Die Last auf meinen Schultern

Es ist schon ein gewisser Druck, wenn man einen neuen Job startet und von allen Seiten zu hören bekommt: „Du bist so intelligent, du schaffst das spielend!“ – „Nach einer Woche wirst du da alles aus dem Effeff beherrschen.“ – „Jeder Arbeitgeber kann glücklich sein, dich zu bekommen, weil du einfach alles kannst!“ Ich bin mir sicher, dass das lieb gemeint ist und mir Mut machen soll, aber leider bewirkt es das genaue Gegenteil bei mir.

Ich kam noch nie besonders gut damit klar, wenn Menschen Erwartungen an mich stellten, die ich meiner Meinung nach nicht erfüllen konnte. Das kann so gut wie jeden Bereich betreffen und liegt wohl daran, dass ich mich weder für schlau noch für talentiert oder für sonstwie besonders halte. Ich habe eigentlich eher das Gefühl wie ein Betrüger durch die Welt zu rennen, der nur so tut als wäre er in der Lage, die Dinge auf die Reihe zu bekommen. Aber im Grunde ist alles mehr Glück als Verstand und ich wusele mich halt irgendwie so durch. Mit diesem Bild von sich selbst und dieser total abweichenden Fremdeinschätzung lastet ein immenser Druck auf meinen Schultern. Und ich habe wirklich Angst, dem nicht gerecht werden zu können.

In der ganzen Zeit vor meiner Kündigung und auch danach hatte ich immer eine Energie in mir, die ich lange nicht mehr gespürt habe. Da war eine Aufbruchstimmung, die gut getan und mir Kraft gegeben hat. Hoffnung. Ein Hauch von Abenteuer. Das war schön. Aber nun kommen die Unsicherheit und die Angst hoch und sie sagen mir: „Schönen guten Tag, wir wollten mal dran erinnern, dass es uns auch noch gibt und dass du in deinem Leben mehr Wert auf unsere Meinung legst als auf die all deiner anderen Empfindungen. Vergiss uns nicht!“ Wie könnte ich nur?

Was also ist, wenn ich versage? Wenn ich mich als zu dumm herausstelle, um den Job zu machen? Was ist, wenn ich die längere Zugfahrt nicht packe, weil die Angst sich in den Vordergrund schleicht? Was, wenn ich im Büro Angstzustände oder sogar Panikattacken bekomme? Niemand dort weiß von meiner Krankheit und es verschlimmert alles, wenn ich sie zu verstecken versuche. Auch wenn es nur für eine gewisse Zeit ist. Was ist, wenn sich die ganze Jobwechsel-Geschichte als großer Fehler herausstellt und ich unglücklich bin? Und wie soll ich überhaupt in so einen elitären Bereich passen? Im Grunde bin ich ein Bauer!

Wie man merkt, ist mein Kopf gerade sehr damit beschäftigt, die schlimmsten Szenarien heraufzubeschwören. Ich frage mich, ob ich mich damit nur innerlich auf das Schlimmste vorbereite und dann froh bin wenn es nicht so ausgeht, oder ob da ein Realitätscheck stattfindet, den ich vorher nicht betrieben habe.

Auf jeden Fall fühle ich mich gerade überfordert und falsch eingeschätzt und jetzt führt kein Weg mehr aus dieser Sache heraus.

Mist.

Widerspruch

Es gibt Personen in meinem Leben, die dazu gehören, obwohl ich auch gut ohne sie auskommen könnte. Das ist okay, das ist wohl bei jedem Menschen so. Jemand, der dir wichtig ist, schleppt einen anderen an, der dir im besten Fall egal ist und dich im schlimmsten Fall bis zur Weißglut treibt. Wie du damit umgehst, bleibt dir am Ende selbst überlassen. Klar kannst du hingehen und gegen den Störenfried wettern, aber das wird am Ende nur auf dich selbst zurück fallen. Wenn es also irgendwie geht, lass dich nicht auf Machtkämpfe ein und übe dich in distanzierter Akzeptanz.

Das ist zumindest, der Weg, den ich gewählt habe, wenn es um meine Stiefmutter geht. Mir war schon immer bewusst, dass wir uns nicht besonders nahe stehen, was durchaus okay ist. Wir haben zu wenig gemeinsame Nenner, keine sichere Basis, auf der wir bauen könnten. Zwischendurch gab es Phasen, in denen ich deutlich gemerkt habe, dass wir uns gegenseitig nicht besonders viel Zuneigung entgegen bringen. Das sind Hochs und Tiefs und für mich nicht so wild, denn in erster Linie ist es wichtig, dass mein Vater sie liebt und gut mit ihr auskommt. Ich bin unvermeidlich für sie und sie unvermeidlich für mich. Wir haben uns das nicht ausgesucht, existieren aber friedlich nebeneinander.

Das galt wenigstens für viele Jahre. Seit einigen Monaten wird es immer schwieriger für mich, auf neutralem Boden zu agieren. Und das hat mit der Corona-Pandemie zu tun.

Für die meisten Menschen bedeutet die Pandemie einen starken Einschnitt in ihr Leben. Dabei trifft es soziale Bedürfnisse, finanzielle Sicherheit, mentale und körperliche Gesundheit oder ganz andere Gebiete. Während Deutschland einen lustigen Schlingerkurs zwischen Shutdown, Lockdown, Lockdöwnchen und Nixdown fährt, werden die Bürger immer gespaltener. Waren viele letztes Jahr um diese Zeit noch begeistert von der Tatkraft unserer Regierung, sind die gleichen Leute nun größtenteils tief enttäuscht. Es geht um Wahlkampf und Geld und mitnichten um den Schutz der Bevölkerung. Während Politiker sagen „Wir müssen uns an höhere Inzidenzen gewöhnen.“, schreien Querdenker auf der anderen Seite nach Meinungsfreiheit und Grundrechten, sticheln Verschwörungstheoretiker von hinten gegen Impfschutzgesetze und das Trinken von Kinderblut, rufen Wissenschaftler nach Vernunft, fordern Eltern das Schließen der Schulen, erwarten selbständige Unternehmer ihre Insolvenz und hoffen letztendlich alle nur eins: Dass wir bald wieder ein normales Leben führen können. Über Sinn und Unsinn verschiedener Maßnahmen möchte und kann ich hier gerade nicht schreiben, denn ich bin wütend und enttäuscht und blicke nicht mehr durch und vor allem verstehe ich vieles nicht mehr. Das gebe ich auch offen zu. Mir ist vieles inzwischen zu hoch und die ewigen Diskussionen darum geben mir den Rest. Mein Hirn schafft es nicht mehr, sich durch alle Ge- und Verbote zu wuseln, Betrügereien zu enttarnen, jedes Argument zu recherchieren und dabei nicht völlig wahnsinnig zu werden. Es geht nicht mehr. Ich bin durch.

