleer und verlassen. In Tschernobyl selbst leben über Tausend Menschen. Für die geht das Leben ganz normal weiter. Sie arbeiten im und am Reaktor, bauen die neue Schutzhülle, kümmern sich um die Lebensmittelversorgung, um das Kulturangebot – wie in einer normalen Stadt. Einige Rentner sind zurückgekehrt und leben als Selbstversorger in den Häusern, aus denen sie einst geflohen sind. Wo sollten sie auch sonst hin? Die Rente ist zu gering, um irgendwo anders zu leben.

Bei all dem soll es respektlos sein, anspruchsvolle Fotos vor einem ernsten Hintergrund zu schießen und zu veröffentlichen? Auch wenn es Cosplay ist: Hierbei ging es nicht um niedliche Magical Girls, die mit Zuckerwatte werfen und Herzchen pupsen. Es sollte keine heile Welt dargestellt werden, es gab kein Lustigmachen über das, was hier einmal geschehen ist. Für mich also ganz klar kein Grund, sich auf Respektlosigkeit zu berufen.

Das ist aber natürlich meine persönliche Meinung. Wie bereits zuvor erwähnt, respektiere ich auch andere Ansichten und es ist mir vollkommen klar, dass es besonders vor dem Hintergrund von Katastrophen und Tragödien immer besonders emotional zugeht in Diskussionen. Dennoch würde ich mich freuen, ein paar Meinungen zu diesem Thema von euch zu erhalten. Stehe ich auf verlorenem Posten mit meiner Argumentation? Ist es durchaus vertretbar, sich die Speerzone als Fotolocation auszusuchen? Oder ist es für euch ein No-Go?

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