Null-Stimmung

Dieses Jahr kann er sich so richtig freuen, mein Freund. Ich mache ihm das beste Geschenk zur Vorweihnachtszeit und als ich ihm davon berichtete, war er so verdutzt, dass er erstmal gar nichts sagen konnte. Es ist einfach ungewöhnlich für mich. Begeistert war er aber natürlich trotzdem. Ist es wohl immer noch.

Es ist so, dass ich ein erklärter Fan der Weihnachtszeit bin. Besonders der Vorweihnachtszeit. Weihnachtsdeko, Weihnachtsmärkte, Kekse backen, Geschenke suchen… Das alles ist mein Ding. Ich liebe die Dunkelheit, die Kälte, die Lichter in den Fenstern. Mein Freund hingegen… Er findet das alles überflüssig und doof und erträgt meine Dezember-Eskalation im Grunde nur, weil wir halt zusammen leben und er nicht flüchten kann.

Dieses Jahr braucht er sich darum keine Sorgen zu machen. Ich habe keine Lust. Keine Lust auf Weihnachten, auf Vorfreude, auf Gemütlichkeit und eine feierliche Stimmung. Ich möchte mich nicht damit beschäftigen, es im Grunde noch nicht mal an mich ran lassen. Es ist mir zu viel und zu anstrengend und ich habe das Gefühl, es stecken irgendwelche Erwartungen an mich dahinter. Ich kann das gerade nicht ertragen. 

Das generelle Problem dahinter ist leider ziemlich ernst. Seit ein paar Wochen vermisse ich zunehmend den Spaß an Dingen, die mich sonst begeistern. Ich habe wieder Angstzustände beim Zugfahren, Herzstolpern und starkes Zittern vorm Einschlafen. Was das bedeutet, ist mir durchaus klar. Und dass ich versuchen muss, irgendwie die Kurve zu kriegen, ohne wieder gnadenlos auf die Schnauze zu fallen. Es scheint, ich lerne nie dazu. „Es geht schon, es geht schon. Ich schaffe das. Ist ja nur noch bis…“ Eines Tages sollte ich begreifen, dass ich empfindlicher bin als andere. Dass ich schneller ausbrenne. Im Moment bin ich auf jeden Fall ziemlich leer. Und der einzige Treibstoff, den ich drauf kippen kann, ist die tiefe Angst in mir, dass alles um mich herum zerbrechen wird, wenn mein Motor ausfällt.

Das Ende einer Ära.

Nun ist es also soweit. Das, worauf ich das ganze Jahr hingearbeitet habe, worauf ich mich gefreut und wovor ich mich gleichzeitig gefürchtet habe, ist nun gekommen: Mein Ausstieg bei der Deutschen Cosplaymeisterschaft. Fünf Jahre lang habe ich für den Wettbewerb gearbeitet, habe mich vom Jurymitglied bis in die Hauptorga gearbeitet, die Presse und die sozialen Netzwerke betreut, war zuständig für die Homepage, für Interviews, Ehrengäste, Archiv, Inhalte von Flyern, Urkunden etc. und habe „nebenbei“ noch einige andere Dinge erledigt, außerdem natürlich die Verantwortlichkeiten als Organisatorin. Ich bin quer durch Deutschland zu den Vorentscheiden gefahren, habe gefilmt, ausgeholfen, beruhigt, aufgemuntert, gelacht und vor allem gearbeitet. Sehr viel und sehr hart.

Bereits im letzten Jahr habe ich gemerkt, dass mir dieser Einsatz auf Dauer unheimlich viel Energie abverlangt und einen immensen Zeitaufwand bedeutet, den ich nicht mehr verantworten kann, ohne mich damit über meine Grenzen zu treiben. Meine Hobbys konnte ich so gut wie gar nicht ausüben, weil ich einfach keine Zeit mehr hatte. Ich war oft müde, gereizt und vor allem überlastet. Meine Versuche, die Belastung zu verringern und Verantwortung abzugeben scheiterten zum einen an mangelnden Möglichkeiten, zum anderen – und das war das weitaus größere Problem – an meinem Kontrollzwang. Ich kann nichts, was ich einmal unter meinen Fittichen hatte, einfach so wieder abgeben. Ich muss wissen, was da läuft und dass es läuft. Arbeit zu delegieren ist für mich gleichbedeutend damit, eine Versagerin zu sein. Genau dieses Verhalten hat dazu geführt, dass ich immer gelähmter wurde und keinen Spaß mehr an meiner Position empfand.