Allerdings ändert dieser Zustand nichts daran, dass ich eine bestimmte Meinung habe beziehungsweise eine Grundausrichtung, in welche diese Meinung sich immer wieder bewegt. Es ist so als würde ich grob dem Verlauf einer Hauptstraße folgen, aber immer wieder mal in parallel laufende Nebenstraßen abbiegen. Das Ziel bleibt gleich und damit ändert sich auch nicht die Richtung. Was mich nun wieder zurück zu meiner Stiefmutter bringt. Auch sie hat eine Richtung, in die sie denkt. Die entfernt uns allerdings kontinuierlich voneinander. Während sie sich nach Osten orientiert, geht es für mich nach Westen. Und das ist anstrengend.

Die meiste Zeit über stellt es für mich kaum ein Problem dar, dass sie Trump-Befürworterin ist, von Lügenpresse redet, dubiosen Kanälen auf youtube folgt und Covid mit der Grippe vergleicht. Mir gefällt das nicht, aber wir wohnen knapp 400 km weit voneinander entfernt, wenn also Kommentare in die Richtung fallen, dann meist nur in der WhatsApp-Gruppe unserer Familie. Je nachdem, wie sehr mich das aufregt, reagiere ich entweder gar nicht darauf oder ich sage etwas dazu. Oder – was noch besser ist – mein Bruder sagt etwas dazu. Das finde ich nicht super, weil ich mich dann in den Hintergrund stellen kann, sondern weil ich mich bestätigt fühle und es mich freut, dass wir gleich ticken. Ich habe ihn neulich gefragt, ob es nur mir so geht, dass ich des Diskutierens müde bin. Er versicherte mir, dass dem nicht so sei und dass man noch so offen für andere Argumente sein kann: Irgendwann ist einfach mal Schicht im Schacht. Ja. Ja, genau so fühle ich mich. Schicht im Schacht. Ende. Ich will und kann nicht mehr. Doch wie gesagt ist es einfach, wenn man weit voneinander entfernt ist, aber umso schwerer, wenn man sich jeden Tag persönlich sieht. Und in dieser Situation stecke ich gerade.

Da ich vor dem Start meines neuen Jobs noch gut zwei Wochen Resturlaub habe, bin ich für einige Tage zu meinem Vater gefahren. Ich wollte ein wenig Abstand gewinnen zu meiner Wohnung, wo mir schon gefühlt Sofa und Schreibtischstuhl an den Hintern gewachsen waren. Ich brauchte flaches Land und ein wenig Heimat. Und so weile ich nun im Haus meines Vaters und ich kann einfach nicht weghören. Ich versuche, die heiklen Themen zu umschiffen, ich halte mich bei Diskussionen zurück. Aber manchmal würde ich gerne etwas sagen und dann kommen mir Gift und Galle hoch, doch ich fühle mich als hätte ich keinerlei Chance. Als würde ich gegen eine Mauer reden und meine Ansichten würden einfach davon abprallen. In diesen Momenten frage ich mich, ob ich einfach zu dumm bin, um „das große Ganze“ zu verstehen, oder ob ich nicht informiert genug bin. Das löst in mir den Wunsch aus, noch mehr zu wissen, noch mehr zu verstehen und zu hinterfragen, aber ich kann einfach nicht mehr, ich kann nicht noch mehr aufnehmen, noch mehr graben und mehr nachdenken. Das heißt nicht, dass ich damit aufhören will. Doch noch mehr, noch intensiver verkrafte ich nicht mehr. Dann besteht mein Leben nur noch aus Schwurbel und Wut und Ohnmacht und das will ich nicht. Es muss doch legitim sein, nicht auf alles eine Antwort zu haben, aber vielleicht auch eine Art Bauchgefühl.

Heute ging es um die Aktion #allesdichtmachen. Meiner Meinung nach ein totaler Griff ins Klo, weil Kritik total berechtigt ist und wichtig und auch geäußert werden darf und soll. Das findet auch schon vielfach statt, aber Karl Otto aus der Bahnhofsstraße hat nun mal weniger Reichweite als ein wie auch immer gearteter Promi. Wenn Kritik aber voller Zynismus und mit Häme daher kommt, dann sollte man sich zu recht fragen, ob das so eine schlaue Idee war. Gerade wenn vieles an den hervorgebrachten Äußerungen Verschwörungstheoretikern, Querdenkern und vor allem Menschen mit rechter Gesinnung in die Hände spielt. War sicher nicht so gedacht, aber gut gemeint ist eben nicht unbedingt auch gut gemacht. Die Ansicht meiner Stiefmutter lautet: „Super Aktion, endlich ist mal wieder jemand mutig in diesem Land, endlich steht wieder jemand auf und bekommt Aufmerksamkeit für die richtige Sache.“ Meiner Entgegnung, ob das Verhöhnen von Leuten an Beatmungsgeräten wirklich etwas „für die richtige Sache“ sei, wurde entgegengebracht, dass mit der Grippe auch so viele Menschen gestorben wären und dass kein Verlauf so schlimm wäre, wenn man die Erkrankten direkt von Anfang an richtig behandeln würde. Und viele Menschen wären halt trotzdem gestorben wegen ihrer Grunderkrankung. Corona war eben zufällig noch oben drauf gekommen.

Ich gebe zu, dass es mir schwer fällt, damit umzugehen. Und noch schwieriger ist es für mich, da auch mein Vater, der diesen Thesen eigentlich vehement widerspricht, in einigen für mich schlimmen Punkten zustimmt. Also beispielsweise dieser Ansicht, Corona sei im Grunde nur wie eine Grippe. Mir wird regelrecht schlecht wenn ich darüber nachdenke. Ich weiß nicht genau, wie ich das verarbeiten soll, daher schreibe ich es auch gerade hier auf. Normalerweise bin ich ein Verfechter des Standpunktes, dass jeder Mensch seine Meinung hat und dass wir uns alle einander annähern können, wenn wir zuhören und diskutieren. Die Erfahrungen der letzten Monate haben mich aber nun gelehrt: Das gilt nicht für alles und jeden. Und im Moment ganz besonders nicht für mich in diesem Haushalt.

