Ihr werdet immer fehlen.

Soziale Bindungen sind wohl eines der Dinge, mit denen wir uns am intensivsten in unserem Leben beschäftigen müssen. Familie, Freunde, Partner, Arbeitskollegen… Sie alle begleiten uns und haben einen immensen Einfluss auf uns. Wir vertrauen ihnen und fürchten sie. Wir lieben und hassen sie. Wir profitieren von ihnen oder lernen wichtige Lektionen für unser Leben. Aber auf jeden Fall sind wir auf sie angewiesen. Ohne andere Menschen wären wir nicht lebendig, wären wir nicht zu einer Person mit eigenen Gedanken, Träumen und Hoffnungen geworden. Unsere Familie begleitet uns im Idealfall das ganze Leben über und auch viele unserer Freunde sind lange an unserer Seite. Allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass wir uns diese, im Gegensatz zu unserer Familie, selbst aussuchen können. Und wir entwickeln uns mit unseren Freunden zusammen. Entweder in die gleiche Richtung oder eben auch auseinander.

Freundschaft ist generell ein eher schwieriges Thema für mich. Ich kenne viele Menschen, die noch Freundschaften aus ihren Kindertagen pflegen. Man ist zusammen aufgewachsen, kennt fast alle Geheimnisse voneinander und kann diese Verbindung ziemlich zuverlässig bewerten. Mir fällt das schwer. Freunde aus Kindertagen habe ich nicht mehr und ich könnte auf die Schnelle nicht einmal fünf Namen von ehemaligen Mitschülern nennen. Ob es daran liegt, dass wir öfter mal umgezogen sind und ich auch auf einigen Schulen war, oder ob ich einfach nur ein schlechtes Gedächtnis habe… Wer weiß? Generell habe ich mich immer etwas schwer getan mit Freunden. Klar gab es immer welche um mich herum, ich war nie völlig allein. Aber bis zu meinem 19. Lebensjahr hatte ich immer das Gefühl, ich würde nicht richtig dazu gehören oder müsse mich verstellen, damit andere mich mögen. Das war extrem anstrengend und sicherlich auch ein Grund dafür, warum ich die Bindungen nie über lange Zeit aufrecht erhalten konnte oder wollte.

Das änderte sich mit meinem Einstieg in die Anime-Szene. Im Internet, noch in den alten Chatrooms, die heute kaum ein Mensch mehr benutzt, lernte ich Menschen kennen, die ähnlich tickten wie ich. Das war für mich wie eine Offenbarung, denn ich hatte nicht geahnt, dass ich einfach nur ich selbst sein kann und trotzdem gemocht werde. Mehr und mehr Leute bewegten sich in meinem Dunstkreis und es entstanden einige großartige Freundschaften. Dafür bin ich unheimlich dankbar, denn auch wenn ich wirklich schwere Zeiten hatte und es nicht immer leicht war mit mir, blieben mir diese Menschen und gaben mir die Kraft und den Mut, mich weiter nach vorn zu kämpfen. Ich habe ihnen so viel zu verdanken und sie wissen das wahrscheinlich gar nicht.

Doch wie das so ist im Leben: Man muss sich immer mal wieder von Ideen verabschieden und gewisse Vorstellungen revidieren. Ich war der festen Überzeugung, dass einige der engsten und besten Freunde, die ich hatte, niemals gehen würden. Dass wir immer in eine gemeinsame Richtung unterwegs sein würden. Dem ist nicht so. Und ganz ehrlich? Das quält mich seit gut vier Jahren jeden Tag. Bis ich mir selbst eingestehen konnte, dass sich Dinge im Leben eben verändern und das etwas ganz Normales ist, hat es lange gedauert. Bis ich überhaupt einigermaßen damit zurecht kam, noch länger. Es fühlt sich an als hätte man einen wichtigen Teil von sich selbst verloren, aber gleichzeitig ist da auch das Wissen, dass es kein Zurück gibt. Es wird nie wieder so sein, wie es war. Und vielleicht hat das auch einen Sinn. Ich versuche mir nicht zu viele Gedanken darum zu machen, denn es bringt mich nicht weiter. Was vorbei ist, ist vorbei.

