Der gute Mensch in mir.

Ich stehe am Düsseldorfer Hauptbahnhof und komme mir vor wie ein Idiot. Ich spüre die Blicke der Menschen um mich herum, wie sie auf mir ruhen und ich höre förmlich die Gedanken, die durch ihre Köpfe rauschen. Es klingt wie das leise Gemurmel eines Baches, aber so viel unmelodischer und bösartiger. Wieso macht sie das? – Ist die denn total naiv? – Wie kann sie mit so jemandem reden? – Die lässt sich doch total ausnehmen. – Sie hätte ihn doch einfach ignorieren können. Nur ganz wenige Stimmen äußern sich erfreut, wundern sich darüber, dass sie selbst nicht auf die Idee gekommen sind. Schön, dass es noch Menschen gibt, die sich nicht wegdrehen. – Sicher freut er sich über das Essen. – Warum habe ich ihn eigentlich nicht beachtet? Und eine einzige Stimme sagt laut über das Rauschen und Knistern hinweg: „Danke.“

Immer wenn ich mir auf dem Weg zur Arbeit etwas beim Bäcker hole, stecke ich das Wechselgeld in meine Hosentasche. Es ist nur Kleingeld, aber ich habe es gern direkt zur Hand, wenn mich jemand um ein paar Cent bittet. Und ich werde oft gebeten. Vermutlich sieht man es den Menschen irgendwann an, ob man sie fragen kann oder nicht. Ob sie sich verschlossen geben oder hilfsbereit. Ich muss zugeben, es kommt bei mir stark darauf an, wie man auf mich zugeht. Ob man überhaupt auf mich zugeht. Und vor allem schaue ich den Menschen in die Augen. Ich bilde mir ein, Spuren eines Lebens auf der Straße in den Augen sehen zu können. Manchmal lehne ich ab. Dann verneine ich. Das passiert entweder dann, wenn ich am Ende des Monats selber kaum noch genug Geld habe, um noch einmal einkaufen zu gehen, oder dann, wenn man unfreundlich zu mir ist oder stark nach organisiertem Betteln aussieht. Ich bin natürlich kein Profi. Ich kann nicht unbedingt erkennen, wer mich anlügt und wer nicht. Dennoch sortiere ich. Vielleicht ist das falsch. Keine Ahnung.

Heute hat man mich nach etwas zu essen gefragt. Ein Obdachloser in einem Rollstuhl hat mich angesprochen als ich auf dem Heimweg ein Brötchen kaufen wollte. Er wolle kein Geld, aber er hätte so Hunger, ob ich ihm helfen könne? Ich war schon spät dran und dachte eigentlich daran, die Schlange vor der Kasse zu verlassen, da ich meinen Zug nicht verpassen wollte. Aber dann wiederum wollte ich auch nicht einfach weggehen und ihn dort stehen lassen. Er hat um Hilfe gebeten. Das kostet so viel Überwindung und ich weiß das. Also habe ich mein Brötchen gekauft und ihm ebenfalls eines. Mein Zug war abgefahren, ich habe ihm das Essen gereicht und ihm einen guten Appetit gewünscht, habe ihn angelächelt und bin gegangen. Die Blicke der Menschen um mich herum haben mich förmlich durchbohrt. Auf meinen nächsten Zug musste ich 30 Minuten lang warten. Während dieser Zeit wurde ich noch von zwei Obdachlosen am Bahnsteig angesprochen. Jedes Mal habe ich ihnen etwas gegeben und jedes Mal haben die Umstehenden mich angestarrt wie eine Aussätzige.

Was ich mich frage: Wann ist es verwerflich geworden, jemandem etwas Gutes zu tun? Immer wenn ich das tue, fühle ich mich zurückversetzt in meine Schulzeit. Dann bin ich wieder die Außenseiterin, die Spinnerin, die Gemobbte. Ich schrumpfe innerlich zusammen und möchte verschwinden, aber gleichzeitig rebelliert mein Inneres und schreit mich an. Du hast nichts Falsches getan! 