Der richtige Zeitpunkt

Es gibt diese Lüge, dieses eine Trugbild, das sich durch unser aller Leben zieht: Für alles gibt es den richtigen Zeitpunkt. Der perfekte Moment, um den Job zu wechseln. Der richtige Augenblick, um ein neues Hobby anzufangen. Das passende Zeitfenster, um ein Kind zu bekommen. Die optimale Situation, um jemandem seine Liebe zu gestehen. Ich könnte diese Aufzählung um hunderte Punkte erweitern. Aber sie sind eben nicht wahr. Nicht wirklich. Irgendwann wird wohl jedem mal bewusst, dass die Vorstellung vom richtigen Zeitpunkt einfach nicht stimmt. Es wird immer etwas geben, das nicht passt. Äußere Umstände, die innere Einstellung, Zweifel, Ängste, Planänderungen. Irgendwas ist immer.

Ich habe in den letzten Wochen viel über „den richtigen Zeitpunkt“ nachgedacht. Das ergab sich einfach aus den Gedanken, die ich mir um mein Leben gemacht habe. Es fühlte sich in den letzten Monaten so an als wäre ich jahrelang vollkommen blind durch mein Leben gestolpert und würde mir erst jetzt nach und nach darüber bewusst werden, dass ich nicht mehr unendlich viel Zeit habe, sondern mal ein paar Dinge in Angriff nehmen sollte, die ich gern noch erreichen würde. Während ich darüber nachgedacht habe, wie ich das bewerkstelligen könnte, begann ich meine Arbeit immer mehr zu hassen. Die Jahre der Aufopferung und der Überforderung haben ihren Tribut verlangt und gerade während der Pandemie wurde alles noch viel schlimmer und anstrengender. Dazu kam noch, dass sich intern einige Dinge geändert haben, mit denen sich die Atmosphäre und die Stimmung im Team total drehten. Als sich meine Einstellung gegenüber der Arbeit nicht mehr änderte sondern im Gegenteil immer krasser wurde, war mir dann auch klar, dass ich an dieser Front etwas ändern musste.

Nachdem ich ein Angebot für eine neue Anstellung erhalten hatte, begann sich das Gedankenkarussell zu drehen. Tue ich das richtige? Lasse ich meine Kollegen/Chefs im Stich? Gehe ich ein zu großes Risiko ein? Wie wird man auf meine Kündigung reagieren? Meint mein neuer Arbeitgeber es ernst und will mich wirklich einstellen? Ich habe mich nächtelang hin und her gewälzt und war verunsichert und verängstigt. Doch mit jedem Tag, der verging, wurde ich noch genervter und aggressiver im Job. Also war klar: Da musst du jetzt durch.

Natürlich ist der Zeitpunkt kein guter. Wir kämpfen jeden Tag darum, alles am Laufen zu halten. Und wenn du diejenige bist, die auf der Arbeit mit einem Arsch auf fünf Hochzeiten tanzt, dann ist es extrem übel, wenn du plötzlich nicht mehr da bist. Abgesehen davon beträgt die Kündigungsfrist nur vier Wochen und mit dem verbleibenden Resturlaub ist man dann schneller weg als man gucken kann. Für eine ausführliche Übergabe von vier Abteilungen bleibt da eigentlich keine Zeit. Doch wann wäre es besser gewesen? In den schlaflosen Nächten habe ich für mich entschieden, dass ich auf mich hören und das tun muss, was ich möchte. Ich kann nicht die Bedürfnisse einer Firma über meine eigenen stellen. Egal, wie gern ich die Menschen dort mag. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Vielleicht ist das nach so vielen Jahren endlich mal in meinem Hirn angekommen.

Und so ist es vielleicht aus der Sicht der anderen nicht der richtige Zeitpunkt. Für mich aber eben doch, denn jeder Moment ist so gut wie der andere wenn es darum geht, seinem Leben einen Schubs in die richtige Richtung zu verpassen.

meine Nachbarn

In meinem Leben bin ich bereits zwölf mal umgezogen. Einen großen Teil dieser Umzüge habe ich im Kindes- und Jugendalter vollzogen. Okay, meine Familie hat sie vollzogen und ich musste halt mitmachen. Aber auch in meinem Erwachsenenleben habe ich den Wohnort schon weitaus öfter gewechselt als andere ihre Unterhosen. (Hoffentlich nicht, aber ich brauchte eine Metapher und mir fiel gerade keine andere ein.) Während ich oft mitbekomme, dass man als neuer Nachbar durch das Haus oder durch die Nachbarschaft läuft, um sich vorzustellen, habe ich mich das noch nie getraut. Auch in meinem jetzigen Mehrfamilienhaus ist mir die Überlegung gekommen, aber am Ende hat mir der Mut gefehlt. Über die Jahre habe ich dennoch vielerorts sehr nette Nachbarn kennen gelernt, doch natürlich war viel Distanz dabei. Man sieht sich im Treppenhaus, man hält mal einen kleinen Schnack, aber das war’s dann auch schon. Wer hier schon ein wenig länger mitliest, der weiß vielleicht auch noch, dass wir in Solingen die schlimmsten Nachbarn aller Zeiten hatten. Nach dieser Erfahrung hatte ich einfach totale Angst davor, wieder solche Oberspacken hinter der nächsten Wohnungstür zu wissen.

Umso glücklicher und auch umso überraschter bin ich, dass ich hier nun zum ersten Mal in meinem Leben Nachbarn gefunden habe, mit denen ich auf einer persönlichen Ebene sehr gut zurechtkomme. Man könnte sogar fast sagen, dass wir befreundet sind, obwohl ich mir nicht anmaßen möchte, diese Beziehung so zu definieren. Aber bisher durfte ich es nie erleben, Tür an Tür mit jemandem zu wohnen, bei dem ich nicht vor lauter Schreck zurück in meine Wohnung springe, wenn da jemand ins Treppenhaus tritt. Wir bestellen füreinander Sachen mit, wir fahren ab und zu zusammen einkaufen, wir lassen Handwerker gegenseitig in unsere Wohnungen, wir passen auf unsere Katzen auf und kümmern uns umeinander. Ja, wir kochen manchmal sogar zusammen!