Fakt ist aber, dass mir diese Menschen immer fehlen werden. Bei so vielen Dingen, die ich tue, muss ich an sie denken. Ich träume von ihnen. Manchmal erinnere ich mich an bestimmte Situationen und muss immer noch lachen. Und ich bin zutiefst dankbar, dass sie all die Jahre an meiner Seite waren. Vielleicht machen sie mir Vorwürfe, denn ich bin nicht frei von Fehlern und habe auch zu dieser Entwicklung beigetragen. Vielleicht nehmen sie es gelassen hin. Und ganz vielleicht denken sie auch manchmal mit Wehmut zurück. Ich denke, ich möchte das gar nicht wissen. Nicht, weil es mir egal wäre. Nein, weil ich im Zweifelsfall sehr darunter leiden würde und ich bin egoistisch genug, das nicht zu wollen. Was auch immer jetzt ist: Ich wünsche ihnen, dass sie glücklich werden und dass sie klüger mit ihrer Freundschaft umgehen als ich.

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doing live

Was wolltest du sein als du jung warst? Was wolltest du einmal werden, wie dich verändern? Welche Zukunft schwebte dir vor? Gab es Träume, die du hattest und die du unbedingt verwirklichen wolltest? Wo wolltest du leben, mit welchen Menschen dich umgeben? Warst du Realist? Ein Träumer? Hattest du Ängste, begründet oder irrational? Wer warst du und wer bist du heute?

Ich glaube, viele Menschen stellen sich diese Fragen im Laufe ihres Lebens immer mal wieder. Auf jeden Fall weiß ich, dass ich mich immer wieder mit ihnen beschäftige. Mal mehr, mal weniger. Und Antworten zu finden fällt mir nicht immer leicht. Manche gefallen mir auch nicht. Das halte ich allerdings für ziemlich normal, denn das Leben passiert einfach und selbst wenn wir uns einen Plan für unsere Zeit hier auf Erden zurechtlegen: Wir haben nicht über alles die Kontrolle. Vieles können wir nicht beeinflussen und planen und daher laufen wir letztendlich oft doch in eine andere Richtung als wir ursprünglich wollten.

Ich war eigentlich nie der Typ, der sich großartig mit der Planung seines Lebens beschäftigt hat. Als ich meinen Schulabschluss machte, hatte ich noch keine Ahnung, was ich mit mir anfangen sollte. Der Gedanke, mich mit 17 Jahren für einen Beruf entscheiden zu müssen, den ich bis zur Rente ausüben sollte, war mir unerträglich, und es gab so vieles, was mich interessiert hätte. Ebenso vieles aber auch, das ich nie machen wollte. Zum Beispiel Bürokauffrau. Das war so der Standard. Alle gingen ins Büro und mir war das viel zu öde. Ich wollte kreativ sein oder zumindest mit Menschen arbeiten. Bloß nicht den ganzen Tag in einem Kabuff vor dem PC hocken! Letztendlich bin ich aber genau in diesem Berufsfeld gelandet. Und obwohl ich von Zeit zu Zeit ernsthaft mit dieser Tatsache hadere, ist es für mich trotzdem irgendwie okay, dass es so gekommen ist. Ist das Resignation? Kann sein, dass die ein Stück weit damit zu tun hat. Doch ich vermute, irgendwann holt einen einfach die Realität ein. Ich habe eine sehr liebe Freundin, die einer der kreativsten Köpfe ist, die ich kenne. Sie hat zwei Ausbildungen gemacht, beide auf die ein oder andere Weise gestalterisch. Und ist sie damit glücklich? Nein. Also spielt es vermutlich keine so große Rolle, welchen Beruf ich letztendlich ergriffen habe, so lange ich mein Glück aus anderen Sachen ziehe.

Mein Bruder hat geheiratet, da war ich 25, er zwei Jahre jünger. Damals war ich mir vollkommen klar darüber, dass ich nicht heiraten und auch keine Kinder haben wollte. Ich weiß noch, dass mein Opa mich an diesem Tag fragte, wann ich denn vor den Altar treten würde. Es gab zu der Zeit noch nicht mal einen Mann in meinem Leben! Also antwortete ich, dass ich das nicht geplant habe. Seine Reaktion werde ich nie vergessen. Der genaue Wortlaut? „Du bist ja auch schon 25. Da nimmt dich eh keiner mehr.“ Achtung, Faustschlag im Tiefflug! BÄM! Damals tat mir das sehr weh und ich habe mich gefragt, ob er vielleicht recht hat? Immerhin habe ich mich mit Beziehungen immer schwer getan und konnte nur sehr schlecht Kompromisse eingehen. Das ging noch lange Jahre so und ich dachte, so würde es halt bleiben. Bis ich meinen Freund traf. Einen Menschen, dem wie mir viel an seiner Freiheit gelegen ist, der auch gerne Zeit für sich hat, meine Hobbies akzeptiert und im Lauf der Zeit auch gelernt hat, mit meiner peinlichen Seite etwas besser klar zu kommen. Er stänkert nicht mehr gegen meine Weihnachtsmütze an den Feiertagen! Und aus einigen Monaten wurden schließlich Jahre. Vier inzwischen. Ich schließe Kompromisse, ich bin glücklich, ich möchte mit diesem Mann eine Familie gründen und wenn er mich fragen würde (was er niemals tun wird), würde ich ihn auch heiraten. Ja, Opa, man hat mich doch noch genommen. Ich habe nur länger gebraucht als andere, um den Richtigen zu finden.