Ist es denn der richtige Weg, Elend auszublenden und Hilfe zu verweigern? Wie kam es dazu, jeden Menschen unter Generalverdacht zu stellen, zu verurteilen, abzustrafen mit Ignoranz? Hat nicht jeder von uns zumindest ein bißchen Respekt verdient? Und selbst wenn ich nichts tun will, kann ich doch wenigstens ein „Nein, tut mir leid.“ von mir geben. Nicht einfach wegsehen. Als wäre der andere gar nicht existent. Das ist die schlimmste Form von Strafe, Rache, Abschätzigkeit und Missgunst. Wenn du für die Welt nicht existierst, dann bist du nicht mal so viel wert wie der Dreck unter den Schuhen der anderen. Niemand sollte sich jemals so fühlen müssen.

Ich werde mich weiterhin anstarren lassen. Werde weiterhin Kleingeld in meiner Hosentasche mit mir tragen. Vielleicht ist das dumm, vielleicht naiv. Aber vielleicht macht es den Tag eines Menschen einfach ein bißchen besser.

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Schmusekater

Es ist Herbst geworden. Nach dem langen und heißen Sommer hat nun endlich meine liebste Jahreszeit begonnen und ich kann mich wieder einkuscheln in Decken, Pullover, Jacken, Schals… Ich fühle mich langsam wieder wohler in meiner Haut, in meiner Umgebung und mit den Entscheidungen, die ich in den letzten Wochen getroffen habe. Dazu trägt noch etwas bei, das mich so glücklich macht, wie lange nichts mehr.

Das klingt jetzt vielleicht etwas blöd, aber… Jahrelang hat Tabby immer nur sporadisch schmusen wollen, war zwar der liebste und offenherzigste Kerl, den man sich vorstellen konnte, aber eben nicht wirklich verkuschelt. Während Snorre sich öfter mal auf meinen Bauch oder Rücken gelegt hat oder eben immer bei mir lag, wenn ich auf dem Sofa gelümmelt habe, war Tabby stets etwas auf Abstand. Seit einigen Wochen aber ist er der reinste Schmusekater geworden. Immer noch unabhängig, aber er fordert öfter seinen Platz auf meinem Bauch ein, kuschelt sich in meine Armbeuge, legt sich sogar auf meinen Schoß, während ich vor dem Fernseher sitze und Videospiele spiele. Ich bin völlig überwältigt davon, weil er meine Nähe nie so gesucht hat. Und das macht mich einfach so unheimlich glücklich, dass ich gar nicht genau weiß, wohin mit dieser Freude. Und darum muss ich sie heute hier teilen. Egal, wie albern das sein mag.

Connichi 2018: Zum letzten Mal.

Es ist traurig, aber wahr. An diesem Wochenende ist (nicht nur für mich) eine Ära zuende gegangen. Die Connichi war in den 17 Jahren ihres Bestehens immer meine liebste Convention und ich werde es sehr vermissen, daran teilzunehmen. Aber aus diversen Gründen, die ich später noch anreissen werde, ist das für mich in Zukunft keine Option mehr. Das hinter mir liegende Wochenende war durchzogen von Spaß, Stress, neuen Eindrücken und Erfahrungen und ich habe on top noch einige neue Bekanntschaften machen dürfen, was für mich auf Conventions bereits recht selten geworden ist. Und bis zum Sonntagabend war es im Grunde auch der perfekte Abschluss – doch dazu später ein wenig mehr.

Seit Jahren sind meine Freunde bereits als Helfer auf der Connichi unterwegs und dieses Jahr hatte ich mich im Vorfeld auch verpflichten lassen. Bisher hatte ich nie mit dem Gedanken gespielt, aber als der Aufruf kam, dass noch tatkräftige Hilfe gebraucht wird, dachte ich daran, dass ich alternativ einfach den ganzen Tag allein rumsitzen würde. Und das wäre ja auch irgendwie blöd gewesen. Also habe ich mich für das Matsuri beworben: das japanische Fest, das im Innenhof stattfand. Eingeteilt wurde ich zusammen mit meiner Freundin für die Fotoecken und das fand ich schon ziemlich episch, denn erstens bin ich mit den Projektleitern befreundet und zweitens interessiere ich mich für Cosplay und Fotografie. Also der perfekte Platz für mich!

Am Donnerstagabend ging’s los und ich war mal wieder voll im Stressmodus, weil ich erst sehr spät zu packen begonnen habe. Ich hasse das einfach. Packen ist eines der schlimmsten Dinge am Wegfahren und so schiebe ich das einfach immer bis zur letzten Sekunde vor mir her. Die Fahrt verlief zum Glück recht ereignislos. In Kassel angekommen gab es ein kleines Treffen mit einigen unserer Gruppe und ein bißchen Smalltalk bis in die Nacht.