Ich denke, gerade im Moment würde ich ohne die Nähe dieser Menschen ziemlich eingehen. In einer Stadt zu leben, in der man im Grunde niemanden kennt und die man nicht einmal besonders mag, ist nicht immer einfach. Wenn man dann auch noch eine Pandemie erfährt, in der die sozialen Kontakte nahezu auf null heruntergefahren werden, man als Single komplett alleine zu Hause herumhängt und sich ab und zu fragt, ob da draußen noch jemand am Leben ist, dann kann man schon mal ein wenig gaga in der Birne werden. Ich brauche nicht besonders viel soziale Interaktion, doch ich komme auch nicht komplett ohne sie aus. Daher bin ich mehr als froh und sehr dankbar, das liebste Nachbarspärchen über mir wohnen zu haben.

Manchmal weiß man nicht, wofür die Dinge gut sind oder warum Sachen geschehen, wie sie geschehen. Doch man sollte sich immer daran erinnern, dass jede Entscheidung, die wir treffen, etwas Gutes und Unvorhergesehenes bewirken kann. Und wenn es die Bekanntschaft mit netten Menschen ist, die zufällig im gleichen Haus wohnen. Das hätte ich vor vier Jahren nicht gedacht! Und ich sollte mich in meinem Leben öfter daran erinnern, wenn mal wieder Veränderungen anstehen, die mich nervös und unsicher machen.

Abschluss

Es gibt Menschen, die pendeln so frei durchs Leben als würden sie von nichts gehalten. Die können ganz locker die Stadt, den Job, den Freundeskreis wechseln. Ist doch nichts dabei und super einfach. Wenn es nicht mehr geht, lässt man los und startet etwas Neues. Ich finde das einerseits faszinierend und andererseits unheimlich. Faszinierend, weil ich irgendwie nicht so bin. Zumindest in vielen Punkten nicht. Und unheimlich, weil es mir zeigt, dass man sich bei keinem Menschen in seinem Umfeld sicher sein kann, dass er nicht plötzlich verschwindet und alle Brücken abbricht.

Für mich sind Sicherheit und Beständigkeit ziemlich wichtig. Wenn ich mich zwischen den Stühlen befinde oder wichtige Entscheidungen anstehen, dann gerate ich in einen Zustand dauerhaften Drucks. Mich ergreift dann eine immense Versagensangst, die sich auch durch rationales Denken nicht eindämmen lässt. Ständig ist der Gedanke daran, dass ich irgendwie mein Leben auf die Reihe kriegen muss, im Vordergrund. Bloß nicht in eine Situation kommen, die es mir schwer machen könnte. Denn gerate ich aus dem Tritt und stolpere, wer fängt mich dann auf? In meinem Leben bin ich schließlich allein für alles zuständig.

Diese Eigenschaft ist vermutlich einer der Gründe dafür, dass ich relativ schlecht loslassen kann. Dass ich mich über die Maßen verantwortlich fühle für Dinge, mit denen ich oft nur am Rande etwas zu tun habe. Das bezieht sich besonders auf die Arbeit. Rational weiß ich, dass ich jederzeit durch jemanden ersetzt werden kann und dass ich nicht unentbehrlich bin. Und selbst wenn ich total unzufrieden bin, halte ich noch an dem fest, was mich unglücklich macht. Oft viel zu lange. Das Thema kommt zwischen mir und meinem Vater öfter mal auf und jedes Mal sagt er mir: „Du weißt ja, wie du da bist. Du brauchst einfach lange, um die Dinge für dich abzuschließen.“ Ja, damit hat er recht. Aber wenn es so weit ist, dann merke ich es immer überdeutlich.

Gerade ist wieder so ein Punkt in meinem Leben erreicht. Ich habe mich lange an etwas geklammert, das nicht mehr in der Form existiert, die mir so gut getan hat und mit der ich mich wohl gefühlt habe. Das Ende der Fahnenstange ist für mich erreicht. Ich merke es daran, dass ich mir kein Bein mehr ausreiße. Daran, dass mir so ziemlich alles egal ist und es für mich keinen Unterschied mehr macht, ob man noch mit mir spricht oder nicht. Die Außenwirkung ist mir wurscht, mir kommt alles überflüssig und zäh und ätzend vor. Wenn man lange versucht hat, an der Situation etwas zu ändern und es einfach nur immer schlimmer wird, dann ist man wohl einfach durch mit der Sache. Also Sachen packen und auf zu neuen Ufern. Auf verbrannter Erde wächst ja erstmal nichts, da muss halt ein anderes Feld bestellt werden.

Ein schlechtes Gewissen habe ich dennoch. Ich kann nicht einfach aus meiner Haut. Aber es wird zum Glück größtenteils in Schach gehalten von einer lauten Stimme in mir, die mich anschreit: „Hör auf, das Leben anderer über deins zu stellen!“ Und das versuche ich jetzt mal.

Die Schuld, die wir tragen.

Vielleicht liegt es an der verrückten Zeit, in der wir leben. Vielleicht an der düsteren Serie, die ich gerade schaue. Vielleicht denke ich in den letzten Wochen über zu viel nach. Oder über zu wenig. Woran auch immer es liegen mag, dass ich bemerke, wie ignorant ich gegenüber vielen Dingen in meinem eigenen Leben bin: Ich weiß es jetzt.

Das macht vieles schwerer. Man sagt, wenn einem die Augen geöffnet werden, dann sieht man klarer. Man kann die Welt anders bewerten, man erkennt seine Ziele und kann seine Fehler korrigieren. Ich denke, das ist nicht wahr. Die Welt bleibt immer die gleiche. Die Ziele mögen sich ändern, aber sie sind so beeinflusst von allem, was wir bisher getan haben, dass wir einfach in unserem Hamsterkäfig bleiben und sie nicht verfolgen. Und Fehler lassen sich nicht korrigieren. Wir können versuchen, Wiedergutmachung zu leisten oder die Konsequenzen abschwächen. Aber eine Korrektur ist niemals möglich.

Wir alle stellen uns sicher manchmal die Frage, ob wir etwas anders machen würden in unserem Leben, wenn wir noch einmal von vorn beginnen könnten. Bisher dachte ich immer, dass ich keinen Grund dazu hätte, doch die Wahrheit sieht anders aus.