Anfang des Jahres habe ich für mich dann die Entscheidung gefällt, all meine Aufgaben abzugeben und bei der DCM auszusteigen. Das ist mir nicht leicht gefallen, denn irgendwie sind all die Bereiche, die ich betreut habe, auch so was wie meine Babys. Doch ich wusste, dass ich es mir selbst schuldig bin, für mich zu sorgen. Das Jahr über wollte ich noch normal arbeiten, da wir unser 10jähriges Jubiläum feierten, danach aber dann komplett aussteigen. Ich wurde gefragt, ob ich nicht einige Aufgaben weiterhin übernehmen könne. Wie etwa Artikel für den Blog schreiben. So gern ich zugesagt hätte: Ich kenne mich. Und hätte ich auch nur eine Winzigkeit an Arbeit weitergeführt, wäre ich bald wieder mit einem Haufen Aufgaben auf dem Rücken herumgerannt. Also blieb ich standhaft und bin auch ein wenig stolz darauf.

Die letzte Saison war wahnsinnig schön, aber auch wahnsinnig anstrengend. Ich bin quer durch Deutschland zu jedem der sechs Vorentscheide gefahren, habe dafür Busse, Züge und Autos benutzt, bin nachts um 3 Uhr aus München nach Hause gekommen und am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder zur Arbeit gefahren, habe für die Rückfahrt von Berlin neun Stunden gebraucht, habe Geld für Sitzplatzreservierungen ausgegeben, das total verschwendet war, weil man den Sitz entfernt hatte und habe in der Hitze von Ludwigshafen einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Natürlich habe ich aber auch jede Menge netter Menschen getroffen, einige neue Orte besucht, viele Erfahrungen gesammelt und mit einem großartigen Team zusammengearbeitet. Ich habe eine Finalshow planen dürfen, die von vorne bis hinten einfach gut funktioniert hat. Und ich bin so lieb verabschiedet worden, dass ich allein beim Gedanken daran wieder heulen könnte.

Und jetzt? Jetzt übergebe ich nach und nach meine Posten, habe immer weniger zu tun und zu sagen und betrachte das einerseits mit Wehmut, andererseits aber auch mit Freude. Es bleibt wieder Zeit für andere Dinge. Für Cosplay, worauf ich nach zwei Jahren Pause auch wieder richtig Lust habe. Fürs Fotografieren, dem ich wieder mehr Zeit widmen möchte. Und generell für alles, was ich als Zeit für mich verbuchen kann.

Danke an die Deutsche Cosplaymeisterschaft und das beste Team, das ich mir hätte wünschen können. Ich werde euch sehr vermissen, auch wenn ich mich gleichzeitig auf die Zeit ohne euch freue.

Wut im Bauch

Ich weiß, ich sollte es nicht tun. Ich sollte keine Kommentare auf Facebook lesen, keine Tweets und keine Forendiskussionen. Ich sollte es einfach nicht tun. Und dennoch… Immer wieder stolpere ich über Menschen, die ihre Meinung in den Äther spucken wie giftige Schlacke. Und immer öfter ist darunter diese braune Einheitssoße, die mich so anekelt und vor der es mir graust.

Heute las ich in der Mittagspause einen Artikel über das Unternehmen Continental, das Flüchtlingen die Möglichkeit gibt, eine Ausbildung zu machen. Wen es interessiert, hier ist der Link zum Artikel: http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Wirtschaft/d/9100282/worin-fluechtlinge-deutsche-azubis-uebertreffen.html

Okay, die Überschrift ist schon ein wenig reißerisch. Aber der Artikel an sich ist recht klar und sachlich. Was allerdings in den Kommentaren auf Facebook geschrieben wurde, das war alles, aber nicht mehr sachlich! Und – man entschuldige die Wortwahl – bei solchen Ergüssen wie „Da kommt einem das Kotzen! Deutsche Auszubildende werden 100% durchleuchtet und gesiebt und wenn Flüchtlinge kommen ist das alles egal.“, „Unglaublich das die eigenen Bürger so denonziert werden.“ oder „Die sollen das Geld mal in die Jugend investieren damit die wieder eine Zukunft haben!“ kommt mir ein wenig Kotze hoch. (Rechtschreibfehler habe ich übrigens nicht korrigiert. So viel Zeit verschwende ich auf diese Äußerungen nicht.) Worüber sich da übrigens aufgeregt wird: 28% der ausländischen Bewerber konnten sich in ihrer Landessprache beim Eignungstest für einen Job qualifizieren. Das war jeder vierte der Bewerbergruppe. Bei deutschen Bewerbern qualifiziert sich nur jeder zehnte.