Freitagvormittag begaben wir uns in den Innenhof, wuselten schon mal in den Fotoecken herum und erstellten einen Schichtplan für das Wochenende, damit auch jeder die Programmpunkte sehen konnte, die für ihn wichtig waren. Zum Glück wuchs unser Team während des Vormittags noch auf 8 Leute an, sonst wäre es etwas schwierig geworden, da eine gute Abdeckung hinzubekommen. Leider mussten wir aber auch Bekanntschaft mit einem Herrn machen, der partout nicht verstehen wollte, dass unser Team voll war und dass er nicht als Fotograf in den Fotoecken arbeiten konnte. Mal abgesehen davon, dass dieser Mensch hochgradig unsympathisch und unverschämt war und sofort an allem etwas auszusetzen hatte, was in unserem Bereich aufgebaut worden war, hat er den Projektleitern bei diversen Diskussionen auch noch dreist ins Gesicht gelogen. Das zog sich über mehrere Stunden und endete schließlich damit, dass er als Helfer ausgeschlossen wurde. So etwas habe ich noch nicht erlebt und war deswegen nicht nur aufgebracht, sondern auch regelrecht entsetzt. Aber die Menschen im Helferzimmer mussten sich ja noch andere Geschichten anhören. Wie zum Beispiel die des Kerls, der seine Helfersachen abholen wollte und gesagt bekam, er solle sich bitte in seinem Bereich melden. Die Antwort darauf war (Kein Scheiß!): „Nee, das ist mir jetzt schon zu stressig. Hier, nehmt das Ticket zurück, ich steige als Helfer aus.“ Was zum…? Was denken die Menschen eigentlich, wofür so ein Helfer da ist? Zum Däumchen drehen? Nun ja…

Wir verbrachten den Tag jedenfalls gut gelaunt in unserem Bereich und ich war auch gar nicht so sozial inkompetent wie sonst! Ich war vorrangig bei den traditionell japanisch eingerichteten Bereichen zugange und habe dort Leute zu Fotos ermuntert, zwischendrin etwas aufgeräumt, die Einhaltung der Nutzungszeiträume überwacht und so weiter. Die Besucher waren wirklich nett und nur vereinzelt seltsam. Abends konnte ich mir das Konzert von Benyamin Nuss anschauen und das war wirklich richtig schön und hat den Abend noch gut abgerundet.

Am Samstag startete der Tag leider sehr früh, denn wir hatten eine kleine Cosplaygruppe geplant und mussten uns dementsprechend vor unserer Schicht noch schminken und anziehen. Dabei hatte ich noch Glück, denn ich musste nicht sofort um neun Uhr an den Stand, sondern konnte vorher noch mit Kira, dem Hund einer der Organisatorinnen, spazieren gehen. Da ich ja ein absoluter Tiernarr bin, war das für mich ein totales Highlight. Dass mich auf dem Weg noch eine ältere Dame ansprach, ob ich auch zu der „Mango-Party“ gehen würde, war einfach noch zusätzlich lustig. Meine Schicht in der Fotoecke war relativ entspannt, auch wenn echt viel los war. Samstag ist ja immer der Tag mit den meisten Besuchern und die Cosplayer tragen die fettesten Kostüme, die sie finden können. Das stellte unsere Einrichtung teilweise wirklich auf die Probe. Meterlange Schwänze und ausladende Rüstungen vertragen sich einfach nicht so gut mit Papierschirmen und empfindlichen Trennwänden. Ging aber zum Glück alles gut.