Es gab zu viele Kontakte, die ich abgebrochen habe. Die ich schleifen lassen habe, bis da nichts mehr war. Mein Mantra war und ist viel zu oft: „Ich komme alleine besser klar.“ Das ist eine Lüge. Ich bin nicht gut darin, alles allein zu machen. Aber es ist leicht, sich das einzureden, damit man nicht so einfach verletzt werden kann. Mauern hochzuziehen scheint so viel einfacher, als sie einzureißen oder wenigstens eine Tür einzubauen. Heute stehe ich da und frage mich, ob man mich aufgegeben hat. Ob es meine Schuld allein ist, dass ich neben meiner Familie und meinen Freunden her laufe wie ein Schatten, der nicht richtig dazugehört. Ob ich aus Angst, Unwissenheit oder Bequemlichkeit viele Gespräche vermieden habe. Ob Ehrlichkeit mich nicht doch weitergebracht hätte oder ob das Leben, wie es jetzt ist, ohnehin unabwendbar war.

Auf keinem Hochzeitsfoto meines Bruders bin ich zu sehen. Als wäre ich nicht da gewesen. Weil ich das Gefühl hatte, nicht wirklich dorthin zu gehören, habe ich mich verkrochen und niemand hat mich aufgefordert, mich dazu zu stellen. Damals erschien mir das richtig. Heute bereue ich es. Ich war traurig, verletzt und vielleicht auch ein wenig wütend, dass sich mein Bruder von mir entfernt hatte. Ich habe mich einsam und zurückgelassen gefühlt. Dafür kann er nichts, denn er hat einfach nur sein Leben gelebt und anders als ich hat er sich dabei auf wichtige Dinge konzentriert. Liebe. Beziehung. Zukunft. Vielleicht wollte ich ihn dafür leiden lassen, aber am Ende leide nur ich darunter.

Oft habe ich nicht nachgedacht, bevor ich Versprechen gegeben habe. Erst viel zu spät ist mir bewusst geworden, dass es bei großen und wichtigen Dingen nicht darum geht, jemandem einen Gefallen zu tun. Es geht darum, das Richtige zu tun. Auch wenn das nicht immer schön ist. Ich habe ein Patenkind, dass ich nicht kenne. Zu dem ich keine Verbindung habe. Auch zu den Eltern nicht. Schon lange nicht mehr. Und dass das so ist, tut mir unglaublich leid. Ich hätte es besser wissen sollen. Ich hätte es besser durchdenken sollen. Wissen, dass ich nicht der Mensch bin, der so einer Verantwortung gerecht werden kann. Als mir letztes Jahr die Patenschaft für den Sohn zweier guter Freunde von mir angeboten wurde, da wusste ich, dass ich ablehnen muss. Es war nicht schön und es tat mir weh, aber es war die richtige Entscheidung. Kinder sollten Menschen in ihrem Leben haben, auf die sie sich verlassen können. Denen sie vertrauen können. Das bin ich nicht. Und das weiß ich erst jetzt.

Ich habe eine Beziehung zerstört, die großartig hätte sein können. Nicht ich allein, sicher, aber ich war der Auslöser. Nicht aus Bosheit, nicht mutwillig. Aber ich habe mich nicht getraut, die Dinge anzusprechen, die offensichtlich waren, die ich aber nicht sehen wollte. Ich habe sie so lange ignoriert, bis sich alles verselbständigt hat und dann war es zu spät, noch die Kurve zu kriegen. Mir war nicht klar, wie wichtig Kommunikation ist. Mir war nicht klar, wie viel Arbeit es braucht, um eine Beziehung am Leben zu erhalten. Das habe ich erst verstanden, nachdem alles gestorben war. Dieses idealisierte Bild davon, dass uns ein anderer Mensch bedingungslos lieben soll, beinhaltet oft auch die Vorstellung, dass er verstehen soll, was in uns vorgeht. Warum wir die Dinge tun, die wir tun. Oder warum wir sie nicht tun. Doch so funktioniert das nicht. Ich habe das zu spät begriffen und nicht über meinen eigenen Horizont hinaus sehen können.

Heute sitze ich allein in meiner Wohnung. Immer allein, tagein und tagaus. Ich verstecke mich vor der Welt und versuche nicht darüber nachzudenken, was die Welt mir bieten könnte. Meine Kater, die ich mit mir gemeinsam eingesperrt habe, sind viel zu dick und zu träge. Dafür bin ich verantwortlich, denn ich habe ihnen meine Lebensweise aufgezwungen, habe sie zu einem Spiegel meiner Selbst gemacht. Sie hatten keine Wahl. Und nun tragen sie die Konsequenzen meiner Verantwortungslosigkeit. Es zerreißt mich, dass sie mir ausgeliefert sind und mir vertrauen und ich dieses Vertrauen missbraucht habe. Nun versuche ich es in den Griff zu bekommen, weil ich sie beide liebe. Aber es ist schwer und ich fürchte mich davor, dass ich vieles kaputt gemacht habe. Ich kann nicht mehr gut schlafen, weil ich Angst habe, dass sie aufhören zu atmen oder mir wegsterben. Meine Freunde sagen, das ist verrückt. Ich glaube, es ist mein Gewissen, das sich meldet.

So viele Entscheidungen, so viele Wege in einem Leben. Und immer mehr Schuld, die man sich aufbürdet. Wenn man darüber nachdenkt, wie soll man damit leben können? Natürlich kann ich es. Ich muss es. Aber die Vorwürfe, die ich mir selbst mache, das Gefühl, ein dunkles Geheimnis in mir zu tragen, das vergeht nicht. Ich habe das in mir, jeden Tag. Und ich kann nur versuchen, in Zukunft ein besserer Mensch zu sein. Wie ich bereits erwähnte: Wir bleiben alle immer weiter im Hamsterkäfig gefangen. Und vielleicht bedeutet das, dass wir unser Verhalten nicht ändern können. Ebenso wenig wie unseren Blick auf die Welt. Ich will es trotzdem versuchen. Am Ende des Lebens möchte ich die Frage, ob ich etwas anders machen würde, wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte, nämlich nicht mit einem letzten lauten „ja“ beantworten müssen.

erholsamer Schlaf gesucht

Eigentlich kann ich fast immer und fast überall schlafen. Ich würde sogar sagen, ich bin in meinem Freundeskreis schon dafür bekannt, bei Treffen oder Feiern irgendwann schlummernd auf dem Sofa oder dem Fußboden zu liegen. Da wundert sich niemand mehr drüber. Ich werde höchstens zugedeckt, aber meistens steigt man einfach kommentarlos über mich drüber. Vor einer halben Ewigkeit bin ich mal in einem Club auf der Reeperbahn eingeschlafen. Es war brüllend laut, die Bässe haben gewummert, es war heiß und stickig, aber da stand ein netter Sessel in der Ecke und ich war halt müde. Auch im Büro habe ich in meiner Mittagspause öfter mal einen Power Nap eingeschoben, wenn ich es brauchte. Auch in Bussen, Bahnen, Flugzeugen… Sobald ich entspannt bin, ist das alles kein Problem. (In Flugzeugen erst nach dem Start, wenn die Panik langsam nachlässt, der Adrenalinspiegel sinkt und mich die Müdigkeit der ängstlich durchwachten letzten zwei Wochen einholt.)