Um Himmels Willen, sie haben die Deutschen beleidigt! Verfolgt sie, verbrennt sie, piekst sie mit Mistgabeln! Meine Güte. Wie die Wilden stürzen sich diese Leute auf jeden noch so kleinen Satzteil, an dem sie sich so richtig schön austoben können. Sie springen auf die Wörter, sie bearbeiten, drehen und wenden sie bis nichts mehr von der eigentlichen Aussage bleibt. Hauptsache, es passt irgendwie in ihren Kopf und ihr Weltbild. Und gleichzeitig schimpfen sie auf die „dummen Journalisten“, die anscheinend ihren Job nicht beherrschen.

Leider, leider konnte ich mich dieses eine Mal nicht zurückhalten und bin in die braune Suppe gesprungen. Diese Wut in meinem Bauch musste einfach raus. Es musste einfach mal jemand den Mund aufmachen und dagegen reden. Natürlich bringen solche Diskussionen erfahrungsgemäß gar nichts. Weder mir noch anderen Menschen. Aber dennoch… Kann ich einfach nur kopfschüttelnd daneben sitzen und zusehen, wie Fakten verdreht werden? Kann ich einfach wegsehen, wenn gehetzt wird und Dummheit so offensichtlich dargestellt wird?

Es ist ja nicht so, als könnte ich gewisse Bedenken und Ängste nicht nachvollziehen. Klar ist es gut, nicht alles blauäugig hinzunehmen und die ganze Welt zu umarmen. Den Dingen kritisch gegenüberstehen, aber um Himmels Willen auch mal den Verstand und ein bisschen Herz einschalten – das wäre wirklich wünschenswert. Dann wäre vielleicht auf so eine blöde Frage an mich, wieso ich denn noch in Deutschland lebe und nicht in Saudi-Arabien, wenn alle Menschen gleich sind, gar nicht folgende Antwort nötig: „Ich fühle mich aber nicht bemüßigt, eine weiterführende Diskussion mit Ihnen einzugehen, da einerseits meine Mittagspause gleich vorbei ist und andererseits diese (Verzeihung) dumme Frage jeglicher Antwort entbehrt.“ 

Eine Perle aus vergangenen Zeiten.

Ich habe gestern beim Stöbern in alten Texten und Nachrichten diese Perle von einem Blogeintrag gefunden, den ich vor sechs Jahren verfasst habe. Das Erlebnis hatte ich schon komplett verdrängt und musste beim Lesen nun sehr lachen. Ich hoffe, euch amüsiert es auch. Viel Spaß.

Dezember 2010:

Wieso gerate ich eigentlich immer an Typen, die irgendwie… nicht ganz normal sind? Also entweder bin ich nicht ganz knusper und erwarte von anderen zu viel (oder das Falsche) oder – wovon ich im Moment ganz stark ausgehe – ich bin von Idioten umgeben! Ich meine… Ja, ich habe meine Probleme, was Beziehungen angeht. Ich bin auch nicht wirklich leicht zu nehmen mit meinen ganzen Macken und Ängsten. Aber das sind wenigstens Dinge, über die ich mir bewusst bin und an denen ich arbeite. Um mich herum tauchen aber immer wieder Gestalten auf, die einfach so bizarr sind, dass sie nicht mal mit viel gutem Willen in mein Leben passen könnten. Ich habe schon öfters über seltsame und lustige Bekanntschaften geschrieben. Und jedes Mal wieder macht es mir Spaß, die Welt an dem teilhaben zu lassen, was mich auf die Palme oder zum Lachen bringt. Heute ist es wieder so weit. Lehnen Sie sich zurück, meine Damen und Herren, und genießen Sie die Geschichte des Mannes, der den schwäbischen Frauen schöne Rosetten andichtet…