Am Nachmittag hatten wir Pause und waren zum Köttbullaressen im Helferzimmer verabredet. Aber welch Drama! Es gab keine Köttbullar mehr! Dabei hatten wir uns schon stundenlang darauf gefreut. Zum Glück erhörte man unser Flehen und die kleinen Fleischbällchen wurden noch einmal zubereitet. Also auch noch wirklich lecker gegessen. Sehr gut für die Stimmung! Blöderweise erwischte mich nach dem Essen ein ziemlich fieser Kopfschmerz. Ich habe zwar sofort eine Tablette eingeworfen, war aber dennoch für gut eine Stunde außer Gefecht gesetzt und konnte meine nächste Schicht erst verspätet antreten. Das war mir echt unangenehm, aber kannste nix machen. Abends waren wir noch im Eckstein und haben zu Abend gegessen. Das ist so eine Art Tradition geworden und immer sehr lustig. Blöd war nur, dass die Stadtverwaltung von Kassel sich dachte: „Oh, an diesem Wochenende ist die Connichi? Na, dann lassen wir auch mal das Quartierfest stattfinden und alle Bahnen ausfallen, die zur Stadthalle fahren, hahahahaha! Ein großer Spaß!“ Wir hatten Glück, dass wir mit dem Auto zurück fahren konnten. Übrigens die lustigste Autofahrt seit vielen Jahren. Ich werde bei Hooked on a Feeling von heute an nur noch daran denken. Später waren wir noch im FSK 18-Synchroworkshop und es war so unglaublich lustig. Ich wollte ja schon seit Jahren mal da hin und mir anhören, wie Hentais völlig schwachsinnig und ohne Skript vertont werden. Hat sich auf jeden Fall gelohnt. Schade, dass ich nicht schon früher mal dazu gekommen bin.

Sonntag brach der Tag für mich wieder mit einer Hunderunde und Standdienst an. War ziemlich entspannt und auf dem Hundeweg hatte ich auch nette Gesellschaft. Dann die Überraschung: Ich habe jemanden getroffen, den ich wirklich seit 10 Jahren nicht mehr gesehen habe, und ich habe mich so unglaublich darüber gefreut. Dass ich ihn überhaupt erkannt habe, hat mich etwas gewundert. Anschließend haben wir mit ein paar Leuten den WCS-Vorentscheid geschaut und mit dem Gewinnerteam bin ich 100% einverstanden. Sehr verdient gewonnen. Ich hoffe, sie rocken nächstes Jahr Japan. Der Rest des Tages plätscherte so vor sich hin. Die Besucherströme wurden weniger, ich konnte mir sogar noch ein Crêpe genehmigen (Leider war Banane mit drauf, iiiiiih!) und letztendlich ging es an den Abbau.

Und hier kommen wir zu dem Teil, der ein wenig Drama beinhaltet und außerdem eine kleine Ausführung darüber, warum ich diese Veranstaltung in Zukunft nicht mehr besuchen werde.

Wer es noch nicht mitbekommen hat: Beinahe die komplette Orga der Connichi hat sich aus der Veranstaltung zurückgezogen bzw. tut es jetzt nach dem Ende der Convention. Als die Nachricht vom Ausstieg der Orgas öffentlich wurde, ging natürlich ein riesiger Aufschrei durch die Szene, weil man Angst hatte, dass die Con nicht weitergeführt wird. Aber natürlich haben sich Leute gefunden, die sich mit der Fortführung beschäftigen. Dass nicht jedem gefällt, wer demnächst die Verantwortung zu tragen hat, ist klar. Wie überall gibt es Kleinkriege und Antipathien und am besten hält man sich da raus, so lange und so gut es möglich ist. Da aber auch ich mich von gewissen Vorbehalten nicht freisprechen kann, war ich schon im Vorfeld der Veranstaltung unschlüssig, ob die Connichi für mich weiterhin eine Convention sein kann, auf die ich gerne gehe und die ich genießen kann.

Nach dem letzten Abend stand für mich fest: Nein, das kann sie nicht.

Für mich kann es einfach nicht angehen, dass Leute in einem Organisationsteam, die für die Führung von so vielen Menschen zuständig sind, mit eben diesen nicht kommunizieren und sich dadurch Situationen ergeben, die Intrigen nicht unähnlich sind. Und dass es dann, wenn die Katastrophe losbricht, auch völlig egal ist, ob da gerade jemand mit einem Nervenzusammenbruch sitzt oder ob sich jemand anderes die Augen ausheult, weil Entscheidungen mit Vitamin B und ohne Klärung mit eigentlich noch Verantwortlichen getroffen wurden. Ein völlig gefühlloses Rumtrampeln auf alten Weggefährten. Das ist nicht fair und so behandelt man einfach niemanden. Und da ich kein Team unterstützen möchte, das sich anderen gegenüber so verhält, werde ich auch die Connichi nicht mehr unterstützen. Für mich sind wichtige Bestandteile dieser Veranstaltung am letzten Abend eines großartigen Wochenendes gestorben. Miteinander, Respekt, ein nettes Zusammentreffen von Fans für Fans organisiert: Das ist die Connichi nicht mehr für mich. Nicht so. Nicht unter einer Leitung, die diese Werte nicht auch lebt.