In der letzten Zeit herrscht in dieser Hinsicht allerdings Flaute. Seit Wochen kann ich nicht richtig einschlafen, erst recht nicht durchschlafen und ich bin andauernd müde. Wenn ich abends ins Bett gehe, brauche ich oft Stunden zum Einschlafen, weil mein Kopf das große Kino auffährt und mir ein erstklassiges Unterhaltungsprogramm bietet. Da ist von Jobsorgen über Angst vor Krankheiten bis zur Furcht vor dem plötzlichen Tod meiner Kater alles dabei. Das ist anstrengend und wenig zielführend in Hinsicht auf wirkliche Lösungen für die Probleme, die mich beschäftigen. Habe ich es dann doch geschafft, endlich ins Traumland hinüber zu gleiten, wache ich ziemlich schnell panisch wieder auf. Meistens muss ich dann sofort prüfen, ob die Tiere, die gemeinsam mit mir ins Bett gehen, noch atmen. Erst wenn ich mich davon überzeugt habe, kann ich wieder einschlafen. Bis ich nach kurzer Zeit wieder aufwache und das gleiche Spiel von vorne los geht. Manchmal liege ich auch einfach mit dem Hintern in der Lücke zwischen meinen zwei Matratzen und wache davon auf. Oder ich träume schlecht, mein Herz fängt an zu rasen, ich schnarche mich selbst wach oder… oder… oder… Die Gründe sind teils gaga, teils banal. Aber alle rauben sie mir den Schlaf.

Ich habe versucht herauszufinden, seit wann das so ist. Es ging schon Anfang Dezember los, aber ganz schlimm wurde es um Weihnachten herum, nachdem ich Snorre in der Tierklinik lassen musste. Dass morgens alles okay war und ich ihn zwei Stunden später in intensivmedizinischer Betreuung lassen musste, hat mir gezeigt, wie schnell alles vorbei sein kann. Und dass wir einfach nicht wissen, was in der nächsten Sekunde passiert und ob wir da vielleicht schon tot unterm Tisch liegen. Diese Gedanken hatte ich schon ewig nicht mehr in dieser Intensität. Und wenn doch, dann konnte ich mich immer einigermaßen gut davon ablenken oder durch Aktivitäten, Freunde oder auch einfach nur Arbeit ein wenig Dampf und Druck ablassen. Diese Möglichkeit habe ich so seit Monaten nicht mehr. Und ich fürchte, das macht sich jetzt auch auf diese Weise bemerkbar.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich meine Gedanken nicht mal mehr aufschreiben könnte, wird mir wieder bewusst, wie wichtig Kommunikation ist. Ängste, Sorgen und Befürchtungen in sich zu verschließen ist keine besonders gute Idee. Mit der Zeit wird der innere Druck immer größer und man projiziert vieles auf andere Dinge wie ich etwa meine Angst vor Vergänglichkeit und meine Furcht vor Kontrollverlust auf meine Tiere. Das wird so lange laufen bis ich irgendwann platze. Es sei denn, ich finde vorher ein Ventil. Da sollte ich mich schleunigst auf die Suche machen, denn lange halte ich den derzeitigen Zustand nicht mehr aus. Wenn ich nicht bald mal wieder vernünftig schlafe, dann garantiere ich nicht mehr für meinen Geisteszustand. Vielleicht stehe ich dann morgens mal ohne Hose im Zug oder halte mich für den Osterhasen. Ausschließen will ich das nicht.

Dumm ins neue Jahr

Was ist das mit den Menschen, dass sie so lernresistent sind? Oder ist es keine Resistenz sondern Bequemlichkeit? Faulheit? Desinteresse? In den letzten Woche frage ich mich öfters, ob ich in einer schlechten Komödie gefangen bin oder was hier abgeht. Menschen, die trotz Pandemie in Massen in die Skigebiete reisen, sich wie die Sardinen in die Lifte pressen. Reisende, die „nach dem anstrengenden Jahr“ über Weihnachten auf jeden Fall in die Sonne fliegen wollen. Feierwütige, die sich an Weihnachten und Silvester zu großen Partys verabreden. Kann ja sein, dass ich irgendwas nicht mitbekommen habe, aber nach meinen Informationen haben wir immer noch eine Pandemie und eigentlich wären da Abstand und gegenseitige Rücksichtnahme angebracht.

Ach, was wundere ich mich eigentlich noch darüber? Die Welt ist voller Egoisten und uns ging es zu lange zu gut. Die schlimmen Dinge werden uns schon nicht passieren. Betrifft immer nur die anderen. Stimmt. Und zwar genau so lange bis das Unglück eben doch im eigenen Umfeld ankommt und dann ist das Geschrei groß.

Überall lese ich, dass das Jahr 2021 besser werden wird als das vergangene Jahr. Wenn sich die Leute weiterhin so verhalten wie jetzt, dann sehe ich dafür schwarz. Ich bin ja nicht gerne der Miesmacher, aber es liegt eben nicht an einer Jahreszahl wie sich das Jahr entwickelt. Es liegt an uns selbst. An unserem Verhalten. Und genau mit diesem Verhalten verkacken wir es zum Jahresbeginn schon ganz gewaltig. Prost, Neujahr!

aus der Welt gefallen

Ich hatte nie ein größeres Problem mit der Corona-Pandemie. Also zumindest nicht so, dass sie mich psychisch fertig gemacht oder mich wesentlich in meinem Leben eingeschränkt hätte. Auch wenn mich viele Menschen anders einschätzen: Ich lebe eher zurückgezogen, habe nicht viele Kontakte und gehe selten bis gar nicht raus oder feiern. Ich brauche das nicht so, ich bin mir selbst für eine lange Zeit genug. Das war auch in den letzten Monaten so. Ich war entspannt, es ging mir gut. Auch ohne viele Kontakte. Ich habe zwei lange Bahnfahrten unternommen, habe mich tätowieren lassen, bin an die Maske und alle Begleitumstände der Pandemie gewöhnt.