In einem meiner letzten Blogeinträge schrieb ich von einem jungen Mann, der mich auf dem Heimweg an der Bushaltestelle angegraben hatte. Und ich berichtete auch, dass ich ihm in einem Anfall geistiger Umnachtung meine Handynummer gegeben habe. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich nicht so genau, warum. Jetzt ist es mir klar geworden: Zu meiner Belustigung! Am gleichen Abend dieser doch fast banal anmutenden Begegnung erhielt ich noch einige sms von besagtem Herrn. Die waren so weit ganz nett und sehr unverfänglich. Was wohl auch erklärt, warum ich seine Freundschaftsanfrage auf facebook angenommen habe. Wie war das? Offen sein für Neues! Der erste Chat zwischen uns war ganz locker. Wir plauschten über dies und das und er fragte mich, ob wir uns mal treffen wollten. Bevor ich eine Antwort geben konnte, ergänzte er seine Frage durch folgenden Satz: „Am besten morgen am 1. Advent. Das ist ein toller Tag, kann man sich als Jahrestag gut merken.“
DING DING DING!!!
Ich bin spontan lachend über meiner Tastatur zusammengebrochen. Wie bitte? Ich hatte mich gerade mal drei Minuten mit dem unterhalten und dann so was! Hatte er bis dato weder Plus- noch Minuspunkte auf meinem gedanklichen Konto, lag er zumindest im Soll plötzlich ganz weit vorn. Mir war sofort klar, dass es sich wieder mal um so ein Jüngelchen handelt, das gerade keine Frau am Start hat und dringend Abhilfe schaffen muss. Egal, wie! Aber ich war neugierig und wollte wissen, was für Schoten dem noch einfallen würden. Also habe ich ihm nur ganz sachlich gesagt, dass ich am Wochenende keine Zeit habe und erst recht nicht am 1. Advent. Was sogar stimmte. Dennoch konnte ich mir die Frage nicht verkneifen, ob er ein zu großes Ego hätte? Seine Antwort kam prompt und… nun ja, sie überraschte mich nicht. „Joa, schon ein ziemlich großes. Aber ich weiß genau, dass wir zusammenpassen. Freue mich schon drauf, mit dir zu küssen und zu kuscheln.“ Äh… hä??? Na gut. Unter Tränen (Ich war wirklich sehr erheitert!) schrieb ich ihm, dass ich das recht anmaßend fände und auch leicht irritierend, da wir uns ja gar nicht kennen. Sein Kommentar: „Ich weiß genau, dass ich dich brauchen werde. Wir werden wunderbar zusammenpassen.“ Ich teilte ihm mit, dass ich ohnehin gute 5 Jahre älter wäre als er, ob ihn das überhaupt nicht interessieren würde? (Ja, ich mag jüngere Männer eh lieber, aber mal ehrlich, dass muss DER doch nicht wissen!) „Oh, ich hätte dich auf 27 geschätzt! Aber ist doch gut, wenn du in deinem Alter noch so vital und fit bist.“ Bitte??? Vital und fit? IN MEINEM ALTER??? „Wenn du älter bist, dann ist das doch auch gut, dann weißt du wenigstens, was du willst. Und was du an einem Mann wie mir hast.“ Ja, einen Verrückten! Danke, aber nein danke! Diese Unterhaltung endete auch recht abrupt, da ich – ganz zufällig – einkaufen gehen musste.