Nach 17 Jahren verabschiede ich mich also. Es waren tolle Zeiten und ich werde mich immer gern an sie erinnern. Danke an alle Menschen, die das alles möglich gemacht haben, die mich begleitet haben auf diesem Weg und an jeden einzelnen Besucher, der diese Veranstaltung so großartig gemacht hat. (Außer an die Blumenbeettrampler und Müllverteiler. Euch danke ich nicht.)

Die Jagd

Ich glaube, das interessanteste am ganzen Dating-Geschiss ist die Jagd nach dem Gegenüber. Das langsame Anschleichen, die leisen Andeutungen eines Angriffs, das Beobachten und Beurteilen der Opferreaktion und dann letztendlich der Angriff und der Todesbiss. All das trägt in sich einen solchen Nervenkitzel, dass es schwer ist, nicht immer und immer danach zu suchen.

Aber ehrlich gesagt: Ich bin es leid. Ich will kein Jäger sein und auch keine Beute. Ich will mich im Moment nicht darum scheren müssen, wer einen eventuell aus welchen Gründen toll finden könnte oder aus welchen nicht. Das ist mir zu anstrengend, zu verkorkst und auch zu unehrlich. Wenn ich eines in den letzten anderthalb Jahren gelernt habe, dann dass ich fürs Bett gut genug bin, für alles andere aber nicht in Frage komme. Dafür bin ich mir zu schade. Ich möchte keine Notlösung sein und auch nicht die immer verfügbare Frau ohne Ansprüche.

Vor ein paar Tagen wurde ich gefragt, was ich mir denn wünschen würde. Die Antwort ist sehr simpel: Ich möchte jemandem wichtig sein. Jemandem, der mir auch wichtig ist. Ob dabei eine Beziehung bis ans Ende des Lebens entsteht oder nicht, das ist mir jetzt gerade piepegal. Woher soll ich wissen, was morgen oder nächste Woche sein wird? Es geht mir nicht darum, jemanden an mich fesseln zu wollen. Ich möchte nicht an einen Mann gekettet sein, der mich meiner Freiheit beraubt. Aber – und das ist wichtig – dabei rede ich von meiner geistigen Freiheit, nicht von einem Freifahrtschein zum Rumvögeln. Da mache ich nicht mit. Ich will nicht die eine aus zwanzig sein, die man nur anruft, wenn man es gerade mal wieder nötig hat. Ich will die Eine sein.

Da ich das nicht bekommen kann, ziehe ich mich aus der Jagd zurück. Aus diesem Spiel, das bis aufs Blut geht. Meine letzte Begegnung mit einem flirtwilligen Mann hat mich aller Lust auf dieses Hin und Her beraubt. Ich bin nicht wütend deswegen. Nicht mal enttäuscht. Ich fühle diesbezüglich gar nichts. Man sagte mir, ich solle doch froh sein, dass man mich sexy findet. Das müsse meinem Selbstbewusstsein gut tun. Vielleicht ist das schwer zu verstehen, aber eigentlich macht es genau das Gegenteil mit mir. Auf lange Sicht. Im ersten Moment fühlt man sich natürlich geschmeichelt, aber wenn die Richtung klar wird und man es wieder nur bis ins Schlafzimmer schafft, dann fällt das Ego in sich zusammen. Weil man merkt, dass man nur benutzt wird. Das Innere, das eigene Wesen… Das zählt nicht. Und das ist es doch eigentlich, wofür wir geliebt werden wollen.

Wenn mich also niemand um meinetwillen lieben kann oder will, dann muss ich das selber tun. Dafür muss ich allein sein mit mir. Ich will allein sein mit mir. Kein Geifern, kein Lauern, keine Jagd. Stattdessen Fellpflege und Winterschlaf. Darauf freue ich mich.

Podcast-Projekt: „Taschenuschis“

So, ihr Hübschis. Heute mal Werbung in eigener Sache. Klingt vielleicht etwas selbstverliebt, soll es aber gar nicht. Das ist wieder so ein Ding aus der Kategorie „Ich möchte gesehen werden.“ und bedeutet: Da läuft ein neues Projekt und ich möchte es mal zum Zeigen rumreichen.