Doch nun, langsam, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Und ich kann es niemandem erklären, weil es albern klingt und weil ich nach außen hin nicht den Eindruck mache, als wäre etwas nicht okay. Aber das Gefühl ist da und es lässt nicht los und ich verliere meinen Halt in dieser Welt. Es ist so als wäre ich gar nicht mehr wirklich da, als würde ich nichts mehr empfinden, sondern nur noch so tun oder mich an die Erinnerung eines Empfindens klammern, weil es früher mal existent war. In vielen Momenten ertappe ich mich dabei, dass ich mir selbst beim Leben oder dem, was ich dafür halte, zusehe und mich frage, ob das eigentlich die Realität ist. Doch ich funktioniere und so lange ich funktioniere, geht es mir auch nicht schlecht. Wenn es natürlich stimmen sollte, dass unser Lebensumfeld widerspiegelt, wie es in unserer Seele aussieht, ist der Fall bei mir ganz klar. Ein Blick in meine Wohnung verrät da wohl einiges. Aber seit fast einem Jahr habe ich nur drei unterschiedliche Leute getroffen und zwei davon waren in meiner Wohnung. Einer ein Handwerker. Das war’s. Also ist es wohl auch unerheblich, wie ich lebe. Das bekommt man nur mit, falls ich tot umkippe. Doch selbst dieser Gedanke bereitet mir wenig Unbehagen. Bin ich letztendlich doch nur ein Charakter in einem Videospiel, der von außen gesteuert wird und irgendwann eben offline genommen wird? Was macht es für einen Unterschied?

Selbstverständlich fühle ich mich nicht durchgehend so wie beschrieben. In den besseren Zeiten bin ich einfach nur antriebslos und verbringe meine Tage liegend oder zumindest herumlümmelnd. Dann wiederum bin ich so unruhig, dass es beinahe in Angst umschlägt und ich nehme jeden kleinen Reiz von außen überdeutlich wahr. Ich ertrage viele Gedanken nicht und versuche mich abzulenken bis mein Inneres wieder zusammenschrumpft und unempfindlich wird.

Ob das alles eine Folge der Pandemie ist? Ich kann es nicht hundertprozentig sagen, doch in den letzten Jahren habe ich mich sehr gut kennengelernt und ich fürchte, dass das viele Alleinsein langsam seine Spuren hinterlässt. Wofür auch sprechen würde, dass ich inzwischen jede Art von Gesellschaft eher als anstrengend und überflüssig empfinde, denn als bereichernd. Ebenso jedwede Betätigung. Meine Hobbies sind mir zu anstrengend oder fühlen sich bedeutungslos an. Sie sind nicht mehr wichtig. Nichts ist mehr wichtig.

Ich fürchte mich ein wenig davor, dass diese Phase nicht mehr vorbei geht oder vielleicht noch schlimmer wird, je länger ich in Isolation verharre. Aber wie bereits erwähnt: So lange ich funktioniere, scheint es ja noch nicht so schlimm zu sein. Sage ich mir. Hoffe ich.

Hafenrundfahrt

Ich bin nicht mehr ganz taufrisch. Also, was mein Alter betrifft. Man sollte also meinen, ich hätte bereits viele Dinge erlebt, die jüngeren Menschen noch bevorstehen. Das mag sein, denn ich bemerke, dass es in meinem Leben nicht mehr so viele „erste Male“ gibt. Vieles habe ich bereits so oder so ähnlich erlebt und kann daher gut darauf reagieren. Vor einigen Tagen habe ich aber wieder ein erstes Mal gehabt, das ich nun unter „Erfahrung“ verbuchen kann.

Jeder Mensch wird ab und zu mal krank und muss sich unangenehmen Untersuchungen oder gar Operationen unterziehen. Die schwerwiegenderen Eingriffe werden nicht nur unter örtlicher Betäubung durchgeführt, sondern man wird in Narkose gelegt und verschläft die ganze Prozedur. Viele Menschen, die ich kenne, haben das bereits hinter sich, aber mir war die ganze Narkosesache völlig fremd. Im Alter von 16 oder 17 Jahren habe ich einmal eine Magenspiegelung gehabt und der Arzt hat sich geweigert, mich schlafen zu schicken. Nachdem ich so ein Theater gemacht habe, dass sie mich selbst mit mehreren Personen nicht festhalten konnten, hat man mir letztendlich eine Beruhigungsspritze verpasst, aber das war eher semi-betäubend. Jegliche Art von Eingriffen ist mir seitdem zutiefst verhasst und mein Vertrauen in Ärzte eher so lala.

Nun musste ich aber vor einigen Tagen doch mal wieder auf den Untersuchungstisch. Mit Kurznarkose. Es stand „die große Hafenrundfahrt“ an, wie meine Mutter die geplante Darmspiegelung liebevoll genannt hat. Thema Darmspiegelung: Wirklich niemand spricht gerne darüber, oder? Ist das so etwas Verwerfliches, so Anrüchiges? Ich finde es super wichtig, vor allem auch in Hinblick auf Darmkrebs und Früherkennung. Ob man nun eine Kamera in den Hals oder in den Poppes geschoben bekommt: Einen Unterschied macht das doch eigentlich nicht. Ich wünsche mir, dass das Thema aus der Tabuzone heraustreten möge. Darum berichte ich hier auch darüber. Was mich wirklich nervös gemacht hat, das waren zwei Gedanken: Einmal der an das Untersuchungsergebnis und der an die Kurznarkose. Abgeschossen zu werden und keine Kontrolle mehr über sich und die Situation zu haben ist für mich ein ganz schlimmer Zustand. Kontrolle ist quasi mein Haltegurt, der mich im Leben auf der Spur hält. Diese abzugeben ist richtig schwer für mich.