Ein paar Tage später traf er mich wieder online an und irgendwie kamen wir auf das Thema „Fotografie“ zu sprechen. Nach etwas Hin und Her über Spiegelreflexkameras („Ich kauf mir auch bald eine, die darf ruhig 1.000 Euro kosten!“ – „Du musst keinen Tausender ausgeben für eine gute Kamera. Und bei den Bildern kommt es eh mehr auf Objektive, Technik und ein gutes Auge an.“ – „Je teurer die Kamera, desto besser die Bilder.“ … is klar…) wollte er wissen, ob ich auch Videos aufnehmen würde. Ja sicher, als meine Videokamera es noch tat und ich noch nicht so viel fotografiert habe, schon. Warum? „Ach, ich hab da mal dran überlegt, bin ja auch oft unterwegs in Deutschland. Das letzte Mal in der Nähe von Stuttgart. Die Leute da sind echt nett.“ – „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich die meisten Menschen südlich meines persönlichen Weißwurstäquators nicht leiden kann. Die meisten sind heimtückisch oder Arschlöcher.“ – „Die Frauen bei Stuttgart haben schöne Arschlöcher!“ Tolle Info. Vielen Dank dafür. „Filmst oder fotografierst du dich denn auch selbst beim Sex?“
BWAAAAHAHAHAHAHAHAHAAAAA!!!
Innerhalb von Sekunden litt ich unter Atemnot und Sehbehinderung. Ich musste so schlimm lachen, dass mir sofort die Tränen kamen. War ja kaum zu fassen, was dieser Kerl da von sich gab! Glaubte der ernsthaft, er könne damit auch nur einen Blumentopf gewinnen? Den haue ich ihm höchstens um die Ohren, mehr nicht! „Nein…“ Mehr konnte ich gar nicht schreiben, weil ich so von Lachkrämpfen geschüttelt wurde. „Das ist doch gar nichts Schlimmes und total modern!“ Modern also, aha? Also ist das quasi, als wenn ich mir neue Schuhe kaufen gehe? Neuer Partner = neue Mode? Also, ich bin durchaus aufgeschlossen für die Vorlieben anderer und jeder kann tun und lassen, was er will. Mache ich ja auch. Aber für mich gehört ein gewisses Vertrauen dazu, über intime Details zu sprechen. Und jemand Wildfremdes, der meine Grenzen da überschreitet, wird von mir nur die kalte Schulter gezeigt bekommen. „Ich war noch nie ein Mensch, der mit der Mode gegangen ist.“ – „Aber du bist doch jetzt auch in einem Alter, in dem du deine Sexualpartner nicht mehr an einer Hand abzählen kannst!“ Was auch immer das damit zu tun haben mag… Ich kann es. „Doch. Ich springe nicht mit jedem x-beliebigen Typen ins Bett.“ – „Typisch Frau.“ – „Tu nicht so scheinheilig. Ihr Männer dürft alles vögeln, was euch über den Weg läuft, aber sobald eine Frau das tut, ist sie doch eh eine Schlampe und ihr wollt nur über sie drüber rutschen, mehr nicht.“ Mich macht so ein großkotziges Gehabe wirklich wütend! „Aber wenn du alles fotografisch festhältst, dann kannst du dich auch später noch dran erfreuen, wenn du alt bist. Und du kannst protokollieren, mit wem du so alles geschlafen hast.“ …
Das verschlug jetzt selbst mir die Sprache. Ist er wirklich von dem Unsinn überzeugt, den er da schreibt? Ich kann es kaum glauben! Aber eigentlich auch egal, ob ich es glauben kann oder nicht. Ich weiss zumindest, dass ich mich mit so einem Menschen weder treffen noch näher befassen will. Das ist mir alles zu oberflächlich und zu tumb. Diese Leute, die glauben, sie sind die Erfüllung eines jeden feuchten Traums, gehen mir genau so auf den Senkel wie diejenigen, die alles und jeden sexualisieren müssen. Ich sehe das als einen gewissen intellektuellen Anspruch, den ich an meine Mitmenschen stelle. Nicht alles und jedes gehört nur auf Sex reduziert und ich möchte bitte auch nicht, dass man mich nur danach beurteilt, was ich im Schlafzimmer treibe oder wie schnell ich generell flachzulegen bin. Das ist unterste Schublade und benötigt gerade mal die Hirnaktivität einer Amöbe.
Ich hatte also schon beschlossen, ihn bei der nächsten dusseligen Aussage aus meiner Freundesliste und aus meinem Handyspeicher zu verbannen. Es dauerte auch nicht lange, bis sich die Gelegenheit ergab. Denn heute war es so weit! Ich surfte gelangweilt auf Facebook herum und wurde auch prompt angeschrieben. Ob ich denn nicht Lust hätte, am Samstagabend etwas mit ihm zu unternehmen? Ha! Da kommt doch bestimmt wieder was! „Was denn?“ – „Mitternachtssauna von 22 bis 24 Uhr.“ Der glaubt jetzt nicht ernsthaft, dass ich mit ihm zusammen in die Sauna gehe? „Nee.“ – „Wieso nicht? Das ist entspannend und tut gut!“ – „Ich weiss, aber ich mach so was nur mit Leuten, die ich gut kenne. Ich zieh mich nicht vor jedem aus.“ – „Typisch.“ Typisch??? Was ist denn da jetzt bitte typisch? Nur weil ich ihm nicht beim nächsten Treffen meine nackten Hupen unter die Stielaugen halten will? Soll er doch in Susis Showbar gehen, nur muss er dort für nackte Haut blechen. Vermutlich dachte er sich das auch. „Na komm, das wird bestimmt toll.“ Zeit für klare Verhältnisse! „Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir auf einer Wellenlänge liegen.“ – „Aber du weißt es nicht.“ Tolle Feststellung. Ach, er schreibt noch was? „Du weißt überhaupt nur sehr wenig.“ Hui, da ist jemand aber angezickt. Ist das große Ego doch nicht so groß? Glaubt er jetzt, mich damit treffen zu können? „Damit kann ich leben.“ – „Mach doch.“ – „Mach ich auch.“ Willkommen im Kindergarten! „Dann lösche ich dich halt wieder von meiner Bekanntenliste.“ Das ging ja einfacher als gedacht! Super! Ich hab ihm noch einen Smiley hingeklatscht, ich war ja nicht sauer oder so, einfach nur genervt und halt nicht im Geringsten interessiert. Und was kam von ihm? „Komm mal klar. Tzzz….“
LÖSCHEN!
Ich soll klar kommen? Jepp, ist schon recht. Ich mag nicht besonders aufregend sein und mein Leben ist auch nicht so spannend wie das der Menschen in den Vorabendserien. Aber das muss auch alles gar nicht sein. Es ist okay so wie ich bin und wenn das jemand nicht akzeptieren kann und dann auch noch so dümmlich reagiert.