Die Mel und ich haben uns tatsächlich getraut und einen Podcast gestartet. Ja, echt jetzt. Ich muss immer noch ein bißchen drüber lachen. Gerade ich, die ihre Stimme früher so sehr gehasst hat, redet jetzt jede Woche über irgendwelchen Kram frei ins Internet hinein. Hätte ich vor ein paar Jahren auch nicht für möglich gehalten.

Wir nennen uns DIE TASCHENUSCHIS (<<<< klick mich) und bisher haben wir sage und schreibe viereinhalb Folgen veröffentlicht. Die halbe Folge ist eigentlich die erste und nicht nur inhaltlich etwas fragwürdig, sondern auch technisch eher unterste Schublade. Aber wir hatten Spaß und versuchen jetzt, uns etwas zu verbessern.

Unter dem Link findet ihr die Kanäle, über die wir derzeit veröffentlichen. Wir versuchen einen wöchentlichen Rhythmus einzuhalten und bleiben dabei natürlich voll unprofessionell. Ist ja klar.

Wenn ihr also gerne Podcasts hört und einen etwas dreckigen bis mitunter infantilen Humor mögt, dann würde ich mich freuen, wenn ihr zu unseren Hörern stoßt. (Ja, wir haben tatsächlich welche!) Wenn nicht, dann geht raus in die Sonne oder an den Baggersee oder pult euch an den Füßen. Was immer euch Spaß macht. Genießt das Leben!

Das liegt ja an dir.

Ich bin kein großartiger Familienmensch. Ich liebe meine Eltern, ich liebe meinen Bruder, meine Schwägerin und meinen Neffen. Gerade lerne ich zwei meiner Tanten langsam (wieder) kennen. Von vielen anderen habe ich mich schon lange entfernt. Das geschah nicht willentlich. Ich habe das nicht mit Absicht getan, aber ich merkte einfach immer mehr, dass ich nicht dazugehörte. Ich ticke anders oder bilde mir vielleicht nur ein, anders zu ticken. Es ist nicht so, dass ich den Rest meiner Familie nicht mögen würde. Nein, das kann ich nicht behaupten. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und ich hege keinen Groll gegen sie. Sie sind nur einfach… nicht mit mir auf einer Wellenlänge. Meistens weiß ich nicht, worüber ich mich mit ihnen unterhalten soll. Oft habe ich das Gefühl, mich für mein Leben und meinen Charakter rechtfertigen zu müssen. Und ich fürchte, zu einem Teil ist man auch enttäuscht von mir. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich werde aus dieser Rolle wohl niemals heraus finden. Aber das ist okay. Jede Familie braucht ein schwarzes Schaf, oder? Das bin dann wohl ich. Ich bin die Überempfindliche. Die, die alles persönlich nimmt und dramatisiert. Die keine Kränkung und keine Verletzung vergessen kann. Die immer mit sich selbst hadert und sich fehl am Platz fühlt. So sollte es nicht sein, aber das ist nun mal die Realität.

Selbst in dem kleinen Kreis meiner Familie, in dem ich mich relativ akzeptiert fühle, bin ich oft unsicher. Innerlich konkurriere ich sehr mit meinem Bruder, den ich aber dennoch abgöttisch liebe. Nachdem wir uns lange Jahre furchtbare Kämpfe geliefert hatten, haben wir doch irgendwann zueinander gefunden. So unterschiedlich sind wir gar nicht. Bis auf die Tatsache, dass er mir sehr viel mehr bedeutet als ich ihm. Und da ich das weiß, versuche ich mich weitgehend aus seinem Leben raus zu halten. Wenn man die Hintergründe nicht kennt, dann kann man das sicher als Desinteresse werten. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht. Oft frage ich mich, ob mein Bruder nicht eine viel wertvollere Person ist als ich. Das ist ein dummer Gedanke und besonders meine Mutter würde mir den Kopf abreißen, wenn sie davon wüsste. Was sie jetzt vermutlich tut. Hallo, Mamschi. Diese Selbstzweifel bei allem, was ich tue oder auch nicht tue, sind so tief in mir verwurzelt, dass ich mich ohne sie wohl unvollständig fühlen würde. Ich sollte wohl aufhören, gegen sie zu kämpfen. Ist Akzeptanz das Zauberwort?