Meine Passion ist das Schreiben. War es immer schon. So lange ich denken kann. Mit sechzehn habe ich einen ziemlich dämlichen Roman getippt. Am PC meines Bruders, der ziemlich genervt war, weil ich ständig in seinem Zimmer vor seinem Computer saß. Das Werk ist bei irgendeinem Umzug verloren gegangen und existiert nur noch in meinen Erinnerungen, aber immerhin hatte es gut 250 Seiten Umfang. Da ist schon einiges an Arbeit hinein geflossen. In meinem Kopf gab es damals diese leise Stimme, die mir zuflüsterte, dass ich mich als Autorin versuchen sollte. Sie ist auch heute noch da, nur überhöre ich sie meistens. Der Wunsch existiert ebenfalls, allerdings nagen die Selbstzweifel an mir. Und das seit über 20 Jahren. Immer die gleiche Leier: Sind meine Ideen gut genug? Habe ich überhaupt Talent? Wäre ich dazu bereit, mich der Kritik anderer Menschen zu stellen? Ihre Ablehnung zu erfahren, zu verarbeiten und eventuell daran zu wachsen? Mache ich mich lächerlich? Ich will ganz ehrlich sein: Es ist mies, so über sich selbst zu denken. Und es ist beinahe noch mieser zu wissen, dass man früher noch deprimierendere Gedanken hatte und sich regelmäßig selbst fertig gemacht hat, damit man den anderen damit zuvor kommt. Das lässt sich nicht so leicht abschalten. Es dauert lange, bis man umdenken kann. Inzwischen schaue ich etwas traurig auf die Jahre zurück, die ich mit Grübeln und Angst und Nichtstun vergeudet habe. Ich habe für mich beschlossen, dass ich dem Traum, einen Roman zu schreiben und ihn in einer Buchhandlung im Regal stehen zu sehen, nicht abschwören werde. Ich habe seltsame Wege eingeschlagen in meinem Leben, doch dieser Wunsch ist immer geblieben. Vielleicht hat das einen Grund. Wer weiß?

Es ist schon komisch, auf mein bisheriges Leben zurück zu blicken und zu merken, dass ich einmal ganz andere Vorstellungen davon hatte, wie es verlaufen würde. Ich halte fest: Ich wollte einen kreativen Beruf ergreifen. Jetzt bin ich Schreibtischtäter und zur Zeit auch noch arbeitslos. Die 3 Ks (Kind, Köter, Kombi) – Ehe und Familie generell – waren für mich immer ein Schreckgebilde. Heute möchte ich ein Kind und würde meinen Freund auch gern heiraten. Mit 16 wollte ich dringend Schriftstellerin werden. Zwanzig Jahre später möchte ich das immer noch, nur bin ich gelähmt von meiner Unsicherheit. Mein Lebensmittelpunkt sollte immer Norddeutschland bleiben. Ich schwor mir, niemals wieder südlich meines persönlichen Weißwurst-Äquators (Hannover) zu leben. Heute wohne ich in Solingen und suche Arbeit in Köln und Düsseldorf. Dazu kommen noch etliche Vorsätze, die ich immer mal wieder habe. „Ich werde nie wieder zulassen, dass die Wohnung unordentlich wird!“ – „Ich werde bis Ende des Jahres 10 kg abnehmen!“ – „Ich pflanze Blumen auf dem Balkon und die werden nicht vor ihrer Zeit verwelken!“ – „Ich fange pünktlich und stressfrei mit meinen Kostümen an!“ … Ihr dürft raten, wie viele davon ich umgesetzt habe. Haha!

Aber das alles ist okay. Wie schon zu Anfang erwähnt: Ich hatte nie einen wirklichen Plan für mein Leben. Vorstellungen und Erwartungen, ja. Und ich glaube, ich habe sicherlich auch die ein oder andere gute Gelegenheit verstreichen lassen, wenn es um Beruf oder um Privates ging. Doch all das ist eigentlich recht belanglos. Es hat mich an diesen Ort geführt, zu den Personen, die jetzt um mich herum sind. Und auch wenn nicht alles perfekt ist, so ist es dennoch gut. Denn ich bin glücklich und zufrieden und so gesund, dass mir nicht innerhalb der nächsten Wochen ein Arm oder ein Bein abfaulen wird. So läuft das Leben. Man kann aus fast allem etwas Gutes ziehen. Ich versuche das jeden Tag. Und so werde ich auch weitermachen.