Die Angst geht um.

Ich sitze im Zug auf dem Weg nach Berlin und ärgere mich. Ich ärgere mich über die Frau mir gegenüber, die an jedem Bahnhof ihr Handy zückt und mit ihrem Vater telefoniert. Eigentlich wäre mir das egal. Aber vor gut zwei Stunden sind im Olympia-Einkaufszentrum in München Schüsse gefallen, die Lage ist (zu diesem Zeitpunkt) unklar und es gibt Warnungen der Münchener Polizei, sich nicht auf der Straße aufzuhalten, da der oder die Täter flüchtig sind. Und alles, was diese besagte Dame wissen will, ist, ob es schon Fotos eines Täters gibt und ob es sich um einen Araber handelt. Das macht mich wirklich wütend. Natürlich denkt man als erstes an einen Terrorakt, aber ist die Frage nach der Nationalität erstmal das dringlichste Anliegen? Meine Prioritäten liegen da ganz klar anders. Und ich halte es auch nicht für besonders geschickt und einfühlsam, in einem voll besetzten Zug, in dem Menschen aus aller Herren Länder reisen, lauthals solche Fragen durchs Abteil zu rufen. Schräg hinter ihr sitzt ein Herr mit offenkundig arabischen Wurzeln und wirft immer wieder scheue Blicke zu ihr. Ich versuche mich ihm emotional zu nähern, indem ich demonstrativ mit den Augen rolle sobald sie wieder loslegt. 

Das Schlimme an der Sache ist: Die Angst kommt auch bei mir an. Ich fürchte mich nicht vor Ausländern, nicht vor bestimmten Nationalitäten, nicht vor dem Durchschnittsmensch. Es ist eher eine diffuse Angst vor Situationen, die ich nicht einschätzen kann, und davor, psychisch in einer Angstspirale gefangen zu werden. 

Vor drei Wochen habe ich das bereits gemerkt. Da war ich in München. Ich war im OEZ, denn Freunde von mir wohnen dort um die Ecke. Wir haben im Einkaufszentrum zu Abend gegessen und ich erinnere mich, dass ich inmitten all dieser Menschen dachte: „Was geschieht, wenn hier jetzt jemand schießt?“ Drei Wochen später wird das genau dort Realität und das beklemmende Gefühl, das ich während meines Aufenthaltes in München hatte, hat mich wieder im Griff. Wird es in Zukunft immer so sein? Werde ich mich nun immer fürchten? Schon mein Arbeitsweg macht mir manchmal Sorgen. Heute wurden auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof zwei Menschen verletzt durch einen bisher unbekannten Giftstoff, der an einem Rucksack einer Reisenden befestigt wurde. 

Was ist nur los mit dieser Welt? Es erscheint mir wie blanke Ironie, dass ich jahrelang gekämpft habe, um mich aus den Klauen meiner Angsterkrankung zu befreien und wieder ein selbstbestimmtes und angstfreies Leben zu führen, nur um mich jetzt in einer Welt voller Irrer wiederzufinden und Angst vor dem Leben zu haben, das ich doch wollte. Wäre es nicht gerade sogar besser, wenn meine Agoraphobie sich wieder verstärken würde? Dann würde ich die Menschen automatisch meiden. Allerdings kann das auch nicht die Lösung sein. 

Aber gibt es denn eine Lösung? Können wir irgendetwas tun, um diesen Wahnsinn zu stoppen? Es gibt so vieles, was schief läuft und so wenig, was dagegen halten kann. Die Menschen stürzen sich naturgemäß ohnehin eher auf das Negative und so scheint es auch zu überwiegen. 

Die Frau vor mir telefoniert schon wieder. „Die Menschen tun mir so leid. Das ist schrecklich. Gibt es inzwischen schon Bilder oder Videos? War es ein Araber? Das muss man doch wissen!“ Mir wird schlecht.