Im Januar war ich mit meinem Vater und meiner Stiefmutter bei meinem Bruder zu Besuch. Seit langen Jahren das erste Mal. Sonst sehen wir uns eigentlich nur beim gemeinsamen Familienurlaub oder wenn wir zur gleichen Zeit bei meinem Vater zu Besuch sind. Mein Bruder lebt mit seiner Familie in einem Haus auf dem Land und in der Küche gibt es eine Wand, an der gefühlt 200 Fotos von Freunden und Familie hängen. Alle sind sie dort vertreten. Alle. Nur ich nicht. Keine Spur von mir. Das tat mir weh und ich konnte nicht recht damit umgehen. Also habe ich meine Entdeckung am Abend meinem Vater mitgeteilt. „Papschi, in der Küche hängen echt alle Menschen, die dieser Familie wichtig sind. Aber ich bin nicht dabei.“ Seine Antwort war: „Das liegt ja an dir.“ Mir hat das den Boden unter den Füßen weggezogen. Für einen Moment fühlte ich mich wie ein trotziges Kind, das sich zwei Wochen lang weigert, mit den Eltern zu reden. Aber dann fragte ich mich sofort: Stimmt das? Bin ich schuld daran, dass ich im Leben meines Bruders keine Rolle spiele?

In den letzten Monaten habe ich oft darüber nachgedacht, das Thema aber nicht mehr angesprochen. Die Schuld hatte sich an mein Herz geklammert und sich dort bereits häuslich niederzulassen begonnen. Bis mir letzte Woche etwas auffiel.

Bereits vor einigen Monaten hatte ich mit meinem Bruder darüber gesprochen, dass er und seine Familie mich im Sommer besuchen kommen möchten. Ich habe mich riesig gefreut, aber es stand noch kein genaues Datum. Vor ein paar Tagen haben wir dann noch einmal darüber gesprochen und in drei Wochen werden wir zumindest einen Tag zusammen verbringen. In meiner Stadt. Und da fiel es mir auf. Seit ich nicht mehr zuhause wohne – und das ist schon verdammt lange -, hat mein Bruder mich nur einmal besucht. Zu meinem Geburtstag. In meiner allerersten Wohnung. Da muss ich 22 oder 23 Jahre alt geworden sein. Wirklich, es fällt mir keine andere Gelegenheit ein. Meine Wohnungen hat er, wenn überhaupt, nur mal im Zuge eines Umzugs gesehen. Dabei hatte er im Grunde mehr Möglichkeiten als ich. Er hat immer ein Auto besessen, war finanziell immer besser dran als ich und hatte vor allem auch nie eine Erkrankung, die ihm das Reisen in jeglicher Form schwer machte. Anders als ich. Dennoch war er im Grunde nie bei mir. Es hat ihn nicht interessiert. Was okay ist. Das war seine Entscheidung.

Aber was diese Feststellung nun unweigerlich mit sich bringt, ist die Frage: Wieso bin ICH dann schuld daran, dass ich für das Leben meines Bruders nicht wichtig bin? Warum stehe ICH in der Verantwortung? Warum allein? Ich verstehe nicht, warum mir etwas angekreidet wird, was irgendwie bei uns beiden schief zu laufen scheint. Aus welchen Gründen auch immer. Das enttäuscht mich auf so einer tiefen Ebene, dass ich kaum Worte dafür finde. Und gleichzeitig fühlt es sich an, als würden mein Vater und mein Bruder eine Mauer vor mir hochziehen, vor der sie sich gegenseitig davon erzählen, was für ein schlechter Mensch ich bin und wie unzuverlässig und enttäuschend.

Es heißt, man solle sich selbst lieben, dann käme alles andere schon von ganz allein. Aber ist es zu viel verlangt, auch bedingungslos von anderen geliebt zu werden? Muss immer nur ich mir Mühe geben? Kann ich nicht auch einfach als der Mensch akzeptiert und gemocht werden, der ich bin? Vielleicht nicht. Und vielleicht liegt das auch wieder nur an mir.