Vor der ganzen Untersuchungs- und Narkosesache stand allerdings noch das Abführen. Bereits eine Woche vor der Darmspiegelung darf nichts mehr gegessen werden, was Körner oder Kerne beinhaltet. Kein Körnerbrot, keine Gurken, keine Tomaten… nichts. Ab drei Tage vor der Untersuchung sollte man am besten nur noch leicht verdauliche Lebensmittel zu sich nehmen. Suppen, Kartoffelbrei, Weißbrot… Alles, was den Darm schnell passiert. Und ab dem Vortag der Untersuchung geht es dann los. Nach 10 Uhr: Kein Essen mehr. Uff. Es gibt zwei Dinge, die meine Laune stabil halten. Das sind mein Galgenhumor und Essen. Nehmt mir eines davon weg und meine Gesellschaft ist eher unangenehm. Eine Zeitlang lässt sich das gut aushalten, aber nach einigen Stunden wird es nicht mehr lustig. Hinzu kam in diesem Fall das Abführmittel. Man trinkt es in zwei Phasen. Am Vortag die erste Flasche und am Untersuchungstag die zweite Flasche. Es gibt wohl je nach Mittel verschiedene Geschmacksrichtungen. Ich habe von Zitrone und Grapefruit gehört. Geschmacklich wohl auch eher bescheiden. Mir hat man die Geschmacksrichtung „Kuhscheisse mit Salz“ verpasst und genau so wie es klingt, hat es auch geschmeckt. Ich dachte, ich erbreche mich einfach mal gepflegt durch die halbe Wohnung. Musste ich zum Glück dann doch nicht, aber dieses Zeug zu trinken war maximal unangenehm.

Das Abführen selber, also die Darmreinigung an sich, ist wirklich nicht schlimm. Man verbringt mehr Zeit auf der Toilette als sonst und rennt alle fünf Minuten. Aber man kann sich ja ein nettes Buch mitnehmen oder wie in meinem Fall die Switch und ein lustiges Spiel daddeln. Das Problem entstand für mich dann abends, weil ich so einen Hunger hatte, dass mein gesamtes kulinarisches Leben an mir vorbei zog. Wann hatte ich das letzte Mal an Croques gedacht und daran, wie gerne ich mal wieder eines essen würde? Ist wirklich schon lange her. Aber in meinem Bettchen mit dem Bauch voll Salzwasser und dem Gedanken an alles, was ich nicht essen durfte, da kam mir so einiges wieder in den Sinn, was schon mal auf meinem Teller lag.

Am nächsten Tag wurde es ernst. Noch eine Runde von der Kuhscheisse-Plörre und ein paar Gänge zur Toilette und meine Besteline kam vorbei, um mich zur Praxis zu fahren. Ich bin extrem dankbar, dass sie sich für mich einen freien Tag genommen hat, denn so war ich viel ruhiger und nach einer Narkose – auch wenn sie nur kurz war – muss man von einer Begleitperson abgeholt werden. Und was ist in meinem Leben eher rar gesät? Richtig, verfügbare Begleitpersonen!

Zur Untersuchung durfte ich keine Wertsachen mitnehmen, also habe ich der Besten mein Handy und den Haustürschlüssel in die Hand gedrückt und ihr noch das Versprechen abgenommen, die Kater bei sich aufzunehmen, sollte ich nicht mehr aus dem Schlaf erwachen. Das war tatsächlich eine meiner größten Sorgen: Dass die Diggis im Tierheim landen könnten. So richtig nervös wurde ich dann erst auf der Untersuchungsliege. Ich musste meine Hose und die Unterhose ausziehen und bekam als Ersatz einen… äh… nennen wir es „Netzschlüppi“ in die Hand gedrückt. Das Ding ist aus Netzstoff gewebt und hinten offen, was es irgendwie überflüssig macht und vor allem sieht es einfach total affig aus. Aber wat mut, dat mut. Auf der Liege wurde mir ein Zugang in die Vene der Armbeuge gelegt und ich merkte, wie meine Atmung sich langsam Richtung Hyperventilation bewegte. Die Arzthelferin war sehr nett und hat mich darauf angesprochen, wie schön mein Tattoo sei. Die Anästhesistin meinte auf meinen Kommentar, dass ich gleich in Panik verfallen würde, so weit käme ich gar nicht mehr. Ich würde gleich etwas müde werden. In diesem Moment bemerkte ich einen seltsamen Geschmack hinten im Hals und ein Kribbeln an beiden Seiten meines Kopfes. Dann bekam ich nur noch so halb mit, wie ein Schlauch vor mein rechtes Nasenloch gelegt wurde und weg war ich.

Das nächste, was ich wahrnahm, waren der abgedunkelte Untersuchungsraum und das Piepen des Überwachungsmonitors. Die Anästhesistin sagte „Guten Morgen!“ und die Ärztin fragte mich, wie viel mein Tattoo gekostet hatte. Hä? War ich etwa schon fertig? Ich fühlte mich müde, aber irgendwie auch nicht. Mein Kopf war klar. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Ärztin teilte mir mit, dass alles in Ordnung war, man nichts gefunden hatte, was weiter untersucht werden müsse und dass mein Darm „ganz toll“ aussähe. Danke für das… Kompliment? Die Arzthelferin zog mich wieder an und brachte mich inklusive meiner Sachen in den Aufwachraum. Obwohl mein Kopf schon wieder voll da war, gehorchte mir mein Körper noch nicht so ganz und so ließ ich die Wirkung des Propofols noch ein wenig ausklingen. Zusammen mit mir wartete ein anderer Patient, mit dem ich noch einen kleinen Plausch hielt. Seltsam, wie redselig ich war. Das Mittel schien auf jeden Fall meine Schüchternheit zu vertreiben.

Die Nachbesprechung war kurz und verlief durchweg positiv, ich bekam eine Krankschreibung in die Hand gedrückt und die Beste hatte ein unglaublich gutes Timing, denn sie kam im genau richtigen Moment, um mich einzusammeln. Zuhause gab es erstmal etwas zu essen. Wundervoll! Wie satt man doch von ein paar Scheiben Brot sein kann, aber egal. Essen ist etwas Wunderbares und endlich durfte ich es wieder!

Insgesamt muss ich sagen: Das Abführmittel war an dieser ganzen Prozedur das Schlimmste, auch wenn ich damit gerechnet hatte, dass es die Narkose sein würde. Ich hatte bereits so viele Horrorgeschichten darüber gehört: Das Einschlafen war mit einem heftigen Schwindel verbunden, nach dem Aufwachen wurde den Patienten extrem übel, man hatte teilweise Halluzinationen, erwachte mitten in der Untersuchung/Operation oder wurde gar mit zu viel Narkotikum betäubt, so dass man stundenlang nicht mehr aufwachte. Für mich war alles ganz einfach und unkompliziert und wenn ich in Zukunft noch mal eine Narkose brauche, habe ich nun keine Angst mehr davor. Und ich habe wieder ein erstes Mal erlebt. Ist immer wieder spannend.