Links – Mitte – Rechts – Oben – Unten?

Heute Morgen auf Twitter stieß ich in meiner Timeline auf diesen Artikel der Wochenzeitung. Kurze Zusammenfassung: Vor einiger Zeit hat Andreas Glarner von der Schweizer Partei SVP einen Post auf Facebook verfasst, der nicht nur gegen Frauen (der linken Parteien) geschossen hat sondern der außerdem noch eine Flut von abwertenden, beleidigenden, sexistischen und rassistischen Kommentaren nach sich gezogen hat. Einer dieser Kommentatoren hat sich mit den Journalisten der Wochenzeitung zu einem Interview verabredet und dort seine rechts gerichtete Denkweise erklärt.

Zum Inhalt des Interviews und zu meiner Ansicht diesbezüglich möchte ich gar nicht großartig viel sagen. Es reicht ein einziger Satz: Ich teile die Ansichten dieses Menschen nicht, kann aber in Grundzügen verstehen, was er meint. Das Lesen hat bei mir Unbehagen ausgelöst und das nicht nur wegen seiner für mich widersprüchlichen Argumentation sondern auch aufgrund der Aussage, dass er als Schweizer alle Deutschen hasst.

Ich liebe die Schweiz. Einige meiner besten Freunde wohnen dort und ich finde das Land einfach wunderschön. Das heißt nicht, dass ich unbedingt dort leben möchte, und wenn ich zu Besuch bin, dann versuche ich mich anständig zu benehmen und den Einheimischen respektvoll zu begegnen. Natürlich ist mir bewusst, dass viele Schweizer nicht gerade besonders gut auf die Deutschen zu sprechen sind. Das hat vor allem wirtschaftliche Hintergründe, denke ich. Ich habe nie besonders viel darauf gegeben, immerhin ist jeder Mensch doch individuell nach seinen Taten, Worten und seiner Lebenssituation zu beurteilen. Oder nicht? Heute habe ich gemerkt, dass es sich durchaus schmerzvoll anfühlen kann als Deutsche erstmal pauschal gehasst zu werden. Man hat nichts verbrochen, sieht sich selbst als relativ aufgeschlossenen und angenehmen Menschen und dann so was.

Vielleicht ist das ein Bruchteil des Gefühls, das Menschen empfinden müssen, wenn sie nicht willkommen sind. Wenn sie der „falschen“ Religion angehören. Wenn sie Staatsbürger eines Landes sind, in dem Krieg herrscht, vor dem sie flüchten. Pauschale Ablehnung ist generell Mist. Ähnlich wie die typische Nazi-Keule, die immer wieder gegen uns geschwungen wird. „Du bist Deutsche? Du Nazi!“ – „Hitler ist seit 70 Jahren tot und was die Leute damals getan haben, gilt für mich nicht mehr.“ – „Egal. Nazi!“ Danke für das Gespräch.

Für mich lautet die Frage im Moment: Wo stehe ich denn? In den ganzen politischen Diskussionen, die gerade lauter und lauter werden, vertrete ich bitte schön welchen Standpunkt? Keine Ahnung. Ich weiß, ich bin nicht rechts. Schaue ich mir das Wahlprogramm der AfD an, weiß ich nicht genau, ob ich lachen oder weinen soll. Ich bekomme das Gefühl, die Partei möchte ganz Deutschland am liebsten zurück in die 1930er Jahre schießen. Und „Der III. Weg“ ist noch radikaler. Da rollen sich mir die Fußnägel hoch. So etwas könnte ich nie unterstützen. Bin ich denn aber links? Oder tendiere ich zur Mitte? Und was ist eigentlich mit allem dazwischen? Und wieso lässt man Oben und Unten außer Acht, wenn man doch eigentlich schon mal dabei ist? Muss man sich überhaupt festlegen?

Wie sehr sehne ich mich manchmal nach den Tagen, in denen ich mir über Politik so gar keine Gedanken machen musste. Die Kinderzeit, ohne nennenswerte Verantwortung und ohne Angst vor der Zukunft dieses Landes und der Welt im Allgemeinen, scheint im Rückblick wieder sehr verlockend. Noch einmal dahin flüchten… Wie schön wäre das. Aber es ist nicht möglich und ich darf die Augen nicht vor dem verschließen, was aktuell passiert. Auch wenn mich das im Moment das Fürchten lehrt. Mehr als jeder Horrorfilm es könnte.

 

Was willst du denn auf dem Friedhof?