Abschiedsmelodie

Die Welt bleibt niemals stehen. Sie dreht sich weiter und weiter, zieht ihre Bahn durch die Dunkelheit des Alls und umkreist wieder und wieder ihr Zentralgestirn. Auf ihrer Oberfläche bleibt das Leben immer in Bewegung, auch wenn wir uns manchmal fühlen, als würden wir stecken bleiben. Stillstand kennen wir nicht, wir jagen immer etwas nach: Geld, Ruhm, Erfolg, Liebe… Es gibt immer etwas zu tun, immer eine neue Herausforderung. Und auch wenn wir uns in Stunden des Glücks und der Zufriedenheit wünschen, alles möge so bleiben wie es gerade ist, kann uns dieser Traum niemals erfüllt werden.

Ich mag es, dass nichts still steht und dass jeder Tag das Versprechen auf etwas Neues beinhaltet. Ich bilde mir ein, dadurch käme Bewegung in mein Leben. Dass ich mich selbst belüge, ist mir durchaus klar. Denn während sich das große Ganze immer am Laufen hält, fürchte ich die Veränderung im Kleinen. Mir ist es am liebsten, wenn es in meinem Alltag genau getaktete Abläufe gibt. Wenn nichts aus der Reihe tanzt und alles ganz vorhersehbar geschieht. Unsicherheit und Spontaneität verwirren mich, ich brauche kleine Inseln der Sicherheit, auf die ich mich flüchten kann. Bricht auch nur eine davon weg, verschwindet damit auch ein Teil meiner Welt und macht Platz für meine Ängste.

In einigen Tagen wird wieder eine Sicherheitszone wegbrechen und auch wenn ich weiß, dass es geschehen wird und dass ich nichts dagegen unternehmen kann, stemmt sich mein ganzes Wesen gegen diesen Umstand und will es einfach nicht wahr haben.

Als meine Kollegin mir vor gut einem Monat sagte, dass sie zu Ende Juli kündigen wird, tat sich unter meinen Füßen ein Loch auf. Ich hatte schon zuvor geahnt, dass sie gehen würde, da wir ein Gespräch darüber hatten, dass sie die Arbeit bei uns eigentlich gar nicht mehr leisten kann. Ihre Familie verlangt ihr einfach viel ab und ich kann verstehen, dass sie auch Zeit für sich braucht, die sie durch den Job zuletzt nicht mehr hatte. Aber zu hören, dass die Entscheidung gefallen ist und dass sie definitiv gehen wird, war für mich einfach grauenvoll. An dem Tag haben wir zusammen im Zug gesessen und geweint und ich dachte, ich muss stark sein, damit sie nicht denkt, sie würde mich im Stich lassen.

Einen Monat später empfinde ich immer noch so, aber es fällt mir schwerer und schwerer, meine Angst vor der Zeit „danach“ zu verstecken. Ich fürchte mich vor Freitag, vor ihrem Abschied und meinen Tränen. Ich fürchte mich vor Montag, wenn sie nicht mehr an ihrem Platz sitzen wird. Ich fürchte mich davor, dass ich mit der neuen Kollegin nicht gut zurecht komme oder dass sie den Job nicht bewältigen kann und wieder gehen wird. Doch am meisten macht mir der Gedanke zu schaffen, dass meine Freundin nicht mehr bei mir sein wird. Jeder Arbeitstag war für mich wie nach Hause kommen, weil ich wusste, dass ich bei Menschen bin, die mich akzeptieren und annehmen so wie ich bin. Und ich habe mich an meinem sehr exponierten Platz sicher gefühlt, weil ich diese wundervolle Frau bei mir hatte, der ich einfach alles sagen konnte und vor der ich mich nie zu verstellen brauchte. Wir haben Hand in Hand gearbeitet, wussten oft schon ohne Worte, was die andere dachte oder brauchte. Die letzten zweieinhalb Jahre hätte ich ohne sie oft nicht überstanden. Es ist egoistisch, wenn ich mir wünsche, dass sie bei mir bleiben könnte. Das ist mir klar und ich schäme mich etwas dafür. Doch der Gedanke, dass sie aus meinem Leben verschwinden wird, zumindest in der Rolle, die sie zuvor inne hatte, triggert meine Furcht vor dem Verlassenwerden.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und teilt ihn nur für eine gewisse Zeit mit jemand anderem. Das ist vollkommen normal und ich sollte das besser hinnehmen können. Aber es fällt mir verdammt schwer, auch wenn ich versuche, mit erhobenem Kopf weiterzumachen und die Zukunft nicht zu schwarz zu sehen. Was wir hatten, das werde ich einfach nie wieder so erleben.