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Mit Google Earth in die Vergangenheit.

Das Gehirn ist ziemlich erstaunlich. Es hält sich ja hartnäckig der Mythos, wir würden nur 10% unserer Hirnkapazität nutzen, und die Welt wäre eine andere, wenn wir einen größeren Teil aktivieren könnten. Das stimmt so natürlich nicht, aber ich bin nicht klug genug, um darüber zu referieren. Ich finde es nur immer wieder faszinierend, welche „Daten“ – Erinnerungen, Gefühle, Gerüche, Melodien, etc. – man noch nach Jahren abrufen kann. Irgendwie wird alles gespeichert, was man erlebt, denkt und fühlt. Auch wenn wir glauben, wir hätten vieles vergessen oder verdrängt. Es ist alles da. In uns. Ich habe das neulich erst wieder gemerkt und war etwas überrumpelt von dem, was mein Köpfchen mit mir anstellen kann.

Ab und zu logge ich mich bei Google Earth ein und schaue mir die Welt an. Das klingt sicher etwas komisch, aber ich bin noch nicht so weit rumgekommen und finde es ganz schön, mir Orte, die mich interessieren, aus der Luft anzusehen. (Dazu zählen vor allem auch archäologisch interessante Flecken, doch darum geht es jetzt nicht.) Manchmal komme ich auf die Idee, die Plätze meiner Vergangenheit zu betrachten. Wo ich gelebt habe, wo mich etwas besonders beeindruckt hat. Und dann sehe ich das alles mit dem Abstand von zwei oder sogar beinahe drei Jahrzehnten und entdecke Erinnerungen in meinem Kopf, die dort ewig nicht mehr aufgetaucht sind.

Rotenburg/Wümme. Dort habe ich etwa viereinhalb Jahre meines Lebens verbracht. Das ist nun ziemlich genau zwanzig Jahre her und beim Betrachten der Satellitenbilder kam tatsächlich einiges wieder hoch. Unsere Straße… Die Hochhäuser, die eigentlich immer ein wenig deplatziert wirkten, stehen noch immer da. Es scheint sich an diesem Areal nicht viel verändert zu haben. Aber vorn an der Kreuzung, da ist jede Menge passiert. Der Baumarkt ist weg. Seit wann? Und wieso gibt es meine ehemalige Schule nicht mehr? Da gab es doch diesen kleinen Teich, auf dem wir im Winter Schlittschuh gefahren sind. Da! Aber wo kommt das Neubaugebiet her? Und gab es da nicht ein rundes Haus irgendwo an den Gleisen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass… Da ist es! Viel kleiner als ich es in Erinnerung hatte.

Wie Blasen aus einem trüben Sumpf stiegen immer mehr Erinnerungen an die Oberfläche. Und mit ihnen kamen nicht nur Bilder, sondern auch Gefühle. Ich saß an meinem PC, etwa 400 km von diesem Ort entfernt, und fühlte mich plötzlich wieder genau so unsicher und verloren wie vor zwanzig Jahren. Ich konnte regelrecht nach meiner Kindheit greifen und ich war mir gar nicht so sicher, ob ich das wollte. Ich habe das Programm geschlossen und die Erinnerungen wieder zurück in die Dunkelheit geschickt, wo sie bisher auch gut aufgehoben waren.

Das Gehirn merkt sich alles. Aus der Summe des Erlebten bildet sich der Mensch, der wir sind. Jeden Tag kommen neue Informationen hinzu, jeden Tag verändern wir uns – auch wenn wir es nicht immer merken. Unser Leben, unsere Persönlichkeit befindet sich in einem steten Fluss. Und das ist auch gut so. Ist es wirklich erstrebenswert, sich an alles zu erinnern? Sollte es ein Ziel sein, sein Gehirn zu Höchstleistungen anzuspornen? Ich weiß es nicht. Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist es wohl besser, Dinge zu vergessen oder sie zumindest nicht immer präsent zu haben. Ich weiß, wer ich bin. Dafür brauche ich keinen genauen Blick in die Vergangenheit. Einen flüchtigen Moment der melancholischen Betrachtung, vielleicht. Ab und zu. Doch zu mehr bin ich nicht bereit. Zu sehr in der Vergangenheit leben hindert uns an der Eroberung unserer Zukunft. Das war jahrelang mein Problem. Heute nicht mehr. Find ich gut.