Als ich ein Kind war, habe ich mich vor Friedhöfen gefürchtet. Es begann in der Zeit, in der ich Gruselgeschichten und Horrorfilme entdeckte und noch nicht wusste, ob ich sie spannend oder furchtbar finden sollte. Ganz grauenhaft waren für mich alle Arten von Zombies – ob die nun in Phantasiewelten oder Einkaufszentren ihr Unwesen trieben war dabei unerheblich. Die Vorstellung von halb verwesten und stinkenden Leibern, die einem auf der Straße begegnen konnten, war mir zutiefst zuwider. Ich habe also immer einen großen Bogen um Grabstätten gemacht. Sogar tagsüber. 

Mit dem Erreichen des Teenageralters wurde mir meine Angst egal. Obwohl das eigentlich so nicht ganz richtig ist. Die Angst war noch da, aber es gab größere und drängendere Probleme, so dass ich lange Zeit nicht mehr über mein Unbehagen nachdachte und es schließlich schlichtweg vergaß. Ja, so etwas kommt vor. 

Ich erinnere mich an einen perfekten Herbsttag, an dem die Sonne das Laub in Gold und Bronze leuchten ließ und der so kalt war, dass man die Hände schon tief in den Taschen seines Mantels vergraben wollte. Zu dieser Zeit lebte ich bei meinem Vater und ich fuhr jeden Tag gut dreißig Kilometer mit dem Bus zur Arbeit. Etwas hatte mich aufgeregt und ich war unruhig und wußte nicht, wie ich mich entspannen sollte. Als ich in der Nähe meines Zuhauses aus dem Bus stieg, fiel mein Blick auf den kleinen Friedhof, der gegenüber der Bushaltestelle lag. Ich weiß nicht mehr, warum ich mich dazu entschieden habe, ihn zu betreten, aber ich tat es. Letztendlich ging ich eine ganze Weile dort zwischen den Gräbern umher, blieb hier und dort stehen um ein Datum oder einen Namen zu betrachten, bestaunte besonders kunstvolle Grabsteine und ließ die stille Atmosphäre auf mich wirken. Ich war verwundert, wie ruhig und gelassen ich mich nach einer Weile fühlte und wie wenig unangenehm mir dieser Ausflug war.

Seit diesem Tag besuche ich Friedhöfe. Manche Menschen mögen das seltsam und makaber finden, für mich ist es Erholung und innere Einkehr. Wenn ich auf einen Friedhof gehe, dann fällt ganz viel Ballast von mir ab. Für kurze Zeit denke ich nicht mehr über meinen Stress, mein Bankkonto, meine Gesundheit, meine Freunde, meine Zukunft und Vergangenheit und alles dazwischen nach. Ich kann einfach mal loslassen. Warum mir das gerade zwischen Gräbern besonders gut gelingt? Grabstätten haben einen besonderen Zauber. Es ist keine Androhung des nahenden Endes, kein kalter Griff der eigenen Sterblichkeit, der einen berührt. Nein, es ist eher eine Art Besinnung auf das Wesentliche. Loslassen.

Wir lassen viel zu selten los. Ich lasse viel zu selten los. Nun habe ich eine Methode gefunden, die funktioniert. Tue ich Menschen damit weh? Ich denke nicht. Ich ergötze mich nicht an den Trauerstätten. Ich schände nichts, ich möchte nicht respektlos sein. Und überhaupt: Geht es denn nur um die Toten? Ist diese friedliche Oase nicht auch vor allem ein Ort des Lebens? Sich seiner Sterblichkeit bewusst zu sein heißt doch auch, sich seiner Lebendigkeit bewusst zu sein. Sich an die Liebe zu den Menschen erinnern, die man verloren hat, und ihr Andenken zu bewahren, ist für mich auch ein Lob an das Leben. „Danke, dass es dich in meinem Leben gab.“  Und auch die Natur ist – besonders auf Parkfriedhöfen wie dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg oder dem Westfriedhof in München – etwas ganz Besonderes und sehr erlebbar vorhanden. Von Efeu zurück eroberte Grabstätten, der intensive Duft der unzähligen auf den Gräbern gepflanzten Blumen, das Summen der Insekten in den Hecken am Wegesrand, das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und ja, auch das Singen der Vögeln und das Rascheln der Eichhörnchen im Unterholz sind alles Dinge, die einem dort begegnen können.

Ist es also so verwunderlich, dass es mich immer wieder an diese Orte zieht? Für mich sind das wunderbare Erlebnisse. Zum Glück inzwischen ohne die verstörenden Gedanken an Zomies.